teachSam- Arbeitsbereiche:
Arbeitstechniken - Deutsch - Geschichte - Politik - Pädagogik - PsychologieMedien - Methodik und Didaktik - Projekte - So navigiert man auf teachSam - So sucht man auf teachSam - teachSam braucht Werbung


deu.jpg (1524 Byte)

 

Einzelne Aspekte der Analyse und Interpretation

Adams Prozessstrategie

Heinrich von Kleist Der zerbrochne KrugHandlungsverlauf«Siebter AuftrittAspekte der Szenenanalyse

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des Dramas Handlungsverlauf Überblick Analytische DramenstrukturSzenenüberblick Einzelne SzenenÜberblick 1. Auftritt 2. Auftritt 3. Auftritt 4. Auftritt 5. Auftritt 6. Auftritt Siebter Auftritt Text Didaktische und methodische Aspekte Aspekte der Szenenanalyse Überblick Inhaltliche Gliederung der Szene [ Einzelne Aspekte der Analyse und Interpretation Überblick Adams Erpressung von Eve Rull Adams Prozessstrategie ◄ • Marthe Rulls Beschreibung des zerbrochnen Kruges Marthe Rulls Erzählung über die Herkunft des zerbrochnen KrugsPerspektivische Enthüllung weiterer Details zur Vorgeschichte ] Bausteine Fragen und Antworten (KI)8. Auftritt 9. Auftritt 10. Auftritt 11. Auftritt 12. Auftritt 13. Auftritt Variant (12. Auftritt) Bausteine Bausteine Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater
teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"

Die • Analyse des • Siebten Auftritts (• Text), des nach Versanzahl mit Abstand längsten in ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811)Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ kann unter • zahlreichen Aspekten erfolgen.

Als Adam in seiner Amtstracht und mit gepudertem Kopf in die Gerichtsstube zurückkehrt und dort Eve und Ruprecht und die beiden anderen wahrnimmt, kommt ihm sofort der Gedanke, sie könnten ihn bei ihm selbst verklagen wollen. (V 500). Mit seinem nur drei Verse umfassenden kurzen Monolog stärkt er damit die Hypothese der Leser*innen und Zuschauer*innen, die ganze zuvor exponierte Vorgeschichte um Adams angeblichen Sturz, seine Verletzungen und die fehlende Perücke (1. - 5. Auftritt) und die Sache mit dem Krug sowie die von Ruprecht gegen Eve erhobenen Vorwürfe (• 6. Auftritt), über deren Stichhaltigkeit der Text die Rezipienten bis dahin im Unklaren hält, könnten miteinander zu tun haben. Schon allein die von ihm verwendete Koseform ("Evchen") deutet darauf hin, dass Adam die junge Frau mehr als nur vom Sehen kennt.

Adam nutzt die Gelegenheit, Eve vor Beginn des Prozesses noch einmal zu sprechen. Nach einer väterlich einschmeichelnden Anrede ("Evchen", V 509) will er von ihr wissen, ob sie sich zu mehr als nur der Krugsache im Prozess äußern wolle. (V 523) Als sie ihn zurückweist, verschärft er allerdings sogleich den Ton. Er fordert sie in einem drohenden Unterton auf, sich im Prozess klug zu verhalten, und warnt sie zugleich vor den Konsequenzen, die für sie und Ruprecht entstünden, wenn sie sich nicht so verhalten würde. (V 527) Seine Warnung nimmt durch den Verweis auf ein Attest, das Ruprechts vor dem möglichen jämmerlichen Tod in Batavia – das Publikum und die Leser*innnen wissen bis zu diesem Zeitpunkt aber noch nichts über die näheren Umstände – bewahren könnte, die Form einer Erpressung an. Durch die Intervention • Walters, der Adam untersagt, sich mit den Klageparteien vor Prozessbeginn zu unterhalten, bleibt EveAdam die Antwort schuldig, so dass dieser nicht weiß, ob seine Erpressung auch im Prozess funktionieren und Eve davon abhalten wird, sich "unklug" zu verhalten, also die Wahrheit preiszugeben. So fürchtet er, das macht sein kurzes monologisches Beiseite-Sprechen (a parte) deutlich (" Verflucht! Ich kann mich nicht dazu entschließen –! [...]"; V 546), vor dem anstehenden, von • Walter geforderten öffentlichen Verhör und geht im Kopf offenbar noch einmal die Ereignisse der Vornacht durch. Die Eindrücke brechen dabei unwillentlich aus ihm heraus, als ihn • Licht aus dieser inneren Unruhe aufschreckt, und damit • situations- und • sprachkomische Effekte erzeugt, die als Lachstimulantien für das Publikum wirken und es zugleich an den inneren Vorgängen Adams teilhaben lässt und dabei erfährt, dass sich Adam daran erinnert, dass bei seinem Abschied – noch ist aber nicht ausgesprochen, dass er der nächtliche Besucher Eves war – etwas "geklirrt" habe. (V 546) Dem Publikum dürfte es allerdings nicht schwer fallen, aus dieser und der nachfolgenden Bemerkung, die sich auf Adams Perücke bezieht, wie später aus Eves Darstellung zweifelsfrei hervorgeht (12. Auftritt, Variant V 2209ff.), den Schluss zu ziehen, dass Adam bei seiner nächtlichen Flucht aus Eves Kammer den Krug zertrümmert hat.

