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Dem Leser bzw. dem Zuschauer von
Heinrich von Kleists (1777-1811)
zwischen 1802 und 1806 verfassten •
Komödie • "Der
zerbrochne Krug" wird schnell klar,
dass es sich nicht um ein Geschehen handelt, das in die Lebenszeit
Kleists fällt, sondern um eine Handlung, die in einer früheren,
ländlichen Welt spielt, die noch sehr stark von weitgehend intakten vormodernen Strukturen geprägt
ist. Für die zeitgenössischen Leser*innen und Zuschauer*innen ist
dies aber wohl noch immer eine weitgehend vertraute Welt, zumal sich
in Deutschland erst allmählich die Zeichen einer neuen Zeit, dem
Zeitalter der Industrialisierung zeigten.
Für eine detaillierte Beschäftigung mit dem historischen
Hintergrund von Kleists Komödie finden Sie im Arbeitsbereich •
Landleben in der Frühen Neuzeit (ca. 1500-1800)
folgende Informationen und Bausteine.
Die
agrarisch-handwerkliche vorindustrielle Welt stellt keine heile Welt
dar, auch wenn sie als "gute alte Zeit" oftmals romantisch verklärt
wird. Und natürlich gab es auch in vorindustrieller Zeit viel Negatives
und Problematisches, das uns auch heute noch in gleicher oder in anderer
Form begegnet.
Allerdings ist das damalige Leben in Alltag und Beruf von unserem
modernen Leben so verschieden, dass ein kurzer, notgedrungen oft sehr
allgemein gehaltener Rückblick auf das Leben in einer von der
Landwirtschaft geprägten Gesellschaft hilfreich ist. So erschließen sich
dem Betrachter im Vergleich von gestern und heute nicht nur viele
Veränderungen, sondern er gewinnt auch eine Vorstellung von der
ungeheuren Dynamik, die sämtliche Lebensbereiche der Menschen seit
Beginn der Industrialisierung erfasst hat. Diese Dynamik, die den
Menschen, dem Staat und der Gesellschaft immer wieder neue
Herausforderungen stellt, hält dabei bis heute in einem unverminderten,
vielleicht sogar noch beschleunigten ▪
Strukturwandel
(•
demografischer-,
•
technologischer -,
•
ökonomischer -,
•
sozialer -
und •
ökologischer Wandel) an.
Die Bevölkerung
Europas war in der vorindustriellen Zeit deutlich kleiner als heute.
Erst ab etwa 1750 nahm sie langsam zu, weil sich Ernährung und
medizinische Versorgung verbesserten. Dennoch blieb die
Lebenserwartung niedrig und wurde durch Kriege, Hungersnöte und
Seuchen immer wieder verringert.
Rund 90 % der
Menschen lebten auf dem Land und arbeiteten in der Landwirtschaft.
Diese war wenig ertragreich und wurde mit einfachen, meist hölzernen
Geräten betrieben. Kartoffeln waren vielerorts noch unbekannt,
Hungersnöte traten bis ins frühe 19. Jahrhundert auf. Das Land war
von Wäldern, Mooren, Heideflächen und gemeinschaftlich genutzten
Weiden geprägt.
Die meisten
Menschen lebten in großen Mehrgenerationenhaushalten. Neben der
Bauernfamilie gehörten häufig Knechte, Mägde und Tagelöhner zum
„Ganzen Haus“. Alle Familienmitglieder mussten zum Lebensunterhalt
beitragen. Bauernfamilien hatten meist viele Kinder, die oft schon
früh auf dem Hof mitarbeiteten. Schulbildung blieb auf wenige
Wintermonate beschränkt und vermittelte vor allem Lesen, Schreiben,
Rechnen sowie religiöse Unterweisung. Ziel war die Erziehung zu
gehorsamen Untertanen. Analphabetismus war weit verbreitet. Alte
Menschen wurden durch das Altenteil versorgt und genossen als Träger
von Erfahrung und Tradition hohes Ansehen.
Das Leben war von schwerer körperlicher Arbeit geprägt. Die meisten
Güter wurden auf dem Hof selbst hergestellt. Der Arbeitsrhythmus
folgte den Jahreszeiten; Urlaub oder Freizeit im heutigen Sinn gab
es nicht. Die meisten Menschen verbrachten ihr ganzes Leben im
Geburtsort. Reisen blieben Adeligen, wohlhabenden Bürgern sowie
Kaufleuten, Handwerksgesellen, Soldaten oder Pilgern vorbehalten und
waren wegen schlechter Verkehrswege mühsam und gefährlich. Auch
sozialer Aufstieg war selten, da Beruf und gesellschaftliche
Stellung meist vererbt wurden. Die ständische Ordnung galt als
gottgewollt.
Das Dorf bildete
den Mittelpunkt des sozialen Lebens. Privatsphäre gab es kaum;
Nachbarn, Pfarrer und Dorfgemeinschaft übten eine intensive soziale
Kontrolle aus. Besonders streng überwacht wurden Moral, Ehe und
Sexualität. Voreheliche Beziehungen konnten öffentlich missbilligt
oder bestraft werden. Die Jungfräulichkeit der Frauen galt als
Voraussetzung für ihre Ehre und die ihrer Familie. Partnerwahl
orientierte sich vor allem an Besitz, Arbeitsfähigkeit und
Versorgung, weniger an romantischer Liebe. Trotz eines starken
Gemeinschaftsgefühls bestanden erhebliche soziale Unterschiede
zwischen wohlhabenden Bauern, Kleinbesitzern und Landlosen.
Auch Städte waren
überwiegend klein; Großstädte waren selten. Handwerksbetrieb und
Haushalt bildeten – ähnlich wie auf dem Land – eine wirtschaftliche
Einheit. Wohlstand war nur einer kleinen Schicht von Adeligen und
reichen Kaufleuten vorbehalten, während die große Mehrheit der
Bevölkerung in bescheidenen Verhältnissen lebte.
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