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 Sexualität und ihre Normen in der Frühen Neuzeit

Voreheliche und außereheliche Sexualität in der frühen Neuzeit

Heinrich von Kleist (1777-1811)«Der zerbrochne KrugHistorischer Hintergrund

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick [ Historischer Hintergrund Überblick Geschichte der Niederlande vom 16. bis 18. Jahrhundert Sexualität und ihre Normen in der Frühen Neuzeit Überblick Voreheliche und außereheliche Sexualität in der frühen Neuzeit Die Annäherung der Geschlechter auf dem Lande • Sexuelle Gewalt in der frühen NeuzeitDie Ehre von Frauen als Sittlichkeitsnorm und soziale Zwangsstruktur ] Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des Dramas Handlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet  Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

Entstehung des frühmodernen Territorialstaats im Absolutismus
Sozialdisziplinierung als Mittel der Staatsentwicklung
Überblick
Aspekte der Sozialdisziplinierung (Oestreich/Schulze)
Christliche Sexualmoral, Sexualstrafrecht und Policey-Ordnungen in der frühen Neuzeit
Überblick
Die christliche Einmischung in sozio-sexuelle Praktiken
Ehebruch
Vorehelicher und außerehelicher Geschlechtsverkehr
Bausteine

Die Entwicklung sozial konstruierter Scham in der frühen Neuzeit und im Barock

In Heinrich von Kleists (1777-1811)Komödie • "Der zerbrochne Krug" spielt Sexualität eine außerordentlich wichtige Rolle. Der zerbrochne Krug lässt sich als • sexuelles Symbol deuten, das • Symbol des Ziegenbocks und das • Motiv des geilen Alten, verkörpert in der Figur des Dorfrichters Adam, sowie Eves möglicher Verlust der Virginität und ihrer möglichen sozialen Folgen machen dies offenkundig. Somit werfen sich auch Fragen auf, die mit der vorehelichen und außerehelichen Sexualität in der frühen Neuzeit, zur Zeit, in der die Dramenhandlung spielt, und zur Lebenszeit Kleists in Zusammenhang stehen.

"Unzucht" als abweichendes Sexualverhalten

Grundsätzlich war die Ehe und ihre Vorformen bis ins 20. Jahrhundert hinein der einzige legitime Ort für Sexualität und das Ehebett allein war der "anerkannte Altar für die Zeremonie der Sexualität" (Perrot 1992, S. 121, zit. n. Gestrich 2003, S.513) Ging es um vorehelichen und außerehelichen Geschlechtsverkehr, ging es um die so genannte »"Unzucht". Der Begriff, der heute veraltet ist, bezeichnet »deviantes, also von allgemeinen Sittlichkeitsnormen abweichendes Sexualverhalten einer Zeit. Lange Zeit, bis zu den 1970er Jahren galten alle von unverheirateten Frauen und Männer begangenen »sexuellen Handlungen als unzüchtig.

Streng genommen wurde, jedenfalls legt man die Begriffsverwendung frühneuzeitlicher Gerichtsverfahren zugrunde, zwischen Begriffen wie ›Unzucht‹ und ›Notzucht‹ unterschieden.

Notzucht‹ war dann gegeben, wenn es zu ehrverletzender heterosexueller Gewalt bzw. zu Geschlechtsverkehr kam, "der gegen den Willen einer ›ehrenhaften‹ Frau durchgesetzt wurde. Damit war dieser Begriff auf Frauen beschränkt, deren ›Ehre‹ als unbeschadet galt und die einen Leumund dafür anführen konnten. Im Zentrum dieser Definition stand die Verletzung oder Minderung der Ehre. Dabei handelte es sich "um eine Definition von entehrender und sexualisierter Gewalt, die auf eine bestimmte Personengruppe beschränkt war", nämlich  "nur auf ›ehrenvolle‹ Frauen und heterosexuellen Geschlechtsverkehr" (Lehner 2023, S.105-110) Nach dem Gesetz konnten also in der Frühen Neuzeit nur ehrenhafte Frauen ›genotzüchtigt‹ werden. Ob in einem Unzuchtsdelikt ›Notzucht‹ mitverhandelt wurde, hing davon ab, ob die Ehre der betroffenen Frau glaubhaft gemacht und bezeugt werden konnte." (ebd., S.120)

