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Der zerbrochne Krug

Entstehungsgeschichte des Dramas

Heinrich von Kleist (1777-1811)Dramatische Texte

 
FAChbereich Deutsch
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Die Idee zu seiner Komödie "Der zerbrochne Krug" ist Heinrich von Kleist (1777-1811), wie er in seiner zu seinen Lebzeiten ungedruckten "Vorrede" angibt, einen Kupferstich zurückzuführen, der in seinen Augen möglicherweise auf einem historischen Ereignis beruht. Das Bild "suggerierte ein pikantes Geschehen" (Schneider 2013, S.34), das sich offenbar auf die Verführung eines unschuldigen Mädchens durch einem Bauernburschen bezieht.

"Ich nahm die Veranlassung dazu aus einem Kupferstich, den ich vor mehreren Jahren in der Schweiz sah. Man bemerkte darauf – zuerst einen Richter, der gravitätisch auf dem Richterstuhl saß: vor ihm stand eine alte Frau, die einen zerbrochnen Krug hielt, sie schien das Unrecht, das ihm widerfahren war, zu demonstriren: Beklagter, ein junger Bauerkerl, den der Richter, als überwiesen, andonnerte, vertheidigte sich noch, aber schwach: ein Mädchen, das wahrscheinlich in dieser Sache gezeugt hatte (denn wer weiß, bei welcher Gelegenheit das Delictum geschehen war) spielte sich, in der Mitte zwischen Mutter und Bräutigam, an der Schürze; wer ein falsches Zeugniß abgelegt hätte, könnte nicht zerknirschter dastehn: und der Gerichtsschreiber sah (er hatte vielleicht kurz vorher das Mädchen angesehen) jetzt den Richter mistrauisch zur Seite an, wie Kreon, bei einer ähnlichen Gelegenheit, den Ödip [, als die Frage war, wer den Lajus erschlagen? (im Manuskript gestrichen)]. Darunter stand: der zerbrochne Krug. – Das Original war, wenn ich nicht irre, von einem niederländischen Meister."

Kleist griff auf das in dem Kupferstich gestaltete Geschehen zurück und verband das Motiv der (vermeintlich) verlorenen weiblichen Unschuld mit dem Motiv des schuldigen Richters. (vgl. Schneider 2013, S.34)


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Bei dem Bild handelte es sich um einen Kupferstich von »Jean Jaques Le Veau (1729-1786), den er nach dem verschollenen Gemälde «Le juge, ou la cruche cassée» von »Louis-Philibert Debucourt (1755 - 1832) angefertigt hat. Dieser Stich hing in der Berner Wohnung »Heinrich Zschokkes (1771-1848), der zu seiner Zeit einer der meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller war.

Karl Siegen (1876, S. IX-X) hat das Bild folgendermaßen beschrieben: "Das Bild zeigt eine Gerichtsstube. Im Hintergrund sehen wir zur äußersten Rechten eines in's Freie führende Tür mit der Aussicht auf mehrere Häuser. Diese Tür ist von Personen jeden Alters, aber den niederen Ständen angehörig, umlagert. Dagegen sehen wir zur äußersten Linken, wo sich gleichfalls hinten eine zu einem eleganten Zimmer führende geöffnete Tür befindet, eine vornehme Dame mit zwei Herren; mit dem vorderen der beiden Herren ist die Dame offenbar in ein Gespräch verwickelt. Von diesen beiden Gruppen, welche gewissermaßen das Bild nach rechts und links abschließen und für uns gleichgültig sind, ebenso wie mehrere Kinder, welche noch sich auf dem Bilde vorfinden, sondert sich nun in der Mitte eine dritte Gruppe ab, ein abgeschlossenes Ganzes ausmachend. Diese aus sechs Personen bestehende Gruppe nun haben wir uns wohl als das Vorbild der Kleist'schen Dichtung zu denken. Mehr nach links steht der Gerichtstisch, an welchem der Schreiber, ein junger Mann, sitzt, das Gesicht neugierig nach rechts gerichtet. An der anderen (rechten) Seite des Tisches, etwas mehr nach hinten sitzt der Richter in langem Pelzrock, eine Pelzmütze auf dem Kopf, mit struppigem Haar und Bart und mürrischem Gesicht, die Beine gekreuzt. Er blickt gleichfalls, allerdings, wie es scheint, weniger neugierig als der Schreiber nach rechts auf die vor ihm stehenden und teilweise erst noch herantretenden Personen. Diese verteilen sich wiederum in zwei kleinere Gruppen, von denen beiden je ein weibliches Wesen die Hauptrolle zu spielen scheint. Das eine derselben, ein junges hübsches Mädchen, welches mehr nach links steht, also näher an dem Richtstuhl, hält im rechten Arm einen zerbrochenen Krug, oder vielmehr ein mit einem Henkel versehenes Gefäß, welches auf der Vorderseite ein großes Loch hat, eben jener 'cruche cassée'. Zwischen ihr und dem Richter steht ein Alter, welcher in der linken Hand eine Mütze hochhaltend, mit der rechten auf den Krug deutend und laut schreiend sich an den Richter wendet. Auf der anderen Seite des Mädchens haben wir als die Hauptfigur der zweiten kleineren Gruppe eine alte Bauersfrau, welche eben keifend, mit weit aufgerissenem Munde einen jungen trotzigen Burschen ziemlich handgreiflich herbeigeschleppt und heftig gestikulierend diesen offenbar dem Richter als den Täter angibt, während das junge Mädchen, wahrscheinlich die Tochter jener Megäre*, mit stehender Miene die Alte, wie es scheint, zu besänftigen sucht."
* Megäre: Megaira deutsch auch "Megäre", "der neidische Zorn"; in der »griechische Mythologie: eine der »Erinnyen (Rachegöttinnen)

