Heinrich von Kleist (1777-1811) greift in seiner • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ verschiedene • Motive zur Gestaltung der Aussage seines
Dramas zurück.
Zu diesen zählt auch das
•
Motiv des lüsternen Alten,
das er zur •
Figurengestaltung bei •
Adam und seiner
sexuellen Nötigung und Erpressung von •
Eve verwendet. Es steht
dabei in enger Verbindung mit dem •
Motiv des biblischen
Sündenfalls, dem • Symbol
des Ziegenbocks und dem • zerbrochenen Krug
als sexuelles Symbol.
Ob
und inwieweit Kleist dabei bewusst auch auf die biblische
Erzählung • "Susanna
im Bade" referiert, kann hier nicht geklärt werden. Dennoch
ist davon auszugehen, dass Zuschauer*innen und/oder Leser*innen,
die über das entsprechende (Kultur-)Wissen verfügt haben, die
Erzählung aus dem Alten Testament zur •
Bildung von Inferenzen
bei der •
Sinnkonstruktion herangezogen haben.
Das Motiv des lüsternen Alten ist im Zerbrochnen Krug
aber vor allem mit dem •
Motiv des biblischen
Sündenfalls von Anfang an verknüpft. So passen die Äußerungen des
Schreibers •
Licht über den ominösen "Adamsfall"
seines Vorgesetzten offenkundig ins Schema von •
Adams wahrscheinlich nicht nur ihm bekannten •
Lüsternheit (1.Auftritt) Nur dieser Lüsternheit scheint es geschuldet, dass
• Adam, nicht wie
sonst müde in sein Bett, sondern anderer Bedürfnisse
wegen aus dem Bett gefallen ist. Die
Schrammen und Verletzungen, die er sich beim "Adamsfall"
zugezogen hat, symbolisieren dabei seinen eigentlichen inneren
"Sündenfall", der darin besteht, dass er die junge •
Eve ohne jeden Skrupel zum
Sex mit ihm zwingen will.
Man wird
Schneider (2013) im Grunde zustimmen können, wenn er meint.
dass die herkömmlichen Attribute des lüsternen Greisen zu dem in
Kleists Komödie dargestellten
▪
›alten Adam‹ (12.
Auftritt Variant,
V 2118)
als einem "Vollblutmenschen" (ebd.,
S.35 Kindle Edition) mit einer seiner anarchischen und besonders
"verdichteten Vitalpotenz"
(ebd.,
S.35 Kindle Edition) nicht so ohne Weiteres passen. Allerdings
dürfte eine solche Sicht die ▪
zeitgenössische Rezeption kaum beeinflusst haben, es sei
denn, sie hat mit Verständnis für die • "pralle
Sinnlichkeit" (Thorwart
2004, S.217)des Dorfrichters reagiert und die
patriarchalisch-männliche Sicht auf sein Verhalten akzentuiert.

Für größere Ansicht bitte an*klicken*tippen!
Wie auch immer: In jedem Fall nutzt Kleist die Kombination der
Motive • vom biblischen
Sündenfall und dem
• lüsternen alten Mann von Anfang an zur
Rezeptionslenkung. Er verschafft dem Publikum und den Leserinnen
und Lesern den Informationsvorsprung, den sie benötigen, um mit
diesem Wissen ausgestattet, die Geschehnisse im Huisumer
Dorfgericht, vor allem •
Adams Verhalten, mit
einer bestimmten Deutungshypothese vorläufig einordnen und
beurteilen zu können, bis die •
analytische Dramenhandlung des Stücks die ganze •
Vorgeschichte enthüllt hat.
Das
•
Motiv des lüsternen Alten lässt sich, wenn man Crossover-Effekte zu anderen
Medien berücksichtigt, vor allem in der Bildenden Kunst der frühen
Neuzeit (1300-1800) (▪
Renaissance und Humanismus, ▪
Barock)
•
in zahlreichen Gemälden finden. Dabei hat man es gewöhnlich mit
Abbildungen zu tun, die die Altersungleichheit •
ungewöhnlicher Paare kritisch beleuchten. Auch •
in der Literatur dieser Zeit, aber auch bis in unsere Gegenwart
hinein, ist die altersungleiche Paarbeziehung immer wieder gestaltet
worden. Das
Thema ist jedenfalls ein Longseller in allen Medien, über alle Zeiten
hinweg: in »Malerei; »Musik, »Literatur
und »Film.
Meistens sind es in der frühen Neuzeit Gemälde, Kupferstiche oder sonstige Grafiken, die einen erheblich älteren Mann mit
(s)einer jungen Frau darstellen.
Aber es gibt durchaus auch die •
gendermäßig umgekehrte Variante, wobei das strukturell ähnliche
Buhlen älterer Frauen um jüngere Männer als •
besonders schändlich und moralisch verwerflich angesehen worden
ist.
Im Unterschied zu •
Heinrich von Kleists (1777-1811) • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ sind solche Darstellungen in der frühen Neuzeit jedoch nicht, oder zumindest
nicht in gleicher Weise, mit dem Motiv sexualisierter Gewalt
verbunden.
Und auch Geld, mit der sich je nach Perspektive ein alter Mann oder
eine alte Frau einen andersgeschlechtlichen, erheblich jüngeren
Partner in solchen Bildern (sexuell) dienstbar macht, ist im
Zerbrochnen Krug nicht im Spiel.
Die Erpressung •
Eves fußt nämlich zum
einen auf der von •
Adam •
Eve gegenüber gemachten
Lüge, dass ihr zum Militärdienst beorderter Bräutigam •
Ruprecht in die ostindischen Kolonien entsendet würde und •
Adams erpresserischem
Angebot, diesen durch ein gefälschtes ärztliches Attest vor dieser
Zukunft zu bewahren, wenn •
Eve im Gegenzug dazu
bereit ist, sich ihm hinzugeben.
Zu deutschen Malern der Renaissance, die sich des Thema ungleicher
Paare angenommen haben, gehören u. a. »Albrecht
Dürer (1471-1528), »Lukas
Cranach der Ältere (1472-1533) oder auch »Hans
Baldung (1484-1545). Dazu kommen aber noch zahlreiche ▪
Embleme der Zeit, wie z. B. die von »Theodor
de Bry (1528-1598).
Beispiele für
Darstellungen der frühen Neuzeit, die das Motiv des lüsternen Alten
gestaltet haben, sind u. a.: