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teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater
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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Der •
Fünfte Auftritt (•
Text) in
▪ Heinrich von Kleists (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ beendet, soweit sich dies bei der •
analytischen Dramenstruktur
sagen lässt, die •
Exposition und leitet unmittelbar zur Haupthandlung des Stückes über, die mit der Ankunft
der Klägerin •
Marthe Rull und ihrer
Tochter •
Eve sowie dem von ihr
Beklagten •
Ruprecht in Begleitung
seines Vater •
Veit Tümpel im Gerichtssaal
einsetzt.
Die zweite Magd
überbringt die Nachricht, dass die Küsterin dem Richter ihre Perücke
nicht leihen könne, da der Küster selbst die eine trage und die andere
gerade repariert werde. Damit gewinnt das Geschehen wieder an komischer
Spannung, da • Adams Bemühen in
Anwesenheit von Gerichtsrat •
Walter seine Amtwürde
wenigstens mit diesem • Symbol
richterlicher Autorität angesichts der ihn zeichnenden Verletzungen
zu unterstreichen, scheitert. Ausgerechnet die Perücke, die ja schon zu
Beginn des Stückes eine zentrale Rolle gespielt und von Adam selbst mit
seiner absurden • "Katzengeschichte"
als Symbol richterlicher Würde der Lächerlichkeit preisgegeben worden
ist (2. Auftritt,
V 242ff.), wird nun zu dem
Objekt, das die Vorgeschichte mit dem beginnenden Gerichtstag verbindet.
Über ihr Fehlen wird auch Walter darauf erst auf diese Vorgeschichte
aufmerksam. Die Ankündigung Adams, den Gerichtstag "kahlköpfig" abhalten
zu müssen, lässt auch den Gerichtsrat nicht unbeeindruckt, der so gut
wie Adam weiß, dass in einem solchen Fall Ansehen des Gerichts leiden
muss.
Womöglich spekuliert
Adam darauf, dass der anstehende Gerichtstag deshalb ins Wasser fällt,
seiner Rede ist dies aber nicht zweifelsfrei zu entnehmen. Einzig sein
Einwurf, er könne ja versuchen, eine Perücke bei einem x-beliebigen
Pächter auf dem Vorwerk draußen vor dem Dorf zu borgen, könnte als
Hinweis darauf gelesen werden, dass er auch Möglichkeit als nicht
standesgemäße Notlösung präsentiert, mit der sich das Ansehen des
Gerichts auch nicht retten ließe. So wehrt Walter diese Möglichkeit ab
und bringt wenigstens zwei Honoratioren ins Spiel (Prediger,
Schulmeister), mit deren Perücken er sich die Gerichtsverhandlung
notgedrungen vorstellen kann.
Als Adam aber
einwendet, dass diese ihm wegen des von ihm als Richter
(unausgesprochen: auf Anweisung von oben!) durchgesetzten Entzugs von
Privilegien wohl nicht aushielfen, hat Walter genug von dem Hin und Her
um die Perücke. Mit seiner ironischen Bemerkung "Denkt
Ihr zu warten, bis die Haar Euch wachsen?",
V 389) zeigt er seinen
Unmut über die Hinhalte-Taktik Adams, dessen erneuten Vorschlag, nun
doch vor der Eröffnung des Gerichtstages jemanden ins Vorwerk zu
schicken, mit dem Hinweis abweist, dass er noch am gleichen Tag nach
Hussahe weiterreisen müsse und daher keine Zeit für weitere
Verzögerungen habe. Mit seinem Vorschlag, Adam solle sich den Kopf
einfach einpudern lassen, setzt er einen Schlusspunkt und unterstreicht
die komische Absurdität der aktuellen Situation. Dabei ist geht allein
schon von dieser Anweisung eine komische Wirkung aus, macht sie sich
doch über die Gepflogenheit der Zeit lustig, die Perücken mit Mehlstaub
weiß einzupudern. Das Einpudern selbst findet dabei aber erst statt, als
Adam mit seinen Mägden die Gerichtsstube verlassen hat, um seine
Amtstracht (Ornat) anzuziehen und sich, wie der Gerichtsrat befohlen
hat, irgendwie so herzurichten, wie es einem Richter gebührt. Und dazu
zählt eben auch seinen Kahlkopf mit weißem Mehl zu bestäuben. Im Vorgriff auf das
Kommende steht es zugleich für die weitere Demontage der richterlichen Würde im
bevorstehenden Prozess.
