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Historischer Hintergrund

Ländliches Alltagsleben im 18. Jahrhundert

Heinrich von Kleist (1777-1811)Dramatische TexteDer zerbrochne Krug

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick [ Historischer Hintergrund Überblick • Geschichte der Niederlande vom 16. bis 18. Jahrhundert Sexualität und ihre Normen in der Frühen Neuzeit Ländliches Alltagsleben im 18. Jahrhundert ] Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des Dramas Handlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet  Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

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Dem Leser bzw. dem Zuschauer von Heinrich von Kleists (1777-1811) zwischen 1802 und 1806 verfassten • Komödie • "Der zerbrochne Krug" wird schnell klar, dass es sich nicht um ein Geschehen handelt, das in die Lebenszeit Kleists fällt, sondern um eine Handlung, die in einer früheren, ländlichen Welt spielt, die noch sehr stark von weitgehend intakten vormodernen Strukturen geprägt ist. Für die zeitgenössischen Leser*innen und Zuschauer*innen ist dies aber wohl noch immer eine weitgehend vertraute Welt, zumal sich in Deutschland erst allmählich die Zeichen einer neuen Zeit, dem Zeitalter der Industrialisierung zeigten.

Für eine detaillierte Beschäftigung mit dem historischen Hintergrund von Kleists Komödie finden Sie im Arbeitsbereich • Landleben in der Frühen Neuzeit (ca. 1500-1800) folgende Informationen und Bausteine.

Die agrarisch-handwerkliche vorindustrielle Welt stellt keine heile Welt dar, auch wenn sie als "gute alte Zeit" oftmals romantisch verklärt wird. Und natürlich gab es auch in vorindustrieller Zeit viel Negatives und Problematisches, das uns auch heute noch in gleicher oder in anderer Form begegnet.

Allerdings ist das damalige Leben in Alltag und Beruf von unserem modernen Leben so verschieden, dass ein kurzer, notgedrungen oft sehr allgemein gehaltener Rückblick auf das Leben in einer von der Landwirtschaft geprägten Gesellschaft hilfreich ist. So erschließen sich dem Betrachter im Vergleich von gestern und heute nicht nur viele Veränderungen, sondern er gewinnt auch eine Vorstellung von der ungeheuren Dynamik, die sämtliche Lebensbereiche der Menschen seit Beginn der Industrialisierung erfasst hat. Diese Dynamik, die den Menschen, dem Staat und der Gesellschaft immer wieder neue Herausforderungen stellt, hält dabei bis heute in einem unverminderten, vielleicht sogar noch beschleunigten ▪ Strukturwandel (• demografischer-,  • technologischer -,  • ökonomischer -,  sozialer - und ökologischer Wandel) an.

Die Bevölkerung Europas war in der vorindustriellen Zeit deutlich kleiner als heute. Erst ab etwa 1750 nahm sie langsam zu, weil sich Ernährung und medizinische Versorgung verbesserten. Dennoch blieb die Lebenserwartung niedrig und wurde durch Kriege, Hungersnöte und Seuchen immer wieder verringert.

Rund 90 % der Menschen lebten auf dem Land und arbeiteten in der Landwirtschaft. Diese war wenig ertragreich und wurde mit einfachen, meist hölzernen Geräten betrieben. Kartoffeln waren vielerorts noch unbekannt, Hungersnöte traten bis ins frühe 19. Jahrhundert auf. Das Land war von Wäldern, Mooren, Heideflächen und gemeinschaftlich genutzten Weiden geprägt.

