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Aspekte der Erzähltextanalyse

Figurencharakterisierung

Ilse Aichinger, Das Fenstertheater

 
FAChbereich Deutsch
Center-Map Glossar Literatur Autorinnen und Autoren... Ilse Aichinger Das Fenstertheater [ Aspekte der Erzähltextanalyse Texterfassung als ParallelkonspektInhaltliche Gliederung nach Sinnabschnitten  ▪  Erzähltechnische Mittel im ÜberblickSprachliche, stilistische und rhetorische Mittel Titelmetapher   Motive und Motivgegensätze Interpretationsskizze Figurencharakterisierung und literarische CharakteristikSchritt für Schritt zur literarischen Charakteristik Inhaltsangabe ] ▪  Bausteine Links ins Internet
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Figurencharakterisierung in erzählenden Texten

Direktes und indirektes Charakterisieren
Techniken zur Figurencharakterisierung
Ebenen der Figurencharakterisierung

Charaktereigenschaften der beiden Hauptfiguren

Für die Figurencharakterisierung in kürzeren erzählenden Texten (auch: epische Kleinformen, epische/narrative Kurzprosa) wie z. B. Kurzgeschichte, Parabel bleibt angesichts der Kürze solcher Texte natürlich wenig Raum. Ihre Analyse kann daher mal mehr, mal weniger zu verwertbaren Ergebnissen bei der Erzähltextanalyse und der schulischen ▪ Interpretation erzählender Texte führen.

Die ▪ Figurencharakterisierung in ▪ Ilse Aichingers Kurzgeschichte ▪ »Das Fenstertheater« bildet dabei insofern auch keine Ausnahme.

  • Ausführungen, mit denen der Erzähler die beiden Hauptfiguren charakterisiert sind spärlich gesetzt. Mit wenigen Ausnahmen, bei denen auf der ▪ Erzählebenedirekt charakterisiert, muss man auf die Analyse der ▪ indirekten Charakterisierung zurückgreifen, um das im Text vorhandene Charakterbild einer Figur herauszuarbeiten. Aber auch hier ist man auf die wenigen erzählten Handlungen der Figuren im Text angewiesen, die  plausible Rückschlüsse auf den Charakter der jeweiligen Figur zulassen.

  • Zusammen mit den ▪ Motivgegensätzen im Text, die den Figurenkontrast betonen, lassen sich aber daraus durchaus wichtige Deutungsgesichtspunkte erarbeiten.

Wichtige Textstellen, die die Figuren charakterisieren

Die nachfolgenden Textstellen können zur Charakterisierung der Frau in Aichingers Kurzgeschichte herangezogen werden. Dabei kann berücksichtigt werden, aus welcher Perspektive nach dem Modell von Schmid (2005) die Charakterisierung vorgenommen wird.

Aspekte der narratorialen und figuralen Perspektive (Wolf Schmid)

Frau

(1) "Die Frau lehnte am Fenster und sah hinüber." unvermittelter Einstieg der Geschichte, der eine von keinen besonderen Bedingungen abhängige Gewohnheit der Frau beschreibt; "hinüber" verweist dabei als direktiv verwendete Vorsilbe auf die ▪ figurale räumliche Perspektive der Frau

(2) "Der Wind [...] brachte nichts Neues."