Außerdem wird damit die Beziehung zwischen Adam
und Walter verdeutlicht. Nachdem alle Verbindlichkeiten (in
"lupenreinem"
▪
Blankvers) ausgetauscht
sind (vgl. 4. Auftritt), wird
mit den Anweisungen Walters, die Adam lächerlich machen, die
Rollenverteilung während der folgenden Gerichtsverhandlung zementiert:
Die superiore Position beansprucht Walter und weist Adam die inferiore
Rolle zu, die dieser ohne Widerspruch annimmt.
Damit wird auch eine
der Strukturen geschaffen, die die •
Komisierung des weiteren
dramatischen Geschehens
prägen wird. Strukturell betrachtet beruht die Komik der gesamten
Situation nicht nur auf der Verschränkung von Täter und Richter, sondern
entsteht vor allem durch die Anwesenheit des Gerichtsrats •
Walter, der
als
übergeordnete Kontrollinstanz fungiert. Dieser begrenzt Adams
Handlungsspielraum und legt seine diversen Manipulationsversuche
offen. Er fungiert als überlegene Macht, "deren Wirken in der
Gegenwartshandlung – also dem durch den Dorfrichter Adam geleiteten
Gerichtsverfahren – dem Ganzen seine Wendung ins Lächerliche in der
Potenz gewissermaßen gibt." (Steinlein
2019, S.25): Nur weil •
Walter als höhere Instanz bei
der Verhandlung zugegen ist, kann Adam kann nicht so verfahren, wie es
im beliebt.
Nachdem die
Perückenmisere auf die beschriebene Art und Weise entschieden ist,
versucht Adam den Gerichtsrat durch das Angebot, ihn ausgiebig zu
bewirten, positiv zu stimmen und abzulenken. Walter durchschaut dies
jedoch und weist das Angebot entschieden zurück. Er will sich
stattdessen vor Eröffnung des Gerichtstags noch ein paar nicht näher
ausgeführte Notizen machen. Ob sie die Antwort auf seine an dieser
Stelle unvermittelt vorgebrachte Bemerkung und Frage "Ihr seid ja bös verletzt, Herr Richter Adam.
/Seid Ihr gefallen?", V
405f.) umfasst, lässt der Text offen. Allerdings spricht einiges
dafür, zumal der dabei auf eine Technik nach Art eines Verhörs
zurückgreift, die er schon im 4.
Auftritt bei seiner Frage "Wie viele Kassen habt ihr?",
V 347) anwendet.
Als Adam antwortet, er
sei morgens beim Aufstehen gestürzt und habe sich dabei schwer verletzt,
ist dem Publikum diese Erklärung schon als Lüge bekannt, was angesichts
ihrer unbeirrten Wiederholung einen zusätzlichen komischen Effekt hat.
Das Wissen des Publikums um die Tatsachenverdrehung und die
fortwährenden Ausflüchte, Hinhalte- und Verzögerungstaktiken des
Dorfrichters lässt es von einer moralisch sicheren Position aus auf den
Amtsrichter als Lügner herabsehen.
Die Szene erhöht
mit den vergleichsweise kurzen und immer wieder einmal durch einen
Sprecherwechsel im Vers unterbrochenen Repliken Adams und Walters das Tempo des
dramatischen Bühnengeschehens wieder und richtet die Aufmerksamkeit der
Zuschauer*innen und Leser*innen auf den bevorstehenden Gerichtstag. Mit
der komisch wirkenden Perückengeschichte verknüpft sie die unmittelbare
Vorgeschichte (der Vornacht) mit dem bevorstehenden Gerichtstag.