Im •
Siebten Auftritt (•
Text) werden die beiden
perspektivisch gebundenen Aussagen von •
Marthe Rull und •
Ruprecht unmittelbar einander
gegenübergestellt und die Zuschauer damit vor die Frage gestellt,
welcher Deutung des Geschehens auf der Grundlage des im Verlauf der
• analytischen Dramenhandlung
gewonnenen Wissens sie am ehesten zuneigen.
Mit der Vermutung, dass
das Geschehen der Vornacht in Marthes Garten und Kammer mit • Adam
zusammenhängt, das die Zuschauer*innen aus dem bisherigen Geschehen
gewonnen haben, haben sie einen
klaren Wissensvorsprung vor der Klägerin und dem Beklagten. Sie
wissen allerdings (noch) nicht, was in der Vornacht tastsächlich
geschehen ist. Über dieses Wissen verfügen an dieser Stelle nur • Adam
und •
Eve.
Marthe Rull, die zuvor in aller
Ausführlichkeit den Krug beschrieben und seine Herkunft erzählt hat,
beschränkt sich ganz im Gegensatz zu ihrer rhetorischen Attidüde,
mit der sie zuvor gesprochen hat, darauf, die Ereignisse der Vornacht
so zu schildern, wie sie sie erlebt hat. Emotional, aber im
Wesentlichen nicht unsachlich und auch im Großen und Ganzen nicht komisch schildert sie,
was sie bei ihrem Eintreffen in der Kammer ihrer Tochter gesehen
bzw. erlebt hat.
Sie habe •
Ruprecht in der Kammer ihrer Tochter
angetroffen, ihn zur Rede gestellt und ihm vorgeworfen, den Krug
vom Sims gestoßen und damit zerbrochen zu haben. Da dieser
"Halunke" (V 766), der
für das, was er getan habe auf dem Rad hingerichtet gehöre (V
767), dies geleugnet und sogar behauptet habe, dass ein anderer
den Krug zerstört bzw. •
wie an anderer
Stelle ausgeführt, •
Eve möglicherweise die •
Unschuld
geraubt habe, habe ihre Tochter auf ihre Nachfrage hin
geschworen, dass es •
Ruprecht gewesen sei.
Doch •
Eve widerspricht ihrer Mutter
zum ersten Mal, bezichtigt sie der Lüge und bestreitet, eine solche
Aussage mit einem Schwur untermauert zu haben. Dass sie eine solche
Aussage gemacht hat, dies bezeugt auch Ruprecht wenig später (V
1042), bestreitet sie hingegen nicht (V
818). Eve verschweigt als unmittelbare Folge der Erpressung
durch • Adam vor Prozessbeginn (V
527ff.) die Wahrheit, was aber außer ihr und •
Adam nur die Zuschauer*innen und Leser*innen wissen.
Nur aus
einem einzigen Grunde ist dieses Verhalten für •
Ruprecht erklärlich. Er weiß, dass es
eine infame Lüge ist, und sieht sich daher in seiner Annahme
bestätigt, dass seine Braut ihn mit einem anderen betrogen hat.
Daher beschimpft er sie erneut als "Metze" (V
819). So steht weiterhin der •
Vorwurf
der "Unzucht" mit den schon von •
Marthe Rull aufgezeigten möglichen
Konsequenzen für •
Eve (6.
Auftritt, V 487f.)
offen im Raum.
Erneut kann Adam wegen einer neuerlichen Intervention von Gerichtsrat •
Walter nicht so weiter verfahren, wie es ihm passt. Seine
Absicht,
die Äußerung Eves über Ruprecht als ihre Zeugenaussage zu
Protokoll nehmen zu lassen, scheitert nicht nur am Einspruch seines
Vorgesetzten, sondern hat offensichtlich dessen Argwohn so weit
gebracht, dass er Adams Bestreben, den Verdacht auf Ruprecht zu
lenken, offen moniert. Vor allem missfällt ihm, wie Adam die
vorgeschriebene Verfahrensordnung umgeht, die nach dem Einbringen
der Klage erst einmal dem Beschuldigten Gelegenheit gibt, sich zur
Sache zu äußern.
