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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Die • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ von •
Heinrich von Kleist (1777-1811) ist Gegenstand
zahlreicher Interpretationen geworden. Einer der Ansätze, mit der
der Text untersucht werden kann, orientiert sich am •
dekonstruktivistisches Modell der Analyse und Interpretation. Es
orientiert sich am Sprach- und Zeichenverständnis »Jacques Derridas
(1939-2004) und will "die Konstruktion der Texte in ihrer
grundsätzlich widersprüchlichen Anlage zeigen" (Jeßing/Köhnen
2007, S.314). »Dekonstruktion nennt sich dieses
"Interpretationsmodell“, weil es darum geht, "jede angenommene bedeutungsmäßige Einheit des Textes eben zu dekonstruieren.“ (Steinmetz
1996, S.478) Der Begriff kann dabei auch als "Ausdruck der Entscheidung"
verstanden werden, "Offenheit und Zusammenhanglosigkeit
zuzulassen und freizulegen oder, anders formuliert, die
scheinbar festen und festgefügten Konstruktionen von Texten auf
ihre Offenheit hin zu überprüfen, sie ›auseinanderzunehmen‹, um
ihre Konstruiertheit herauszuarbeiten." (Becker/Hummel/Sander
22018, S.221)
In
•
dekonstruktivistischer Perspektive existiert in der Welt des • › zerbrochnen
Krugs‹, wie auch in der Welt an sich, kein eindeutiger
Zusammenhang von Zeichen und Bezeichnetem, der einen bestimmten Sinn
verbürgen kann. Dies gilt für jedes sprachliche Zeichen im Text
ebenso wie für das Superzeichen, das der Text als Ganzes darstellt.
Anders als im sprachwissenschaftlichen »Strukturalismus
in der Nachfolge »Ferdinand de Saussures (1857-1913)
geht »Jacques Derrida
(1939-2004) davon aus, dass der Zusammenhang von Zeichen (»Signifkant)
und Bezeichnetem (»Signifikat)
nicht stabil ist und die Zeichen keineswegs klar voneinander
abgegrenzt sind. Für ihn hat ein Zeichen also keine vom Kontext
unabhängige Bedeutung. Anders ausgedrückt: ein Zeichen hat zwar eine
Ausdrucksebene (z. B. als Lautfolge (Phonem) oder als
Buchstabenfolge (Graphem) und eine Inhaltsebene (Vorstellung,
Begriff), aber welche Bedeutung es hat, ist nicht auf der Ebene des
einzelnen sprachlichen Zeichens fest und endgültig bestimmt. Statt
auf ein dem Zeichen selbst innewohnendes bestimmtes Signifikat zu
verweisen und dadurch Bedeutung zu generieren, verweist das Zeichen
stets auf andere Zeichen und gewinnt erst dadurch, dass es sich von
diesen unterscheidet (différence), seine Bedeutung.
Für die
Interpretation von Texten, und damit auch für den • ›Zerbrochnen
Krug‹, hat dies zeichentheoretische
Grundlegung bestimmte Konsequenzen. Da diese aus
sprachlichen Zeichen bestehen, deren Bedeutungen quasi immer in
Bewegung sind, können sie auch nicht auf eine Bedeutung/einen Sinn festgelegt
werden. Damit löst sich auch die Vorstellung von der
Werkeinheit auf und auch die Bedeutung des Autors für das
vermeintliche Werkganze verflüchtigt sich, weil auch dieser die
Bedeutung der sprachlichen Zeichen in seinem Text weder
kontrollieren noch festlegen kann. (vgl. Köppe/
Winko 2008, 7.3. Dekonstruktion 7.3.3. kindle-Version).
Genau dies wäre ja nur dann der Fall, wenn die Bedeutung des
Zeichens eindeutig festzulegen wäre.
Wenn der Text
nach Derrida also keine eindeutige Bedeutung haben kann, ist auch das, was
gemeinhin unter der Interpretation literarischer Texte,
insbesondere bei ▪
hermeneutischen Modellen im Rahmen ihrer
"Sinnzentrierungspolitik mit [..]
