Heinrich von Kleist (1777-1811) nutzt in seiner • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ verschiedene •
Symbole zur Gestaltung der Aussage seines
Dramas.
Gleich zu Beginn des Dramas im •
Ersten Auftritt (•
Text), als
•
Adam
seinem Schreiber •
Licht die Geschichte
von seinem morgendlichen Sturz beim Verlassen des Betts
auftischt, sagt Adam:
"Gefecht! Was! –
Mit dem
verfluchten Ziegenbock,
Am Ofen focht ich, wenn Ihr wollt.
Jetzt weiß ich's.
Da ich das Gleichgewicht
verlier, und gleichsam
Ertrunken in den Lüften um mich greife,
Faß ich die Hosen, die ich gestern Abend
Durchnäßt an das Gestell des Ofens hing.
Nun faß ich sie, versteht Ihr, denke mich,
Ich Tor, daran zu halten, und nun reißt
Der Bund; Bund jetzt und Hos und ich, wir stürzen,
Und
häuptlings mit dem Stirnblatt schmettr' ich auf
Den Ofen hin,
just wo ein Ziegenbock
Die Nase an der Ecke vorgestreckt." (V
50 - V 61)
Der Ziegenbock, von dem Adam spricht, dürfte eine Verzierung des
Ofens sein.
Zugleich hat der Ziegenbock als •
Motiv, man
kann es auch als ein •
literarisches
Symbol bezeichnen, wie
Julia Stenzel im
Metzler Lexikon literarischer Symbole, 32021, S.731f.)
darlegt, eine andere Bedeutung. Der Ziegenbock steht nämlich u. a. für
Hinterlist und
Bosheit,
unkontrollierte Sexualität sowie das
Rauschhaft-Dionysische.
Als Symbol der
Hinterlist und Bosheit sehe man im Ziegenbock in der
christlichen Tradition einen Verweis auf den Teufel und das Böse
schlechthin. Dies gelte vor allem, wenn es um den Fuß des
Ziegenbocks, den so genannten Bocksfuß, gehe, der seine Spuren
in den Boden setze.
Als
Symbol
unkontrollierter Sexualität stehe er für das
männlich-zeugende Prinzip. Dieses habe seinen mythologischen
Ursprung in der griechischen Antike.
In der Mythologie stellten
trunkene und lüsterne »Satyrn
(Mischwesen aus Bock, Mensch und Pferd) »Nymphen,
»Mänaden
(weibliche Anhängerinnen von »Dionysos)
und Mädchen nach. Auch Pan, der Hirten- und Fruchtbarkeitsgott,
sei ein Halbbock.
Aber auch ohne solche mythologische Bezüge
stehe der
Ziegenbock für die lüsterne, unkontrollierte
Sexualität.
Der Ziegenbock könne aber auch auf das
Rauschhaft-Dionysische
verweisen, da die Satyrn Begleiter des Rausch- und Theatergottes
»Dionysos
seien.
Damit ruft das Symbol auch den exzessiven Kosmos und den "orgiastische
Impuls" (Klotz
2013, S.45, Kindle edition) der kultischen Opferspiele des •
archaischen Dionysoskults (»Dionysien)
auf, die mit ihren "Besessenheitsriten" (Michel Leiris
1979) während der mehrtägigen
Festtage Athen in einen "Ausnahmezustand" (Brauneck
2012, S.21) versetzten.
Alle drei Bedeutungsvarianten des •
Symbols lassen sich ohne weiteres auf die
Figur •
Adams beziehen und verstärken
bei einem Zuschauer, der mit dem Motiv/Symbol vertraut ist, die
Hinweise auf ein moralisch zweifelhaftes Verhalten Adams, die er
aus dem Dialog des Dorfrichters mit seinem Diener im •
Ersten Auftritt gewinnt,
wenn er z. B. die verschiedenen Bezüge zu den entsprechenden
Aussagen wie z. B.
entsprechend deutet.
Für
Wellbery 1997, S. 14) symbolisiert die Ziege seit Jahrhunderten
das sexuelle Begehren, das den eigentlichen Sturz •
Adams ausmache, und zwar "jene
Ziege, die gleichzeitig •
Adam mit seinem Klumpfuß
darstellt: Satyr und Satan, heidnische und christliche Figuration
des gespaltenen Zustandes, in dem der begehrende Mensch steht."
(ebd.,
S.14)