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Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne Krug

 
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Den Aufbau eines Dramas analysieren und beschreiben
Akt- und Szenenmarkierungen

Die Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ von • Heinrich von Kleist (1777-1811) ist für ein Bühnenstück vergleichsweise handlungsarm. Was sich in dem • analytischen Drama ereignet, spielt sich an einem Ort und in einer Zeit ab, die linear chronologisch verläuft.

Es ist als Einakter verfasst, mit einer • eindeutigen, in sich abgeschlossene Haupthandlung und einer einsträngigen Fabel. Es folgt den ▪ Aristotelische Regeln von den drei Einheiten mit einer ▪ progressiven und ▪ linearen Zeitkonzeption ohne Sprünge um, bei der die Zeit als Handlungszeit bzw. Handlungsrahmen fungiert.

Einakter als dramatische Kurzgattung

Das Prinzip, dem ein im Allgemeinen nur schwach gegliederter Einakter folgt, besteht darin einen mehr oder weniger "komplexen Geschehenszusammenhang gedrängt und in punktueller Beleuchtung" zu präsentieren, "in dem Figurencharakteristik und dialogisches Spiel streng aufeinander bezogen erscheint. Im Gegensatz zu der 'Einheit der Handlung', die seit Aristoteles für die drei- bzw. fünfaktige Tragödie normative Geltung besitzt, gründet der Einakter in einer 'Einheit der Situation'. Der Augenblick einer krisenhaften Zuspitzung steht im Mittelpunkt und wird durch die Gestaltungselemente von Verdichtung, Reduktion und Abstraktion prägnant herausgearbeitet." (Neumann 2007, S.419)

Als Kleist sein Stück verfasst, begann sich europaweit allmählich ein Verständnis zu entwickeln, das im Einakter eine eigene kurzdramatische Gattung sieht, für das es verschiedene Bezeichnungen gab. Im 18. Jahrhundert entstanden nach dem Vorbild der französischen einaktigen Komödien von »Moliere (1622-1673), »Regnard (1655-1709) und »Marivaux (1688-1763) auch im deutschsprachigen Raum verschiedene Varianten dieser Kurzform z. B. als "Schäferspiele", "Lustspiele in einem Akt", "Farcen", "Singspiele", "Possen" usw.

Aber wohl erst Ende des 19. Jahrhunderts verband sich mit dem Begriff Einakter "die Idee einer neuen Formel der dramatischen Kunst, die in experimenteller Auseinandersetzung mit theatralischen Großformen und den Aporien des Illusionstheaters verschiedene Mittel künstlerischen Ausdrucks (Musik, Tanz, Pantomime, Kabarett, Malerei) und technische Medien wie Kino, Grammophon, Tonband einbezieht." (ebd.. S.419f.)

Kleists ursprüngliche Fassung ohne untergliedernde Szenenmarkierung

Kleist selbst hat seinem zerbrochnen Krug hat, als er den Text handschriftlich verfasst hat, keine Untergliederung des Textes mit Auftritten beigegeben. Erst in der Buchausgabe der Komödie im Jahre 1811 wurden diese Szenenmarkierungen in den • Nebentext des Dramas eingefügt. Allerdings sind sie nicht am Handlungsablauf oder am Inhalt orientiert. Konfigurationswechsel mit • Auf- und Abtritten vor allem der Nebenfiguren finden auch innerhalb dieser markierten Einheiten statt (• partielle Konfigurationswechsel). So dienen die eingefügten Auftritten wohl vornehmlich dazu, dem Leserinnen und Lesern der Komödie das Lesen zu erleichtern.

Allerdings hat schon »Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der Kleists Komödie im 2. März 1808 unter seiner Regie am Weimarer Hoftheater uraufführen ließ, mit dieser ungegliederten und den zeitgenössischen Theaterkonventionen vordergründig widersprechenden Gestalt des Dramentextes wenig anfangen können bzw. anfangen wollen. Jedenfalls teilte der das Stück in drei Akte auf, was wohl nicht zuletzt daran gelegen sein dürfte, dass ihm als Theaterpraktiker bei einer Spieldauer des Stücks von mindestens anderthalb Stunden klar war, dass das Publikum in einem solchen Fall Pausen wünschte. Andererseits passte ihm wohl auch nicht ins Konzept, wie Kleist mit den gängigen Formprinzipien des klassischen Dramas in seiner Komödie umsprang. (vgl. Schulz 2011, S.372) Schuld daran, dass • das Stück in Weimar durchfiel und "am Ende ausgetrommelt" (Buck (Hg.) Goethe-Handbuch 1996, Bd. 2, S.39) wurde, war dies allerdings nicht.

Kleists Einakter als verkapptes klassisches Drama

Man kann den Handlungsverlauf auch unter dem Blickwinkel der • Komposition des Dramas betrachten, um zu verdeutlichen, dass der Einakter nach der Aufteilung der Handlung in fünf verschiedene Akte mit dem • Kompositionsprinzip des Dramas der geschlossen Form nach Gustav Freytag (Technik des Dramas, 1863) beschrieben werden kann.

Dies ist der Tatsache geschuldet, dass vom Aufbau der Dramenhandlung her gedacht, das "Konstruktionsschema des ▪ analytischen Dramas [...] in besonderen Maße" zu einem Drama der geschlossenen Form (Klotz 1969, S. 41) passt.


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Um es salopp zu sagen: Bühnenwirksame "action" spielt sich vor dem Einsetzen der Bühnenhandlung ab. Es sind die Geschehnisse, die mit der sexuellen Nötigung und Erpressung des • Dorfrichters Adam gegenüber der jungen Nachbarstochter • Eve zusammenhängen, die zu einem nächtlichen Zwischenfall führen, bei dem der Dorfrichter nicht ungeschoren davongekommen ist. Das eigentliche Drama, seine poetische Ausweitung der Lügen (vgl. Titzmann 91974, S.263), die der Dorfrichter Adam auftischt, und das "Aneinandervorbeireden [...] das zum eigentlichen Vorgang des Dramas wird" (ebd.) verlangt dem Publikum, das auf Unterhaltung durch das Lustspiel aus ist, einiges ab. Wenn der Dialog der Figuren mit seinen "Wortfetzen, die keine Verbindung zwischen den Partnern mehr herstellen [...] (...) und ihren Sinnzusammenhang erst wieder für das zuhörende Publikum (gewinnen)", wird klar, dass der zerbrochne Krug ein Publikum verlangt, der die Handlung über das burleske Spiel der "prallen Charaktere" (ebd.) hinaus in einem "Bedeutungsfeld" erkennt, "das in Wortspielen und Schlüsselworten das wirkliche Verhältnis der Personen zueinander zeigt und damit die Wahrheit blitzartig aufscheinen lässt."

Dennoch zeigt sich bei genauerer Betrachtung ein Spannungsbogen.


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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 14.11.2025

 
 

 
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