Heteronomiebeseitigungsverfahren" (Müller 1994, S.138,
Bogdal 1996, S.118) verstanden wird,
unter dem Blickwinkel der Dekonstruktion unsinnig. Statt
Interpretation und einer Lektüre, die vorgibt, den einheitlichen
Sinn eines Textes ermitteln zu können, indem sie
"Irritationspunkte, Widersprüchlichkeiten, Doppeldeutigen" (Fingerhut
1995, S.52) mit einer auf die vermeintlich sinnhafte Einheit
und die Sinnhaftigkeit des Ganzen betonenden Verstehenspraxis
einebnet, stellt die Dekonstruktion
einen Modus des Lesen dar, der den Texten "möglichst wenig
Gewalt antut. Möglichst wenig Gewalt im Sinne einer Zurichtung
und Reduktion auf die eigenen Begriffe, die man für die Lektüre
mitbringt und an den Text heranträgt. Aber auch möglichst wenig
Gewalt im Sinne der Ausrichtung der Lektüre auf ein Ziel." (Engelmann
1990, S.30f., zit. n.
Bogdal 2000, S.14).
Trotzdem geht, wie
Köppe/
Winko (2008, 7.3. Dekonstruktion 7.3.3. kindle-Version)
betonen, "wer eine Lektüre vornimmt, vom semantischen Verstehen
von Texten aus". Allerdings werde in einem zweiten Schritt dieses
Verstehen in Frage gestellt, indem Konflikte oder Widersprüche
im Text ausgemacht würden, die das erste, ›naive‹ Verstehen
hinterfragten und damit problematisierten. Dabei sollen
Widersprechende, einander störende Bedeutungslinien bis auf Wort
- und Buchstabenebene zerlegt werden (Jeßing/Köhnen
2007, S.314) ),
um grundsätzlich ›die Geltungsansprüche einer auf Ermittlung von
Sinn ausgerichteten Interpretation zu unterlaufen‹ (Wegmann
1997, S.334)" (ebd.).
Wenn man die
Lektürepraxis der •
Dekonstruktion, auch wenn dies ihren Vertretern so gar nicht
passt, die ja alles andere als interpretieren wollen, auch als eine Methode der Textinterpretation
beschreibt, kann man mit
Köppe/
Winko (2008, 7.3. Dekonstruktion 7.3.3. kindle-Version)
bestimmte •
Merkmale dekonstruktivisischer
Lektüre- bzw. "Interpretations"praxis festhalten.
Zu ihren
wichtigsten Zielen gehört es danach, an einem literarischen Text
herauszuarbeiten und möglichst textnah zu begründen, dass er
keine kohärente Bedeutung hat. Mit der Absicht "heraus[zu]bekommen,
wie sich ein Text gegen bestimmte Bedeutungszuweisungen sperrt"
(ebd.)
kann die Dekonstruktion dabei außer dem Primärtext auch bereits
vorhandene Interpretationen umfassen, an denen man z. B.
nachweisen kann, dass sie bei ihrer Sicht auf den Text bestimmte
widerspenstige Textelemente außer Betracht lassen
Dabei wird sichtbar gemacht, dass Texte zwar an der Oberfläche eine
klare Bedeutung andeuten, gleichzeitig aber andere, einer ›naiven‹
Lektüre nicht so ohne weiteres zugängliche Bedeutungen enthalten.
Besonders wichtig sind Rand- oder Nebenelemente, die nicht ins Bild
einer geschlossenen Sinnstruktur passen. Diese sollen mit
vielfältigen Bedeutungen aufgeladen werden, etwa durch Hinweise auf
Anspielungen, Nebenbedeutungen oder Bezüge zu anderen Texten. Das
Ziel ist nicht, eine einheitliche, stimmige Gesamt"interpretation"
zu entwickeln, sondern zu zeigen, wie Texte sich gegen eine solche
vereindeutigende Sinnstiftung wehren.
Eine
dekonstruktivistischen Lesart der •
Komödie •
›Der zerbrochne
Krug‹ von •
Heinrich von Kleist (1777-1811) macht sich, das zeigen
die oben dargestellten Grundpositionen dieses Ansatzes, nicht daran,
eine im hermeneutischen Sinn stimmige Interpretation einzelner
Elemente des Textes oder des gesamten Textes herbeizuanalysieren.
Stattdessen nimmt
sie sich das Recht, den Blick auf einzelne Phänomene zu richten, die
beispielhaft zeigen, dass sich und wie sich der Text einer
eindeutigen Sinnzuschreibung entzieht.
Von seiner
materiellen Seite her gesehen ist der Krug
zwar einfach ein Requisit, das oberflächlich betrachtet, ganz wie
ihn •
Marthe Rulls
•
lange Erzählung von der
Geschichte des Krugs präsentiert, ein zentrales Symbol für
Unschuld, Ehe, Weiblichkeit und verletzte Ordnung. Da er allerdings
zerbrochen ist, verweigert er diese eindeutige Bedeutung. Mit seinen
Scherben steht er nämlich dadurch gleichermaßen für das beschädigte
Verhältnis zwischen •
Marthe, ihrer Tochter •
Eve , •
Ruprecht und •
Adam.
