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Heinrich von Kleists (1777-1811) • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ enthält unterschiedliche komische Elemente. Man findet an
vielen Stellen des Stücks •
Situations- und •
Charakterkomik und neben der allgemeinen •
Sprachkomik, die durch den Kontrast zwischen der
▪
artifiziellen ▪
Dramensprache des •
Blankverses mit sener rhetorische Elaboriertheit und den "niederen" Geschehnissen auf der Bühne
entsteht, auch immer wieder witzige Ausdrücke in einzelnen Repliken
der Figuren. Der "Lächerlichkeitseffekt" (Steinlein
2019, S.24) des ganzen Stücks entsteht durch das Zusammenwirken
verschiedener "Arrangements, die "auf mehreren Ebenen angesiedelt
sind". (ebd.)
In seiner »Abschiedsvorlesung
(2009) analysiert »Rüdiger
Steinlein (1943-2015) die Komik in •
Heinrich von Kleists (1777-1811) • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ als Resultat eines komplexen Zusammenspiels verschiedener
Ebenen.
Die eigentliche nächtliche Ereignisfolge – der Besuch des
Dorfrichters •
Adam
bei • Eve,
die Zerstörung des Kruges und die Verletzung des Fliehenden – ist
zunächst nicht komisch, sondern "in ihren Ergebnissen fatal" (Steinlein
2019, S.24): Der Krug ist entzwei, Adam hat bei seinem
nächtlichen Besuch in Eves Kammer schmerzhafte Blessuren
davongetragen und von seiner Perücke fehlt jede Spur. Die Folgen,
die die nächtlichen Ereignisse über das gesamte analytische Drama
hinweg haben, haben wohl auch dazu geführt, dass das Lustspiel
Kleists immer wieder in die Nähe der Tragikomödie gerückt wird,
einer dramatischen Gattung, in der sich tragischen und komische
Elemente in einer Weise durchdringen, dass die Tragik des Geschehens
komisch gebrochen wird.
Das Komische in Kleists Drama, sieht man von den verschiedenen
komischen Elementen in den Szenen am Anfang ab, entsteht erst in der gerichtlichen Verhandlung am
Folgetag, als sich die paradoxe Situation entfaltet, dass der
Richter selbst der Täter ist, somit gegen sich selbst verhandeln
muss und "zugleich wegen des Motivs für seinen nächtlichen
Besuch bei Evchen Rull ins Zwielicht gerät: er hat unlautere
Absichten, weil er der jungen Frau unter Vorspiegelung falscher
Tatsachen nachstellt, um – wie man es juristisch formulieren könnte
– den Beischlaf mit ihr zu erreichen oder zu erschleichen." (ebd.
S.25)
Die Lächerlichkeit der Situation
beruht allerdings nicht nur auf der
Verschränkung von Täter und Richter, sondern entsteht vor allem durch die
Anwesenheit des Gerichtsrats •
Walter, der
als
übergeordnete Kontrollinstanz fungiert. Dieser begrenzt Adams
Handlungsspielraum und legt seine diversen Manipulationsversuche
offen. Er fungiert als überlegene Macht, "deren Wirken in der
Gegenwartshandlung – also dem durch den Dorfrichter Adam geleiteten
Gerichtsverfahren – dem Ganzen seine Wendung ins Lächerliche in der
Potenz gewissermaßen gibt." (ebd.
S.25) Nur weil •
Walter als höhere Instanz bei der Verhandlung zugegen ist, kann Adam kann nicht
so verfahren, wie es im beliebt, was auch sein Urteilsspruch
verdeutlicht, den er ansonsten ohne weiteres durchgesetzt hätte. So
muss er sich "an die Regeln einer ordentlichen und
allen Gerechtigkeit widerfahren lassenden Verhandlungsführung [...]
halten. Wo immer er diese in seinem Interesse zu umgehen sucht,
stößt er auf den Widerstand des Gerichtsrates als überlegener und
mächtigerer Kontrollinstanz. Dieses vertrackte Arrangement nötigt
den Dorfrichter zu allerlei – für den Rezipienten und den
Gerichtsrat (auch den Schreiber Licht) erkennbar fadenscheinigen
Ausflüchten, Verzögerungen der Wahrheitsfindung mittels Handlungen
bzw. sophistischer oder dreister Argumentationskapriolen." (ebd.
S.25f.)
Adams wiederholte und zunehmend widersprüchliche Strategien der
Vertuschung – etwa verschiedene Erklärungen für seine verlorene
Perücke – führen zur Bloßstellung seiner Unfähigkeit und
Unaufrichtigkeit. Adam hat die Herrschaft und Kontrolle über die
Situation verloren und agiert in lächerlicher Weise "als in ihrem
Ansehen beschädigte Autoritätsperson, die sich zudem unangemessener
(nämlich unehrenhaft-lügenhafter) Mittel zum Selbstschutz bedient" (ebd.
S.26), die zudem noch widersprüchlich und inkonsistent sind.
In
psychoanalytischer Perspektive kann dieser Prozess als "Komik der
Aufwandsdifferenz“ (nach Freud) verstanden werden: Der vergebliche,
immer intensivere Versuch, die Wahrheit zu verschleiern, steigert
die Lächerlichkeit des ohnehin lächerlich wirkenden Dorfrichters um
so mehr: "Der solcherart Agierende stürzt am Ende doch (in der Logik
der Handlung steht der buchstäbliche Adamsfall natürlich bereits am
Beginn der Verwicklungen – der Sturz vom Obstspalier). Kleists
Komisierungskunst besteht eben darin, den Vermeidungsaufwand Adams
stetig wachsen und sich verdichten zu lassen – auch eine Variante
des dramatischen Gesetzes der die Spannung erhöhenden Retardierung,
die letzten Endes in die Präzipitation der teichoskopisch
wiedergegebenen grotesken Flucht Adams umschlägt." (ebd.)
