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Aspekte der Szenenanalyse

Aspekte der Analyse und Interpretation

Heinrich von Kleist Der zerbrochne KrugHandlungsverlaufEinzelne SzenenSechster Auftritt

 
FAChbereich Deutsch
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Mit dem • Sechsten Auftritt (• Text) in ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811)Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ beginnt die eigentliche Haupthandlung, die in der Gerichtsverhandlung um den zu Bruch gegangenen Krug • Marthe Rull besteht.

Erstmals erscheinen damit, sieht man von den beiden • Mägden des Richter • Adams und dem • Büttel ab, Dorfbewohner auf der Bühne. Was sie sagen, ist, wie ja der gesamte Text, in • Blankversform gehalten, der auch deren Sprache so weit • ästhetisch homogenisiert, dass sich die • Dorf- und die • Gerichtswelt dabei kaum unterscheiden und damit die soziale Position der Sprecher*innen sprachlich nicht markiert ist.

Die Klägerin • Marthe Rull hat gemeinsam mit ihrer Tochter • Eve und den von ihr wegen der Zerstörung ihres Kruges verantwortlich gemachten • Ruprecht, der in Begleitung seines Vaters • Veit Tümpel ist, schon eine Weile vor dem geschlossenen Eingang zur Gerichtstube gewartet. Nun erhalten die Klageparteien durch den • Büttel Einlass, nachdem sich Dorfrichter • Adam auf Anweisung seines Vorgesetzten, dem Gerichtsrat • Walter, trotz der Blessuren die ihn körperlich zeichnen und dem Fehlen des wichtigsten Symbols seiner Richterwürde, der Perücke, den angesetzten Gerichtstag abhalten muss, in dessen Verlauf sich Walter ein Bild von der Rechtspflege am Huisumer Dorfgericht machen will,

Als die Klageparteien in die Gerichtsstube kommen, verschafft sich • Marthe Rull sogleich lauthals Gehör und beschimpft, • Ruprecht und seinen Vater als "krugzertrümmerndes Gesindel" (V 414). Der Krug, ein einfacher Haushaltsgegenstand, den sie bzw. das, was von ihm übrig geblieben ist, mit sich führt, vermittelt den Lesern/Zuschauern die Information, dass es zunächst einmal darum geht, den Schuldigen für diesen Schaden gerichtlich feststellen zu lassen. Die überaus zornige Art, wie sich • Marthe Rull über den Schaden und ihre möglichen Verursacher empört, wirkt von Anfang an überzogen und erzeugt durch die Diskrepanz die zwischen dem zu Bruch gegangenen einfachen Haushaltsgegenstand und ihrem sprachlichen wie mimisch-gestischen Verhalten besteht von Anfang an eine komische Wirkung, die den Zuschauer vermuten lässt, dass der Krug nicht alles ist, worum es ihr geht.

Erst im weiteren Verlauf der Gerichtsverhandlung artikuliert auch • Veit Tümpel, was er sich von dem Verhandlungsverlauf erwartet. Er ist von der Unschuld seines Sohnes überzeugt, hofft, dass das Gericht dies ebenso sehen wird und will dann vor dem Richterstuhl wegen der Anschuldigungen das eheliche Verlöbnis zwischen Eve und Ruprecht auflösen, das • seit dem vergangenen Herbst besteht, und die Verlobungsgeschenke (Silberkettlein und Schaupfennig) ganz offiziell zurückfordern. (9. Auftritt, V 1383 - V 1388)

Das es • Marthe Rull offensichtlich ummehr als um den Krug geht, wird deutlich  als sie • Veit Tümpels beschwichtigenden Einwand, in der Sache doch erst einmal abzuwarten, was das Gericht entscheiden werde, mit einer groß angelegten sprachlichen Attitüde zurückweist, einem Geschwurbel von Wortspielen, mit dem sie den einfachen Bauern Veit Tümpel offenbar schwindlig reden will. (V 415 - V 429)

VEIT.
Sei Sie nur ruhig,
Frau Marth! Es wird sich alles hier entscheiden.

