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Portfolio

Voraussetzungen erfolgreicher Portfolioarbeit

 
 
  Gerd Bräuer (2006, S. 257) weist auf die Gefahren hin, die dem gegenwärtigen Trend zur Portfolioarbeit innewohnen, wenn keine curricularen und institutionellen Veränderungen stattfinden, die den prozessorientierten Charakter der Portfolioarbeit in einer noch überwiegend ergebnisorientierten Bildungslandschaft langfristig sichern. In eine plakative These gefasst, die in ähnlicher Weise Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts formuliert worden ist (Lucas 1992), hält er fest: "Die ursprüngliche Idee des Portfolios (Belanoff/Dickson 1991; Graves/Sunstein 1992; Yancey 1992), Arbeits- und Lernprozesse sich selbst bewusst zu machen und gleichzeitig für Mitlernende und Lehrende aufzuzeigen bzw. Arbeitprodukte im Kontext individuellen Handelns vor- und auszustellen und somit die Grundlage für eine ganzheitliche Bewertung zu liefern - diese ursprüngliche Idee ist mit der zunehmenden Institutionalisierung des Portfolios durch die bestehenden, in ihrer Gesamtheit nach wie vor einseitig ergebnisorientierten Bildungssysteme auf das äußerste gefährdet". Unter diesem Blickwinkel betrachtet, läuft der Trend, das ist Bräuer jedenfalls beizupflichten, Gefahr, binnen weniger Jahre wieder in Vergessenheit zu geraten und die darin geübte reflexive Praxis als reine Zeitverschwendung abgetan zu werden. (vgl. ebd., S.259)

Nach Bräuer (2002) basiert erfolgreiche Portfolio-Arbeit auf einer Reihe von Voraussetzungen, die wiederum ohne Schaffung einer neuen Lernkultur kaum zu realisieren sind. Die für die schulische Portfolioarbeit wichtigsten 6 Voraussetzungen sind:

  1. Portfolio-Arbeit muss unter der Prämisse "Lernen als Prozess“ stattfinden.

    • Institutionalisierte Leistungsnachweise mit ihrer Ergebnisorientierung und punktuellen Erfassung von Lernergebnissen dürfen nur eine untergeordnete Rolle spielen.

    • Arbeitsentwürfe gehören unbedingt zum Portfolio.

    • Standards für die Selbstevaluation müssen für jede Lernergruppe und ihre konkreten Lernumstände modifizierbar sein bzw. modifiziert werden.

  2. Portfolio-Arbeit muss einen Brückenschlag zwischen privaten und öffentlichen Sphären des Lernens ermöglichen.

    • Materialien sollen das Zusammenwirken von individueller Lernerwelt und allgemeiner Wissenswelt widerspiegeln.

    • Die Beurteilung des Portfolios sollte berücksichtigen, inwieweit es gelingt, die privaten Formen der Kommunikation (z. B. Forschungstagebuch) in öffentlichen Kommunikationsformen ( z. B. Projektbericht) zu übertragen.

    • Der Lernprozess hat in der privaten wie öffentlichen Form der Kommunikation der Portfolio-Arbeit den gleichen Stellenwert und Rang wie das Lernprodukt.

  3. Portfolio-Arbeit muss die Selbstreflexion langfristig mit sinnvollen und kommunizierbaren Formen ermöglichen.

    • Portfolio-Arbeit erschöpft sich nicht im Zusammenstellen der Materialien für die Mappe (Portfolio), sondern soll als längerfristige Begleitung Lern- bzw. Handlungsprozesse vielfältig begleiten (z. B. Tagebuch, Arbeitsjournal)

    • Reflexionen über den Lernprozess sind im Idealfall inhaltsbezogen (Sie können z. B. persönliche Eindrücke über eine Lektüre in einem Lesejournal enthalten) und haben letzten Endes kommunikative Funktion (Sie sollen z. B. zu einer Buchrezension in der Schülerzeitung befähigen).

    • Die Fähigkeit zur Selbstreflexion muss, da es sich um eine komplexe Anforderung an den Lernenden handelt, regelmäßig geübt und eingefordert werden. Ihre Kommentierung (peer review) sollte kontinuierlich stattfinden und als Chance für ein gemeinsames Lernen angesehen werden.

