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teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater
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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Im
• Ersten Auftritt (•
Text) in
▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ wird die Beziehung zwischen dem Dorfrichter •
Adam Adam und seinem Schreiber •
Licht angesichts der ungeklärten
Ereignisse der Vornacht und der bevorstehenden Revision durch den
Gerichtsrat •
Walter exponiert. Aus dem, was der
Zuschauer/Leser aus diesen und anderen ihm dadurch zuteil werdenden
Informationen entnimmt, bildet er sich erste Hypothesen über den
möglichen Fortgang der Handlung.
Die
Unmittelbarkeit des dramatischen Geschehens führt dazu, dass am
Anfang des Dramas die •
Diskrepanz zwischen der Informiertheit der dramatischen Figuren und
der Informiertheit des Lesers bzw. Zuschauers besonders
hoch ist und der Zuschauer darauf angewiesen ist, Informationen aus den
verschiedenen ▪
Codes und Kanälen
des • plurimedial
präsentierten Bühnengeschehens herauszulesen, die es ihm u. U.
anderem ermöglichen, die Situation zu deuten.
Während die Figuren
Adam und Licht also von Anfang wissen, wo sie wann sind und mit wem
sie es zu tun haben, muss sich der Zuschauer/Leser diese
epistemologische Position erst "erarbeiten". Dazu gehört natürlich
auch das Vorwissen, das die Figuren darüber mitbringen.
Im
vorliegenden Fall unterscheidet sich aber aber auch die
Informiertheit der Figuren voneinander.•
Licht weiß ja zunächst nicht, was
die Ursache für Adams desolaten Zustand am frühen Morgen ist und
erfährt erst, und mit ihm der Zuschauer, welche Erklärung •
Adam dazu abgibt. Ob der Zuschauer
schon zu Beginn des Stücks durchschaut, dass •
Licht dem Dorfrichter eine
"erotische Eskapade" unterstellt, wie
Gräff
(2024, S. 108) meint, dürfte vor allem davon abhängen, ob er den
•
Hinweis auf den biblischen Sündenfall des "lockern
Ältervater" (V 9)
Adam mit seinen erotischen Konnotationen versteht. Die von häufigem
Sprecherwechsel und
Antilaben im Rahmen eines einzigen Blankverses
geprägten und mit •
Gedankenstrichen markierten Gesprächspassagen (V 7 -
V 13) können den
Leser*innen, aber auch durch den von ihnen markierten •
Gedanken- bzw. Themenwechsel indessen eine solche
Bedeutungskonstruktion nahe legen. Allerdings kann diese an dieser Stelle nicht
mehr als eine erste Vermutung sein kann, die im weiteren Verlauf der
Handlung bestätigt oder verworfen werden kann.
Zu den
Informationen, die der Zuschauer aus dem Bühnengeschehen entnimmt,
gehören auch Elemente, die sich auf die Art der Beziehung zwischen Adam
und Licht beziehen. Gefragt und gedeutet wird dabei, was ihre
persönliche Beziehung zueinander kennzeichnet.
Zunächst einmal
begegnen sich Adam und Licht in einer Art "Interview-Gespräch",
in dem der von Licht ausgedrückte
Gestus des Befragens und Erkundens ("Ei, was zum Henker,
sagt, Gevatter Adam! / Was ist mit Euch geschehn? Wie seht Ihr
aus?", V 1 - 2) mit
einer freundschaftlich geprägten Ansprache ("Freund", Gevatter")
den •
Inhaltsaspekt der Kommunikation in den Vordergrund stellt. Die
Kommunikation verläuft, solange es darum geht, was Adam zugestoßen
ist (– V 63),
weitgehend symmetrisch und endet mit einer, trotz seiner
unterschwellig zum Ausdruck gebrachten Zweifel an Adams Darstellung
mit einer humorvoll einlenkenden Geste und Äußerung Lichts
"LICHT lacht.
Gut, gut.