FRAU MARTHE.
O ja. Entscheiden. Seht doch. Den Klugschwätzer.
Den Krug mir, den zerbrochnen, entscheiden.
Wer wird mir den geschiednen Krug entscheiden?
Hier wird entschieden werden, daß geschieden
Der Krug mir bleiben soll. Für so 'n Schiedsurteil
Geb ich noch die geschiednen Scherben nicht.

VEIT.
Wenn Sie sich Recht erstreiten kann, Sie hört's,
Ersetz ich ihn.

FRAU MARTHE.
Er mir den Krug ersetzen.
Wenn ich mir Recht erstreiten kann, ersetzen.
Setz Er den Krug mal hin, versuch Er's mal,
Setz Er 'n mal hin auf das Gesims! Ersetzen!
Den Krug, der kein Gebein zum Stehen hat,
Zum Liegen oder Sitzen hat, ersetzen!

Mit ähnlichen Wortspielen zu dem von • Veit Tümpel verwendeten Verb "entschädigen" (V 432) oder dem Verb "flicken" (V 442), das • Ruprecht verwendet, versucht sie ihre Dominanz in der Auseinandersetzung mit den beiden zu behaupten.

Ihr geht es darum, die Angelegenheit um den zerbrochenen Krug zu einer großen Sache aufzubauschen. Dabei wirkt ihre Sprache besonders komisch, weil der "hohe" Blankvers im Kontrast zu dem "niedrigem" Inhalt, dem Krug als einfachem Haushaltsutensil, steht.

Was sie sagt, wirkt, im Blankvers formuliert, besonders geschwätzig, wichtigtuerisch und dient sowohl ihrer Selbststilisierung als auch der Durchsetzung ihrer Interessen vor Gericht, was sich auch in der von ihr sehr breit erzählten • Geschichte des Krugs (7. Auftritt, V 640-V 729) zeigt, mit der sie das Gericht quasi zur Bühne ihrer Erzählung macht.

Dabei • dominiert in der Art und Weise, wie • Marthe Rull vom Blankvers in dieser Situation Gebrauch macht, wohl die • expressive Funktion, auch wenn die • phatische Funktion, die den Partnerbezug intensiviert ebenso von Bedeutung ist. Zuguterletzt haben verdeutlichen die ironisierenden Wortspiele auch die • metasprachliche Funktion der Sprache und damit ihre Fähigkeit,  sich selbst sprachlich zum Thema zu machen, also auf einer Metaebene, statt auf der Objektebene, über Sprache selbst zu reden.

Was • Ruprecht sagt, als er sich in das Gespräch einschaltet und nun seinerseits Marthe Rull als "Drache" beschimpft (V 339), ist für Mathe eine unverschämte und haltlose Provokation. Er unterstellt ihr nämlich, dass es ihr letztlich gar nicht um den Krug gehe. Ihre Absicht sei es vielmehr, die  "Hochzeit [...], die ein Loch bekommen" (V 441) zu "flicken" (V 442). Doch für Ruprecht ist dies ein aussichtloses Unterfangen und daran will er nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen, indem er die noch immer nicht ausdrücklich genannte Eve als daran schuldige "Metze" (V 444) diffamiert. Als sich Marthe Rull gegen diese Unterstellung mit dem gleichen Wortgeschwurbel zum oder dem Verb "flicken" (V 442) verwehrt, hat auch der Leser bzw. Zuschauer den Unterschied seines Wissenstandes gegenüber der agierenden Figuren verringert.

Eve und • Ruprecht sind bis zu diesem Zeitpunkt ein Brautpaar, eine Verbindung, die der Bräutigam deshalb aufkündigt, weil er annimmt, dass sie ihm untreu geworden ist.

Der Vorwurf der Untreue wiegt schwer, denn • bis ins 20. Jahrhundert hinein war die Ehe der einzige legitime Ort für Sexualität und das Ehebett allein war der "anerkannte Altar für die Zeremonie der Sexualität" (Perrot 1992, S. 121, zit. n. Gestrich 2003, S.513) Ging es um vorehelichen und außerehelichen Geschlechtsverkehr, ging es um die so genannte • "Unzucht".

