Beim Publikum und bei den Leserinnen und Lesern des Stückes könnte
der vordergründig abrupt und wenig motivierte Sinneswandel
• Eves den Eindruck verstärken,
dass die junge Frau ausgesprochen naiv ist bzw. handelt. Dieser
Eindruck hängt damit
unmittelbar mit Fragen zusammenhängen, die mit dem
• Charakter
• Eves und den ihr bei der
Rezeption des Stückes zugeschriebenen Eigenschaften zusammen.
Die Informationen, die der
• Variant
allerdings im Vorfeld der •
Münzszene über •
Eves Haltung liefert, lässt das Bild einer naiven und gutgläubigen jungen Frau
zumindest verblassen, das vielleicht wegen ihrer Bereitschaft,
•
Adam
in der Vornacht in ihre Kammer einzulassen, entstanden ist.
Im Rahmen der Aussage • Eves
wird deutlich, dass die Frau im jugendlichen
Alter sich, soweit ihr das überhaupt möglich ist, durchaus kritisch mit
der Obrigkeit und ihren Absichten umgeht, was so gar nicht in das •
Bild des "twatschen Kindes"
passt, das
•
Adam, um die Aussage
• Eves
zu verhindern oder zumindest schon vorher abzuwerten, von der jungen
Frau gezeichnet hat
(9.
Auftritt, V 1238f.).
Gewiss, die Information
•
Adams,
die ausgehobenen Truppen würden bald noch Batavia verschifft, stimmt
nicht. Dass • Eve
von der Wahrheit dieser Information ausgeht, ja ausgehen muss, weil
sie sich als Analphabetin (V
2078) darauf verlässt, was Adam ihr über die "geheime
Instruktion" (V
2069) mitteilt (V
2151f.), die die wahren Absichten der Konskription enthüllt, ist
aber nicht wirklich alternativlos.
Es liegt letzten Endes daran, dass •
Eve von
•
Adam bei seiner
Erpressung mehrfach unter einen enormen Zeitdruck gesetzt wird:
Einmal ist es der für die Ausstellung des gefälschten Attest nötige
Physikus, der wie zufällig gerade an diesem Tag von Adam erwartet
wird (V 2097),
dann ist es seine angebliche drei bis achttägige Dienstreise (V
2134, V 2195),
die ihn veranlasst habe, entgegen seiner ursprünglichen Zusage, •
Eve könne das gefälschte Attest am nächsten Morgen bei ihm
abholen (V 2106),
noch in der gleichen Nacht die verblüffte •
Eve unter fadenscheinigen Gründen in ihrem Garten aufsucht.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass •
Eve niemanden anderen in ihr Vertrauen zieht oder ziehen kann.
Ihre Mutter •
Marthe Rull hätte, so viel scheint sie zu ahnen,
•
Adams Erpressung wohl
durchschaut und ihr Angebot, diesem für das gefälschte Attest zum
Dank alles zu geben, "was er nur nur redlich fordern kann." (V
2091f.) wohl ein Spiel mit dem Feuer gesehen. Sich ihr
anzuvertrauen, hätte damit •
Eves Hoffnungen und Pläne mit Sicherheit
durchkreuzt. Und auch •
Ruprecht selbst bietet sich in
ihren Augen offenbar nicht dafür an, ihn vorab einzuweihen, weil sie
sich offenbar durchaus bewusst ist, dass •
Adam ihr Angebot in einer
anderen Weise verstehen könnte, als sie es beabsichtigt. Dass ihr
eifersüchtiger Bräutigam das auch so sehen würde, ist ihr wohl klar.
In Kleists Stück jedenfalls steht •
Eve ohne weitere Freundinnen oder Vertraute anderer Art da und
ist daher gezwungen, die Sache für sich allein auszumachen. So
gesehen geht auch durch die Falschinformation das zentrale moralisch
ambivalente Movens •
Eves, sich durch die Erpressung in die Hand des Dorfrichters zu
begeben, nicht verloren. Ihr Analphabetismus ist daher auch
grundsätzlich kein Argument für •
Eves Naivität.