Die meisten Menschen lebten in großen Mehrgenerationenhaushalten. Neben der Bauernfamilie gehörten häufig Knechte, Mägde und Tagelöhner zum „Ganzen Haus“. Alle Familienmitglieder mussten zum Lebensunterhalt beitragen. Bauernfamilien hatten meist viele Kinder, die oft schon früh auf dem Hof mitarbeiteten. Schulbildung blieb auf wenige Wintermonate beschränkt und vermittelte vor allem Lesen, Schreiben, Rechnen sowie religiöse Unterweisung. Ziel war die Erziehung zu gehorsamen Untertanen. Analphabetismus war weit verbreitet. Alte Menschen wurden durch das Altenteil versorgt und genossen als Träger von Erfahrung und Tradition hohes Ansehen.
Das Leben war von schwerer körperlicher Arbeit geprägt. Die meisten Güter wurden auf dem Hof selbst hergestellt. Der Arbeitsrhythmus folgte den Jahreszeiten; Urlaub oder Freizeit im heutigen Sinn gab es nicht. Die meisten Menschen verbrachten ihr ganzes Leben im Geburtsort. Reisen blieben Adeligen, wohlhabenden Bürgern sowie Kaufleuten, Handwerksgesellen, Soldaten oder Pilgern vorbehalten und waren wegen schlechter Verkehrswege mühsam und gefährlich. Auch sozialer Aufstieg war selten, da Beruf und gesellschaftliche Stellung meist vererbt wurden. Die ständische Ordnung galt als gottgewollt.

Das Dorf bildete den Mittelpunkt des sozialen Lebens. Privatsphäre gab es kaum; Nachbarn, Pfarrer und Dorfgemeinschaft übten eine intensive soziale Kontrolle aus. Besonders streng überwacht wurden Moral, Ehe und Sexualität. Voreheliche Beziehungen konnten öffentlich missbilligt oder bestraft werden. Die Jungfräulichkeit der Frauen galt als Voraussetzung für ihre Ehre und die ihrer Familie. Partnerwahl orientierte sich vor allem an Besitz, Arbeitsfähigkeit und Versorgung, weniger an romantischer Liebe. Trotz eines starken Gemeinschaftsgefühls bestanden erhebliche soziale Unterschiede zwischen wohlhabenden Bauern, Kleinbesitzern und Landlosen.

Auch Städte waren überwiegend klein; Großstädte waren selten. Handwerksbetrieb und Haushalt bildeten – ähnlich wie auf dem Land – eine wirtschaftliche Einheit. Wohlstand war nur einer kleinen Schicht von Adeligen und reichen Kaufleuten vorbehalten, während die große Mehrheit der Bevölkerung in bescheidenen Verhältnissen lebte.

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 13.07.2026

  
   Arbeitsanregungen:
  1. Warum stieg die Lebenserwartung der Menschen in Europa ab dem Jahr 1750 allmählich an, und wie hoch war die statistische Lebenserwartung eines neugeborenen Kindes noch im 17. Jahrhundert?
  2. Wie viel Prozent der Bevölkerung lebten schätzungsweise in ganz Europa von der Landwirtschaft und dem ländlichen Kleingewerbe, und wie veränderte sich dieser Anteil im Zuge der Industrialisierung?
  3. Inwiefern unterschied sich der Arbeitsrhythmus der Menschen in der vorindustriellen Zeit von unserem heutigen modernen Berufsleben (Stichwort: Monotonie, Tages- und Jahresablauf, Urlaub)?
  4. Welche elementaren Fähigkeiten wurden Kindern in den ländlichen Elementarschulen meist nur im Winter beigebracht, und welches übergeordnete gesellschaftliche Ziel verfolgte dieser Unterricht?
  5. Warum war ein gesellschaftlicher Aufstieg aus eigener Leistung in der damaligen Zeit so gut wie ausgeschlossen, und welche "dreifache Scheidelinie" zog sich durch die soziale Schichtung der Dörfer?
  6. Wie reagierte die dörfliche Gemeinschaft (insbesondere die Peer-Group der jungen Männer) auf "unehrenhaftes Sexualverhalten" oder die Annäherung auswärtiger Konkurrenten?
  7. Nach welchen Hauptkriterien wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert der Ehepartner ausgewählt, und welche Rolle spielte dabei die romantische Liebe?
 

 
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