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Zu Beginn des •
9. Auftritts (•
Text) in •
Heinrich von Kleists (1777-1811) ▪
Komödie
• »Der zerbrochne Krug« ist
nach der Anhörung von • Marthe Rull
und den von ihr beschuldigten •
Ruprecht in keiner Weise geklärt, ob, wie •
Marthe Rull behauptet, •
Ruprecht den Krug zerbrochen hat, oder wie dieser behauptet,
Lebrecht, der Flickschuster und vermeintliche Nebenbuhler, den er in
die Flucht geschlagen haben will, bei • Eve
in ihrer Kammer gewesen ist. In dieser Situation kommt zu dem
folgenden Dialog:
ADAM.
– Wenn ich freimütig reden darf, Ihr Gnaden,
Die Sache eignet
gut sich zum Vergleich.
WALTER.
Sich
zum Vergleich? Das ist nicht klar, Herr Richter.
Vernünft'ge
Leute können sich vergleichen;
Doch wie Ihr den Vergleich schon wollt bewirken,
Da noch durchaus die Sache nicht entworren,
Das hätt ich wohl von Euch zu hören Lust.
Wie denkt Ihr's anzustellen, sagt mir an?
Habt Ihr ein Urteil schon
gefaßt?
ADAM.
Mein Seel!
Wenn ich, da
das Gesetz im Stich mich läßt,
Philosophie zu Hülfe
nehmen soll,
So war's – der Leberecht –
WALTER.
Wer?
ADAM.
Oder Ruprecht –
WALTER.
Wer?
ADAM.
Oder Lebrecht, der den Krug zerschlug.
WALTER.
Wer also war's?
Der Lebrecht oder Ruprecht?
Ihr greift, ich seh, mit Eurem Urteil ein,
Wie eine Hand in einen Sack voll Erbsen.1
ADAM.
Erlaubt!
WALTER.
Schweigt, schweigt, ich
bitt Euch.
ADAM.
Wie Ihr wollt.
Auf meine Ehr, mir wär's vollkommen recht,
Wenn sie es alle beid gewesen wären.
WALTER.
Fragt dort, so werdet
Ihr's erfahren.
ADAM.
Sehr gern.
Doch
wenn Ihr's herausbekommt, bin ich ein Schuft.
– Habt Ihr das Protokoll da in Bereitschaft?
LICHT.
Vollkommen.
ADAM.
Gut.
LICHT.
Und
brech ein eignes Blatt mir2,
Begierig, was darauf zu stehen kommt.
ADAM.
Ein eignes Blatt? Auch gut.
WALTER.
Sprich dort, mein Kind.
ADAM.
Sprich, Evchen, hörst du, sprich jetzt, Jungfer Evchen!
Gib Gotte, hörst du, Herzchen, gib, mein Seel,
Ihm und der Welt, gib ihm
was von der Wahrheit.
Denk, daß du
hier vor Gottes Richtstuhl bist,
Und daß du deinen Richter nicht mit Leugnen,
Und Plappern, was zur Sache nicht gehört,
Betrüben mußt.
Ach, was!
Du bist vernünftig.
Ein Richter
immer, weißt du, ist ein Richter,
Und einer
braucht ihn heut, und einer morgen.
Sagst du, daß es der Lebrecht war: nun gut;
Und sagst du, daß es Ruprecht war: auch gut!
Sprich
so, sprich so, ich bin kein ehrlicher Kerl,
Es wird sich
alles, wie du's wünschest finden.
Willst du mir hier von einem andern trätschen3
Und dritten etwa, dumme Namen nennen:
Sieh, Kind, nimm dich in acht, ich sag nichts weiter.
In Huisum,
hol's der Henker, glaubt dir's keiner,
Und keiner, Evchen, in den Niederlanden,
Du weißt,
die weißen Wände
zeugen nicht,
Der auch wird zu
verteidigen sich wissen:
Und deinen
Ruprecht holt die Schwerenot!4
WALTER.
Wenn Ihr doch
Eure Reden lassen wolltet.
Geschwätz,
gehauen nicht und nicht gestochen5.
ADAM.
Verstehen's Euer Gnaden
nicht?
WALTER.
Macht fort!
Ihr habt
zulängst hier auf dem Stuhl gesprochen6
ADAM.
Auf Ehr!
Ich habe nicht
studiert, Euer Gnaden.
Bin ich euch Herrn aus Utrecht nicht verständlich,
Mit diesem Volk vielleicht verhält sich's anders:
Die Jungfer
weiß, ich wette, was ich will. "
Wort- und Sacherklärungen
1
Wie eine Hand in einen Sack voll Erbsen: vollkommen zufällig,
willkürlich herausgegriffen
2
brech ein eignes Blatt mir:
lege ein neues Blatt Papier an
3
trätschen: tratschen, daherquatschen
4
Schwerenot: »Fallsucht
(Epilepsie) hier unter Umständen auch: Schwermut, Depression
5
gehauen nicht und nicht
gestochen: sprichwörtl. Redensart, die vom Fechten herkommt;
Ungewisses, Unbestimmte, Ungenaues
6
auf dem
Stuhl gesprochen: auf dem Richterstuhl gesessen, Recht
gesprochen
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