Eves Motive,
•
Adam,
den sie persönlich ja schon seit ihren Kindertagen kennt, in ihrer
Lage zu vertrauen, ist, zumal ihr verstorbener Vater, der Kastellan, schließlich mit dem Dorfrichter befreundet und häufiger Gast im
Hause der Rulls
(7.
Auftritt, V 585f.)
gewesen ist, nichts Besonderes. Und auch •
Marthe Rull hat schließlich keine Bedenken, ihre Tochter immer
wieder ohne Begleitung zu Adam gehen zu lassen, wenn sie ihm damit
eine Gefälligkeit erweisen kann (z. B. im Zusammenhang mit seinen am
Pips erkrankten Perlhühnern,
10. Auftritt, V 1590
- V 1593) Dass sich
•
Adam
dabei an ihre Tochter heranmachen könnte, scheint ihr jedenfalls
nicht in den Sinn zu kommen. So ist es auch die •
Arglosigkeit von
• Marthe Rull, die sich
doch ansonsten als welterfahren und clever zu präsentieren versteht,
die ihre Tochter in eine solche Situation bringt.
Nicht von der Hand zu weisen ist dabei der
Gedanke, dass • Eves
Versuch, •
Adam von ihrer Privatsphäre
fernzuhalten ("Ei, wohin denkt er auch?"
V 2104;
"Ich sag: Herr Dorfrichter, was das auch für / Anstalten sind! Ich
werde jetzt mit ihm, / Da Mutter schläft, in meine Kammer gehn.
/Daraus wird nichts, das konnt’ er sich wohl denken.",
V 2189 -
V 2192) auf
sexuelle Anzüglichkeiten und Verhalten des Dorfrichters in der
Vergangenheit zurückgeht, wie das von ihr im Garten als sexuell
übergriffig zurückgewiesene "Kneipen" in die Backen (V
2120). Mit ihrer Frage nach seinen Absichten will sie ihn zur
Rede stellen ("Was will er auch so spät zu Nacht bei mir?",
V 2123)
formuliert aber, als dieser sich darüber lustig macht ("Närrchen",
V 2124),
ihr klar formuliertes "Nein" ("Ich
sag’, laß er die Hand mir weg! Was will er? "(V
2127) zu den ihr offenbar spätestens jetzt klar vor Augen
stehenden Absichten des Dorfrichters. Es bleibt ihr, will sie noch
zu dem Attest für Ruprecht kommen, wenig mehr, als darauf zu
vertrauen, dass •
Adam die Botschaft nicht nur verstanden, sondern das
"Nein" auch akzeptiert. Sie glaubt jedenfalls die Sache
auch dann noch unter Kontrolle zu haben, wenn sie den Dorfrichter
zur abschließenden Ausfertigung des Attests mit in ihre Kammer
nimmt. Naiv wirkt in diesem Zusammenhang allenfalls, dass sie aus Sorge um ihren Bräutigam •
Ruprecht quasi eins und eins nicht
zusammenzählt und aus dem ganzen Verhalten des Dorfrichters nicht den Schluss
zieht, dass •
Adam sie mit der ganzen Geschichte
getäuscht hat. Ihr Vertrauen in dessen amtliche Autorität und
Integrität scheint jedenfalls trotz seiner Grenzüberschreitungen vor
den Ereignissen in ihrer Kammer nicht gebrochen zu sein.
Ein Grund dafür liegt auch in ihrer politischen Einstellung, die sie
durch •
Adams Narrativ von dem geheimen Verschickungsbefehl der neu
ausgehobenen Truppen bestätigt sieht. Gegenüber dem Gerichtsrat
• Walter hält
sie zwar ein flammendes Plädoyer für die Verteidigung ihrer
niederländischen Heimat gegen äußere Feinde (V
1986 - V
1994). Insofern spricht sie sich auch nicht gegen die Praxis der
Konskriptionen aus, unter die jetzt auch ihr Bräutigam gefallen ist.
Was sie aber vehement ablehnt, ist die Tatsache, dass die
Landessöhne immer wieder für kolonialistische Zwecke ihr Leben geben
müssen ("Den eingebornen Kön’gen von Bantam, Von Java, Jakatra,
was weiß ich? Raub zum Heil der Haager Krämer abzujagen."
