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teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater
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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Die
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Analyse des
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Siebten Auftritts (•
Text), des nach
Versanzahl mit Abstand längsten in
▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ kann unter
•
zahlreichen Aspekten
erfolgen.
Als •
Adam in seiner Amtstracht und
mit gepudertem Kopf in die Gerichtsstube zurückkehrt und dort
•
Eve und •
Ruprecht und die
beiden anderen wahrnimmt, kommt ihm sofort der Gedanke, sie könnten ihn
bei ihm selbst verklagen wollen. (V
500). Mit seinem nur drei Verse umfassenden kurzen Monolog stärkt er
damit die Hypothese der Leser*innen und Zuschauer*innen, die ganze zuvor
exponierte Vorgeschichte um Adams angeblichen Sturz, seine Verletzungen
und die fehlende Perücke (1. - 5. Auftritt) und die Sache mit dem Krug
sowie die von •
Ruprecht gegen
•
Eve erhobenen Vorwürfe (•
6. Auftritt), über deren
Stichhaltigkeit der Text die Rezipienten bis dahin im Unklaren hält,
könnten miteinander zu tun haben. Schon allein die von ihm verwendete
Koseform ("Evchen") deutet darauf hin, dass •
Adam die junge Frau mehr als nur vom
Sehen kennt.
Adam
nutzt die Gelegenheit,
•
Eve vor Beginn des Prozesses noch einmal zu
sprechen. Nach einer väterlich einschmeichelnden Anrede ("Evchen",
V 509) will er von ihr
wissen, ob sie sich zu mehr als nur der Krugsache im Prozess äußern
wolle. (V 523) Als sie ihn zurückweist, verschärft er allerdings sogleich den
Ton. Er fordert sie in einem drohenden Unterton auf, sich im Prozess
klug zu verhalten, und warnt sie zugleich vor den Konsequenzen, die für
sie und Ruprecht entstünden, wenn sie sich nicht so verhalten würde. (V
527)
Seine Warnung nimmt durch den Verweis auf ein Attest, das •
Ruprechts
vor dem möglichen jämmerlichen Tod in Batavia – das Publikum und die
Leser*innnen wissen bis zu diesem Zeitpunkt aber noch nichts über die
näheren Umstände – bewahren könnte, die Form einer Erpressung an. Durch
die Intervention •
Walters, der •
Adam untersagt, sich mit den
Klageparteien vor Prozessbeginn zu unterhalten, bleibt
•
Eve •
Adam die Antwort schuldig, so
dass dieser nicht weiß, ob seine Erpressung auch im Prozess
funktionieren und
•
Eve davon abhalten wird, sich "unklug" zu verhalten, also die Wahrheit
preiszugeben. So fürchtet er, das macht sein kurzes monologisches
Beiseite-Sprechen (a
parte) deutlich ("
Verflucht! Ich kann mich nicht dazu entschließen –! [...]";
V 546), vor dem anstehenden, von •
Walter geforderten öffentlichen Verhör
und geht im Kopf offenbar noch einmal die Ereignisse der Vornacht durch.
Die Eindrücke brechen dabei unwillentlich aus ihm heraus, als ihn • Licht
aus dieser inneren Unruhe aufschreckt, und damit •
situations- und •
sprachkomische Effekte erzeugt, die als Lachstimulantien für das
Publikum wirken und es zugleich an den inneren Vorgängen •
Adams teilhaben lässt und dabei
erfährt, dass sich
•
Adam daran erinnert, dass bei
seinem Abschied – noch ist aber nicht ausgesprochen, dass er der
nächtliche Besucher
•
Eves war – etwas "geklirrt"
habe. (V 546) Dem Publikum
dürfte es allerdings nicht schwer fallen, aus dieser und der
nachfolgenden Bemerkung, die sich auf Adams Perücke bezieht, wie später
aus
•
Eves Darstellung
zweifelsfrei hervorgeht (12.
Auftritt, Variant
V 2209ff.), den
Schluss zu ziehen, dass
•
Adam bei seiner nächtlichen
Flucht aus
•
Eves Kammer den Krug
zertrümmert hat.
LICHT ihn aufschreckend.
Herr Richter! Seid Ihr –?
V 547
ADAM.
Ich? Auf Ehre nicht!
Ich hatte sie
behutsam drauf gehängt,
Und müßt ein Ochs gewesen sein –
LICHT.
Was?
ADAM.
Was?
LICHT.
Ich fragte –!
ADAM.
Ihr fragtet, ob ich –?
V 550
LICHT.
Ob Ihr taub seid, fragt
ich.
Dort Seiner
Gnaden haben Euch gerufen.
ADAM.
Ich glaubte –! Wer ruft?
LICHT.
Der Herr Gerichtsrat dort.
ADAM für sich.
Ei! Hol's der Henker auch!
Zwei Fälle gibt's,
Mein Seel, nicht mehr, und wenn's nicht biegt, so bricht's.
– Gleich! Gleich! Gleich! Was befehlen Euer Gnaden?
Soll jetzt die Prozedur beginnen?
V 556
Adam hat verstanden, worum es für ihn
in dem bevorstehenden Prozess geht. Wovon für ihn alles abhängt, ist,
dass seine Erpressung Eve davon abhält, die Wahrheit zu sagen. Was er
dafür tun konnte, hat er, auch wenn er sich angesichts der Reaktion
•
Eves und wegen der
Intervention •
Walters nicht sicher sein kann, getan.
