Marthe Rulls Ausführungen
bei ihrer Anklageerhebung
können in zwei Teile gegliedert werden. Im ersten Teil (V
640 - V 729) beschreibt sie in großer Ausführlichkeit, was auf dem
Krug, ehe er zerbrochen ist, zu sehen war und wie sie in den Besitz des
Kruges gekommen ist. Im zweiten Teil schildert sie den Hergang des
Geschehens in der Kammer ihrer Tochter •
Eve in der Vornacht, die zum
Zerbrechen des Kruges geführt hat (V
743 - V 780). Dramaturgisch betrachtet verringert
der erste Teil der Ausführungen • Marthe Rulls
das Tempo der Dramenhandlung, da ihre Ausführungen im Grunde nichts zur
weiteren Aufklärung des Geschehens beitragen. Sie wirken somit
retardierend.
Der einfache
irdene
Tonkrug (V 703) sei,
das soll • Marthe Rulls ausführliche,
33 Blankverse lange und von niemandem unterbrochne Beschreibung
vermitteln, von größter Schönheit (V
647) gewesen. Damit will sie den besonderen ideellen Wert
herausstreichen, den der Krug für sie hat und den Streitwert des
Verfahrens in die Höhe treiben. Dieser kann für sie nicht auf den
Gebrauchswert des schlichten Alltagsgegenstandes beschränkt werden,
zumal sie die Klage um den zerbrochnen Krug für einen ebenso ideellen,
wenngleich sozial realen Wert instrumentalisiert, nämlich die Verteidigung der Ehre ihrer
Tochter, wie sie zuvor schon im Streit mit •
Ruprecht und seinem Vater •
Veit Tümpel (6.
Auftritt) ausgeplaudert hat. (6.
Auftritt, V 496f.)
Der ideelle Wert des
Kruges beruht für • Marthe Rull auf
den Abbildungen, die auf dem unversehrten Krug zu sehen gewesen waren
und nach dem teilweise Zerbrechen des Kruges nur noch bruchstückhaft auf
dem Krug zu sehen sind.
Marthe Rulls
Ekphrase, wie man
eine derart detaillierte und artifiziell gestaltete Beschreibung seit
der Antike in der Rhetorik bezeichnet, beginnt ihre Beschreibung an einer
Stelle, an der der Krug ein Loch aufweist, also nichts mehr zu sehen
ist.
"Hier grade auf dem Loch,
wo jetzo nichts" (V
648) sei die • Übergabe der niederländischen Provinzen an den
Sohn Kaiser »Karls
(V., geb.
1500, 1516/19-56)
»Philipp (II.. geb. 1527, 1556-98) dargestellt gewesen (V
648f.). Von Karl sehe man
allerdings nur noch die Beine und von seinem Sohn nur noch das Hinterteil.
Nicht besser verhält es sich auch mit anderen Abbildungen der zur •
Stammlinie der spanischen Habsburger zählenden französischen
und ungarischen Königinnen, den Schwestern Karls V. und Tanten
("Muhmen", V 656) Philipps
II., von denen »Maria
von Ungarn (1505-1558) bis •
1556
im Auftrag von Karl V. Regentin in den Niederlanden gewesen ist und
Karls V. ältere Schwester »Eleonore
von Kastilien (1498-1558), bis 1547
die Ehefrau des französischen Königs »Franz
I. (1494-1547) war. Während die beiden Königinnen in der
ursprünglichen Darstellung der Übergabezeremonie sich mit einem Tuch Tränen
der Rührung aus den Augen gewischt hätten, sei jetzt nur noch eine Hand
mit einem Tuch zu sehen. Auch die Abbildungen von
Philibert (V
661) und Maximilian
(V 664) hat es sehr
mitgenommen, deren Schwerter als Symbole ihrer Macht einfach "weggeschlagen"
(V 667) sind. Gemeint sind
»Emanuel
Philibert von Savoyen (1528-1580), der 1556 von
»Philipp II. zum Statthalter der habsburgischen
Niederlande ernannt worden ist und »Maximilian (II.) (1527–1576), der seit 1548 mit der
ältesten Tochter von »Karl
V., »Maria
von Spanien (1528–1603), verheiratet und Kaiser des »Heiligen
Römischen Reiches war. Da letzterer für seinen ausschweifenden
Lebensstil bekannt war, charakterisiert •
Marthe Rull ihn mit "der Schlingel" (V
664), einer flapsig wirkenden Bemerkung, die für sich allein
genommen schon ein Lachstimulans für einen Zuschauer/Leser sein dürfte,
der den Kontext kennt.