selbst der Wind kann keine Abwechslung in den Alltag der Frau bringen
(3) "Die Frau hatte den starren Blick neugieriger Leute, die unersättlich sind." explizite Figurencharakterisierung auf der Erzählebene, Charakterisierung durch einen auktorialen bzw. heterodiegetischen Erzähler, der außerhalb der Welt der Figuren steht, Außensicht; narratoriale ideologische Perspektive,
(4) "Es hatte ihr noch niemand den Gefallen getan, vor ihrem Haus niedergefahren zu werden." wie oben, aber entweder als Introspektion des Erzählers oder als mutmaßender und stark wertender Kommentar des auktorialen bzw. heterodiegetischen Erzähler in Form einer Analepse zu verstehen ist
(5) "Außerdem wohnte sie im vorletzten Stock, die Straße lag zu tief unten." s. o., leitet jedoch zur figuralen Perspektive über, die im nächsten Satz (6) als zugleich abschließendes Resümee des Erzählers zu den räumlichen Bedingungen sich auch so im Bewusstsein der Frau spiegelt; "außerdem" klingt wie eine Rechtfertigung der Frau, für die (soziale) Lage und die eingeschränkten Teilhabemöglichkeiten am Leben draußen in der Welt
(6) "Alles lag zu tief unten." im Bewusstsein der Frau - also in figuralen/personalen Perspektive und ihre ideologischen Perspektive zusammengefasstes Urteil über die Gründe ihre Zurückgezogenheit und unausgesprochenen Schwierigkeiten, am Leben teilzuhaben
(7) "dieses Licht [...] machte den merkwürdigen Eindruck, den aufflammende Straßenlaternen unter der Sonne machen. Als hätte einer an seinen Fenstern die Kerzen angesteckt, noch ehe die Prozession die Kirche verlassen hat." "merkwürdig" im Sinne von seltsam? Bild von den Fenstern mit Kerzenbeleuchtung aus dem Gesichtskreis der Frau, die auf die gegenüberliegende Häuserfront sieht; Licht, Kerzen und Prozession schaffen einen religiösen Kontext, der wohl das Denken der Frau prägt
(8) "Er hing über die Brüstung, dass man Angst bekam, er würde vornüberfallen. Die Frau trat einen Schritt zurück, aber das schien ihn zu bestärken." distanzierendes "man", Frau lässt sich nicht auf die vermeintlich an sie gerichtete Kommunikation ein
(9) "Sooft er aufsah, kniff er das linke Auge zu, als herrsche zwischen ihnen ein geheimes Einverständnis." dennoch fühlt sie sich angesprochen, auch wenn ihr das vermeintlich signalisierte "geheime Einverständnis" wohl zu weit geht
(10) "Das bereitete ihr so lange Vergnügen, bis sie plötzlich nur mehr seine Beine in dünnen, geflickten Samthosen in die Luft ragen sah. Er stand auf dem Kopf. Als sein Gesicht gerötet, erhitzt und freundlich wieder auftauchte, hatte sie schon die Polizei verständigt." Frau fühlt sich durch das Spiel angesprochen und kann es, ohne dies durch entsprechende Kontaktgesten auszudrücken, genieße, solange die Vorführung ihre Vorstellungen von einem Spiel erfüllt; Zweifel daran, lassen diese Empfindung kippen; so "plötzlich" wie sich die Beine des Mannes in der Luft zeigen, so plötzlich empfindet sie das Ganze als bedrohlich, zumindest so, dass sie der Polizei von ihrer sensationellen Beobachtung berichten kann
(11) "[...] unterschied sie schon drei Gassen weiter über dem Geklingel der Straßenbahnen und dem gedämpften Lärm der Stadt das Hupen des Überfallautos. Denn ihre Erklärung hatte nicht sehr klar und ihre Stimme erregt geklungen." offenbar hat die Frau das Geschehen gegenüber der Polizei so dramatisiert, dass diese mit dem Überfallkommando anrückt, als handle es sich um ein Schwerverbrechen; Frau macht sich selbst damit auch wichtig;
(12) "Erst als der Wagen schon um die Ecke bog, gelang es der Frau, sich von seinem Anblick loszureißen." von reiner Sensationslust getrieben, wie eingangs vom Erzähler dargestellt, bleibt ihr Blick "unersättlich"
(13) "Sie kam atemlos unten an." sie will unbedingt dabei sein, wenn die Polizeiaktion beginnt und hetzt sich dafür sogar ab
(14) "Die Polizisten waren abgesprungen, und die Menge kam hinter ihnen und der Frau her. Sobald man die Leute zu verscheuchen suchte, erklärten sie einstimmig, in diesem Hause zu wohnen." sie sieht sich in Konkurrenz mit anderen Gaffern, die eigentlich wohl nicht berechtigt sind, der Aktion des Einsatzkommandos beizuwohnen
(15) "Die Frau schlich hinter ihnen her." sie verhält sich wie die Polizisten, die das ebenfalls tun, um sich unbemerkt an den schwerhörigen alten Mann heranschleichen zu können
(16) "Die Werkstatt unterhalb war, wie sie angenommen hatte, geschlossen. Aber in die Wohnung oberhalb musste eine neue Partei eingezogen sein." entgegen ihres Selbstverständnisses, "Neues" selbst bei Windstößen zu wittern, entgeht ihr eine soziale Veränderung in ihrer unmittelbaren Umgebung; Ausdruck ihrer sozialen Isolation und Kontaktunfähigkeit

Motiv der Dunkelheit

Die wichtigsten Charaktereigenschaften der beiden Hauptfiguren im Überblick

Die wichtigsten Charaktereigenschaften der beiden Hauptfiguren lassen sich in Form einer tabellarischen Gegenüberstellung im Kontext der ▪ Motivgegensätze von Licht und Dunkelheit wie folgt darstellen:

Alter Mann

Frau

  • schwerhörig

  • dennoch bereit zur Kommunikation

  • Gesten der Kontaktaufnahme (lächeln, winken...)

  • wirkt freundlich

  • dem Leben zugewandt

  • phantasievolle Aktivität

  • isoliert

  • sensationshungrig

  • Ich-bezogene Kontaktlosigkeit und -unfähigkeit (geht in der Menge unter!)

  • wirkt reserviert und verschlossen

  • unsicher

  • dem Leben abgewandt

  • Mangel an Phantasie

Motiv des Lichts

Motiv der Dunkelheit

Eine literarische Charakteristik schreiben (produktorientiertes Schreiben)

Um den Schreibprozess bei der ▪ Textinterpretation zu entlasten, kann man statt einer vollständigen Textinterpretation auch eine Teilaufgabe ausgliedern und eine knappe ▪ literarische Charakteristik einer oder (vergleichend) beider Hauptfiguren schreiben.

Literarische Charakteristik
Arbeitsschritte

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Figurengestaltung in erzählenden texten
Figurenkonzeption
Figurenkonstellation
Figurencharakterisierung

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 26.11.2019

 
 

 
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