LICHT ihn aufschreckend.
Herr Richter! Seid Ihr –?                                                              V 547

ADAM.
                                     Ich? Auf Ehre nicht!
Ich hatte sie behutsam drauf gehängt,
Und müßt ein Ochs gewesen sein

LICHT.
                                                       Was?

ADAM.
                                                                Was?

LICHT.
                                                                         Ich fragte –!

ADAM.
Ihr fragtet, ob ich –?                                                                    V 550

LICHT.
                                 Ob Ihr taub seid, fragt ich.
Dort Seiner Gnaden haben Euch gerufen.

ADAM.
Ich glaubte –! Wer ruft?

LICHT.
                                     Der Herr Gerichtsrat dort.

ADAM für sich.
Ei! Hol's der Henker auch! Zwei Fälle gibt's,
Mein Seel, nicht mehr, und wenn's nicht biegt, so bricht's.
– Gleich! Gleich! Gleich! Was befehlen Euer Gnaden?
Soll jetzt die Prozedur beginnen?                                                 V 556

Adams Prozessstrategie

Adam hat verstanden, worum es für ihn in dem bevorstehenden Prozess geht. Wovon für ihn alles abhängt, ist, dass seine Erpressung Eve davon abhält, die Wahrheit zu sagen. Was er dafür tun konnte, hat er, auch wenn er sich angesichts der Reaktion Eves und wegen der Intervention • Walters nicht sicher sein kann, getan. Daher will er es, das ist Kern seiner strategischen bzw. taktischen Planung, vor allem seinem Vorgesetzten, dem Gerichtsrat • Walter, recht machen, um dessen möglichen Argwohn entgegenzuwirken.

Dabei wagt er sich allerdings etwas weit vor, als er von • Walter erfahren will, ob er den anstehenden Prozess auf der Grundlage gesetzlicher Vorgaben oder eben so führen solle, wie man dies hier vor Ort in Huisum gewöhnlich tue. Als der Gerichtsrat, über eine solche Frage offenkundig verwundert, unmissverständlich klar macht, dass er davon ausgehe, dass auch in Huisum Recht nach den gesetzlichen Vorgaben gesprochen werde, eröffnet Adam durch den Aufruf der Klägerin zur Anhörung den Prozess.