Am schlimmsten von allen hat es allerdings die Abbildung des Erzbischofs
von »Arras mit seiner "heil'gen Mütze" (V
666) (Bischofsmütze, »Mitra)
getroffen, die sich in der Mitte befunden habe, wo jetzt nur mehr ein
Loch zu sein scheint, Den
Erzbischof hat, wie Marthe sagt, "der Teufel ganz und gar geholt" (V
668) und jetzt falle nur noch ein Schatten von ihm übers Pflaster
(vgl. V 669). Und auch von
(seinen) schwerbewaffneten Leibwächtern fehlt so gut wie jede Spur auf
dem Krug. Selbst von den Häusern, die den »Großen Marktplatz von Brüssel
säumten, ist kaum noch etwas übrig. Nur ein Neugieriger gucke noch
irgendwo aus dem Fenster ins Leere.
In ihrer ganzen Beschreibung des Kruges spricht •
Marthe Rull niemals von
Bildern, die zerstört wurden. Es gibt diese Bilder wohl deshalb nicht,
weil Bilder der Geschichte ohnehin nie gerecht werden können. Sie können
nämlich die vielfältigen Prozesse und Strukturen niemals vollständig
abbilden. Daher existiert das Bild, worum es •
Marthe Rull geht, auch nur in seiner
sprachlichen Transformation, in dem also, was •
Marthe Rull über es sagt.
Wenn, wie der Volksmund sagt,
ein Bild mehr sagen kann als tausend Worte, und damit in seiner
Bedeutung offener ist als ein Wort bzw. ein Text, dann will die Sprache,
dem Bild ihren Stempel aufdrücken, genau so wie dies auch •
Marthe Rull tut. Die "Wahrheit" des
Bildes, die stets in seiner präsentativen, nur den Sinnen zugänglichen
Bedeutung liegt, kann die Sprache mit ihrer als Ergebnis kognitiver
Verarbeitung entstandenen Interpretation nicht wirklich erfassen.
Allerdings kann sie das Bild mit wechselnden Bedeutungen anreichern,
dass es einen Anspruch auf Wahrheit erheben kann. Sprache kann, das sei
damit gesagt, Geschichtliches in seiner Prozesshaftigkeit darstellen und
damit die auf einen Moment bezogene Abgeschlossenheit des Bildes
überwinden.( vgl.
Schmitz-Emans (2002, S.69)
Marthe Rull
präsentiert ihre Krugbeschreibung mit großer Ernsthaftigkeit, zeigt sich
dabei argumentativ und rhetorisch versiert, was sie auch von der Gruppe
der übrigen Dorfbewohner unterscheidet, die sich in der Gerichtsstube
eingefunden haben. Allerdings steht ihre Ekphrase von Anfang an in einem komischen Kontrast zu dem tatsächlichen
Wert des zu Bruch gegangenen Haushaltsgegenstandes. Die daraus
resultierende •
Charakterkomik wird aber noch durch die besondere
Qualität der •
Sprachkomik verstärkt, die die Ausführungen Marthe Rulls kennzeichnen.
Diese verbindet sich auch mit •
sozialkomischen Elementen, wenn sie »Maximilian
(II.) (1527–1576) als "Schlingel" (V
664) bezeichnet.
Sie beruht bei diesem "Glanzstück der Sprachkomik" (Schneider 2013,
S.37) darauf, dass Dingliches und Abstraktes sich nicht so, wie Marthe
es tut, "als Differenz von sichtbaren Fragmenten und unsichtbarem
Ganzen, von gegenwärtigen Scherben und einstiger mythisch-sakraler Dignität"
aufeinander beziehen lassen.
Was laut von Marthe Rulls Krugbeschreibung auf dem zerbrochenen Krug
dargestellt ist, kann nicht mit dem Zerbrechen des Krugs in Verbindung
gebracht werden.
Indem sie "die Abbildung als eine vergangene (weil zerstörte)
beschreibt und nicht zwischen dem materiellen Zeichenträger – dem Krug
bzw. seinen Scherben – einerseits und der Bedeutung und dem
referentiellen Gegenstand andererseits unterscheidet, so
Schneider (2013, S.37), suggeriert sie einen zuvor bestehenden
Zustand der Ungeschiedenheit von Zeichen und Referent und damit einer
paradiesischen Ganzheit", die als geschichtsphilosophische Folie für
Kleists Komödie verstanden worden ist. (Greiner
2001, 89f.)"