Der Begriff ›Unzucht‹ konnte alle Formen nicht ehelicher heterosexueller Beziehungen umfassen, ohne dass dabei zwischen einvernehmlichen und nicht einvernehmlichen Handlungen unter Gewaltanwendung unterschieden werden musste." (Wunder 2023, S.105)

Dabei hat der Begriff der Zucht, der ursprünglich mit der Fortpflanzung, Ernährung und Pflege von Nutztieren zu tun hatte, seit der Neuzeit auf die Erziehung von Kindern gemäß bestimmter Sittsamkeits- und Verhaltensnormen angewendet, die bei Zuwiderhandlungen, also nicht-zuchtgemäßem Verhalten sanktioniert werden konnten (z. B. durch körperliche Züchtigung und andere Zuchtmittel bis hin zum Zuchthaus). Der Ausdruck "Zucht und Ordnung", der seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar ist, verweist dabei auf das christliche Verständnis, das sich auch in den von religiösen Obrigkeiten zu Beginn der Neuzeit erlassen kirchlichen Zuchtordnungen, die mehr und mehr zu einem • Motor der Sozialdisziplinierung wurden, mit der in der frühen Neuzeit der aufkommende moderne Staat seinen einheitlichen Untertanenverband formte.

Die Regulierung und Sanktionierung des Sexuellen

Heute weiß man aus der Forschung viel über Sexualität und Gewalt in der Frühen Neuzeit (ca. 1500–1800). Wer sich mit ihr beschäftigt, muss zuallererst berücksichtigen, "dass frühneuzeitliche Begriffe auf einem anderen Verständnis von ›Sexualität‹ beruhen als moderne" (ebd.) Das gilt insbesondere, wenn man versucht, Beispiele sexualisierter Gewalt aus historischen Dokumenten zu rekonstruieren. Insgesamt aber muss man verstehen, dass "Sexualität (...) in der Frühen Neuzeit keine private Angelegenheit (war), sondern außerhalb der Ehe eine Sünde und innerhalb dieser eine Pflicht, weshalb sie durch kirchliche Normen und das weltliche Strafrecht reglementiert und kontrolliert wurde." (ebd.)

Wenn Sexualität, so sah es die • katholische Kirche, als ▪ Notlösung gegen das sexuelle Begehren an sich nicht zu vermeiden war, dann durfte sie nur dazu dienen, Nachkommen zu zeugen. Auch wenn die verschiedenen protestantischen Glaubensrichtungen • innereheliche Sexualität und Zeugungsabsicht entkoppelten, war Sexualität auch für die protestantische Lehre eine Handlung, die im Prinzip nur von Eheleuten vollzogen werden durfte.

Unter den von der christlichen Religion und dem weltlichen Recht gesetzten Rahmenbedingungen ging das frühneuzeitliche Verständnis von ›Sexualität‹, wie (Wunder 2023, S.105f.) aufzeigt, von drei zentralen Differenzierungen aus. Es unterscheidet

  • zwischen ehelicher und nicht ehelicher Sexualität

  • zwischen ›natürlicher‹ und ›unnatürlicher‹ Sexualität

  • zwischen der der verwandtschaftlichen Nähe der beteiligten Personen

Wenn es um Sexualdelikte ging, spielten vor den Gerichten Fragen nach Gewalt und Einvernehmlichkeit sexueller Handlungen "eine nachgeordnete oder keine Rolle. Dreh- und Angelpunkt war bei den gerichtlichen Verfahren zu sexuellen Strafdelikten, dass diese gleichzeitig Sünde waren und gegen die göttliche Ordnung verstießen. Deshalb gingen sie nicht nur den Einzelnen oder die direkt Betroffenen an, sondern betrafen die Gemeinschaft und die gesellschaftliche Ordnung als Ganzes." (Wunder 2023, S.105f.)

Sexualität ist, wie der französische Philosoph und Historiker »Michel Foucault (1926-1984) formulierte, insofern stets auch ein "pathologisches Gebiet" (Foucault 1995) geblieben. Sie bot sozialen Gemeinschaften, und darin besonders den jeweils Mächtigen, immer wieder Gelegenheit, Vorgaben zum sexuellen Verhalten der Menschen zu machen. Diese stützten sich vor allem auf die Unterscheidung von "natürlicher" Sexualität und "Sexualität wider der Natur", abweichendem  (deviantem) und "normalem" Sex und erlaubten, eine bis in die Intimsphäre des Einzelnen reichende Kontrolle aufzubauen, die insgesamt die bestehenden Herrschaftsverhältnisse stabilisierte. Zugleich machten sie ihre folgsamen Untertanen zu Gefolgsleuten, die in einem System der sozialen Kontrolle, das und der Bespitzelung und Überwachung dafür sorgten, dass die moralisch und sittlich sowie sozial immer wieder begründeten und bestätigten Gebote und Verbote prinzipiell auch den letzten Winkel der Gesellschaft erreichen konnten.

