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Aspekte der Szenenanalyse

Aspekte der Analyse und Interpretation

Heinrich von Kleist Der zerbrochne KrugHandlungsverlaufEinzelne Szenen Zwölfter Auftritt

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des Dramas Handlungsverlauf Überblick Analytische DramenstrukturSzenenüberblick Einzelne SzenenÜberblick1, Auftritt 2. Auftritt 3. Auftritt 4. Auftritt 5. Auftritt 6. Auftritt 7. Auftritt 8.Auftritt 9. Auftritt  10. Auftritt 11. Auftritt Zwölfter. Auftritt Text [ Aspekte der SzenenanalyseInhaltliche Gliederung der Szene Aspekte der Analyse und Interpretation ] Bausteine Fragen und Antworten (KI) ] 13. Auftritt Variant (12. Auftritt) Bausteine Bausteine Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater
teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"

Der • Zwölfte Auftritt (• Text) in ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811)Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹, der der trotz des angehängten letzten Auftritts das "eigentliche" Ende des Stückes repräsentiert, ist für die Gesamtdeutung des Dramas von zentraler Bedeutung.

Für Fülleborn (2004, S.103) hängt "der ›gute‹ Komödienschluß oder die Begnadigung des Teufels" und damit "die Beurteilung eines Lustspiel-Endes [...] sehr davon ab, ob man es akzeptiert, das heißt, ob man es im dramatischen Geschehen ausreichend begründet findet." 

Falls das Publikum bzw. die Leser*innen das Ende akzeptierten, entfalte das Stück eine gewissermaßen kathartische Wirkung, die mit • Adams "Verzeichnung ins Teuflische" zusammenhinge, auch wenn die Wahrnehmung • Adams als Teufel lediglich der Perspektive und Denkart der einfachen Dorfbewohner entspreche. In dieses Bild passt genau hinein, wenn • Adam sich nach seiner gelungenen Flucht aus der Gerichtsstube draußen in der Winterlandschaft davonmacht und diese Flucht von • Licht, der dies vom Fenster aus beobachtet, mit den folgenden Worten aufgeregt kommentiert wird: "Seht, wie der Richter Adam, bitt ich euch, / Berg auf, Berg ab, als flöh er Rad und Galgen, Das aufgepflügte Winterfeld durchstampft!" (12. Auftritt, V 1954 - V 1956) Die groteske Flucht • Adams steigere diese Verteufelungswahrnehmung und könne in modernen Inszenierungen, die das versöhnliche Ende der Komödie nicht ernst nähmen dazu führen, dass das Stück am Ende "zu einer modernen Tragikomödie" werde, deren Ende – wie im Übrigen beim Grotesken üblich – dem Rezipienten unter anderem deshalb im Hals stecken bleibe, weil es keine kathartische Entlastung bewirke.

Wenn man dagegen die Begnadigung des vom Volksglauben verteufelten • Adam so annimmt, wie es Kleists Text vorgibt, wird das Ende des Stückes auf der Basis des gattungstypischen Komödienschemas interpretiert und öffnet damit auch den Weg hin zu einem komödientypischen geistig begründeten "Heiterkeits“-Moment, "das bei allem Ernst der Handlung ein freieres Lachen" ermögliche. Dann entspräche der Schluss jedenfalls der "spezifisch Kleistschen Tragikomödie". (Fülleborn 2004, S.103)

Es ist dabei Gerichtsrat • Walter, der am Ende durch seine Aufforderung an Licht, • Adam zurückzuholen, die aufgebrachten Klageparteien, die sich am Fenster über den von seiner Perücke durch die Winterlandschaft gepeitschten Adam (12. Auftritt, V 1959) mokieren und von Rache- und sogar von Lynchfantasien bewegt werden, zu besänftigen und • Adam nicht härtester Strafe zuzuführen, sondern eine humane Behandlung zuteil werden zu lassen.

Dabei setzen die beiden Fassungen des 12. Kapitels bei dieser Sprachhandlung • Walters unterschiedliche Akzente.

So heißt es in der ausführlicheren handschriftlichen, von Kleist selbst "Variant" genannten Fassung (12. Auftritt, Variant) des Komödienendes, die zwischen 1802 und 1807 entstanden ist:

"Geschwind, Herr Schreiber, fort! Holt ihn zurück!
Daß er nicht Übel rettend ärger mache.
Von seinem Amt zwar ist er suspendiert,
Und euch bestell’ ich, bis auf weitere
Verfügung, hier im Ort es zu verwalten;

Doch sind die Kassen richtig, wie ich hoffe,
So wird er wohl auf irgend einem Platze
Noch zu erhalten sein.
Fort, holt ihn wieder.
(12. Auftritt, Variant, V 2415 - V 2424)

In der • Bühnen- bzw. Druckfassung aus dem Jahr 1811 lautet die Stelle dagegen:

Geschwind, Herr Schreiber, fort! Holt ihn zurück!
Daß er nicht Übel rettend ärger mache.
Von seinem Amt zwar ist er suspendiert,
Und Euch bestell ich, bis auf weitere
Verfügung, hier im Ort es zu verwalten;

Doch sind die Kassen richtig, wie ich hoffe,
Zur Desertion ihn zwingen will ich nicht.
Fort! Tut mir den Gefallen, holt ihn wieder! 
(12. Auftritt, V 1960 - V 1967)

Während die beiden letzten Verse der Langfassung darauf abheben, dass auch der vom Richteramt suspendierte • Adam noch irgendwo im "System" unterkommen kann, akzentuiert die spätere Buchfassung darauf, was ihm erspart werden soll. Auch wenn der Begriff "Desertion", eigentlich die mit dem Tode zu strafende Fahnenflucht, hier metaphorisch ist, verschärft sie den letzten Urteilsspruch, den • Walter hier über • Adam fällt, und gibt der zusätzlich neu in den Text aufgenommenen persönlichen Bitte • Walters ("Tut mir den Gefallen", V 1967) besonderes Gewicht. (vgl. Fülleborn 2004, S.104)

Mit seiner refrainartig zweimal wiederholten Aufforderung an • Licht, • Adam zurückzuholen, damit dieser "nicht Übel rettend ärger mache" (V 2416), d. h. sein Schicksal selbst noch verschlimmere, zielt • Walter, so lässt sich an dieser Stelle spekulieren, wohl darauf, • Adam damit "vor möglicher Selbstbestrafung, vielleicht vor einem Suizid, zu bewahren." (ebd.)

Walter selbst erscheine dann auch nicht, wie immer wieder einmal angenommen, als deus ex machina, "einer übermenschlichen Instanz"  sondern als Repräsentant "einer leisen und zugleich entschiedenen Humanität" (ebd.). Dies entspreche auch dem, was er bei seiner Ankunft im Gerichtssaal • Adam gegenüber über sich und sein Amtsverständnis ausgeführt hat ("Doch mein Geschäft auf dieser Reis ist noch /Ein strenges nicht, sehn soll ich bloß, nicht strafen,"; 4. Auftritt, V 301f.) Darüber hinaus biete sich • Walter mit der Einnahme dieser Distanz zu dem Geschehen, ohne dass ihm dabei dessen Details entgehen, "als Perspektivfigur für den ›idealen‹ Leser oder Zuschauer" (ebd.) dieser Komödie an.

Aus dieser Perspektive betrachtet, müsse man • Adam "als einen einsamen, modernen Adam ›sehen‹, heillos getrennt durch Altersunterschied, gesellschaftliche Stellung und bürgerlichen Moralkodex von seiner Eva qua Eve, die er desto mehr und unabweisbarer begehrt, um sich einen bescheidenen Teil vom ›Erdenglück‹ zu ergattern." (ebd., S.105) Da er dies freilich nicht auf normalem Weg erlangen kann, setzt er die Machtinstrumente ein, die ihm sein Richteramt geben, skrupellos ein und "bringt so Sexualität und Gewalt auf gefährliche Weise zusammen." (ebd.)

Im Prozess erlebe • WalterAdam als einen Menschen, der sich "mit berechnendem Verstand, Phantasie und auch Skrupellosigkeit reichlich ausgestattet" (ebd.) selbst zu behaupten suche. Dass • Walter ihn am Ende begnadigt, liege dabei wohl daran, dass er sich nicht anmaße, diesen Menschen nach den Regeln des Gesetzes zu verurteilen. "Was er abschließend über ihn verfügt," so Fülleborn (2004, S.104) weiter, "ist denn auch weniger ein juristisch unanfechtbares Urteil als eine verstehende und hilfreiche Hinwendung zum Nächsten angesichts der ›gebrechlichen‹ condition humaine, die Adam stellvertretend und zugleich sehr persönlich zu durchleiden hat."

Kleists Komödie wird, so die Sicht Fülleborns (2004, S.106) auf das gesamte Stück, als humana commedia plausibel, die die Frage nach der menschlichen Natur und der Zerbrechlichkeit des Daseins aktualisiert, ohne das Prinzip Hoffnung preiszugeben oder, anders ausgedrückt: "eine ›humana commedia‹, in welcher die Frage nach dem Wesen des Menschen verknüpft ist mit der modernen Erfahrung der Temporalität des menschlichen Daseins, dessen tragische Gefährdung durch die Zeit aber nicht das letzte Wort hat." Das glückliche Ende für • Eve und • Ruprecht setzt dabei zusätzlich ein schwaches, aber wirksam bleibendes Hoffnungszeichen.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 30.12.2025

 
 

 
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