Bemerkenswert sind dabei auch die auf dem Krug dargestellten Szenen und
historischen Personen, zu denen sich •
Marthe Rull in Beziehung setzt. Es
sind Szenen aus der • Zeit der spanischen
Fremdherrschaft über die Niederlande. Im Kern handelt es sich um die
Zeremonie bei der Übergabe der Macht in den spanischen Niederlanden
durch Kaiser »Karl V. (geb.
1500, 1516/19-56) an seinen Sohn
»Philipp II., (geb. 1527, 1556-98) am
25.10.1555 in Brüssel.
Man hat in diesem "Paktum" (V
675), dem Brüsseler Vertrag von
1555, in Kleists Stück den Charakter einer Staatsgründung einer
Staatsgründung zugeschrieben.
Denn Kleist gehe es, so
Grathoff (2000b, S.36) nicht um die vordergründige
Darstellung des äußeren Zeremoniells der Übergabe, sondern um "die
vertragliche
Begründung der geschichtlichen Institution
des Staates (hier: der Niederlande)." Die Befreiung von
den Spaniern macht, so Grathoff, die Niederländer erst zum
gesellschaftlichen Subjekt ihres Staates (ebd.,
S.38), so wie es die auf dem Krug vormals abgebildete Szene
verkörpert hat. Dass das Zerbrechen des Krugs ausgerechnet
durch Adam, einem Staatsdiener, erfolgt, deutet Grathoff als
Hinweis auf den Anbruch einer neuen Epoche, in der die die
Niederländer ein weiteres Mal zzum ›gesellschaftlichen Objekt‹
geworden seien. Dieses Mal aber nicht durch Fremdherrschaft,
sondern durch den ihren eigenen Staat. Auf diese Weise geraten
die frühneuzeitlichen Modernisierungsprozesse im 17. und 18.
Jahrhundert in den Fokus, die die Herrschaft über die
bürgerlichen ›Subjekte‹ mehr und mehr auf bürokratische Vorgänge
verlagerten. Dementsprechend sei bis zur Gegenwart der
Dramenhandlung "das alte gesellschaftliche Objektsein unter
veränderten Bedingungen zurückgekehrt ". (ebd.,
S.36f.)
Ob er sich zur
Vermittlung einer solchen Botschaft indessen ausgerechnet einer
Figur wie •
Marthe Rull mit ihren beschränkten und
dazu eigenen Interessen dienenden Perspektive auf die Geschichte
bedient hat, erscheint eher fragwürdig.
Ungeachtet dessen zollt •
Marthe Rull den »spanischen
Habsburgern, die seit Ende des 15. Jahrhunderts nach der Heirat von »Maximilian
I.
(1459-1519) mit »Maria
von Burgund (1457-1482) faktisch über die •
burgundischen, später •
spanischen Niederlande herrschten und
in ihrem Kampf um die Hegemonie in Europa ihren niederländischen
Untertanen immer wieder Krieg mit ihrem Erzrivalen Frankreich brachten,
unverhohlen ihre Bewunderung und lässt damit die negativen
Seiten dieser Zeit gänzlich außer Acht.
Mit ihrer in den Niederlanden verhassten •
katholischen Inquisition gingen nämlich sowohl »»Karl V. (geb.
1500, 1516/19-56) als auch sein Sohn
»»Philipp II., (geb. 1527, 1556-98), rücksichtslos und mit drakonischen Maßnahmen gegen
reformierte "Ketzer" vor, von denen Tausende ihr Leben ließen, weil die
habsburgischen Herrscher die
katholische Religion als "den
Kern einer spanischen Identität" (Maissen
2013, S.38) und ihrer Staatsraison ansahen, zu der sich alle
Untertanen ungeachtet ihrer Sprache zu bekennen hatten. Zu ihren
in den Niederlanden besonders verhassten Personen zählte dabei der von •
Marthe Rull
erwähnte Erzbischof von Arras (7.
