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Historischer Hintergrund

Überblick

Heinrich von Kleist (1777-1811)Dramatische TexteDer zerbrochne Krug

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick [ Historischer Hintergrund Überblick • Geschichte der Niederlande vom 16. bis 18. Jahrhundert Sexualität und ihre Normen in der Frühen Neuzeit ] Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
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Handlungsverlauf
Überblick: Ort und Zeit der Bühnenhandlung

Heinrich von Kleists (1777-1811) zwischen 1802 und 1806 verfasste • Komödie • "Der zerbrochne Krug" macht keine expliziten Angaben über das Jahr, in der die Handlung spielt.

Dem Leser bzw. dem Zuschauer wird aber vergleichsweise schnell klar, dass es sich nicht um ein Geschehen handelt, das in die Lebenszeit Kleists fällt, sondern um eine Handlung, die in einer früheren, ländlichen Welt spielt, die noch von vormodernen Strukturen geprägt ist.

Der Schauplatz des Geschehens – das niederländische Dorf Huisum unweit von Utrecht – besitzt (noch) eine Dorfgerichtsbarkeit, die typisch für die frühe Neuzeit des 16., 17. und frühen 18. Jahrhunderts ist. Die Handlungszeit des Dramas, das macht z. B. die im Text angesprochene Entsendung niederländischer Truppen nach »Batavia (7. Auftritt, V 534), das von 1619 bis 1799 das Hauptquartier der »Niederländischen Ostindien-Kompanie gewesen ist, deutlich. Allerdings ist auch dies keine zuverlässige zeitliche Situierung, da niederländische von der NOC verpflichtete Söldnertruppen in dieser Zeit immer wieder nach Batavia bzw. Ostindien verschifft wurden. Auch die Tatsache, dass im Zerbrochnen Krug von einer staatlichen Truppenaushebung der "Vereinten Staaten" (7. Auftritt, V 624) die Rede ist und eine hierarchische Struktur des Rechtswesens mit dem "Obertribunal in Utrecht" (4. Auftritt, V 297) existiert, lässt keine verlässliche Datierung zu, die offenbar von Kleist auch nicht gewollt wurde. So müssen andere Überlegungen herangezogen werden, die den Zeitraum auf das 18. Jahrhundert eingrenzen.

Ein einzelner Dorfrichter ( Adam), dem ein Schreiber namens Licht seit neun Jahren (4. Auftritt, V 328) zur Seite gestellt ist, entscheidet hier seit 10 Jahren (11. Auftritt, V 1814) über kleinere Zivil- und Strafsachen seit der Zeit »Karls V. (geb. 1500, 1516/19-56) geltenden "Bräuchen" (4. Auftritt, V 307), ungeschriebenen Gesetzen, willkürlichen, aber wirksamen Gepflogenheiten und traditionellem Herkommen. Er übt damit eine, offenbar nur selten und dann rein oberflächlich von einem vorgesetzten Revisor (Rat Wachholder, 1. Auftritt, V 95) kontrollierte Autorität aus, die seiner Rechtsprechung, die in seinem dörflichen Wirkungsgebiet, auch wenn sie darin sozial akzeptiert zu sein scheint, einen willkürlichen Charakter verleiht. Die dahinter stehenden Machtverhältnisse spiegeln eine hierarchische und ständisch geprägte Gesellschaft wider, die noch nicht von moderner Rechtsstaatlichkeit bestimmt ist, wie sie sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf der Basis entsprechender Ideen der Aufklärung in West- und Mitteleuropa entweder schon durchgesetzt hat oder auf dem Weg dahin war. Huisum und sein Dorgericht stehen für ein vormodernes Rechtsverständnis, in dem Macht, Moral und Recht noch nicht voneinander getrennt sind (vgl. Lachmann, 1998, S. 104 f.) und Korruption und Vetternwirtschaft nicht nur jederzeit möglich sind, sondern auch zur sozialen Realität gehören.

Mit dem Gerichtsrat • Walter betritt ein Vertreter der neuen Zeit die nach den  Regeln der alten Zeit lebende dörfliche Welt von Huisum. Er repräsentiert dabei als Person die • frühneuzeitliche Staatsentwicklung, die in vielen Regionen und Staaten Europas im Zeitalter des Absolutismus stattfindet. Deren Ausgangspunkt waren. wie in Kleists Komödie am Beispiel Huisums, Hollas oder Hussahe thematisiert, "Individuen und Gruppen mit Sonderrechten", die es galt "in den als homogen begriffenen Untertanenverband einzufügen." (Schilling 1987, S.155) oder in den Worten • Walters gesprochen: "Die Rechtspfleg auf dem platten Land verbessern, / Die mangelhaft von mancher Seite scheint," (4. Auftritt, V 298f.).

Allerdings waren solche Ziele in einer Gesellschaft, die sich durch ihre "bunte Vielfalt von sozialen Gruppen eigenen Rechts und besonderer Lebensführung" (Schilling 1987, S.148) auszeichnete, auch in ländlichen Gebieten nicht einfach umzusetzen, wo vieles selbst ohne ordentliche Gerichtsbarkeit nach eigenen Regeln entschieden wurde.

