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Interpretationsansätze

Der Krugprozess und die geschichtliche Entwicklung zunehmender Korruption in den Niederlanden

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug

 
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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"

Der zerbrochne Krug als Symbol für den Verlust der Legitimität des niederländischen Unrechtsstaats

Die Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ von • Heinrich von Kleist (1777-1811) ist Gegenstand zahlreicher Interpretationen geworden.

Michael Mandelartz (2008/2009) sieht in dem in der Krugbeschreibung und -erzählung • Marthe Rulls dargestellten niederländischen Staat eine korrupte Gesellschaft, deren maßgeblicher Vergesellschaftungsmodus die soziale Praxis der Korruption darstellt, die die Funktionseliten des Staates praktizieren, sich aber durch die gesamte Gesellschaft hindurchzieht.

Was sich schon auf der • Ebene persönlicher Beziehungen zwischen • Adam und seinem Schreiber • Licht (1. Auftritt, (V 148 - V 159) beim Beginn der dramatischen Handlung zeigt (z. B. eine Hand wäscht die andere, V 128; unterschlagene Depositengelder, V 148), findet sich auch in der übergeordneten Verwaltung, wenn Adam seine Zweifel an einem unangekündigten Besuch des Gerichtsrats damit begründet, dass solche von der Utrechter Regierung angeordneten Besuche stets von den jeweiligen Revisoren heimlich durch"gesteckt" worden seien (1. Auftritt, V 93) Und selbst, wenn nun ein neuer Gerichtsrat die Nachfolge des Rats Wachholder (1. Auftritt, V 95) angetreten habe, sei damit das Funktionieren des Systems der Korruption nicht in Frage gestellt.

ADAM.
Wenngleich Rat Walter! Geht, laßt mich zufrieden.
Der Mann hat seinen Amtseid ja geschworen,
Und praktisiert, wie wir, nach den
Bestehenden Edikten und Gebräuchen.

Auch wenn sich • Adam zumindest darin täuscht, dass es einen Konsens zwischen ihm und • Walter in der Frage gibt, wie gemeinhin Recht zu sprechen ist, glaubt er aber wohl fest daran, dass "der Schein oder ein Ideal von Recht" die Korruption verhüllt (vgl. Mandelartz (2008/2009, S.311) und so sieht er auch sein persönliches Schicksal trotz der ihm von • Lichtnahe gebrachten Vorfälle bei der Revision am Gericht seines Amtskollegen Pfaul (4. Auftritt, V 338) im nahe gelegenen Holla nicht ernsthaft gefährdet.

Aber auch in der Krugbeschreibung und -erzählung • Marthe Rulls wird, wie eingangs schon erwähnt, der niederländischen Staat als eine korrupte Gesellschaft dargestellt, deren maßgeblicher Vergesellschaftungsmodus die soziale Praxis der Korruption darstellt, die die Funktionseliten des Staates praktizieren, sich aber durch die gesamte Gesellschaft hindurchzieht.

Diese These steht in klarem Gegensatz zu der von anderen Interpreten wie Grathoff (2000b, S.36) vertretenen Auffassung, dass die in Marthe Rulls Darstellung erzählte Geschichte der Vereinigten Niederlande als eine Geschichte der Emanzipation von der spanischen Fremdherrschaft zu verstehen sei und das auf dem Krug dargestellte Bild den Moment der Staatsgründung festhalte, mit dem die Niederländer erst "zum gesellschaftlichen Subjekt ihres Staates" geworden seien.

Das Zerbrechen des Krugs symbolisiere daher, dass die Niederländer diese errungene Freiheit mit dem Hereinbrechen einer neuen Epoche wieder verloren hätten, in dem sie sich den Modernisierungsprozessen der • frühneuzeitlichen Staatsentwicklung auf unterschiedlichen • Gebieten der Sozialdisziplinierung den auch die Niederlande betreffenden, lang anhaltenden und tiefgreifenden politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Umwälzungsprozessen zu unterwerfen hatten, die aus  "Individuen und Gruppen mit Sonderrechten" bestehende Gesellschaft, "in den als homogen begriffenen Untertanenverband einzufügen." (Schilling 1987, S.155).