Der Vorwurf, eine Metze zu sein, die sich prostituiert, den • RuprechtEve macht, zielt auf deren Ehre und damit auf ihre soziale Existenz als Frau. Denn sehr oft wurden Frauen, die wegen vorehelichen Geschlechtsverkehrs ihre "Ehre" verloren hatten, zu • "Huren" abgewertet, das sie im Gegensatz zum Mann außer ihrem Stand, nämlich den der ›Jungfräulichkeit‹, auch ihre Ehre verloren hätten. (vgl. Breit 1991, S.5f.) Die Virginität war, wie immer man heute dazu steht, in dieser Zeit ein hohes Gut, das, insbesondere in der dörflichen Welt, "nicht bloß individuell, sondern auch kollektiv zu verteidigen war." (Eder 2002, S.39)

Sehr oft wurden Frauen, die wegen vorehelichen Geschlechtsverkehrs ihre "Ehre" verloren hatten, Opfer von Sanktionen, die die weltlichen und sozialen Obrigkeiten gegen sie verhängten und die "über die internen familialen und von einzelnen gesellschaftlichen Gruppen festgelegten Restriktionen" (Barth 1994, S.55) hinausgingen.

So gab es den Brauch, wonach eine als "entehrt" geltende junge Frau bei der Hochzeit als sichtliches Zeichen ihrer Schande einen Strohkranz zu tragen hatte oder überhaupt keinen. Sah man der Braut ihre Schwangerschaft schon an, wurde ihr von einer Hebamme beim Hochzeitszug ein Kissen nachgetragen. Und auch die Obrigkeiten legten nach: In einer Braunschweigischen Stadtordnung, das Beispiel steht für viele, war niedergelegt, "dass ein schwangeres Mädchen die Haare zu bedecken und bei Sichtbarwerden ihres Zustandes die Stadt zu verlassen habe." (ebd., S.56)

Die zeitgenössischen Leser*innen und Zuschauer*innen sind darüber natürlich bestens im Bilde. Sie können, wie weiter anzunehmen ist, auch die sexuelle Anspielung herauslesen, die • Ruprechts Bemerkung über die  "Hochzeit [...], die ein Loch bekommen" (V 441) bedeutet und • konnotieren damit wohl auch die symbolische • Bedeutung des zerbrochnen Krugs als sexuelles Symbol. Das "Loch" von dem Ruprecht spricht, ist eben nicht nur ein Hinweis auf die gescheiterte Hochzeit, sondern eine Anspielung auf das weibliche »Hymen und den Verlust jungfräulicher Unschuld (vgl. Wellbery (1997, S.25-29)

Während sich • Marthe Rull über die ganze Tragweite des gegen ihre Tochter erworbenen Vorwurfs bewusst ist (V 488ff.), scheint • Eve zu naiv, jedenfalls nach Ansicht ihrer Mutter ("Du sprichst, wie du's verstehst.", V 487).

Eve jedenfalls kann es wohl kaum glauben, was • Ruprecht über sie sagt, will noch einmal unter vier Augen mit ihm reden und beschwört ihn, in einer Situation, in der sein Dienstantritt beim Militär und Einsatz in einem Krieg unmittelbar bevorstehe, sich nicht auf diese Weise von ihr zu verabschieden. Doch Ruprecht bleibt ungerührt, beschimpft sie weiter als "Luder" und stößt sie mit großer theatralischer Gebärde erneut vor den Kopf: "So sagt ich noch im Tode zu dir: Metze! / Du willst's ja selber vor Gericht beschwören." (V 467f.)

Marthe, die sich offenkundig über den Versuch ihrer Tochter ärgert, Ruprecht umzustimmen, hält alldem entgegen, dass • Eve auf eine Heirat mit Ruprecht in keiner Weise angewiesen sei. Sie behauptet damit auch implizit, dass Eve ihre "Unschuld" keineswegs verloren hat. Schließlich könne sie jederzeit die Frau eines invaliden, "würd'gen" (V 471). d. h. deutlich älteren Korporals mit einer hölzernen Beinprothese werden. Dabei scheut sie sich nicht, als Signal an das ehemalige Brautpaar, ihre Tochter zu deren Ehrrettung, wenn es sein muss, einfach zu verschachern.