Mit Tschocke und und anderen jungen Intellektuellen freundete sich Kleist während seines Aufenthaltes in der Schweiz vom Ende des Jahres 1801 bis Ende Februar 1802 an.

An einem der geselligen Abende im Hause Tschocke im Jahr 1802 vereinbarten der »Hausherr, Heinrich von Kleist, der Verleger »Heinrich Geßner (1768-1813), Sohn »Salomon Geßners (1730-1788) und »Ludwig Wieland (1777-1819), der Sohn von »Martin Wieland (1733-1813), wohl angeregt durch den Kupferstich eine Art einer "Dichterwettstreit" über ein derart trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem zerbrochnen Krug und einen großnasigen Richter. Ludwig Wieland soll versprochen haben, eine Satire zu verfassen, Kleist wollte ein Lustspiel entwerfen und Zschokke eine Erzählung schreiben.

Zschokke berichtet darüber:

"Unter zahlreichen, lieben Bekannten, deren Umgang den Winter mir verschönte, befanden sich zwei junge Männer meines Alters, denen ich mich am liebsten hingab. Sie athmeten fast einzig für die Kunst des Schönen, für Poesie, Literatur und schriftstellerische Glorie. Der eine von ihnen, Ludwig Wieland, Sohn des Dichters, gefiel mir durch Humor und sarkastischen Witz, den ein Mienenspiel begleitete, welches auch Milzsüchtige zum Lachen getrieben hätte. Verwandter fühlt’ ich mich dem andern, wegen seines gemüthlichen, zuweilen schwärmerischen, träumerischen Wesens, worin sich immerdar der reinste Seelenadel offenbarte. Es war Heinrich von Kleist.[...]Zuweilen theilten wir uns auch freigebig von eignen poetischen Schöpfungen mit, was natürlich zu neckischen Glossen und Witzspielen den ergiebigsten Stoff lieferte. Als uns Kleist eines Tages sein Trauerspiel »›Die Familie Schroffenstein‹ vorlas, ward im letzten Akt das allseitige Gelächter der Zuhörerschaft, wie auch des Dichters, so stürmisch und endlos, daß, bis zu seiner letzten Mordscene zu gelangen, Unmöglichkeit wurde. Wir vereinten uns auch, wie Virgil’s Hirten, zum poetischen Wettkampf. In meinem Zimmer hing ein französischer Kupferstich, ›la cruche cassée.‹ In den Figuren desselben glaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem zerbrochnen Majolika-Kruge, und einen großnasigen Richter zu erkennen. Für Wieland sollte dies Aufgabe zu einer Satyre, für Kleist zu einem Lustspiele, für mich zu einer Erzählung werden. – Kleist’s „›zerbrochner Krug‹ hat den Preis davongetragen."

(Quelle:Heinrich Zschokke, Eine Selbstschau. 2 Bde. (Aarau: Sauerländer 1842), Bd. 1 (Das Schicksal und der Mensch), S. 204-206)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 03.12.2025

 
 

 
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