Jens Ludwig, Katzenjammer
Ein Nein ist ein Nein! sagte sie barsch, als er sie zum wiederholten Mal
anrief. Haben Sie das immer noch nicht verstanden?
Die Stimme des Anrufers hatte dabei sehr weich geklungen. Fast so weich wie
die von Volker, bevor es angefangen hatte. Volker war tot. Volker hatte
Krebs. Ausgerechnet der Kehlkopf, wo er doch so eine weiche Stimme besaß.
Fast zu weich. Erst zuletzt klang sie anders. Nach der OP und dem
Luftröhrenschnitt. Sie grinste schon, bevor der Gedanke kam. Da pfiff er
schon aus dem letzten Loch. Von da an war die Stimme alles andere als weich.
Blechern klang es, wenn er irgendwelche Worte aus dem Loch im Hals
herauspresste.
Sie hatte ihn lange gepflegt. Bis zuletzt. Ganze zwei Jahre lang. Als es
schlimmer wurde, hatte sie Murr, der immer so schön schnurrte, wenn sie in
seine Nähe kam, abgegeben. Der Kater musste ins Tierheim. Murr war auch tot.
Sie hatte es erst Wochen später erfahren. Da war auch Volker schon tot.
Schon über drei Jahre. Sie hatte nicht gewusst, beim wem Murr zuletzt
gelandet war. Das Tierheim sagte nichts. Datenschutz.
Die weiche Stimme am Telefon stellte sich beim ersten Mal als Herr Roller
von der Wohnungsbaugesellschaft vor. Vier Mal hatte er es schon probiert.
Was war daran eigentlich nicht zu verstehen? Ein Nein ist ein Nein! Sie
brauchte keine neuen Fenster. Jetzt nicht und auch nicht morgen. Jetzt
jedenfalls schon gar nicht. Sollen es doch die anderen alle machen! Neue
Fenster für ihre Wohnung? Das ging einfach nicht.
Frau Kleiner, das ist doch eine gute Sache. Kostet sie nichts und spart
Ihnen noch eine Menge Geld. Bestimmt haben Sie schon einmal mit anderen
Mietern im Haus darüber gesprochen, wie schnell das Ganze erledigt ist. Wir
müssen nur noch einen Termin vereinbaren. Ein halber Vormittag und sie sind
die Handwerker und mich wieder los.
Es geht nicht, ich will nicht und ich brauche es auch nicht. Kein weiteres
Wort. Sie hatte schon wieder aufgehängt.
Um ihre Beine schwänzelten Ella und Keano, die beiden Wald-und-Wiesen
Katzen, die ihr als erste völlig ausgehungert vor dem Wohnblock einfach
zugelaufen waren. Dann war Estragon, eine Mischung zwischen einer
Perserkatze und irgendwas, dazu gekommen, der diesen besonderen Duft
verströmte und am liebsten oben auf der Rückenlehne ihres Wohnzimmersofas
chillte und dabei doch stets beobachtete, was um ihn herum vorging. Tatra,
die hochträchtig war, als sie sie von der Straße holte, hatte inzwischen
sechs kleine Jungen geworfen, die sich jetzt, da sie schon vier Monate alt
waren, überall herumjagten und insbesondere Piet und Pepper auf die Nerven
gingen, den beiden alten, schon etwas klapprig wirkenden Katern, die sie
einer Tierhilfeorganisation abgenommen hatte und denen sie das Gnadenbrot
schenkte. Einzig Costa und Isi machten Probleme. Es kam schon einmal vor,
dass sie irgendwo in der Wohnung in eine Ecke pissten. Einmal hatte es sogar
ihr Bett erwischt. Costa und Isi waren halt sensibel. Na gut, vielleicht
auch einfach neurotisch. Weiß der Himmel, was sie früher erlebt hatten! Am
liebsten waren ihr aber das Siamkatzenpärchen Sirikit und Bunipol. Sie hatte
sie erst neulich von einem Züchter aus Osteuropa gekauft, angeblich gechipt
und geimpft. Vor allem die besonders hochbeinige Sirikit war eine
Augenweide, beide im Vergleich zu allen anderen echte Quasselstrippen, die
unaufhörlich schnurrten, gurrten und maunzten, wenn sie ihre Namen rief. Die
beiden und ihr künftiger Katzennachwuchs komplettierten die Katzenfamilie.
Ihre Familie.
Allen Katzen ging es gut bei ihr. Sie hielt die Wohnung sauber, saugte jeden
Tag zwei Mal die Katzenhaare ab. Die verschiedenen Katzenklos in der Wohnung
rochen so, wie sie eben riechen, wenn man noch so sehr darauf achtet, sie
sauber zu halten. Nein, in der Wohnung waberte kein beißender Geruch. Sie
reinigte die Klos regelmäßig und entsorgte das Katzenstreu abends, wenn es
dunkel wurde, so unbemerkt wie möglich, in der großen grünen Abfalltonne
unten vor dem Haus. Wenn sie neues brauchte, bestellte sie es im Internet,
ebenso wie das Trockenfutter, bezahlte über PayPal.
Es geht einfach nicht.
Sie blickte noch einmal auf das Telefon.
Sirikit! Bunipol!
Werden sehen.
(aus: Jens Ludwig, Geschichten kommen immer zurück.
Erzählungen, erstveröffentlicht Konstanz: teachSam, 2012/2020/2024,
2024)

Kazenjammer von Jens Ludwig ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.
Beruht auf dem Werk unter
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/jelu/jelu_txt_15.htm.,
überarbeitete Fassung 2024