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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
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Voreheliche und außereheliche Sexualität in der frühen Neuzeit
Der (zerbrochene) Krug hat in
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Heinrich von Kleist (1777-1811) • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ eine •
symbolische
Bedeutung.
Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass die •
Bedeutungen, die einem Symbol wie dem
Krug zugeschrieben werden, in verschiedenen Zeiten, in verschiedenen
Kotexten und
Kontexten
unterschiedlich ausfallen. So kann ein literarisches Symbol in seiner
Referenz auf das, worauf es verweist, wie z.. B. bei den so genannten
Dingsymbolen,
vergleichsweise stabil sein. Es kann aber auch bei der Sinnkonstruktion
von einer anderen Bedeutung im Zuge einer Entwicklung überlagert werden,
seine Bedeutung verschieben oder sogar ganz ändern.
Dies gilt auch für das literarische Symbol, das der zerbrochne Krug
in Kleists Stück darstellt, wenn es im Rahmen von bestimmten Deutungen
des Textes herangezogen wird. Anfänglich steht der Krug dann z. B. vor
allem für ein
sexuelles und
mit seinen Folgen soziales Symbol, das auf die Gefährdung des
Ruf, der Unbescholtenheit und den möglichen Verlust der
Jungfräulichkeit • Eves
verweist. Erst im weiteren Verlauf der •
analytischen
Dramenhandlung, wenn das Wort stärker auf eine zerstörte Welt
referiert, in
der Recht und Ordnung aus den Fugen geraten sind und die Erkenntnis
der Wahrheit durch den einzelnen kaum mehr möglich ist, wird es als
• Sinnbild der zerstörten Welt und ihrer Werteordnung
zu einem • Symbol
der Zerstörung.

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Der Krug in Kleists Komödie als ein
sexuelles Symbol bzw. "erotisches Bildmotiv" (Leis/Petala-Weber
2024) verstanden werden.
Dies wird beim ersten Auftritt von
•
Marthe Rull
(6.
Auftritt) deutlich, als die Klageparteien in die
Gerichtsstube eingelassen werden.
Marthe Rull
lässt beim Hereinkommen ihrer Wut und Entrüstung auf die, die ihrer
Ansicht nach dafür verantwortlich sind, dass der von ihr mitgeführte
Krug zu Bruch gegangen ist, unmissverständlich
Lauf. ("Ihr krugzertrümmerndes Gesindel, ihr!
/
Ihr sollt mir büßen, ihr!",
6.
Auftritt, V 414) Aufgebracht, zornig und
brüsk weist sie zudem das mögliche Angebot •
Veit Tümpels zurück, der
bereit ist, falls sein Sohn •
Ruprecht nachweislich daran
schuld sein sollte, für den Schaden aufzukommen. Genauso wenig will
sie etwas von dem Angebot ihrer Tochter •
Eve, die offensichtlich
kein Interesse hat, die Sache zu verfolgen, mit eigenen Ersparnissen
einen neuen Krug zu kaufen.
Ruprecht hingegen macht deutlich, wofür der Krug stellvertretend
herhalten soll.
"Laß Er sie, Vater. Folg Er mir.
Der Drache!
's ist der zerbrochne Krug nicht, der sie wurmt,
Die Hochzeit ist es, die ein Loch bekommen,
Und mit Gewalt hier denkt sie sie zu flicken.
Ich aber setze noch den Fuß eins drauf:
Verflucht bin ich, wenn ich die
Metze nehme."
(6.
Auftritt, V 439
- V 444)
Und
auch
•
Marthe Rull bestätigt wenig
später, dass es ihr vor allem darum geht, den guten Ruf ihrer
Tochter zu retten, die in ihren Augen wohl die Jungfräulichkeit
tatsächlich verloren oder zumindest im Ruf steht, sie verloren zu
haben. Ihr, und sich, will sie die Schande ersparen, öffentlich für
diese Unkeuschheit an den »Pranger
gestellt zu werden (die
Fiedel tragen).
"Du sprichst, wie du's
verstehst. Willst du etwa
Die Fiedel tragen,
Evchen, in der Kirche
Am nächsten Sonntag
reuig Buße tun?
Dein guter Name lag in diesem Topfe,
Und vor der Welt mit ihm ward er zerstoßen,
Wenn auch vor Gott nicht, und vor mir und dir."
(6.
Auftritt, V 487-491)

