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teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater
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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Die
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Analyse des
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Siebten Auftritts (•
Text), des nach
Versanzahl mit Abstand längsten in
▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ kann unter
•
zahlreichen Aspekten
erfolgen.

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Unter dem Aspekt der •
dramatischen Spannung des Stückes erhält die
Haupthandlung mit dem
Siebten Auftritt die ersten
wesentlichen Impulse. Im Prozess bringt die Klägerin
• Marthe Rull ihre
Klage gegen •
Ruprecht, den Sohn des Bauern •
Veit Tümpel vor.
Mit ihrer ausführlichen Beschreibung des in Scherben
liegenden Kruges und seiner Geschichte will sie den
"Streitwert" des Verfahrens in die Höhe treiben, in
dem es nach Ihrer Ansicht um die Rettung der Ehre
ihrer Tochter • Eve
geht, die als unverheiratete junge Frau
(möglicherweise) ihre Unschuld verloren hat, weil
sie sich, wie sie annimmt, Ruprecht hingegeben hat.
Unter dem Blickwinkel der •
Komposition des Dramas, die
verdeutlichen kann, dass der
Einakter nach der
• Aufteilung der Handlung in
fünf verschiedene Akte mit dem •
Kompositionsprinzip
des Dramas der geschlossen Form nach
Gustav Freytag (Technik des Dramas,
1863) beschrieben werden kann, zählt die Szene zur steigenden
Handlung.
Als •
Adam in seiner Amtstracht und
mit gepudertem Kopf in die Gerichtsstube zurückkehrt und dort
•
Eve und •
Ruprecht und die
beiden anderen wahrnimmt, kommt ihm sofort der Gedanke, sie könnten ihn
bei ihm selbst verklagen wollen. (V
500). Mit seinem nur drei Verse umfassenden kurzen Monolog stärkt er
damit die Hypothese der Leser*innen und Zuschauer*innen, die ganze zuvor
exponierte Vorgeschichte um Adams angeblichen Sturz, seine Verletzungen
und die fehlende Perücke (1. - 5. Auftritt) und die Sache mit dem Krug
sowie die von •
Ruprecht gegen
•
Eve erhobenen Vorwürfe (•
6. Auftritt), über deren
Stichhaltigkeit der Text die Rezipienten bis dahin im Unklaren hält,
könnten miteinander zu tun haben. Schon allein die von ihm verwendete
Koseform ("Evchen") deutet darauf hin, dass •
Adam die junge Frau mehr als nur vom
Sehen kennt.
Nachdem Adam von
seinem Schreiber erfährt, dass sich die Klage um einen zerbrochenen
Krug dreht, versucht er vergeblich, von Eve Näheres zu erfahren.
Ihre Ablehnung verunsichert ihn so sehr, dass er sich dem Verfahren
entziehen möchte, was sein Schreiber Licht jedoch verhindert. In der
folgenden Auseinandersetzung wird deutlich, dass Adam Eve unter
Druck setzt, um sie zum Schweigen über ein eigenes Vergehen zu
bringen. Seine Drohungen offenbaren ihn als Schuldigen und entlarven
die von ihm vertretene Gerichtsbarkeit als moralisch korrumpiert.
Äußerlich zeigt sich dies in seiner lächerlichen Erscheinung ohne
Perücke, die seine richterliche Würde symbolisch zerstört. In seinen
Monologen wird klar, dass er in Eves Kammer war und dort der Krug
zerbrach. Seine Verwirrung und Angst vor Entdeckung führen zu
komischen Missverständnissen, die zugleich seine innere
Zerrissenheit zeigen. Schließlich versucht Adam, seine Zerstreutheit
vor Gerichtsrat Walter mit einer Lüge zu erklären und wahrt so
mühsam den Schein seiner Autorität.
Adam bemüht sich,
Gerichtsrat Walter zu gefallen, um dessen Misstrauen zu zerstreuen.
Dabei fragt er unvorsichtig, ob der Prozess nach Gesetz oder nach
örtlicher Gewohnheit geführt werden solle, was Walter irritiert und
zur strikten Forderung nach gesetzlicher Ordnung veranlasst. Um
seine eigene Schuld zu vertuschen, versucht Adam, den Fall rasch
abzuschließen, indem er Ruprecht als Schuldigen darstellt. Walters
Eingreifen verhindert dies jedoch und zwingt ihn, korrekt zu
verhandeln. Dadurch wird Adams Unfähigkeit, List und Angst komisch
offen gelegt. Trotz wiederholter Belehrungen versucht er sich mit dem
Hinweis auf lokale Traditionen zu rechtfertigen, muss den Prozess
aber auf Walters Anweisung neu beginnen – womit seine Hoffnung auf
eine schnelle Lösung endgültig scheitert.