Der so vor allen Anwesenden Gerügte schiebt alles
auf einen Irrtum (V
829f.), was ihm • Walter aber
nicht abnimmt. Stattdessen erhöht dieser den Druck auf •
Adam, dem er unumwunden ins Gesicht sagt, dass dies der letzte
Prozess sei, dem er als Richter vorsitze. (V
835) Dass •
Adam dann noch einmal (V
558) auf seine Geschichte mit dem "pips'ge(n) Perlhuhn" (V
838) zu sprechen kommt, macht ihn zwar lächerlich, gibt ihm aber
auch Gelegenheit "laut" zu denken und sich vorzustellen, was
passieren würde, wenn seine Rechnung nicht aufgeht ("Schluckt mir
das Aas die Pille nicht herunter, / Mein Seel, so weiß ich nicht,
wie's werden wird.", V 844)
Wer auch immer das
"Aas" ist, das •
Adam meint – es kann • Ruprecht
ebenso wie •
Eve sein –, als •
Ruprecht jedenfalls seine Aussage machen will, versucht •
Adam, ihn von Anfang an zu
verunsichern und seine mögliche Entgegnung als Lüge abzuwerten, bis
• Walter ihm offen droht, ihm die
Prozessführung zu entziehen und sie seinem Schreiber •
Licht zu übertragen. Durch
die Aufforderung • Adams an •
Ruprecht, den Tathergang aus
seiner Sicht zu schildern, kann Adam dies gerade noch einmal
verhindern.
Als Adam aber Ruprecht, noch ehe dieser sich überhaupt
zur Sache äußern kann, quasi schuldig spricht, indem er ihn mit
einer Suggestivfrage nur vor die Alternative stellt, zu gestehen
oder als "gottvergessner Mensch zu leugnen" (V
853), verliert • Walter die
Geduld mit ihm und fragt den verdutzten Schreiber •
Licht, ob er sich zutraue, den
Prozess weiterzuführen.
Noch ehe dieser dies bejahen kann, schneidet
ihm • Adam geistesgegenwärtig das
Wort ab und rüffelt • Ruprecht
an, seine Aussage zu machen. Auch wenn der Gerichtsrat an dieser
Stelle nicht weiter darauf besteht, dass Adam die Prozessführung
abgibt, macht er doch deutlich, dass die Art und Weise, wie Adam mit
dem Beschuldigten umspringe, in keiner Weise geduldet werden könne.
(V 870)
Ruprecht berichtet in seiner Darstellung der Ereignisse der
Vornacht, dass er nach zehn Uhr mit Zustimmung seines Vaters,
dem er versichert habe, nur noch am Fenster etwas mit seiner
Braut reden zu wollen, am Tor zum Garten •
Marthe Rulls angekommen sei,
das um diese Zeit
eigentlich immer schon verschlossen sei.
In der Dunkelheit habe er darin
Eve an ihrer Kleidung erkannt und jemanden
anderen bemerkt (V
915f.), den er aber im Dunkel der Nacht nicht habe
identifizieren können.
In einer besonders •
sprachkomischen Art und Weise, die vielleicht eine Art
rhetorische Replik auf die entsprechenden Ausführungen •
Marthe Rulls bei ihrer
• Ekphrase des Krugs darstellen, schildert er, wie er sich in
der Dunkelheit der Nacht ein genaueres Bild über die Situation
gemacht hat. Was seiner Intention, die Glaubwürdigkeit seiner
Aussagen zu unterstreichen, dienen soll, gleitet dabei je länger die
Ausführungen dazu anhalten, immer mehr ins Komische ab, wenn er in
seinem Bericht davon spricht, dass die
Augen den Auftrag bekommen, den Ohren zu folgen, beide Sinne als
"nichtswürdige Verleumder, Aufhetzer, niederträcht'ge Ohrenbläser" (V
909f.) von einer inneren Stimme Ruprechts beschimpft werden,
weil Ruprecht ihnen das, was sie ihm zutragen, zunächst nicht
wahrhaben will.
Als •
Ruprecht erklärt, er könne
wegen der Dunkelheit nicht sagen, wer der ominöse Besucher Eves
gewesen sei, entfährt • Adam
geradezu ein triumphal klingender Kommentar ("Klugschwätzer",
V 917), der eigentlich
nur an das Publikum adressiert, zeigt, welche Erleichterung dies für
ihn darstellt ("Nun also! /Und nicht gefangen, denk ich, nicht
gehangen.", V 919)
In dem Gefühl, wieder
Oberwasser zu haben, greift • Adam
daher auch die sich nur auf eine Vermutung •
Ruprechts stützende Behauptung auf, dass der Mann in •
Marthe Rulls Garten, dessen "Gefispere",
"Scherzen" und "Zerren" (vgl.