V 2058 - V
2061; Gestohlen ist dem Land die schöne Jugend, Um Pfeffer und
Muskaten einzuhandeln.",
V 2088f.).
Bis zu einem gewissen Grad mag das taktisch vorgeschoben wirken, um
ihren offensichtlichen Rechtsbruch mit dem gefälschten Attest vor sich selbst zu rechtfertigen
("List gegen List",
V 2090).
Allerdings könnten dahinter auch feste Überzeugungen stehen.
Jedenfalls reicht • Eve die
Existenz einer kolonialen Armee aus, "um aus
Angst um das Leben ihres Geliebten alles zu tun, daß er nicht für
die Armee ausgehoben wird; sie ist sogar bereit, ihren guten Namen,
ja Rupprechts Achtung und Liebe dafür aufs Spiel zu setzen. So sehr
liebt sie ihn, daß sie bereit ist, ihr eigenes Leben zu zerstören,
um Rupprecht zu retten." (Horn
1987, S.11)
Auch wenn die Kolonien der Niederlande im
Zerbrochnen Krug nur am Rande Erwähnung finden, ist die
Kolonialpolitik der Niederlande und ihrer mächtigen Handelskompanien
in Asien, wie Horn
(1987, S.11) weiter ausführt, keine "bloße Nebensächlichkeit. Sie stehen im Zentrum des
Verborgenen, des Lügennetzes, das die Komödie langsam und mit
detektivischer Kleinarbeit enthüllt. Sie sind der nach außen
gekehrte Schrecken, der sich immer wieder als totale Macht und
Schrecken nach innen kehrt."
Was sich •
in ihrer Kammer tatsächlich in der Vornacht mit
•
Adam genau abgespielt
hat, will • Eve
auch nach der Entlarvung des Dorfrichters nicht preisgeben.
Lediglich die Tatsache, dass er in Eves Kammer "Klartext" gesprochen
und von ihr "so Schändliches" gefordert habe, "Daß es kein Mädchenmund wagt auszusprechen!"
(12.Auftritt,
V 1946f.)
lässt Kleist seine Figur in der Kurzfassung des •
12. Auftritts dazu sagen. In
der Langfassung des • 12.
Auftritts (Variant) hingegen, die der •
Darstellung des
inneren Konfliktes, in dem sich •
Eve
befindet, breiten Raum gibt, schildert die junge Frau, deren ohnehin
angeschlagene •
"Ehre" nur noch dann irgendwie zu retten ist, wenn sie
leugnet oder verschweigt, dass es mit •
Adam zu •
unzüchtigen sexuellen Handlungen gekommen ist, das Geschehen
etwas genauer. Allerdings bleibt auch dann noch unklar ist, •
was
tatsächlich in der Kammer passiert ist, als sie dort mit dem
Dorfrichter allein war. Nur: Den Vorwurf der
Vergewaltigung gegen den Dorfrichter
zu erheben, hätte für •
Eve
noch viel größere Risiken bedeutet und dazu ein in der Regel
entwürdigendes Verfahren, das ihre •
"Ehre"
auch nicht wiederhergestellt hätte.
Als •
Walter nach der Flucht
•
Adams
•
Eve
dafür tadelt, dass sie sich ihrer Mutter nicht noch in der Vornacht
anvertraut habe, und dadurch dem
"Gerichte Schand’ erspart, und sich / Zweideut’ge
Meinungen von ihrer Ehre",
12. Auftritt Variant,
V 1926f.),
springt ihr ausgerechnet •
Ruprecht bei, der von seiner verletzten Eifersucht gegen den
möglichen Nebenbuhler Lebrecht getrieben, seine Braut zuvor noch •
als "Metze"
beschuldigt (z. B. 6.
Auftritt, V 444)
hat, und legt •
Eve
in den Mund, was einzig noch einen gewissen Schutz vor weiteren
insistierenden Fragen •
Walters zu bieten scheint:
Scham und ihr Glaube an Adams richterliche Integrität.
