•
Adam hat irgendwann endgültig genug
von •
Marthe Rulls ausführlicher
• Krugbeschreibung. Er tut dies
mit seiner zweideutigen, fast zotigen Bemerkung "Uns geht das Loch –
nichts die Provinzen an, / Die darauf übergeben worden sind" (7.
Auftritt, V 677) kund.
Diese ruft die
sexuellen Konnotationen erneut auf, die •
Ruprecht im Streit mit •
Marthe Rull beim Betreten der
Gerichtsstube mit seiner Bemerkung "Die Hochzeit ist es, die ein Loch
bekommen" (6. Auftritt,
V 441) als Anspielung auf
das das weibliche »Hymen
(vgl.
Wellbery 1997, S.25-29) evoziert hat.
Marthe Rull hat diese Konnotation eingangs ihrer
Krugbeschreibung aufgegriffen ("Hier grade auf dem Loch, wo jetzo
nichts" (7.
Auftritt, V 648) und mit
all ihrer • an
dieser Formulierung haftenden Zweideutigkeit fortgeführt hat (vgl.
Wellbery 1997, S.25-29).
Das Spiel mit diesen sexuellen
Konnotationen, das dem Publikum wohl nicht entgangen sein dürfte,
hat aber zunächst für den weiteren Fortgang der Handlung keine
Bedeutung, denn •
Marthe Rull beginnt im Anschluss
daran, die Geschichte zu erzählen, wie sie in den Besitz des Kruges
gekommen ist. Dabei gibt ihre Erzählung wichtige Hinweise auf die
letztlich nur •
vermutete
Zeit, in der die Handlung spielt. Auch diese Erzählung ist ähnlich
wie die Krugbeschreibung zuvor von der "Ambivalenz von handfestem
Körperrealisimus und ideeller Nostalgie bestimmt" (Schneider
2013, S.38) Zugleich sei es, so
Schneider (2013 S.38) weiter, "eine aberwitzige Groteske, die dem
Krug – der durchgängig als mythische Person angesprochen wird – eine
wunderbare Unversehrtheit über Generationen und Katastrophen hinweg
zuschreibt [...]; eine ›weibliche‹ Körper- und Alltagsgeschichte von
Zeugung, Geburt, Esse, Kleiden und Tod, deren komischer Kontrast zu der
abgebildeten Herrschaftsszene noch durch die Parodie patriarchaler
Genealogie als Produkt männlichen Unsterblichkeitswahns gesteigert
wird."
Erstbesitzer sei
Childerich gewesen, ein
»Kesselflicker, der als
»Wassergeuse an der Belagerung von
»Briel (• 1572) durch
»Wilhelm von Oranien (1553-1584)
teilgenommen habe und den Krug von einem niedergerungenen
Spanier erbeutet habe (V
680). Dann sei er im Besitz des
Totengräbers
Fürchtegott (»Nomen
est Omen!) gewesen, der nur dreimal aus ihm getrunken habe, und
zwar zuletzt als seine Frau verstorben sei (V
688). Der nächste Besitzer, der Schneider
Zachäus aus »Tirlemont
(Flandern), habe bei der Plünderung der Stadt durch die
französischen Truppen (1635 während des •
Französisch-Spanischen Kriegs, 1635-1659), den Krug aus dem Fenster geworfen, der das
unbeschadet überstanden, während er sich selbst beim Sprung aus dem
Fenster das Genick gebrochen habe. (V
697ff.)
Als sie fortfahren
will, was dem Krug, als er schon im Besitz ihres Mannes gewesen sei,
in einer Feuersbrunst von 1666 widerfahren sei (V
707), wird sie von • Adam erneut unterbrochen und
ermahnt, nur noch zur Sache zu sprechen
(V 709).
Marthe Rull besteht aber darauf,
ihre Klage so vorbringen zu können, wie sie es sich vorstellt. Sie
berichtet noch, ehe sie nun auch von •
Walter unterbrochen
wird, dass der Krug auch diese Flammen unbeschadet überstanden habe.