ADAM.
Verdammt!
LICHT.
Der erste Adamsfall,
Den Ihr aus einem Bett hinaus getan. "
In diesem ersten Teil des Gesprächs dominiert die persönliche
Beziehung zwischen Adam und Licht, die noch wenig von einer
hierarchischen Beziehung des Dorfrichters zu seinem Schreiber
erkennen lässt.

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Im weiteren
Verlauf des Gesprächs bekommt die Kommunikation zwischen beiden
einen anderen Charakter, nachdem Licht Adam mitgeteilt hat, dass der
unangekündigte Besuch des Gerichtsrates unmittelbar bevorsteht, mit
dem die Amtsführung und die Amtsgeschäfte des Dorfgerichts einer
Überprüfung unterzogen werden sollen.
Als •
Licht •
Adam
die bevorstehende Ankunft des Revisors aus Utrecht und die
Vorkommnisse in bei seinem Amtskollegen in Holla berichtet und
ausdrücklich warnt, steht damit auch die Unterstellung im Raum, dass
sich Adam wie der Richter in Holla etwas zuschulden hat kommen
lassen. Was •
Licht bei seiner Warnung aber geflissentlich nicht
berücksichtigt ist, dass auch der Schreiber in Holla seines Amtes
enthoben worden ist.
Adam, der die
bevorstehende unangekündigte Revision zunächst nicht hatte glauben
wollen, reagiert auf diese persönliche Warnung, hinter der er
offensichtlich auch einen Hinweis vermutet, dass er dabei auf die
Verschwiegenheit des Schreibers angewiesen sei, mit der Einforderung
der Loyalität •
Lichts.
"Gut,
Gevatter! Jetzt gilt's Freundschaft
Ihr wißt, wie
sich zwei Hände waschen können." (V
128 - V 129)
Dahinter steht
das Wissen um die jeweils schwachen Stellen des anderen, auf die es
sich lohnt, Rücksicht zu nehmen. (vgl.
Mandelartz (2008/2009, S.310) Zugleich macht er
ihm das Angebot, ihn bei seinen beruflichen Ambitionen, selbst
Richter zu werden, beizeiten zu unterstützen, wenn er sich ihm
gegenüber bei der bevorstehenden Revision loyal erweist.
Damit ändert sich
auch der Charakter der Kommunikation zwischen beiden. In der Folge
spricht Adam eindeutig aus einer superioren Position heraus, fühlt
•
Licht quasi als sein Vorgesetzter auf den Zahn. Zugleich spricht er
mehr oder weniger unvermittelt aus, dass auch er ihn in der Hand
hat, wenn es hart auf hart kommen sollte, schließlich habe auch
Licht seine Amtgeschäfte auch nicht vorschriftsgemäß geführt.
"Es ließe
Von Depositionen sich und Zinsen
Zuletzt auch eine Rede ausarbeiten:
Wer wollte solche
Perioden drehn?" (V
148 - V 151)
"Depositionen",
weiß
Mandelartz (2008/2009, S.309), "werden dem ›Preußischen
Allgemeinen Landrecht‹ zufolge dem Gericht übergeben, wenn ein
Schuldner auf Schwierigkeiten bei der Begleichung seiner Schulden
trifft oder die Höhe der zurückzuzahlenden Schulden bzw. Zinsen
streitig ist. Die Zahlungen werden in diesem Falle ausgesetzt, die
Schuld gilt als zurückgezahlt bis zur endgültigen Klärung des Falles Licht hat, so lässt sich aus
Adams Rede schließen, mit diesen
Depositengeldern seine eigenen Bankgeschäfte betrieben, sie
verliehen und Zinsen dafür genommen. Vom Vorwurf der Veruntreuung
aber ist Adam, so behauptet er jedenfalls, »rein«."
