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Fabeln als Verserzählungen

Die Elster und der Sperling

Christian Fürchtegott Gellert (1715 - 1769)

 
Fachbereich Deutsch
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Christian Fürchtegott Gellert (1715 - 1769)
Die Elster und der Sperling

Ein Sperling ließ sich's auf den Stöcken
Des Weinbergs recht vortrefflich schmecken
Und schluckte still die besten Beeren ein.
Die Elster sah's mit scheelem Blicke
Und wollte von des Sperlings Glücke
Nicht bloß ein ferner Zeuge sein.
Sie hüpfte zu den vollen Trauben.
»Wie? darf ich meinen Augen glauben?
O welcher Vorrat! Ja, gewiss,[
So reif, Herr Sperling, und so süß
(Denn Sie verstehn sich auf die Trauben)
War, was nun auch der Winzer spricht,
Der Wein seit vielen Jahren nicht.«
Der Winzer hört der Elster Lobgedicht
Und zwingt die Gäste fortzufliegen.
»O!« sprach der Sperling, »welch' Vergnügen
Entziehst du mir, du Schwätzerin!
Willst du der Frucht in Ruh' genießen,
So muss es nicht der ganze Weinberg wissen.
Siehst du denn nicht, wie still ich bin?
Drum schweig' und komm', den Berg noch einmal durchzustreifen.«

Sie tut's und frisst mit ihm ganz still.
»Ein einzig Wort, Herr Spatz, ich kann es nicht begreifen,
Warum mir's itzt nicht schmecken will;
Die Trauben sind ja reif. Doch still!
Der Winzer lässt sich wieder hören.
Drum weißt du, was ich machen will?
Ich nehme von den blauen Beeren
Mir eine Traube mit, sie ruhig zu verzehren.
Komm' mit mir unter jenen Baum.«
Sie nimmt die Traube mit; und kaum
Erreichte sie den sichern Baum,
So schrie sie laut: »O Sperling, welche Freude!
Wie glücklich sind wir alle beide!
In Wahrheit, glücklich bis zum Neide.«
So schrie sie noch, als schon ein Schwarm von Elstern kam
Und das gepriesne Glück ihr nahm.

Du, der sein Glück der ganzen Welt entdeckt,
O Schwätzer! lern' ein Gut genießen,
Das, weil es wenig Neider wissen,
Uns sichrer bleibt und süßer schmeckt!

(Christian Fürchtegott Gellert: Werke, Band 1, Frankfurt a. M. 1979, S. 193-195) http://www.zeno.org/nid/20004806948

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 30.08.2026

 
  
   Arbeitsanregungen:

Interpretieren Sie den Text.

  1. Geben Sie den Inhalt des Gedichts in knappen Worten wieder.

  2. Bestimmen Sie die Textsorte.

  3. Worin sehen Sie die Aussage der Verserzählung?

  

 
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