Auftritt, V
666), bei dem es sich um »Antoine
Perrenot de Granvelle (1517-86, seit 1661 Kardinal), der im Auftrag
»Philipps II. den antireformatorischen Repressionskurs des
spanischen Königs gegenüber »Lutheranern,
»Wiedertäufern
und »Calvinisten mit der Verschärfung der »Spanischen
Inquisition garantieren sollte. Angesichts des •
zunehmenden Unmuts über ihn im ganzen Land wurde er 1564 auf Gesuch
der Regentin »Margarete von Parma (1522-1586)
beim spanischen König
»Philipp II.
aus den Niederlanden abberufen und verließ das Land.
Es dürfte kein Zufall sein, dass ausgerechnet, von dieser in den
Niederlanden so verhassten Person, die wie keine andere für die
verhasste Inquisition und andere die Rechte der Niederländer
einschränkenden Maßnahmen der spanischen Herrschaft im Land stand,
nichts mehr außer einem, wo auch immer herrührenden Schatten übrig und auf dem Krug zu sehen ist (V
668) und »Granvelle
angeblich
trotz seiner "heil'gen Mütze"
(V
666) vom "Teufel ganz und gar geholt" (V
668) worden ist.
Die auf dem Krug vor seinem Auseinanderbrechen vorhandenen
Darstellungen, die die spanisch-habsburgische Fremdherrschaft über die
Niederlande verklären, werfen sowohl durch die Tatsache, dass ein
solcher Krug sich im Besitz •
Marthe Rulls befindet, als auch durch
die Tatsache, wie sie ihn in Scherben präsentiert, ein Licht auf die
Einstellungen der •
49-jährigen (9. Auftritt,
V 1143) Hebamme und
Witwe eines Kastellans (Verwalters) und damit in gewisser Weise auch
auf die der Menschen, die auf dem platten Land fernab der Städte in den
Niederlanden leben. Sie leben ihr Leben jenseits der Modernisierungen
und Veränderungen, die sich seit dem Abschütteln der spanischen Herrschaft in der niederländischen Republik vollzogen haben. Auf ihre Weise
bestätigt die Krugbeschreibung •
Marthe Rulls damit auch das, was •
Adam zuvor
gegenüber dem Gerichtsrat •
Walter betont,
dass die moderne Rechtsprechung auf dem an Tradition und Herkommen
orientierten Lande noch nicht wirklich angekommen ist. (7.
Auftritt, V 625) Und
auch die Wirkung des spanischen Königs auf der Münze, mit der Walter
später •
Eve von der Wahrheit seines
Angebots überzeugen kann (12.
Auftritt, Variant,
V 2370f.), weist
in die gleiche Richtung:
Hier in Huisum
ist die Zeit stehen geblieben.
Schon Holl
(1923, S.235) hat angemerkt, dass Kleist "bei dem heiklen Stoffe
des Angriffs eines geilen alten Lüstlings auf ein unschuldiges
junges Weib (..) sorgfältig alles vermeiden (mußte), was sittliche
Unlustgefühle hätte erwecken können." Daher habe der "unsittliche
Anschlag Adams" zur Seite geschoben worden und durch den Krug
substituiert worden. Weil aber dabei die Gefahr, dass die
Zuschauer*innen trotzdem vor allem die unsittlichen Taten des
"Lüstlings" im Kopf behalten, bekomme der Krug, quasi zur Ablenkung
von diesen Gedanken, in der Handlung (z. B. bei •
Marthe Rulls Krugbeschreibung
und ihrer • Erzählung über die
Herkunft des zerbrochnen Krug so ein Gewicht.
Da sich Marthes Klage aber nicht nur auf den zerbrochenen Krug, sondern
nach eigener Aussage ebenso um die Wiederherstellung der Ehre der wegen
des möglichen •
Verlust der
Unschuld der Unzucht bezichtigten Tochter •
Eve geht, deren Ehre es wieder
"weiß zu brennen" (6. Auftritt,
V
496) gelte, kann die Krugbeschreibung auch unter diesem
Blickwinkel betrachtet werden.
"Krug und Eve erscheinen" so
Schneider (2013.
S.37f.) darin daher "als
Opfer männlicher Gewalt, dies sie mit ihrer Häufung von Figuren
beschädigter Männlichkeit gewissermaßen zurückgibt [...] und daraufhin
dem patriarchalen Regime mit »mit unten weggeschlagenen Schwertern«, dem
fehlenden Rumpf des Kaisers und dem allein übrig gebliebenen Hinterteil
seines Sohnes sein Nichtigkeit zu weisen." Auf diese Weise werde der zerbrochne Krug zu einer "ikonischen
Repräsentation patriarchaler Herrschaft" (ebd.,
S.38).