Diese Regulierung und Sanktionierung des Sexuellen und seine offene Kriminalisierung ist auch ein wichtiger Teil der von den weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten im Gefolge von Reformation und Gegenreformation von oben durchgesetzten ▪ Sozialdisziplinierung und zugleich auch ein viele Jahrhunderte andauernder zivilisatorischer Prozess, der darauf beruhte, dass "der Sexualtrieb, wie viele andere Triebe, einer immer strengeren Regelung und Umformung unterworfen" wurde (Elias 1997, Bd. 1, S.342). Er gehört damit auch zu den sozialen Dynamiken, die die ▪ frühneuzeitliche Staatsbildung und die Schaffung eines mehr oder weniger einheitlichen Untertanenverbandes in den Territorien vorangetrieben haben.

Voreheliche sexuelle Handlungen in der frühen Neuzeit

Im Allgemeinen galten sexuelle Handlungen, die vor der Ehe und als "Seitensprünge" während einer bestehenden Ehe vorgenommen wurden, als illegitim.

Wie man in der Frühen Neuzeit mit dieser Illegitimität umgegangen ist, hing allerdings von verschiedenen • Faktoren ab wie z. B. die regional unterschiedliche Akzeptanz religiöser Sexualnormen als Ganzes, ob man in der Stadt oder • auf dem Land wohnte und welcher Schicht bzw. welchem Stand man angehörte.

Insbesondere die • Stadt- und Landbevölkerung zeigte im Umgang mit • vorehelichem Geschlechtsverkehr und seinen möglichen Folgen deutliche Unterschiede. In den Städten, dort vor allem unter den Bürgern, gewannen "Gedanken über religiöse Entsagung oder die Züchtigung von Gelüsten und Konsum" (Muchembled 2008, S.39) viel leichter und schneller die Oberhand als auf dem Land. Auf dem Land geriet ein junger Mann "durch die rigiden Erb- und Heiratsregeln, die ihm eine lange Zeitspanne zwischen Geschlechtsreife und Heirat aufbürdeten und ihm durch den hohen Ledigenanteil oft auch jede Chance auf die Verwirklichung seines Sexualtriebs in einer Ehe nahmen, in einen Gegensatz zur kirchlichen Sexualmoral und den entsprechenden staatlichen Mandaten. Die Spannung zwischen Trieb und Moral schien in dieser Gesellschaft besonders hoch zu sein." (Breit 1991, S.5)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 02.02.2026

 
  
 Arbeitsanregungen:
  1. Analysieren Sie, welche Bedeutung Sexualität und ihre symbolische Codierung (zerbrochener Krug, Ziegenbock, Figur des Dorfrichters Adam) im Zerbrochnen Krug für die thematische Anlage des Dramas haben.
  2. Erläutern Sie, was im frühneuzeitlichen Kontext unter „Unzucht“ und „Notzucht“ verstanden wurde, und arbeiten Sie heraus, welche Rolle der Begriff der „Ehre“ dabei spielte.
  3. Stellen Sie dar, inwiefern frühneuzeitliche Gerichtsverfahren bei Sexualdelikten Fragen von Gewalt und Einvernehmlichkeit gegenüber moralisch-religiösen Normverstößen nachordneten.
  4. Untersuchen Sie, wie kirchliche und weltliche Normen zur Regulierung und Sanktionierung von Sexualität beitrugen und welche Funktion diese Regulierung für Sozialdisziplinierung und Staatsbildung hatte.
  5. Erklären Sie, welche Unterschiede im Umgang mit vorehelicher Sexualität zwischen Stadt- und Landbevölkerung bestanden und wie diese Unterschiede sozial und ökonomisch begründet werden.
  6. Beurteilen Sie, inwiefern die im Text dargestellten frühneuzeitlichen Sexualnormen ein vertieftes Verständnis der Konflikte um Eve und der Machtposition Adams in Kleists Komödie ermöglichen.
 
 
 

 
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