In Kleists Drama verkörpern, dieser Auffassung nach, Adam die alte und • Walter die neue Zeit. An ihnen zeige sich, wie Grathoff (2000b, zit. n. Mandelartz (2008/2009, S.394) betont,  nunmehr endgültig, wie die moderne Zeit auch in den Niederlanden ihren Einzug gehalten hätten,  "indem das alte gesellschaftliche Objektsein unter veränderten Bedingungen zurückgekehrt ist." Nicht mehr die Fremdherrschaft, sondern der eigene Staat macht sich also daran, die Menschen und Institutionen zu einem einheitlichen Untertanenverband zu formen. 

Allerdings dürfte die Betonung dieses • Figurenkontrastes, der den Wechsel der alten zur neuen, rational und institutionell kontrollierten Ordnung auf der Ebene der Figurengestaltung des Dramas herausstellt, die Transformationsprozesse, die sich darin vollziehen, nur unzureichend abbilden. Im Sinne von »Michel Foucaults (1926-1984) • historischen Machtanalysen repräsentieren • Adam und • Walter jedenfalls • keine antagonistischen Antipoden von Macht, sondern ergänzen sich im historischen Prozess der Entwicklung von Macht von der älteren • Souveränitätsmacht hin zur • modernen Gesetzesmacht gegenseitig.

Michael Mandelartz (2008/2009) entwickelt hingegen eine anderen Interpretation. Was das "zerscherbte" Bild auf dem Krug festhält, ist für ihn nicht die Darstellung eines epochalen Neuanfanges, sondern ein Moment der Kontinuität in der Geschichte der Niederlande unter der Herrschaft der spanischen Habsburger.

Es zeige mit der Darstellung der öffentlichen Zeremonie bei der Machtübertragung der Herrschaft in den Niederlanden vom Vater, Kaiser »Karl V. (geb. 1500, 1516/19-56), auf seinen Sohn, »Philipp II., (geb. 1527, 1556-98) • 25.10.1555 in Brüssel, an der alle betroffenen Parteien teilnehmen und teilhaben, nämlich einen "Vertragsabschluss, der gerade die Kontinuität des Rechts verbürgen soll." (ebd. S.304). Teil dieser rechtsverbindlichen Zeremonie ist auch die Huldigung des neuen Königs durch die niederländische Ständeversammlung der Provinzen, den »Generalstaaten, die den neuen Herrscher im Gegenzug darauf verpflichten, ihre Rechte eidesstattlich zu respektieren. In jedem Fall bestätige, so fährt Mandelartz (2008/2009, S.305) fort, diese Übergabe letztlich nur die schon "bestehende Rechtsordnung, indem sie sie an die veränderten politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zwischen den Niederlanden und Spanien anpasst."

Kleist habe, so Mandelartz (2008/2009, S.305) sinngemäß weiter, dafür in der Krugbeschreibung • Marthe Rulls Sorge getragen, dass genau dieses von allen Parteien rechtmäßig geschlossene "Paktum", das in Scherben liegt, in den Fokus gerate und nicht etwa irgendein anderes historisches Ereignis, das in direkten Zusammenhang zu bringen ist mit dem Unabhängigkeitskampf der Niederlande, der sich als »Achtzigjähriger Krieg (1568–1648) vom 16. Jahrhundert bis zum »Westfälischen Frieden am Ende des »Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648) auf dem europäischen Kontinent hinzog.

Was • Marthe Rull über die • Geschichte des Kruges (7. Auftritt, V 680 - V 729) erzähle, sei die Geschichte, die mit dem Bruch genau dieses, eigentlich rechtmäßigen Vertrages durch die Niederländer bei der Belagerung von »Briel (• 1572) durch »Wilhelm von Oranien (1553-1584) und die »Wassergeusen beginne. Dieses militärische Ereignis wird in der Wissenschaft immer wieder als Beginn des »achtzig Jahre anhaltenden Unabhängigkeitskrieges (1568-1648) der niederländischen Provinzen angesehen.

