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Textlinguistik

Textfunktion


Im Alltagssprachgebrauch wird der Begriff Funktion meistens verwendet, um die Rolle oder Aufgabe einer Person, eines Sachverhaltes oder eines Gegenstandes innerhalb eines größeren Ganzen zu beschreiben (Funktion des Lehrers, Funktion des Tempolimits, Funktion der Niere). Ganz ähnlich kann man unter dem Begriff »Textfunktion« zunächst ganz allgemein den Sinn verstehen, den ein Text in einem Kommunikationsprozess erhält oder den Zweck, den er im Rahmen einer bestimmten Kommunikationssituation erfüllt. (vgl. Brinker 1997, S.83)

Erweiterter Textbegriff

Wird der Textbegriff um die Textfunktion erweitert, lässt sich ein Text wie folgt definieren:

"Ein Text ist eine komplex strukturierte, thematisch wie konzeptuell zusammenhängende sprachliche Einheit, mit der ein Sprecher eine sprachliche Handlung mit erkennbarem kommunikativen Sinn vollzieht." (Linke u. a. 1994, S.245)

Die dominierende Textfunktion

Wird die Textfunktion als ein konstitutives Merkmal von Texten betrachtet, richtet man den Blick quasi über den formulierten Text hinaus. Dabei geht man davon aus, dass das "Außenleben" eines Textes (textexterne Faktoren) eigentlich mehr über das aussagt, wie sein Verfasser den Text verstanden haben will, als der Text selbst. Dieses "Innenleben" eines Textes (textinterne Faktoren) wird hingegen von anderen Ansätzen als Hauptkriterium des Textbegriffs herangezogen. Dabei sieht man, etwas salopp gesagt, darauf, was den Text zusammenhält und ihn auf diese Weise zu einem Text macht. (Kohärenzorientierter Textbegriff)
Das "Außenleben" eines Textes als Grundlage des Textbegriffs wird von der linguistischen Pragmatik erforscht. Sie fragt u. a. danach, welche Kommunikationshandlung auf der Basis welcher spezifischen Kommunikationsstrukturen mit einem bestimmten Text vollzogen werden sollen. Am Beispiel eines Geschäftsbriefs könnten dies z.B. Bestellungen, Reklamationen, Mahnungen u. ä. sein. Dabei geht die linguistische Pragmatik davon aus, dass die Funktion eines Textes letztlich nichts anderes darstellt als die Absicht seines Verfassers (genauer: Emittenden), "die der Rezipient erkennen s o l l" (Brinker 1997, S.95)
Während also der rein kohärenzorientierte Textbegriff den Blick mehr auf das "Innenleben" von Texten richtet, schließt der um die Textfunktion erweiterte auch das "Außenleben" des Textes mit ein und folgt damit dem Ansatz , wonach sich "die umfassende Bedeutung einer sprachlichen Einheit nicht nur aus Form und Inhalt, sondern eben auch aus dem Erfassen der kommunikativen Struktur ergibt" (Linke u. a. 1994, S.254)
Texte lassen sich angesichts ihres komplexen "Außenlebens", also der Vielfältigkeit der Bedingungen, unter denen sie ihre kommunikativen Ziele erreichen sollen, meistens nicht auf eine einzige Textfunktion festlegen. In den meisten Texten werden mehrere Textfunktionen realisiert. So kann ein (privater) Geschäftsbriefs gleichzeitig einen Dank und eine Reklamation beinhalten, wenn z.B. für eine bestimmte Lieferung gedankt wird, zugleich aber reklamiert wird, dass noch etwas zur Lieferung aussteht. Ob es sich aber hauptsächlich um ein Dankesschreiben oder eine Reklamation handelt, ergibt sich u. a. aus dem Situationszusammenhang, der Beziehung der Geschäftspartner zueinander und ihrem allgemeinen Textmuster- und Handlungswissen im Zusammenhang mit solchen Geschäftsvorgängen. Klaus Brinker 1997, S.101) verdeutlicht diesen Zusammenhang an dem nachfolgenden Beispiel wie folgt: "Der Text enthält zwei explizit performative Formeln (wir danken Ihnen - wir sichern Ihnen verbindlich zu), die auf verschiedene kommunikative Funktionen verweisen, auf die Kontaktfunktion einerseits, auf die Obligationsfunktion [Obligation = Verpflichtung, d. Verf.].
Aufgrund des Kontextes, insbesondere der Zugehörigkeit des Textes zum Handlungsbereich 'Geschäftsverkehr' lässt sich der Handlungscharakter des Textes als 'Auftragsbestätigung mit Termingarantie" kennzeichnen. Als Indikator der Textfunktion fungiert in erster Linie die Formel wir sicher Ihnen verbindlich zu, mit der der Emittent dem Rezipienten zu verstehen gibt, dass er ihm gegenüber eine bestimmte, innerhalb des Handlungsbereichs rechtlich genau fixierte Obligation übernimmt. Die Textfunktion, d.h. die dominierende kommunikative Funktion dieses Textes, ist also die Obligationsfunktion. Demgegenüber ist die Formel wir danken Ihnen k e i n Indikator der Textfunktion, da die Kontaktfunktion, in diesem Handlungszusammenhang von recht untergeordneter Bedeutung; sie fungiert vielmehr als eine den Adressatenbezug intensivierende Zusatzfunktion."