Vielleicht ist dies der Grund, weshalb • Eve ihr daraufhin das Angebot macht, die Krugsache fallen zu lassen und mit dem von ihr selbst gesparten Geld einen neuen Krug zu kaufen. Zum anderen ist • Eve aber auch die einzige der vier miteinander streitenden Figuren, die die Wahrheit kennt. Sie gibt sie aber zu diesem Zeitpunkt aus ungeklärten Gründen nicht preis und kann sich daher auch nicht – es liegt ohnehin noch im Dunkel, ob an den Vorwürfen etwas dran ist –  sich gegen die Anschuldigungen Ruprechts öffentlich zur Wehr setzen.

Den Blick in die Zukunft, der • Eve vor Augen halten soll, dass es im Grunde wirklich nicht um den Krug, sondern um ihre und die "Ehre" ihrer Tochter geht, gestaltet • Marthe Rull daher mit besonders drastischen Worten. Sie soll • Eve die Augen für den Ernst ihrer Lage öffnen. Es stehe schließlich nichts weniger als ihr guter Ruf auf dem Spiel, wenn ihr nachgesagt werden kann, sie habe als ledige junge Frau ihre Jungfräulichkeit verloren. Als Folge davon müsse sie damit rechnen, öffentlicher Schande ausgesetzt zu werden und damit für die ihr nachgeredete Unkeuschheit an den »Pranger gestellt zu werden (die Fiedel tragen). Dabei nutzt auch • Marthe Rull  den Krug als sexuelles Symbol.

"Du sprichst, wie du's verstehst. Willst du etwa
Die Fiedel tragen, Evchen, in der Kirche
Am nächsten Sonntag reuig Buße tun?
Dein guter Name lag in diesem Topfe,
Und vor der Welt mit ihm ward er zerstoßen,

Wenn auch vor Gott nicht, und vor mir und dir." (6. Auftritt, V 487-491)

Mit ihrer wütend ausgestoßenen Drohung mit einem Gerichtsurteil, das den Schuldigen körperlich peinigende Strafen (Peitschenhiebe auf dem Block) bringen und einer noch viel weiter überzogenen Drohung, dass sie auf den Scheiterhaufen gehörten, macht sie sich aber dennoch lächerlich. Mit ihrem Bekenntnis, dass es mit der Krugsache darum gehe, ihre und die Ehre ihrer Tochter • Eve wieder "weiß zu brennen" (V 496) geht sie weiter in die Offensive. Zugleich richtet sie mit dieser Aussage die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf den weiteren Verlauf der • (analytischen) Dramenhandlung aus. Dieser muss sich  am Ende dieses Auftritts fragen, was es mit den von • Ruprecht erhobenen Vorwürfen gegen • Eve tatsächlich auf sich hat und was eigentlich der Krug mit der ganzen Sache zu tun haben könnte, in dem, solange er nicht zerbrochen war, Eves "guter Name" gelegen sein soll?  Und auch andere Diskrepanzen zwischen dem Wissen der Leser*innen und Zuschauer*innen auf der einen und einzelnen Figuren auf der anderen Seite bestehen weiter: Was hat es mit den offenkundigen Lügen • Adams im Zusammenhang mit seinem Sturz und dem Verlust seiner Perücke auf sich? In welchem Zusammenhang stehen sie mit der hier zwischen den Streitparteien verhandelten Sache? Welche Bedeutung besitzt der von Eve angesprochene Militärdienst, den Ruprecht antreten soll?

Eine Menge Fragen, die die Fantasie und die Hypothesenbildung der Rezipient*innen im Anschluss an diesen Auftritt beschäftigen. Versierte Komödienzuschauer*innen werden sich aber sicher an die Fersen des Dorfrichters heften, dem die Exposition des Stückes (1. bis 5.Auftritt) bis dahin einen so breiten Raum gewährt hat.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 17.01.2026

 
 

 
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