  4. Portfolio-Arbeit lässt sich am besten mit fächerübergreifenden Beratungs- und Koordinationsstellen organisieren.

    • Schreib- und Lesezentren, die außerhalb der bestehenden Lerngruppe als „extra-curriculare Einrichtungen mit peer-Tutorinnen“ ihre Unterstützung und Beratung anbieten, sind dafür ideal.

    • Schulische Schreib- und Lesezentren gewährleisten dabei in Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der einzelnen Fächer den interdisziplinären Ansatz und übernehmen die spezielle inhaltliche Gestaltung und die aufwändige Organisation und Koordination.

  5. Portfolios können zur alternativen Leistungsbeurteilung genutzt werden.

    • Wegen der subjektiven Einschätzung der Qualität eines Portfolios sollte mehr als ein Lehrer die Beurteilung vornehmen.

    • Portfolio-Beurteilung umfasst in jedem Fall über die Benotung hinaus eine mündliche (Lehrer-Schüler-Konferenz) oder eine schriftliche Kommentierung.

  6. Portfolio-Arbeit ist Teil der Schulentwicklung und des Qualitätsmanagements.

    • Wenn Portfolios umfassend und kontinuierlich ausgewertet werden, lassen sich daraus Rückschlüsse auf die Qualität schulischen Lernens ziehen.

    • Da Portfolio-Arbeit vielfältige Kooperationen zwischen Lernenden und Lehrenden fordert, kann auf deren Grundlage die Effizienz schulischen Lernens hinterfragt und gegebenenfalls verändert werden.

Auch wenn der Portfoliotrend in den Mühlen der anstehenden Bildungsreform, bei der produkt- und prozessorientierte Konzepte miteinander ringen, Gefahr läuft, allzu schnell für oberflächliche "Reförmchen" vereinnahmt zu werden, gibt es doch auch Hoffnung darauf, dass das Portfoliokonzept eine Brückenfunktion zwischen verschiedenen Ausbildungsstufen, -gebieten und -institutionen einnehmen kann, so wie dies z. B. das Europäische Sprachenportfolio (ESP) zeigt. (vgl. Bräuer 2006, S. 259) So fällt das Fazit, das Bräuer am Ende seiner Ausführungen zieht, doch positiv aus. Dabei kommt es ihm vor allem auf die sinnvolle Kombination von standardisierter und individueller Portfolioarbeit an. Was Portfolioarbeit aber auch für die Veränderung der Bildungslandschaft so wertvoll macht, ist die von ihr praktizierte reflexive Praxis, die die reine Wissensvermittlung zugunsten der Entwicklung umfassender Problemlösungskompetenzen zurückdrängt. Soll Portfolioarbeit dazu ihren Beitrag leisten, muss das Portfoliokonzept unter fünf verschiedenen Aspekten betrachtet und weiter entwickelt werden. (vgl. ebd., S.260)

  • Vorgegebene Portfoliomuster müssen stets zusammen mit den jeweiligen Lernenden der besonderen Lernsituation angepasst werden. (Adaptionsaspekt)

  • Wenn Portfolios, die von einer Institution vorgegeben werden, ergebnisorientiert angelegt sind, müssen sie mit prozessorientiertem Lernen, z. B. mit Projektportfolios, ergänzt werden. (Ergänzungsaspekt)

  • Die Motivation bei der Portfolioarbeit kann letzten Endes nur aus den Arbeitsaufträgen entstehen, die bewältigt werden müssen. Geht es stattdessen nur um die Zusammenstellung irgendwelcher Portfoliodokumente, fällt die Motivation schnell ab. (Motivationsaspekt)

  • Portfolioarbeit sollte in möglichst vielen Bereichen stattfinden, um eine vielfältige Vernetzung von Inhalten der jeweiligen Ausbildungsbereiche zu ermöglichen, so dass sie auch weiterverwendet werden können. (Vernetzungsaspekt)

  • Portfolios sollte auch für die Kommunikation über Unterrichts- und Schulentwicklung unter Lehrerinnen und Lehrern Verwendung finden. (Reflexionsaspekt)

Gert Egle. zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013

 
      
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