Aber nicht nur
diese Bedeutungen stehen in Widerspruch zueinander. Darüber hinaus
ist der zerbrochene Krug, wie
Köhler
(2011) betont, ein "epistemologisches Symbol für die
Unmöglichkeit einer kohärenten Sinnstiftung“. (Köhler
2011, S.92) oder einfacher ausgedrückt: Der zerbrochene Krug
fungiert als Sinnbild dafür, dass Kleists von Widersprüchen
gekennzeichnete Dramenwelt auch nicht durch die Einnahme einer
bestimmten Deutungsperspektive einer einheitlichen,
widerspruchsfreien Bedeutungszuschreibung zugeführt werden kann. Er
verweist auf die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis und macht
sichtbar, dass Sprache und Ordnung selbst brüchig sind, sodass jede
Form von Sinnstiftung fragmentarisch und instabil bleibt.
Die •
Katzengeschichte, die Adam zur Erklärung des Verlusts seiner
Perücke auftischt, dekonstruiert das
Symbol richterlicher Autorität, da die Perücke als Zeichen des Amtes
durch körperlich-triebhafte Assoziationen, "mit den körperlichen
Fakten sexuellen Begehrens" (Blamberger
2011, S. 256f.)
in Verbindung gebracht wird. Was auf den ersten Blick "nur" dieses
Symbol richterlicher Autorität der Lächerlichkeit preisgibt, hebt
auch dessen scheinbar eindeutige Bedeutung als Zeichen auf, in dem
es dessen semantische Stabilität zerstört. Das besagt auch, dass Bedeutung nie fest und
endgültig ist und jedes Zeichen nicht unmittelbar auf ein
Bezeichnetes verweist, sondern auf andere Zeichen, aus deren
Unterscheidung (différence) es erst seine Bedeutung gewinnt. Die
Perücke Adams verdeutlicht beim Sprachgebrauch eben, dass die
Behauptung Zeichen seien stabil, nicht zutrifft, sondern "immer schon
von Differenz durchzogen" (Derrida
51994, S.50) sind.
Auch die
Sprache des Richters Adam
entzieht sich eindeutiger Kontrolle. Seine Rolle verlangt Wahrheit
und Ordnung, doch sein eigenes Sprechen verrät ihn.
Zwar greift Adam immer wieder zu improvisierten Lügen aus dem
Stegreif, doch in diesen brechen sich immer wieder unkontrollierte
Versprecher Bahn. Psychoanalytisch gelesen zeigt sich hier, was »Sigmund
Freud (1856-1939) in seiner Abhandlung »Zur
Psychopathologie des Alltagslebens (1901) als »Fehlleistung
beschrieben hat – "ein verdrängter Gedanke [drängt] sich dem
Bewusstsein in einer entstellten Form auf“."(Freud
1901/1999, S.116)
Das Eintreffen des Gerichtsrat Walter spitzt die Lage, in der sich
Adam nach den nächtlichen Ereignissen befindet so zu, dass er sich
nur noch mit verschiedenen Täuschungsmanövern glaubt helfen zu
können. Er sitzt in der Klemme und fängt wie der •
Fuchs in den •
Fabeln »Jean
de Lafontaines (1621-1695) u. a. zu schwindeln an. Wie in den
Fabeldichtungen, in denen der Fuchs vor allem •
Betrug,
Heuchelei und Habgier symbolisiert, aber am Ende oft auch nicht als
Sieger vom Platz geht, sondern als Betrüger selbst betrogen wird,
scheitert auch Adam am Ende an seinem Lügengespinst. Bereits die
deformierte Körperlichkeit Adams – der "teuflische Klumpfuß" –
fungiert als Zeichen der inneren wie äußeren Dissoziation. (vgl.
Müller
1996, S.41) Daher bleibt, so
Blamberger
(2011) weiter, "auch das vergangene, für •
Eve wie den enttäuschten
Richter traumatische Geschehen (...) nicht in der Vergangenheit, es
affiziert die Gegenwart, bricht störend in Adams Trugbilder ein und
zeitigt Doppeldeutiges. Adams Worte sind wie der Krug gespalten,
selbst seine Lügen enthalten stets die Wahrheit." (Blamberger
2011, S. 256)
So rutscht, wenn man es so sagen will, Adam etwa auf •
Walters Aufforderung, die
Verhandlung mit der Befragung •
Eves ordnungsgemäß
fortzusetzen, geradezu selbstironisch heraus, dass diese zur
Feststellung seiner eigenen Schuld führen werde. "(Sehr gern. /
Doch wenn ihr’s heraus bekommt, bin ich ein Schuft."