Marthe Rulls Rede gliedert sich in
zwei Teile: Zunächst beschreibt sie den ehemals prachtvollen Tonkrug
und seinen ideellen Wert (V. 640–729), danach schildert sie den
nächtlichen Vorfall in Eves Kammer, der zu seinem Zerbrechen führte
(V. 743–780). Während der zweite Teil die Handlung vorantreibt,
wirkt der erste retardierend, ist aber wichtig, weil er Marthes
Charakter und Denkweise offenbart. Der Krug erscheint in ihrer
Schilderung als wertvolles, fast mythisches Objekt, das nicht nur
Erinnerungsstück, sondern auch Symbol für Ehre und Ansehen ihrer
Familie ist. Ihre ausführliche Ekphrase entfaltet komische Wirkung:
Marthes wortreiche Ernsthaftigkeit steht im grotesken Gegensatz zum
tatsächlichen Wert des einfachen Kruges. Sie beschreibt die auf dem
Krug dargestellten Figuren als lebendig und erleidet deren „Verlust“
beim Zerbrechen des Gefäßes wie ein reales Unglück. So verwischt sie
die Grenze zwischen Bild und Wirklichkeit, was zugleich ihre
vormoderne Weltsicht offenbart. Die Darstellungen auf dem Krug
beziehen sich auf die Machtübergabe Karls V. an Philipp II. (1555)
und verherrlichen die spanisch-habsburgische Herrschaft über die
Niederlande – eine Zeit, die Marthe unkritisch bewundert. Ihre
Haltung steht damit für das rückständige Denken der Landbevölkerung,
die an Traditionen festhält, während die moderne Ordnung der
Republik sie längst überholt hat. Schließlich gewinnt der Krug auch
symbolische Bedeutung: Wie Eve steht er für weibliche
Verletzlichkeit unter männlicher Gewalt. Die zerstörten männlichen
Figuren auf dem Gefäß spiegeln den Zusammenbruch patriarchaler
Macht. So wird der zerbrochene Krug zum Sinnbild einer zerbrochenen
Ordnung und moralischen Welt.
Adam verliert während
Marthe Rulls überlanger Krugbeschreibung die Geduld und unterbricht sie
mit einer doppeldeutigen Bemerkung, die – wie zuvor schon bei Ruprecht –
sexuelle Anspielungen enthält. Danach erzählt Marthe die
Herkunftsgeschichte des Kruges, die sich über mehrere Jahrhunderte
spannt: Vom Kesselflicker Childerich, der ihn 1572 bei der Belagerung
von Briel erbeutete, gelangt er über verschiedene Besitzer – den
Totengräber Fürchtegott und den Schneider Zachäus – schließlich zu ihr.
Der Krug übersteht Kriege, Plünderungen und Brände unversehrt und wird
damit zum Symbol historischer Dauer. Trotz Adams und Walters Einwänden
besteht Marthe auf ihrer Darstellung und beschuldigt schließlich
Ruprecht, den Krug zerbrochen zu haben. In ihrer Erzählung wird
Geschichte aus bäuerlich-naiver Sicht als Ursprung niederländischer
Staatlichkeit verstanden.
Als Adam in der
Gerichtsstube auf Eve, Ruprecht und Marthe trifft, vermutet er, sie
könnten ihn selbst anklagen – ein Verdacht, der die Verbindung
zwischen seiner Verletzung, dem Krug und Eves Situation andeutet. In
der folgenden Verhandlung schildern Marthe und Ruprecht nacheinander
die Ereignisse der Vornacht. Marthe beschuldigt Ruprecht, den Krug
zerbrochen zu haben, während Eve – aus Angst vor Adams Erpressung –
die Wahrheit verschweigt. Ruprecht wiederum glaubt, Eve habe ihn
betrogen, und berichtet, er habe einen Mann in ihrem Zimmer
überrascht, den Krug zerbrechen und fliehen sehen. Damit liefert er
unbeabsichtigt Hinweise auf Adams Schuld.
Adams Versuche,
Ruprecht als Täter darzustellen und das Verfahren zu manipulieren,
scheitern mehrfach am Eingreifen von Gerichtsrat Walter, der seine
Prozessführung scharf kritisiert. Durch komische Missverständnisse,
Adams ungeschickte Reaktionen und seine Angst vor Entdeckung
steigert sich die Spannung weiter. Ruprechts Aussage, er habe dem
Flüchtenden mit einer Türklinke auf den Kopf geschlagen, legt für
Publikum und Schreiber Licht offen, dass Adam der Täter ist. Dennoch
versucht Adam, mit Ausflüchten und juristischem Unsinn Zeit zu
gewinnen und eine Befragung Eves zu verhindern. Walter durchschaut
ihn jedoch und verlangt, dass Eve nun selbst aussagen soll – wodurch
sich die Enthüllung der Wahrheit unausweichlich ankündigt.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
30.12.2025
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