Kleists Komödie referiert auf die lang anhaltenden und tiefgreifenden  politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Umwälzungsprozesse im Europa der frühen Neuzeit, in dem traditionelle Machtstrukturen durch rationale, institutionell kontrollierte Ordnungen transformiert und modifiziert werden. Dabei repräsentieren im Sinne von »Michel Foucaults (1926-1984) • historischen Machtanalysen Adam und • Walter keine antagonistischen Antipoden von Macht, sondern ergänzen sich im historischen Prozess der Entwicklung von Macht von der älteren • Souveränitätsmacht hin zur • modernen Gesetzesmacht gegenseitig.

Der zerbrochne Krug zeigt in komisch-ironischer Form, wie die alte Welt an ihren eigenen Widersprüchen scheitert und durch die Prinzipien einer aufgeklärten Vernunftordnung in Frage gestellt wird.

Aus dem Kontrast der beiden Figuren, die mit Adam die alte und mit • Walter die neue Zeit verkörpern, entsteht im Drama ein komischer Konflikt, der neben allen Arten der dargestellten Komik eine klare aufklärerische Botschaft sendet: Das Zeitalter der Vernunft und des modernen Staates erhebt den Anspruch, der Willkürherrschaft (• Souveränitätsmacht) einen Riegel vorzuschieben. Auch wenn dieser Paradigmenwechsel im Drama mit seinem Verwirrspiel um Wahrheit und Erkenntnis nicht eingelöst wird, belässt es das Ganze nicht dabei, die individuelle Schuld Adams aufzudecken, sondern verweist auf eine weit darüber hinausreichende Krise des ganzen Systems von Wahrheitssuche und Erkenntnis.

In Kleists Stück wird ansonsten immer wieder auf historische Ereignisse verwiesen, die weit vor der Dramengegenwart liegen. So verweist Adam auf seine auf die seit den Zeiten »Karl V. (geb. 1500, 1516/19-56) geltenden "Bräuche" (4. Auftritt, V 309) seiner Rechtsprechung in Huisum, auf die ihm bekannten Werke »Freiherr Samuel von Pufendorfs (1632-1694), einem der bedeutendsten Vertreter der »Vernunftrechtslehre (4. Auftritt, V 312).

Vor allem aber sind es die Ausführungen • Marthe Rulls bei ihrer Anklageerhebung darüber, wie der Krug in ihre Hände gekommen ist (7. Auftritt, V 659 - V 729) , die die • Zeit der Bühnenhandlung, in der Kleist das Geschehen seiner Komödie spielen lässt, weiter eingrenzen lässt.

Aus dieser Erzählung lassen sich weitere Indizien zur Einordnung der Handlung in einen bestimmten Zeitraum vornehmen. Sie erzählt dabei von bestimmten, historisch belegbaren Ereignissen, wie die Belagerung von »Briel (• 1572) durch »Wilhelm von Oranien (1553-1584) (7. Auftritt, V 680) und die Plünderung der Stadt »Tirlemont (Flandern) durch französische Truppen (1635 während des • Französisch-Spanischen Kriegs, 1635-1659) (V 697ff.) und einer "Feuersbrunst von sechsundsechzig" (V 706), als der Krug schon im Besitz ihres inzwischen verstorbenen Manns gewesen sei. Alles dies lässt vermuten, dass die Bühnenhandlung von Kleist in die Zeit des ausgehenden 17. und/oder angehenden 18. Jahrhunderts verlegt hat.

Auch wenn das genaue Jahr sich aus dem Text nicht entnehmen lässt, gibt es, allerdings erst im • 9. Auftritt noch eine weitere, sehr präzise Angabe zum Tag, an dem der Gerichtstag abgehalten wird: Es ist der • 1. Februar, mitten im Winter, zwei Tage vor • Marthe Rulls 50. Geburtstag.

Handlungsverlauf
Überblick: Ort und Zeit der Bühnenhandlung

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 21.12.2025

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Warum kann die Handlung von Heinrich von Kleists Komödie "Der zerbrochne Krug" nicht eindeutig einem bestimmten Jahr zugeordnet werden?
  2. Welche Indizien im Text weisen auf eine Verortung der Handlung in der frühen Neuzeit, insbesondere im 17. oder 18. Jahrhundert, hin?
  3. Wie spiegelt sich im Dorf Huisum das vormoderne Rechtsverständnis der frühen Neuzeit wider, und welche Rolle spielt Dorfrichter Adam in diesem Zusammenhang?
  4. Welche Bedeutung hat die Figur des Gerichtsrats Walter im Hinblick auf den gesellschaftlich-politischen Wandel vom vormodernen zum aufgeklärten Rechtsstaat?
  5. Wie wird laut Text der Machtbegriff im Sinne von Michel Foucault auf die Figuren Adam und Walter angewendet, und was bedeutet das für die Interpretation des Stücks?
  6. Inwiefern verweist Kleists Komödie durch die komisch-ironische Darstellung des Konflikts zwischen alter und neuer Ordnung auf eine aufklärerische Botschaft?
 
 
 

 
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