Licht, der
offenbar genau weiß, worauf Adam anspielt, weiß kaum etwas dazu zu
sagen, und bekräftigt am Ende, die gegenseitige Versicherung der
Loyalität ("Das sag ich auch:";
V 159) die
•
Adam mit seinem einen humoristischen Ton anschlagenden Resümee
kommentiert:
"Mein Seel! Es ist kein
Grund, warum ein Richter,
Wenn er nicht auf dem Richtstuhl sitzt,
Soll gravitätisch,
wie ein Eisbär, sein." (V
156 - V 158)
Der Loyalitätspakt zwischen beiden hält im Grunde so lange, bis •
Licht, nachdem er vor der Aussage •
Frau Brigittes im Prozess von •
Walter aufgefordert wird, sich
"gefälligst selbst der Sach ein wenig an(zunehmen)" (9.
Auftritt, V 1410),
damit beginnt, mit Rückdeckung des Gerichtsrats den Verdacht mehr
und mehr auf •
Adam zu lenken.
Nach der
Versicherung ihrer gegenseitigen Loyalität gehen sie gemeinsam ans
Werk und bringen Ordnung in die Gerichtsstube. Es gibt jedenfalls
vor der Ankunft des Gerichtsrats noch eine Menge zu tun, wenn sich
die Akten "wie der Turm zu Babylon« (V
162f.) türmen und die Pupillenakten als Einschlag um die
Braunschweiger Wurst dienen (2.
Auftritt, V 216f.).
Trotzdem erwartet •
Adam zunächst auch von dem neuen
Gerichtsrat •
Walter keine grundlegenden
Neuerungen bei der Durchführung der Revision.
Wie alle anderen
auch, sei dieser nämlich gewiss
auch auf seinen
eigenen Vorteil aus
und hasse diese ganze Revisionsarbeit. (V
78f.) Und da der Gerichtsrat •
Walter auch einen Amtseid
geschworen habe, werde er, genau wie sie dies in Huisum täten, "nach
den / Bestehenden Edikten und Gebräuchen"
(V 98) vorgehen. Auch
wenn ihn •
Lichts Bericht über die Revision
in Holla und das Schicksal seines Amtskollegen Pfaul (4.
Auftritt, V 338)
durchaus zum Nachdenken bringt, glaubt er sich im Vergleich zu dem
"liederlichen Hund" (V 119)
und "armen Kauz" (V 124)
im Nachbarort deutlich besser aufgestellt mit seiner Strategie, es
vor allem dem Gerichtsrat recht zu machen und ihn gemäß der üblichen
Gebräuche zu empfangen. Diese Gebräuche, so ließe sich wohl im
Anschluss an Mandelartz
(2008/2009, S.311) sagen, beruhen im Wesentlichen auf einem
Vergesellschaftungsmodus, bei dem nicht das ideelle Recht die
Menschen, zumindest die Funktionseliten des Staates, als soziale
Praxis miteinander verbindet, sondern eine "allseitige
Korruption".
Doch, wie sich schon beim Eintreffen •
Walters herausstellt, gehen
die Ansichten über die Gebräuche in der Rechtspflege zwischen dem
Dorfrichter und seinem Vorgesetzten deutlich auseinander (4.
Auftritt) und zu Beginn des Prozess dauert es lange, bis •
Adam versteht, dass die
ungeschriebenen Gesetze und Gebräuche, mit denen er bis dahin Recht
gesprochen hat (7. Auftritt,
V 629), passe sind.
Das Publikum oder
die Leser*innen bekommen damit aber nur die "offen zutage liegende
Spitze eines Eisbergs der Korruption" zu sehen, "der wesentlich
tiefer reicht." (Mandelartz
2008/2009, S.311)
Sie stellen sich
die Frage, was in der vergangenen
Nacht wirklich geschehen und was wohl bei der Revision durch den
Gerichtsrat herauskommen wird. Insbesondere steht dabei die Frage im Raum, ob der
"Loyalitätspakt", den Adam und Licht geschlossen haben, auf die
Dauer halten wird.