In einer szenischen Einheit, die voller • Situationskomik ist, will Adam seinen Vorgesetzten mit seinem betont förmlichen Vorgehen beeindrucken, als er die Personalien • Marthe Rulls feststellen und zu Protokoll nehmen lassen will, obwohl ihm die Frau als Nachbarin persönlich bekannt ist. Nachdem • Walter sich gegen diese Förmlichkeiten ausspricht und von Adam verlangt, den Gegenstand der Klage zu erfragen, diktiert Adam seinem Schreiber • Licht ins Protokoll, dass es um einen Krug geht, was Marthe mit dem Hinweis, dass es sich um einen zerbrochnen Krug handelt, bestätigt. Damit will er verhindern, dass die näheren Umstände, die zu dem Bruch des Kruges geführt haben und damit seine eigene Verstrickung in den Vorfall thematisiert werden. So zielt auch seine suggestive Frage nach dem "Schlingel" (V 603) • Ruprecht als Täter darauf, mit der Bestätigung durch Marthe Rull das Verfahren schnell zu einem Ende zu bringen (V 610). Seine kurzen Äußerungen beim monologischen Beiseite-Sprechen (a parte) setzen auch das Publikum davon und über den euphorischen Stimmungswandel, den diese Aussicht bei Adam erzeugt, in Kenntnis. ("Mehr brauch ich nicht.", V 604; "Auf, aufgelebt, du alter Adam!", V 605)

Doch erneut macht ihm Gerichtsrat • Walter einen Strich durch die Rechnung. Er droht ihm sogar damit, das Verfahren an seinen Schreiber abgeben zu müssen, wenn er sich nicht an die Regeln der Prozessführung halte. (V 618)  Mit seiner erneuten Intervention in die Prozessführung nimmt er im Stück auch jene Funktion einer "überlegene(n) und mächtigere(n) Kontrollinstanz" (Steinlein 2019. S.25) ein, die bis zur endgültigen Entlarvung Adams (• 11.Auftritt) die Gesamthandlung immer wieder dadurch • strukturell komisiert, dass sie Adam nicht nur zwingt, sich "an die Regeln einer ordentlichen und allen Gerechtigkeit widerfahren lassenden Verhandlungsführung [...] halten", sondern ihn auch zu allerlei – für den Rezipienten und den Gerichtsrat (auch den Schreiber Licht) erkennbar fadenscheinigen Ausflüchten, Verzögerungen der Wahrheitsfindung mittels Handlungen bzw. sophistischer oder dreister Argumentationskapriolen" nötigt. (ebd. S.25f.)

Adam, der zuvor schon geradezu schlitzohrig, mit seiner die Aussage • Walters  "dem Amte wohlbekannt" (V 590) wiederholenden Formulierung (V 598) wohl eher unbewusst parodiert hat, versucht sich nun mit Hinweis zu verteidigen, dass er doch auf seine Anweisung hin, so habe verfahren wollen, wie es es sonst in Huisum üblich sei. Ob er hofft, den Gerichtsrat damit einwickeln zu können oder schlicht nicht verstanden hat, was dieser tatsächlich gemeint hat, lässt der Text unbeantwortet. In jedem Fall muss sich • Adam aber von Walter eines besseren belehren lassen, als dieser ihm noch einmal unmissverständlich vor Augen hält, was er an anderer Stelle gemeint hat. (4. Auftritt, V 360, V 569f.) So einfach klein beigeben will • Adam aber nicht und verteidigt sich gegenüber Adam damit, dass er sich stets an die ungeschriebenen Gesetze, die Gepflogenheiten und das traditionelle Herkommengehalten habe, aber er natürlich, wenn dies gewünscht sei, auch die von • Walter gewünschte Prozessführung beherrsche. Auf Anweisung • Walters muss er den Prozess also noch einmal neu beginnen und damit erkennen, dass seine Hoffnung auf eine Art Schnellverfahren damit hinfällig sind. Es bleibt ihm, trotz der Risiken, die dies für ihn bedeutet, nichts anderes übrig, als • Marthe Rull aufzufordern, ihre Klage vorzubringen.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 30.12.2025

 
 

 
ARBEITSTECHNIKEN und mehr
Arbeits- und ZeitmanagementKreative ArbeitstechnikenTeamarbeit ▪ Portfolio ● Arbeit mit Bildern  Arbeit mit Texten Arbeit mit Film und VideoMündliche KommunikationVisualisierenPräsentationArbeitstechniken für das Internet Sonstige digitale Arbeitstechniken 
 

 
  Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International License (CC-BY-SA)
Dies gilt für alle Inhalte, sofern sie nicht von
externen Quellen eingebunden werden oder anderweitig gekennzeichnet sind. Autor: Gert Egle/www.teachsam.de
-
CC-Lizenz