Ich war nie ein Mensch großer Worte. Nicht wie mein Vater, der
morgens in der Küche die Zeitung las und leise vor sich hin
murmelte. Oder meine Mutter, die beim Braten reden konnte, als hätte
sie nie etwas anderes getan. Und doch war es immer laut bei uns.
Nicht durch Geschrei, sondern durch Leben. Das Ticken der alten
Küchenuhr war wie der Puls unseres Hauses. Es war keine schöne Uhr,
weiß und schon ein wenig angeschlagen, aber sie hing da, wo man sie
immer sah: über dem Herd.
Ich erinnere mich genau an den letzten Morgen, als wir noch
zusammen frühstückten. Vater hatte frei, Mutter briet die Eier, und
ich saß wie immer auf dem wackeligen Küchenstuhl mit der losen
Lehne. Wir redeten nicht viel. Nur das übliche: Ob ich mir einen
Schal mitnehmen sollte. Ob das Wetter halten würde. Ob ich nicht
wieder zu spät dran sei.
Aber es war gut so. Es war vertraut. Es war Heimat.
Dann ging ich los. Ich wollte mich mit Freunden treffen, ein paar
Blocks weiter, wie so oft in letzter Zeit. Es war später Abend, als
der Alarm kam. Flieger. Ich hörte die Sirenen, sah die Lichter. Ich
wusste sofort: Diesmal war es anders.
Ich rannte zurück, durch Straßen voller Schatten und Geschrei.
Aber als ich ankam, war da nichts mehr. Kein Haus. Keine Küche.
Keine Uhr. Nur Schutt. Und Stille.
Ich grub. Mit bloßen Händen. Vielleicht nur, weil ich mir nicht
eingestehen wollte, dass es vorbei war. Ich fand nichts. Nur die
Uhr. Diese weiße, alte Küchenuhr. Verbeult, ja – aber sie war
stehengeblieben. Um halb drei.
Sie muss noch gegangen sein, als alles vorbei war. Vielleicht hat
sie sogar überlebt, weil sie auf dem Herd stand, in einer Nische,
irgendwie geschützt. Oder vielleicht, weil manche Dinge einfach
nicht kaputtgehen können, solange man sich an sie erinnert.
Ich trug sie mit mir, weil sie das Letzte war, das mir blieb. Und
weil sie mehr sagte als Worte: Halb drei – da hat meine Mutter mir
das letzte Mal das Frühstück gemacht. Da war die Welt noch in
Ordnung. Da war ich noch Sohn.