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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Die • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ von •
Heinrich von Kleist (1777-1811) ist Gegenstand
zahlreicher Interpretationen geworden,
Wenn man Kleists Stück als ein reines Lustspiel verstehe, das nach
den dramaturgischen Regeln funktioniere, die bis zur Mitte des
18. Jahrhunderts für diese Gattung gelten, lasse es sich "derb"
interpretieren, betont
Blamberger
(2011, S.256 kindle edition) und meint damit, dass es dann "als
ein Stück im niederen Stil, das vom Schicksal der unteren Stände
handelt, die der Tragik nicht würdig sind", handelt. So spiele das
Stück zwar unter Bauern in einem niederländischen Dorf. Allerdings
sei der Adam keineswegs "ein Tölpel, sondern ein äußerst
wortgewandter Täter, dessen Witz die Verzweiflung spüren lässt,
zugleich Opfer zu sein." Er gehört eben nicht zum Bauernvolk,
sondern hebe sich "mit seiner Lust an der Sprache" von diesem
deutlich ab und wirke unter dem schlichten Landvolk "wie ein
ungeliebter und unverstandener Außenseiter".
Für Wellbery
(1997, S. 15) "(ist) die Spaltung, die das Subjekt auch in
seinem innersten Wesen, in seinem Verhältnis zu sich selbst, von
sich trennt, (...) die zentrale Figur des Dramas." Dieser
Figur entspreche als eine zweite Figur die "Figur
der Verdoppelung", die sich selbst in den Einzelheiten zu den
Zeitangaben im Stück zeige. So habe •
Adam zwei Kopfwunden, die seine
zuerst erzählte Geschichte vom Zusammenprall mit dem Ofen als Lüge
entlarve, und auch sein Satz "Jedwedes
Übel ist ein Zwilling." (10.
Auftritt, V 1484)
sei daher auch wörtlich zu verstehen. Es sei nämlich eine "Zweiheit,
eine unheimliche Verdoppelung und Repetition", mit der das Stück
die "Struktur des Bösen" inszeniere. So werde dieses Motiv schon im
• ersten Auftritt der Komödie
sichtbar, wenn der darin angesprochene "Klumpfuß"
(1. Auftritt,
V 25ff.) •
Adams ihn auch mit dem •
antiken Ödipus und damit außer dem •
biblischen Adam, dem "Ältervater"
(V 9) mit einer weiteren
Person verbindet. Diese Zweiheit, die •
Adam von Geburt an kennzeichne,
sei letztlich auch "Quelle des Übels", das sein Richteramt
eigentlich ausschließen solle. (vgl.
Wellbery
1997, S. 16) Die Zweiheit untergräbt also permanent die
Vorstellung von der Einheit des Subjekts, das in der Lage ist, auch
widerstrebende Momente in seiner Person als stabile Identität zu
integrieren.
Michael
Mandelartz (2008/2009) deutet
den Zerbrochnen
Krug als eine
umfassende • Satire auf einen
zutiefst korrupten niederländischen Staat. In diesem Staat ist
Korruption nicht Ausnahme, sondern Normalfall – sie prägt das
Verhalten sowohl der einfachen Leute als auch der politischen und
juristischen Eliten.
Für ihn zeigt das zum Teil in Scherben zerbrochene Bild auf dem
Krug, das •
Marthe Rull in ihrer •
Geschichte des
Kruges (7. Auftritt, V
680 - V 729)
präsentiert, keinen emanzipatorischen Freiheits- oder Gründungsakt,
sondern lediglich den Abschluss seines
Vertrags zwischen
den Niederlanden und Spanien, der später von den Niederländern
gebrochen wurde. Das Bild auf dem Krug zeigt die feierliche Übergabe
der Niederlande an Philipp II. im Jahr 1555 – ein Akt, der
bestehende Rechte und Abmachungen bestätigen sollte. Es seien aber
die Niederländer gewesen, die den rechtmäßigen Vertrag mit dem
spanischen König gebrochen und mit dem Überfall auf Briel 1572 den
achtzigjährigen Unabhängigkeitskrieg begonnen hätten. Seitdem habe
der Krug, der die Rechtmäßigkeit dieses Vertrages symbolisiert, nur
noch durch Gewalt,
Betrug oder Lügen den Besitzer gewechselt. Aus dem
ursprünglichen Symbol eines ursprünglich legitimen Rechts werde
dadurch das Symbol eines entleerten
Rechts in einem
Staat, der auf Unrecht, Korruption und Egoismus aufgebaut
ist. Die jeweiligen Besitzer des Krugs spiegeln mit ihrem Verhalten
dabei die allgemein herrschende gesellschaftlichen Verkommenheit und
Korruption.
So ist auch der Prozess im Drama ist für Mandelartz letztlich nichts
anderes als der Versuch, Raubgut
als rechtmäßiges Eigentum anzuerkennen und die Illegitimität
des gesamten Staatswesens zu
verschleiern. Dabei hätten maßgebliche Akteure des Prozesses wie – •
Adam, •
Marthe Rull, •
Licht, und sogar •
Walter – ein gemeinsames Interesse
daran, die Illegitimität des Staates nicht offen werden zu lassen.
Denn nur so können sie von seinem System der Korruption profitieren
und ihre persönlichen Vorteile daraus ziehen.
Nach Mandelartz, das dürfte der Kern seiner Interpretation sein,
richtet der Zerbrochne Krug einen schonungslosen Blick auf eine
Gesellschaft, deren Staat von Anfang an auf Unrecht, Korruption und
Gewalt beruht. Der zerschlagene Krug ist für ihn kein Symbol des
Neubeginns, sondern der Endpunkt eines schon lange korrupten
Systems, das sich durch sein Verhalten selbst zerstört.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
14.12.2025
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