Kleist konstruiert den Dorfrichter von Beginn an als "Gefallenen" –
sowohl buchstäblich (Sturz vom Spalier) als auch moralisch. Dabei
begründet der
Widerspruch zwischen seiner amtlichen Autorität und seiner
triebhaften, unehrenhaften Privatperson seine komische
Fallhöhe.
Seine "soziale Stellung und Privatexistenz" (ebd.)
sind schon seit dem Adamsfall zu Beginn des Stückes "›entzweit‹ und
diese Entzweiung markiert auch die spezifische komische Fallhöhe des
Betroffenen. Die mit dem Richteramt verbundene Annahme nämlich, der
Inhaber dieses Amtes sei zugleich auch eine über jeden (moralischen)
Zweifel erhabene Person, ist in einen belachbaren Widerspruch zur
Triebhaftigkeit des Dorfrichters als Mensch und Privatperson
getreten. Seine verborgene, triebhafte Seite hat sich im
missglückten nächtlichen Abenteuer in der Kammer und dann an der
Hauswand vor Evchens Kammerfenster manifestiert, dessen Folgen Adam
am nächsten Morgen vor dem bereits hier misstrauischen Untergebenen,
seinem Schreiber Licht, plausibel und unverdächtig zu erklären
sucht." (ebd.,
S.27)
Die allmähliche Enthüllung seiner Schuld, dramaturgisch als
retardierendes Moment
gestaltet, führt zum finalen symbolischen
Absturz. Steinlein betont, dass Kleists Komik aus dieser doppelten
Bewegung entsteht: der zunehmenden Selbstentlarvung Adams und der
gleichzeitigen Ambivalenz der Rezeption. Das Publikum empfindet ein
"gemischtes Lachen", in dem Belustigung und Mitleid koexistieren.
Die Figur des Dorfrichters erscheint so als tragikomische Autorität,
deren Lächerlichkeit in der Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch
und menschlichem Versagen gründet.
Das gemischte Lachen bei der Rezeption ist vor allem auf "die so
kunstvoll lange hinausgezögerte Entlarvung und der finale
(symbolische) Absturz der Hauptfigur" zurückzuführen. Beides lässt
"so etwas wie eine gewisse, sozusagen ‚klammheimliche‘ Sympathie mit
dem solcherart geschädigten Schädiger" zu "und zwar aufgrund seiner
verzweifelten Bemühungen, doch noch die Herrschaft über die ihm
zusehends entgleitende Situation zu erringen."
Das versucht
Adam in erster Linie mit
seinen an den Haaren herbeigezogenen Erklärungen für angebliche Missgeschicke
wie den Verlust
der beiden Perücken, den Ursachen für seine Kopfverletzungen oder die
von Frau Brigitte entdeckte verräterische Fußspur im
Schnee. Wenn die •
Frau Brigitte in ihrem
Hang zum Aberglauben, darin eine Spur des Teufels sieht, wird selbst
diese abstruse Idee von Adam, der sich mehr und mehr in die einer
ausweglosen Lage sieht, mit Nachdruck
unterstützt, um die Angelegenheit zunächst einmal von der Kirche ("Synode")
klären zu lassen. (vgl. Elfter
Auftritt, V 1682
- V 1753)
"Der Aufwand an pseudo-logischer Argumentation, den der aufgeklärte
(vermutlich auch a-religiöse) Adam hier betreibt, seine
sophistischen Kapriolen stehen" so (Steinlein
2019, S.27f.) weiter, "in einem grotesken Missverhältnis zum
faktischen Erklärungswert des Ganzen, sind wegen ihrer
Fadenscheinigkeit lächerlich wirkende Ausweichmanöver."
Dabei beruht die Lachstimmung, die solche Szenen erzeugen nach
Ansicht Steinleins auf "dem Widerspruch zwischen zwei Intentionen,
die hier rhetorisch ins Werk gesetzt werden; nämlich der manifesten
Intention, die Sachaufklärung im juridischen Diskurs voranzubringen
bei gleichzeitiger latenter Gegenintention, diese Sachaufklärung
eben zu verhindern." Was die Zuschauer*innen belachen ist, wie Adam
auch die abstrusesten Argumente vorbringt und im Falle von Frau
Brigitte bemüht, um von sich und der Wahrheit abzulenken. Zugleich
sind die "argumentativen Tricks" (ebd.)
Adams auch das, was einen besonderen Reiz für die Zuschauer*innen
hat, die dem Ganzen mit einer Mischung aus Schadenfreude und
Sympathie zusehen, weil die Art und Weise, wie Adam diese
rhetorischen Winkelzüge inszeniert, durchaus eine gewisse
intelligente Raffinesse zeigen, auch wenn man "dem alten Sünder" (ebd.)
die Schwierigkeiten sich herauszuwinden gönnt. Für Steinlein
"repräsentiert (Adam) damit – etwa im Vergleich zu anderen Figuren
der Kleist’schen Komödie, die im traditionellen Sinne dem Modell der
Unterlegenheitskomik entsprechen, weil sie jeweils aufgrund ihrer
Beschränktheit auf lächerliche Weise unter den Anforderungen der
Situation agieren – eine
komische
Mehrschichtigkeit und Komplexität. Zu deren Merkmalen gehört die
Intellektualität dieser
Figur, ihre Fähigkeit, ihre ‚niederen‘ eigensüchtigen Zwecke
zielstrebig und kalkuliert zu verfolgen und zu verheimlichen – was
allerdings letztlich das Scheitern an und in der Handlung nicht zu
verhindern vermag und – komödiengemäß – auch nicht darf". (ebd.)