Daher will er es, das ist Kern seiner strategischen bzw.
taktischen Planung, vor allem seinem Vorgesetzten, dem Gerichtsrat •
Walter, recht
machen, um dessen möglichen Argwohn entgegenzuwirken.
Dabei wagt er sich
allerdings etwas weit vor, als er von •
Walter erfahren will, ob er
den anstehenden Prozess auf der Grundlage gesetzlicher Vorgaben oder
eben so führen solle, wie man dies hier vor Ort in Huisum gewöhnlich
tue. Als der Gerichtsrat, über eine solche Frage offenkundig
verwundert, unmissverständlich klar macht, dass er
davon ausgehe, dass auch in Huisum Recht nach den gesetzlichen
Vorgaben gesprochen werde, eröffnet •
Adam durch den Aufruf der Klägerin
zur Anhörung den Prozess.
In einer szenischen
Einheit, die voller • Situationskomik
ist, will Adam seinen Vorgesetzten mit seinem betont förmlichen Vorgehen
beeindrucken, als er die Personalien •
Marthe Rulls feststellen und
zu Protokoll nehmen lassen will, obwohl ihm die Frau als Nachbarin
persönlich bekannt ist. Nachdem •
Walter sich gegen
diese Förmlichkeiten ausspricht und von •
Adam verlangt, den Gegenstand
der Klage zu erfragen, diktiert Adam seinem Schreiber •
Licht ins Protokoll, dass es um
einen Krug geht, was Marthe mit dem Hinweis, dass es sich um einen
zerbrochnen Krug handelt, bestätigt. Damit will er verhindern, dass die
näheren Umstände, die zu dem Bruch des Kruges geführt haben und damit
seine eigene Verstrickung in den Vorfall thematisiert werden. So zielt
auch seine suggestive Frage nach dem "Schlingel"
(V
603) • Ruprecht als Täter darauf, mit der
Bestätigung durch •
Marthe Rull das Verfahren
schnell zu einem Ende zu bringen (V
610). Seine kurzen Äußerungen beim monologischen
Beiseite-Sprechen (a
parte) setzen auch das Publikum davon und über den euphorischen
Stimmungswandel, den diese Aussicht bei Adam erzeugt, in Kenntnis. ("Mehr brauch ich nicht.",
V 604; "Auf, aufgelebt,
du alter Adam!", V 605)
Doch erneut macht ihm
Gerichtsrat •
Walter einen Strich
durch die Rechnung. Er droht ihm sogar damit, das Verfahren an seinen
Schreiber abgeben zu müssen, wenn er sich nicht an die Regeln der
Prozessführung halte. (V 618) Mit seiner erneuten Intervention in die
Prozessführung nimmt er im Stück auch jene Funktion einer "überlegene(n)
und mächtigere(n) Kontrollinstanz" (Steinlein
2019. S.25) ein, die bis zur endgültigen Entlarvung
• Adams (•
11.Auftritt) die Gesamthandlung
immer wieder dadurch • strukturell
komisiert, dass sie Adam nicht nur zwingt, sich "an die Regeln einer
ordentlichen und allen Gerechtigkeit widerfahren lassenden
Verhandlungsführung [...] halten", sondern ihn auch zu allerlei – für
den Rezipienten und den Gerichtsrat (auch den Schreiber Licht) erkennbar
fadenscheinigen Ausflüchten, Verzögerungen der Wahrheitsfindung mittels
Handlungen bzw. sophistischer oder dreister Argumentationskapriolen"
nötigt. (ebd.
S.25f.)
Adam, der zuvor schon geradezu
schlitzohrig, mit seiner die Aussage •
Walters "dem Amte
wohlbekannt" (V 590)
wiederholenden Formulierung (V
598) wohl eher unbewusst
parodiert hat, versucht sich
nun mit Hinweis zu verteidigen, dass er doch auf seine Anweisung hin, so
habe verfahren wollen, wie es es sonst in Huisum üblich sei. Ob er
hofft, den Gerichtsrat damit einwickeln zu können oder schlicht nicht
verstanden hat, was dieser tatsächlich gemeint hat, lässt der Text
unbeantwortet. In jedem Fall muss
sich • Adam aber von Walter eines besseren
belehren lassen, als dieser ihm noch einmal unmissverständlich vor Augen
hält, was er an anderer Stelle gemeint hat. (4.
Auftritt, V 360,
V 569f.) So einfach klein
beigeben will •
Adam aber nicht und verteidigt sich
gegenüber Adam damit, dass er sich stets an die ungeschriebenen Gesetze,
die Gepflogenheiten und das traditionelle Herkommengehalten habe, aber
er natürlich, wenn dies gewünscht sei, auch die von •
Walter gewünschte
Prozessführung beherrsche. Auf
Anweisung •
Walters muss er den
Prozess also noch einmal neu beginnen und damit erkennen, dass seine
Hoffnung auf eine Art Schnellverfahren damit hinfällig sind. Es bleibt
ihm, trotz der Risiken, die dies für ihn bedeutet, nichts anderes übrig,
als • Marthe Rull
aufzufordern, ihre Klage vorzubringen.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
30.12.2025
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