V 947f.) mit seiner
Braut •
Eve er mit Augen und Ohren
wahrgenommen habe, der Flickschuster Lebrecht gewesen sei.
Über
diese unverhoffte Wendung des Geschehens ist der Dorfrichter derart
erfreut, dass er sofort einen anderen Ton gegenüber •
Ruprecht anschlägt. Ruprecht, von Adam zuvor als "Maulaffe"
(V 606) , "Hund ...
verfluchter" (V 783)
beschimpft, mit einem "Esel" und "Ochsen" verglichen (vgl.
V 866) und als
"Klugschwätzer" (V 917)
diffamiert, wird nun, da er, aus der Perspektive Adams betrachtet
,die ganze Geschichte noch weiter aus der Gefahrenzone möglicher
Entlarvung "wegerzählt", mit säuselnden Worten als "mein Sohn" (V
938) angeredet und aufgefordert, weiter über die
Ereignisse der Vornacht zu berichten. Für das Publikum und die
Leser*innen einmal mehr ein Beispiel dafür, wie skrupellos Adam als
Person sein strategisches Ziel verfolgt, von jedem Verdacht gegen
seine Person abzulenken, und wie wenig das Rechtssystem, das er
vertritt, der Wahrheitsfindung verpflichtet ist.
Statt von Ruprecht, das weiß • Adam
genau, geht jetzt eigentlich nur noch von •
Eve Gefahr für ihn aus, da nur sie außer ihm weiß, dass Lebrecht zu Unrecht beschuldigt wird.
Dementsprechend richtet er seinen ganzen Zorn sofort auf sie, als
sie sich, ohne irgendetwas preiszugeben, aber in einem
Tenor, der
ihn vermuten lässt, dass ihr jetzt alles egal ist, kurz zu Wort
meldet ("Geht, Mutter, mag es werden, wie es will -",
V 958) Er geht sie,
die er noch vor kurzem in aller Öffentlichkeit "Herzens-Evchen"
(V 815) genannt hat, jetzt frontal als "unberufne Schwätzerin" (V
960) an und droht ihr unverhohlen mit ernsthaften Konsequenzen,
wenn sie solche Einmischungen nicht unterlasse, bis sie offiziell zu
Wort komme. Auch dies natürlich eine 180-Grad-Wendung gegenüber
seinem Verhalten, das er zuvor
bei den Äußerungen Eves, die in sein Konzept passten (vgl.
V 819), gezeigt
hat.
Erst die weiteren
Ausführungen •
Ruprechts, von dem mittlerweile ja schon alle wissen, dass
er weder den von ihm beschuldigten Flickschuster Lebrecht noch
irgendjemanden anderen in der Vornacht wirklich gesehen hat, können
Adam wieder gefährlich werden. Allerdings weiß außer dem Publikum und
den Leser*innen nur Adams Schreiber •
Licht (und den Mägden, die aber in
der Sache keine Rolle spielen) über die Kopfverletzung Adams
Bescheid, die plötzlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.
Ruprecht berichtet nämlich weiter, dass Eve und der
Flickschuster nach einer Viertelstunde im Haus verschwunden seien.
Völlig außer sich vor Eifersucht und Wut darüber, von Eve damit
Hörner aufgesetzt zu bekommen (vgl.
V 942ff.), sei er den beiden ins Haus gefolgt und habe die Tür zu
der von innen verschlossenen Kammer Eves eingetreten. Dort habe er
noch gehört,
wie der Krug vom Sims gestoßen und zerbrochen sei und
gesehen, wie eine Person (Lebrecht) aus dem Fenster gesprungenen und
kurz im Weinlaub des am Haus angebrachten Spaliers hängengeblieben sei. Mit der stählernen Türklinke, die er nach seinem Aufbrechen der
Kammertür noch in der Hand gehabt habe, habe er diesem, ehe er habe
flüchten können, noch einen Schlag "übern Detz" (V
980), auf den Kopf, verpassen können.