Und mit einem Ereignis, das für diesen Vertragsbruch steht, setzt auch • Marthe Rulls Erzählung ein: Es ist die kurze Darstellung des Raubmordes, den ein »Kesselflicker und »Wassergeuse namens Childerich während der Kämpfe um »Briel (• 1572) an einem Spanier verübt, um in den Besitz des Kruges zu kommen (V 680). Damit gelange auch das auf dem Krug dargestellte "Bild legitimer Herrschaft", das der Krug auch als Ganzes repräsentiert, "in die Hände von Mördern und Verschwörern". (Mandelartz (2008/2009, S.307)

Dies ist nach Ansicht von Mandelartz (2008/2009) folgerichtig: Wenn die Entstehung des niederländischen Staates schon auf einen Bruch des Vertrags mit »Philipp II., (geb. 1527, 1556-98) aus dem Jahr • 1555 zurückgehe, würden auch die diesen garantierenden Teile bzw. Parteien sich nicht an Verträge, hier wohl das Recht, halten.

Dann sei der Krug, so führt • Marthe Rull aus, in den Besitz des Totengräbers Fürchtegott gelangt, der nur dreimal aus ihm getrunken habe, und zwar zuletzt als seine Frau verstorben sei (V 688). Sieht man genauer hin, dann kann man auch an diesem Beispiel erkennen, wie sich die unrühmliche Geschichte des Vertragsbruches in weiteren Folgehandlungen im Umfeld des Symbols Krug fortsetzt.

So habe Fürchtegott, der Erzählung • Marthe Rulls zufolge, ja erst mit sechzig Jahren seine junge Frau geheiratet, sei drei Jahre später erstmals und dann noch fünfzehn Mal hintereinander Vater geworden. Dass Fürchtegott mit zusehends 80 Jahren noch der biologische Erzeuger einer solchen Kinderschar sein könnte, wird von Mandelartz (2008/2009, S.307) in Zweifel gezogen. Dies wiederum impliziert dann auch seine Vermutung, dass der alternde Ehemann regelmäßig von seiner jungen Frau betrogen worden ist. Liest man die kurze Geschichte von Fürchtegott so, dann werde klar, warum der so Betrogene nur einmal zur Feier seines erstgebornen Kindes und dann wieder zur "Freudenfeier" (ebd., S.308) des Todes seiner untreuen Frau, die "den Ehevertrag und das darin enthaltene Versprechen der Treue offensichtlich regelmäßig gebrochen hat" (ebd.), zum Trinken benutzt habe.

Ob daraus freilich der generalisierende Schluss gezogen werden kann, "dass Ehe und Familie in den Niederlanden keinen Wert mehr haben" (ebd.), erscheint allerdings eher zweifelhaft. Das Thema • ungewöhnlicher Paare, insbesondere solcher • mit einem großen Altersunterschied durchzieht die Jahrhunderte und ihre Akzeptanz hängt dabei immer wieder von verschiedenen persönlichen, sozialen und ökonomischen Faktoren ab.

Gerade in der Frühen Neuzeit (1300-1800) ist die Altersungleichheit von Paaren • in der Bildenden Kunst, meistens Gemälde, Kupferstiche oder sonstige Grafiken, die einen erheblich älteren Mann mit seiner jungen Frau darstellen (es gibt aber auch die umgekehrte Variante), immer wieder mit einer satirischen Absicht gestaltet worden.