9.Auftritt) In dieser Fehlleistung offenbart sich, dass Sprache
mehr enthüllt, als der Sprecher intendiert.
Was in der vergangenen Nacht passiert ist, kann Adam nicht mit einer
widerspruchsfrei kohärenten Geschichte "wegerzählen". Was er auch
immer erzählt, unterläuft immer wieder seine
Rechtfertigungsstrategien. Seine Äußerungen sind damit strukturell
gespalten: Wie der zerbrochene Krug selbst enthalten sie in der Lüge
stets ein Moment von Wahrheit. Besonders deutlich wird dies •
in der
grotesken Erzählung von der Katze, die in seine Perücke gejungt
habe.
Der Schreiber • Licht
soll auf •
Anweisung des Gerichtsrats mit seinem Protokoll der
Gerichtsverhandlung bzw. der Aussagen der Befragten die objektive
Aufzeichnung der urteilsrelevanten Fakten garantieren. Allerdings
sind auch seine Aufzeichnungen weit entfernt von einer
Eindeutigkeit, die dem Anspruch auf Objektivität genügen könnten, da
Adam ihn ständig unterbricht und korrigiert. So wird nach dem
Geplänkel um die Identitätsfeststellung von Marthe Rull, diktiert
Adam gegen die vom Schreiber vorgebrachten Bedenken, was er ins
Protokoll zu schreiben habe ("Mein Seel, wenn ich's Euch sage, /
So schreibt Ihr's hin",
7.Auftritt) Und wenig später möchte er ohne weitere Ermittlungen
in der Sache die Version der Krugzerstörung von Licht, die Marthe
Rull mit dem von ihr Beschuldigten Ruprecht protokollarisch
festhalten lassen, um den Prozess auf diese Weise auf kürzestem
Wege, aber jenseits der Wahrheitsfindung abschießen zu können. ("Setzt einen Krug, Herr Schreiber, wie gesagt,
/
Zusamt dem Namen des, der ihn zerschlagen./
Jetzt wird
die Sache gleich ermittelt sein." (7.
Auftritt). Auf diese Weise wird nicht nur das Protokoll wird
selbst zur Parodie auf Eindeutigkeit, sondern auch die gerichtliche
Wahrheit selbst zu einer Farce.
In der Welt des
"Zerbrochnen Krugs" fallen Sein und Schein auseinander und auch
sprachlich lässt sich diese Kluft nicht überwinden. Die Beziehung
von Sein und Schein ist dabei so nachhaltig gestört, dass Kleists
Stück
in dekonstruktiver Perspektive als Spiel mit der Instabilität
von Bedeutung erscheint: Wahrheit und Täuschung erweisen sich als unauflösbar
verschränkt.
Im Grund genommen ist, wie (Blamberger
2011, S. 262f.) resümiert, "die Welt Adams (..) aus den Fugen,
seine Lügengeschichten können sie nicht wieder einrichten.
Eigentlich ist alles in Scherben, nicht nur der Krug, der die Welt
abbildet – dafür steht ja •
Marthe Rulls
•
lange Erzählung von der
Geschichte des Krugs. Zerbrochen ist Adams Kopf und seine Seele,
Lichts Integrität, die Freundschaft zwischen diesen beiden
Gevattersleuten, zu Schaden gekommen ist bei einem Unfall des
Gerichtsrates
•
Walter
Kutsche und Arm, •
Eves guter Ruf – nicht nur der
Krug, auch die Hochzeit hat, wie •
Ruprecht sagt, *ein Loch
bekommen' –, zerbrochen ist das Vertrauen zwischen Eve und
Ruprecht und das Vertrauen in die Staatsgewalten, denn schließlich
setzt der Gerichtsrat nicht nur
• • Licht anstelle des Richters ins Amt,
der doch das Vergehen der
Rheininundationskasse mit verschwieg,
sondern erwägt ernsthaft die Restitution •
Adams selbst. Zerbrochen
ist vor allem die wahrheitsbildende Kraft der Sprache, der
Zusammenhang von Zeichen und Bezeichnetem, Schein und Sein."
Und das Gericht:
Eigentlich soll es Sinn in die verworrene Lage bringen und mit dem
Aufdecken der Wahrheit die rechtliche Ordnung wiederherstellen soll,
wird aber im Zerbrochnen Krug selbst zur Bühne der Sinnkrise. Der
Text zeigt damit, dass die Suche nach einer kohärenten,
geschlossenen Bedeutung notwendig scheitert.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
30.11.2025
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