Licht vermutet sogleich,
dass dies der Kopf Adams gewesen ist, spielt aber mit seinem Wissen über die Kopfverletzung Adams,
das er an dieser Stelle
nicht kundtut, ein ironisches Spiel mit der
Türklinke als Waffe, das • Adam
als Unfug bezeichnet. Im Hin und Her der Sprecherwechsel (Antilaben)
nimmt der Dialog zwischen Adam und Licht für kurze Zeit Fahrt auf. Noch, so scheint es, sieht •
Licht seine Stunde nicht gekommen,
sondern hält sich an seine vor dem Eintreffen des Gerichtsrates Adam
gegenüber versicherte Loyalität. (1.
Auftritt, V 128 -
V 159). Das ironische
Spiel des Schreibers stellt aber dennoch ein erstes Abrücken von ihrer
gegenseitigen Loyalitätserklärung dar und wird von • Adam
daher
auch nicht als witzig angesehen, sondern mit dem Hinweis, das
seien doch "Allotrien" (V
997) abgetan. Damit weist er diese Spielereien nicht nur als Unfug
und dummes Zeug zurück, sondern hält Licht auch vor, damit unnötigen Wirbel
zu machen und die Aufmerksamkeit auf seine Kopfverletzung zu lenken.
Was er vermeiden muss und will, ist, dass •
Walter in dieser Situation auf die bis dahin von diesem nur am
Rande zur Kenntnis genommene Kopfverletzung Adams (5.
Auftritt, V 405)
zurückkommt. Aus diesem Grund drängt er Ruprecht, taktisch geschickt,
mit seinem Bericht fortzufahren, ehe der Gerichtsrat seinen Blick
auf den gepuderten Kopf von Adam richten kann, auf den die Zuschauer
längst schauern oder geschaut haben.
Auch als •
Ruprecht erzählt, wie er von dem Sand, den er von dem
Flüchtenden ins Auge geworfen bekommen habe, getroffen worden sei,
entfährt • Adam
ein kurzer Ausruf der Zufriedenheit darüber, ein kurzer aber
wirksamer komischer Effekt, der einem Eingeständnis gleichkommt,
dass er der Flüchtende gewesen ist.
Im Beisein der wegen
des Lärms zusammengelaufenen Nachbarn und Verwandten Eves, die erst
danach hinzugekommen seien, habe Eve ihrer Mutter gegenüber erklärt,
dass Ruprecht den Krug zerbrochen habe, und das obgleich der
Flickschuster als Beweis seiner Aussage "im Kopf ein Loch habe" (V
1045). Seine Bemerkung dazu "Mein Seel, sie hat so unrecht
nicht, ihr Herren. / Den Krug, den sie zu Wasser trug, zerschlug
ich." (V 1043f.) ist
dabei sowohl eine Anspielung auf das bekannte Sprichwort "Der Krug
geht solange zum Brunnen, bis er bricht", als auch auf den •
Krug als Symbol der Sexualität und des Begehrens.
Da damit Aussage
gegen Aussage steht, will •
Marthe Rull, dass ihre Tochter •
Eve jetzt als Zeugin vernommen
wird, was • Adam, der weiß, dass
dies für ihn mit unkalkulierbaren Risiken verbunden ist, kurzerhand
ablehnt. (V 1054)
Erneut geht die
Rechnung für Adam aber nicht auf, weil •
Walter wieder in den Prozessverlauf eingreift, als er wissen
will, womit • Adam die Aussage
Eves ablehne. Die von • Adam dafür
gelieferte Begründung ist allerdings trotz seines Bemühens, dem
Ganzen mit eingestreuten juristischen Fachausdrücken Gewicht zu
verleihen, so absurd, dass •
Walter ihm vor allen anderen seine Inkompetenz vorhält ("In
Eurem Kopf liegt Wissenschaft und Irrtum / Geknetet, innig, wie ein
Teig, zusammen;", V
1060f.), und •
Eve auffordert, jetzt ihre
Aussage zu machen.
Bevor es dazu kommt,
will Adam aber noch versuchen, den Gerichtsrat in einer kurzen (Trink-)Pause
(8. Auftritt) dafür zu
gewinnen, den Prozess mit einem Vergleich abzuschließen (9.
Auftritt, V 1073).
Die dramatische Spannung richtet sich indessen eindeutig auf die
bevorstehende Aussage •
Eves, die den beiden
dargebotenen Perspektiven •
Marthe Rulls und •
Ruprechts auf die Ereignisse der Vornacht eine weitere
hinzufügen wird und an deren Beispiel damit auch die
Perspektivengebundenheit der Wahrheit an sich einmal mehr aufgezeigt
wird.