Folgerichtig kann die Bestimmung der allgemeinen Textfunktion  im Allgemeinen nicht auf textinterne Faktoren gründen, sondern basiert vor allem auf  textexternen Faktoren wie

  • Adressat des Textes

  • Situationszusammenhang

  • Beziehung der Kommunikationspartner

  • Weltwissen, das die Kommunikationspartner miteinander teilen

  • gemeinsames Textmusterwissen der Kommunikationspartner

  • gemeinsames Handlungswissen der Kommunikationspartner

  • usw.

(vgl. ebd. S.246)

Der Begriff der Textfunktion geht dabei immer vom Textganzen aus, d. h. die kommunikative Funktion des Ganzen lässt sich nicht einfach aus der Summe einzelner Sätze und deren Funktion in einem Textganzen ermitteln.

Texte können im Allgemeinen nicht auf eine kommunikative Funktion beschränkt werden. So erfüllen bestimmte Textsorten auch häufig mehr als eine Funktion (z.B. Kochrezept: informativ und appellativ) Da aber in der Regel der Kommunikationsmodus eines Textes nur durch eine Funktion bestimmt wird, kann man die jeweils dominierende Kommunikationsfunktion als Textfunktion bezeichnen (vgl. Brinker 1997, S.84)

Die Konventionsabhängigkeit der Textfunktion

Der Begriff der Textfunktion ist nicht gleichzusetzen mit der "wahren Absicht" des Emittenden und bedeutet auch etwas anderes als die Textwirkung.

  • Textfunktion und Absicht des Emittenden können zwar übereinstimmen, müssen es aber nicht. Für eine Zeitungsnachricht bleibt im Allgemeinen die informative Textfunktion kennzeichnend, auch wenn der Emittent den Adressaten auch überreden will.

  • Welche Wirkung ein Text tatsächlich bei seinem Rezipienten hervorruft, ist weder vorhersehbar, noch bestehen in irgendwelche konventionalisierten Regeln dafür.

Daher ist für Klaus Brinker der Bezug eines Textes "auf bestimmte Regeln (Konventionen) sprachlicher und kommunikativer Art" unverzichtbar für seine Definition der 'Textfunktion' bezeichnet die im Text mit bestimmten, konventionell geltenden, d. h. in der Kommunikationsgemeinschaft verbindlich festgelegten Mitteln ausgedrückte Kommunikationsabsicht des Emittenden."  (Brinker 1997, S.95)

Einfacher ausgedrückt ist die Textfunktion also nichts anderes als "die Absicht des Emittenden, die der Rezipient erkennen s o l l" (ebd.) Die Textfunktion enthält also letzten Endes die Anweisung des Emittenden an den Rezipienten, wie bzw. "als was dieser den Text i n s g e s a m t auffassen soll." (ebd.)

Textfunktion und Illokution

Der Begriff der Textfunktion lässt sich mit dem in der Sprechakttheorie verwendeten illokutiven bzw. illokutionärem Aktes in Bezug setzen, da in beiden Fällen sowohl der intentionale als auch der konventionelle Aspekt einer Äußerung im Mittelpunkt stehen.

  • Der illokutive Akt legt den Handlungscharakter einer Äußerung fest.

  • Die Textfunktion bestimmt den Kommunikationsmodus eines Textes. Dieser drückt die Art des kommunikativen Kontakts aus, die der Emittent mit seinem Text dem Rezipienten anbietet. (vgl. ebd.)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 27.08.2016
 

      
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