Nachdem sie den Krug als
solchen jetzt auch für die Anwesenden sichtbar gemacht hat ("Nichts seht
ihr, mit Verlaub, die Scherben seht ihr",
V 646 – "Nun diesen Krug
jetzt seht – den Krug", V 733),
beendet sie ihre
Erzählung mit der Anschuldigung, dass •
Ruprecht den Krug zerbrochen habe. (V
737)
Entscheidend sei, so
Grathoff (2000b, S.36), dass Geschichte aus der Perspektive
Marthe Rulls und der Spielhandlung überhaupt erst "mit
der Geschichte des Krugs (beginnt)", die Marthe Rull erzählt
und zwar dem
Moment, in dem die holländischen »Wassergeusen den Krug erbeuten.
Auf diese Weise würden die
Niederländer werden erst "zum gesellschaftlichen Subjekt ihres
Staates" durch die auf dem Bild dargestellte Staatsgründung."
Der Krug selbst wird damit zum Symbol von etwas epochal Neuem und eines
emanzipativen Aktes durch die nachfolgende Abschüttelung der spanischen
Fremdherrschaft im »achtzig
Jahre anhaltenden Unabhängigkeitskrieges (1568-1648) der
Niederlande.
Folgt man dem •
Weg des Kruges durch die Geschichte, so wie ihn •
Marthe Rull (7. Auftritt, V
680 - V 729) mit allen
ihren Widersprüchlichkeiten erzählt, dann ergibt sich indessen ein
anderes Bild.
In der Interpretation von
Mandelartz (2008/2009) ist für eine angebliche Zeitenwende, die
das Bild auf dem Krug nach Ansicht verschiedener Interpreten
symbolisiert, kein Platz, denn die
"Geschichte der Vereinigten Niederlande zwischen der Übergabe der
Herrschaft an Philipp II. und der Gegenwart der Dramenhandlung
stelle "eine Folge von Vertragsbruch, Mord, Ehebruch,
uneidlicher Falschaussage, raubmäßiger Plünderung, unerlaubten
Bankgeschäften, Veruntreuung von Depositengeldern und Abgaben sowie
Erpressung dar." (ebd.,
S.311)
Daher ist auch der Prozess im und um den ›Zerbrochnen Krug‹ nach Ansicht
von
Mandelartz (ebd.) "ein Prozess um die gerichtliche Anerkennung
von Raubgut als Eigentum. Dass er überhaupt stattfindet, verdankt
sich dem gemeinsamen Interesse aller Beteiligten, die Illegitimität
des Staates, des Gerichts und des Eigentumstitels von Frau Marthe
nicht in Zweifel zu ziehen, weil darin die Bedingung der Möglichkeit
des allgemeinen Egoismus liegt."
Wie dies auf der •
Ebene persönlicher Beziehungen funktioniert, wird in der Komödie
schon ganz am Anfang im Gespräch von •
Adam und •
Licht (1.
Auftritt, (V
148 - V 159)
verdeutlicht, bei der das Stillschweigen über die Korruption in Huisum und ihre Vertuschung gegenüber dem erwarteten Revisor ddie Basis
für den von beiden zunächst geschlossenen •
Loyalitätspakt darstellt.
"Voraussetzung der Korruption ist aber", so
Mandelartz (2008/2009, S.311) weiter, "der Schein oder ein Ideal von
Recht, das sie verhüllt. Als leeres Ideal, dessen einzige Funktion noch
in seinem Glanz besteht, steht der Krug »blankgescheuert […] auf dem
Gesimse« (Vs. 448f.), und
»glänzend, / Als käm’ er eben aus dem Töpferofen« (Vs.
728f.), zieht Frau Marthe ihn, sofern nicht auch diese Geschichte
erlogen ist, wie noch nie gebraucht aus der allgemeinen Zerstörung des
Stadtbrandes hervor."