In einer Zeit, in der es gesellschaftlich durchaus üblich und akzeptiert war, dass vor allem jüngere Frauen eine Ehe mit einem erheblich älteren Manne eingingen, der Altersunterschied gut und gerne auch mal mehr als 30 Jahre sein konnte, überzogen flämische, italienische, aber auch deutsche Künstler solche Beziehungen mit hämischem Spott. In der Regel machten sie sich über den auf seine Lüsternheit reduzierten Mann lustig, der offenbar nichts anderes im Sinn hat, als seine sexuelle Befriedigung. Lag diese Lüsternheit in den Augen der Zeit wohl in der männlichen Natur begründet und konnte gezügelt werden, war dies bei Frauen nicht der Fall, über die in einem solchen Fall der Stab moralisch und gesellschaftliche endgültig gebrochen wurde.

Und auch in der Literatur, besonders in Komödien vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit (wie der »Commedia dell'arte), sind die • Motive des verliebten Alten bzw. des Alten, "der von seiner Frau betrogen wird, dieses Faktum aber nicht abstellt oder ahndet, so daß der Betrug zum Dauerzustand wird" (Frenzel 41992, S.311), man spricht hier vom Motiv des »Hahnrei, populär und machen vor allem den alten "gehörnten" Ehemann zum Ziel ihres Spotts.

Dabei war der Hahnrei in der älteren Zeit "vor allem deswegen verächtlich und komisch, weil er von dem ihm zustehenden Recht der Bestrafung des Ehebruchs keinen Gebrauch machte, ihm also sein häuslicher Friede, seine Bequemlichkeit und Sicherheit wichtiger waren als die Intaktheit seiner privaten Sphäre." (ebd. 41992, S.312)

"Unordnung im Geschlechtsleben" war sozial diskriminiert und vor allem der • Ehebruch blieb • seit der "Peinlichen Gerichtsordnung" des »Heiligen Römischen Reiches, der »Constitutio Criminalis Carolina« (kurz: Carolina) (1532) ein besonders schweres Verbrechen, auch wenn es später statt der ursprünglich dafür vorgesehenen Todesstrafe "nur" noch öffentliche • Schandstrafen waren, die betroffene Männer und Frauen erdulden mussten. Allerdings galt für die beiden Geschlechter zweierlei Maß. Brach eine verheiratete Frau die Ehe, verlor sie nicht nur ihre "Keuschheit" als ihr vermeintlich höchstes Gut sondern auch ihre "Ehre" und wurde damit der gesellschaftlichen Ächtung ausgeliefert. Das soziale Konstrukt der männlichen "Ehre" war hingegen nicht an "Keuschheit" gebunden, sondern wurde auf der Basis von Besitz, Autorität, Status etc. definiert. Und zu diesem männlichen Besitzdenken gehörte eben auch die patriarchalische, in zahlreichen Vorschriften sich niederschlagende Herrschaft über die Ehefrau.

Die von • Marthe Rull ohne jede Ironie präsentierte Geschichte von Fürchtegott dient auch der satirischen Betrachtung männlicher Lüsternheit, die ja von dem "Triebtäter" Adam repräsentiert wird. Der vielfach gehörnte Ehemann Fürchtegott ist aber auch eine komische Figur, die vom Publikum verlacht werden kann. Zugleich komisiert die Distanzlosigkeit, mit der • Marthe Rull diese Episode der Kruggeschichte erzählt, auch sie selbst.

Dessen ungeachtet kann die Schlussfolgerung von Mandelartz (2008/2009), die Vereinigten Niederlande seien, das signalisiere die Geschichte Fürchtegotts, in der Folge des Vertragsbruchs mit dem spanischen König zu einem Staat der Huren und Mörder geworden, ihre Plausibilität und Stringenz im Rahmen des gesamten Interpretationsansatzes behaupten.

Auch die Erzählung • Marthe Rulls über den nächsten Krugbesitzer den Schneider Zachäus aus »Tirlemont (Flandern) fügt sich in der Interpretation von Mandelartz (2008/2009) in die Geschichte des "Unrechtsstaates" der Vereinten Niederlande und der zunehmenden Korruption. Wie • Marthe Rull erzählt, habe dieser bei der Plünderung der Stadt durch die französischen Truppen (1635 während des • Französisch-Spanischen Kriegs, 1635-1659), den Krug aus dem Fenster geworfen, der das unbeschadet überstanden, während er sich selbst beim Sprung aus dem Fenster das Genick gebrochen habe. (7. Auftritt, V 697ff.)