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Wellbery (1997,S.25-29) geht davon aus, "daß jeder gemalte Krug,
sei er von »Greuze
[1725-1805] oder »Ingres
[1780-1867], oder »Cézanne
[1839-1906], auf die abgerundete
Geschlossenheit des weiblichen Körpers verweist, und in den Fällen,
wo der gemalte Krug zerspalten oder gebrochen ist, wird der Verlust
jungfräulicher Unschuld thematisiert."
Auf diesem Hintergrund sei
auch das Zerbrechen des Krugs in Kleists Komödie ein sexuelles
Ereignis, woran auch die oben zitierten Worte •
Ruprechts keinen
Zweifel ließen. Wenn er von "Loch" (6. Auftritt,
V 441) spricht, sei dies eben
nicht nur ein Hinweis auf die gescheiterte Hochzeit, sondern eine
Anspielung auf das weibliche »Hymen.
Die sexuelle Konnotation führe dazu, dass das ›Zerbrechen‹ in all
seiner Zweideutigkeit immer wieder sprachlich fortgeführt werde. So
lasse sich die ›abgelegne
Kammer‹ (V 747),
in dem • Eve •
Adam auf dessen Erpressung hin empfange, als
Metonymie
verstehen, die auf der "Gleichsetzung zwischen Kammer und Innenraum
des weiblichen Körpers" beruhe, auf die sich auch Frau Marthes
Bemerkung ›ich
finde / Die Kammertür gewaltsam eingesprengt‹ (V. 749 -
V 750).beziehen
lassen. So lässt sich im Feld dieser Konnotation nach Ansicht
Wellberys nahezu der gesamte
Ereignisverlauf konsistent deuten:
"Adam trifft sich mit Eve im Garten, also genau dort, wo ein so
benanntes Paar sich finden soll. Sie führt ihn in ihre Kammer, ihren
intimsten Raum, der auch den Krug einschließt, welcher die makellose
Einheitlichkeit ihres jungfräulichen Körpers symbolisiert. Hier
wähnt sich Adam der Erfüllung seines Wunsches nahe: eins mit ihr zu
sein, umschlossen von ihrer ungebrochenen Fülle, und damit selber
eins und ungebrochen. Aber im gleichen Augenblick taucht Ruprecht
auf und die Wunschszene wird durch die Gewalt der Sexualität auseinandergerissen [vgl.
V. 962–968]."

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Auch •
Marthe Rulls lange
Krugerzählung im • 7. Auftritt
(V 640 -
V 729) der Komödie
enthalte bei allen durch ihre Beschreibung unterstrichenen
Einzelheiten der Zerstörung "einen Gewaltakt, der auf die Integrität
des männlichen Körpers zielt. Vom Kaiser bleiben nur noch die Beine
übrig, der ganze Oberkörper des knienden Philipp ist abgehackt und
auch der Rest seines ›Hinterteil[s]‹
zeigt Spuren eines ›Stoß[es]‹
(V. 654 f.). Die
Schwerter von Philibert und Maximilian, Zeichen phallisch-martialer
Macht, sind abgeschlagen und vom Erzbischof, dem Statthalter des
göttlichen Vaters, ist bloß noch der Schatten zu sehen. Im
Zerbrechen des Krugs ereignet sich also eine
doppelte Verwundung, die einerseits die körperliche Intaktheit der
Virginität, andererseits den männlichen Körper betrifft. Daran
zeigt sich die intensive Verbundenheit dieser zwei Figuren
ganzheitlicher Integrität. Genau wie der Krug in seiner abgerundeten
Vollkommenheit den Grund abgibt, auf dem sich die Tradierung
väterlicher Autorität bildhaft darstellt, so findet diese Autorität
in der geschlossenen Einheit der Jungfrau ein körperliches Schema,
das die eigene Unversehrtheit symbolisch gewährleistet. Was in der
Nacht zerstört wird, ist diese auf bildhafter Ähnlichkeit beruhende
symbolische Beziehung zwischen Macht und Schönheit. Das zeigt ein
kleines Detail aus Ruprechts erhitztem Bericht. Indem er die
geschlossene Tür zu Eves Kammer einbricht, reißt er ein kleines
phallisches Instrument ab, die Türklinke. Mit dieser Waffe (Licht
vergleicht sie sinnfälligerweise mit einem Degen), dessen Ende mit
einem ›Klumpen / Blei‹ (V. 991 f.)
versehen ist, als wäre sie eine Variante von Adams Klumpfuß, haut er
auf den in den Pfählen hängenden Adam ein."
Für
Schneider (2013, S.38) steht dabei in jedem Falle fest,
das die Art und Weise, wie das Stück von dem zentralen Krugmotiv
Gebrauch macht, stets "eine Verbindung zwischen der geschlechtlichen
und der politisch-historischen Thematik" gestiftet werde. Beide
Aspekte verbänden "den Krug wiederum mit der Figur des Richters, der
sowohl Amtsautorität wie Triebtäter ist."
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Voreheliche und außereheliche Sexualität in der frühen Neuzeit
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
18.01.2026
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