An der Wahrheit dieser Darstellung, die • Marthe Rull dadurch verbürgen will, dass sie sich auf einen Bericht ihres verstorbenen Mannes beruft, dem Zachäus dies persönlich erzählt habe, gibt es hingegen klare Zweifel.

Da ist zunächst der Widerspruch, dass Zachäus ihrem Mann, der ja kein Augenzeuge des Geschehens gewesen ist erzählt habe, dass er sich beim Sprung aus dem Fenster das Genick gebrochen habe und dann auch noch gesehen habe, dass der Krug den Wurf aus dem Fenster schadlos überstanden habe. Zudem ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass die Eigentümer ihren Hausrat bei einer Plünderung selbst aus dem Fenster werfen, es sei denn, dass sie damit verhindern wollen, dass er unbeschadet in die Hände der Plünderer fallen soll. Eine Begründung, was Zachäus zu dieser Tat veranlasst haben könnte, gibt • Marthe Rull jedenfalls nicht, so dass der Eindruck entstehen muss, dass es sich um eine von ihr konstruierte "Lügengeschichte" (Mandelartz 2008/2009, S.309) handelt, mit der sie vertuschen will, auf welche unrechtmäßige Weise der Krug letzten Endes in ihren Besitz gelangt ist. Von Zachäus aber habe das Bild auf dem Krug, so Mandelartz (ebd.) weiter, einen neuen Sinn erhalten: "Die Darstellung der vertragsmäßigen Übergabe der Niederlande an Spanien versichert dem Zachäus als loyalem Bürger der Spanischen Niederlande die Rechtmäßigkeit des Widerstandes gegen die Raubzüge der Vereinigten Niederlande durch ihr Territorium."

Am Ende lässt die Lügengeschichte • Marthe Rulls durchaus vermuten, dass ihr eigener Mann als Soldat in der Armee Friedrich Heinrichs von Oranien, dem Statthalter der Niederlande, der an der Seite der Franzosen kämpfte, bei der Belagerung und der vollständigen Zerstörung der zu den spanischen Niederlanden zählenden Stadt »Tirlemont (Flandern) im Jahr 1635 "gemeinsam mit den französischen Truppen das Haus des Zachäus plünderte, dessen Krug und ihn selbst bei dieser Gelegenheit aus dem Fenster warf, so dass er den Hals brach, und den heilgebliebenen Krug anschließend nach Hause brachte." (ebd., S.309) Einen Beweis für diese Deutung der mehr oder weniger offensichtlichen "Lügengeschichte" • Marthe Rulls enthält der Text allerdings nicht. In jedem Falle aber erzeugen die zusammenkonstruierten Widersprüche eine weitere komisch wirkende Diskrepanz zwischen dem auf seriöse Bedeutsamkeit angelegten Gestus ihrer • Krugerzählung (7. Auftritt, V 680 - V 729) und dem Inhalt ihrer Erzählung, die • Marthe Rulls Auftreten insgesamt lächerlich erscheinen lässt.

Eine andere Bedeutung als die des Zachäus bekommt der Krug auf dem Wandgesims in Eves Kammer. Hier symbolisiert er, so Mandelartz (2008/2009, S.309), "zwar noch immer das Recht, aber als Trophäe eines Raubkrieges ist er nur noch entleertes Symbol des Rechts innerhalb eines auf Unrecht gebauten Staatswesens." Mit seinem Kommentar "Zur Sache, wenn's beliebt, Frau Marthe Rull! Zur Sache!" (7. Auftritt, V 705) signalisiere er sein Desinteresse daran, dass durch weitere Einlassungen • Marthe Rulls zu der Art und Weise, wie der Krug in ihren Besitz gelangt sei, auch noch die "Illegitimität der Vereinigten Niederlande" (ebd.) als Ganzes zur Sprache kommt, die ihre Existenz das Unrecht des Vertragsbruches gründen und damit auch seine eigene richterliche Legitimation in Mitleidenschaft ziehen.

In der Interpretation von Mandelartz (2008/2009) ist für eine angebliche Zeitenwende, die das Bild auf dem Krug nach Ansicht verschiedener Interpreten symbolisiert, kein Platz, denn die "Geschichte der Vereinigten Niederlande zwischen der Übergabe der Herrschaft an Philipp II. und der Gegenwart der Dramenhandlung stellt sich" für ihn,  "als eine Folge von Vertragsbruch, Mord, Ehebruch, uneidlicher Falschaussage, raubmäßiger Plünderung, unerlaubten Bankgeschäften, Veruntreuung von Depositengeldern und Abgaben sowie Erpressung dar." (ebd., S.311)

Unter diesem Blickwinkel betrachtet. schlussfolgert Mandelartz (ebd.), dass der Prozess um den Krug "den Höhe- und Umschlagspunkt der geschichtlichen Entwicklung zunehmender Korruption (bildet) und es daher "im ›Zerbrochnen Krug‹ um den Endpunkt der Illegitimität eines ursprünglich usurpatorischen Staatswesens geht, in dem die Illegitimität sich selbst aufhebt: Mit dem Krug wird das Symbol der Legitimität zerstört durch eine korrupte Praxis, die die Legitimität real schon zuvor ausgehöhlt hatte." Das Unrecht, das das Drama zur Darstellung bringt, ist damit nicht darauf beschränkt, was z. B. • Adam tut. Ebenso wenig ist es, unter historischer Perspektive, Resultat der spanischen Fremdherrschaft in den Niederlanden. Stattdessen rührt es "aus dem Ursprung (dem Freiheitskampf) und damit aus der inneren Verfasstheit des dargestellten Staatswesens" selbst. (vgl. ebd., Anm. 20)

Daher ist der Prozess im und um den ›Zerbrochnen Krug‹ nach Ansicht von Mandelartz (ebd.) "ein Prozess um die gerichtliche Anerkennung von Raubgut als Eigentum. Dass er überhaupt stattfindet, verdankt sich dem gemeinsamen Interesse aller Beteiligten, die Illegitimität des Staates, des Gerichts und des Eigentumstitels von Frau Marthe nicht in Zweifel zu ziehen, weil darin die Bedingung der Möglichkeit des allgemeinen Egoismus liegt."

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.12.2025

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Welche zentrale These vertritt Michael Mandelartz über die politische und gesellschaftliche Struktur des niederländischen Staates, wie sie im Drama sichtbar wird?
  2. Worin unterscheidet sich Mandelartz’ Interpretation des Krugbildes von jener anderer Forscher, die darin ein Symbol der Emanzipation von der spanischen Fremdherrschaft sehen?
  3. Wie deutet Mandelartz die verschiedenen früheren Besitzer des Krugs (z. B. Childerich, Fürchtegott, Zachäus) im Hinblick auf seine These eines „Unrechtsstaates“?
  4. Warum erscheint Marthe Rulls Kruggeschichte bei genauer Betrachtung widersprüchlich oder unglaubwürdig, und welche Funktion hat diese Komik im Interpretationsmodell Mandelartz’?
  5. In welchem Sinn versteht Mandelartz den Prozess um den zerbrochenen Krug als Versuch, „Raubgut als Eigentum“ gerichtlich anerkennen zu lassen?
  6. Wie begründet Mandelartz seine Auffassung, dass das Unrecht im Drama nicht aus der spanischen Fremdherrschaft, sondern aus dem Ursprung und der inneren Verfasstheit des niederländischen Staates selbst resultiere?
 
 
 

 
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