Ruprecht will mit ihr schnellstmöglich die Gerichtsstube
verlassen (12. Auftritt
Variant, V
1930), um zu verhindern, dass das, was in Eves Kammer zwischen
•
Adam und seiner Braut stattgefunden hat, in der Öffentlichkeit
breitgetreten wird. Er sei damit zufrieden, wenn sie ihm eines Tages
in ganz privatem Rahmen anvertraue, was gewesen sei. (V
1932 - V
1935)
Allerdings lässt •
Walter nicht locker und •
Ruprecht und •
Eve
auch nicht so einfach davonziehen. Er besteht darauf, dass •
Eve
vollumfänglich berichtet, was zwischen ihr und •
Adam geschehen ist (V
1939). Dass •
Adam, wie er meint, einer "Sünd"
(V 1941)
schuldig geworden sei, sei durch ein "keck hingeworfen(es) Wort"
(V 1940)
Eves jedenfalls nicht erwiesen. Der Krug-Fall selbst ist ja mit
•
Walters Zustimmung mit •
Adams
Skandalurteil (11.
Auftritt, V
1872 - V 1884)
verfahrensordnungsgemäß (vorläufig) abgeschlossen. Jetzt aber
geht es ihm, das macht der Wechsel der Beurteilungskategorien, vom Recht zur
religiösen Moral deutlich, der das •
Motiv des (biblischen) Sündenfalls (1.
Auftritt, V 9ff.)
wieder aufnimmt, um die moralische Beurteilung des sexuell
devianten Verhaltens durch die Gesellschaft.
Ein rechtliches, aufgrund von Fakten zu beurteilendes Problem
ist die Frage nach der Unschuld •
Eves, die •
Walter in den Raum stellt (12.
Auftritt Variant,
V 1937) jedenfalls nicht, sondern eine Frage des schlichten
Glaubens (V
1938).
Für •
Eves Schweigen gibt es zahlreiche Gründe,
die aber im Text selbst nicht erwähnt werden. Den Vorwurf der
Vergewaltigung gegen den Dorfrichter zu erheben, war, so sie
stattgefunden hat, jedenfalls keine gute Idee.
Frühneuzeitliche Gerichte
interessierten sich nämlich nur sehr wenig für •
Fragen nach Gewalt und Einvernehmlichkeit sexueller Handlungen.
Gerichtliche Verfahren zu sexuellen Strafdelikten waren allem
voran Sünde und verstießen damit gegen die göttliche Ordnung. Deshalb gingen sie nicht nur den Einzelnen oder die direkt
Betroffenen an, sondern
betrafen die Gemeinschaft und die gesellschaftliche Ordnung als
Ganzes." (Wunder
2023, S.105f.) Die Kategorie der "Sünde" übergibt, so könnte man
sagen, das
Problem aus der Sphäre des Rechts in die soziale
Kontrolle der Gemeinschaft oder, vertraut es den
Regulationsmechanismen der internalisierten Macht an.
In einem solchen
Prozess wäre gewiss Aussage gegen Aussage gestanden. Dies wiederum
bestärkte gewöhnlich die männlichen Richter um so mehr, den
Charakter des Opfers
ganz genau zu begutachten, um am Ende im Zweifel für den Angeklagten
zu urteilen oder weniger schlimme Strafen zu verhängen. (vgl.
Naphy
2002, S.79). Wo immer Frauen trotz der wegen ihrer "chronische(n)
Verschweigung" (Hufton
1998/2002, S. 368) überaus großen Dunkelziffer
Vergewaltigungen (natürlich nur
außerhalb der Ehe!) zur Anzeige brachten, mussten sie "immer
auch ihre Jungfräulichkeit und weibliche Ehre unter Beweis
stellen und verteidigen beziehungsweise sich gegen den
impliziten Vorwurf rechtfertigen, den Mann provoziert oder sich
nicht ausreichend gewehrt zu haben." (Lehner
2023, S.110) Dabei beschwor man nicht selten "das Gespenst von
der Frau als lüsternem Geschlecht, das den Mann in
schicksalhafte Versuchung führte" (Hufton
1998/2002, S. 368)
Unter diesem Blickwinkel betrachtet ist die Tatsache, dass •
Eve, sofern es zu einer
Vergewaltigung gekommen ist, •
Adam nicht konkret dieser Tat
bezichtigt, sondern bei ihrer •
Schilderung der Ereignisse in ihrer
Kammer Adam explizit "nur" solche Absichten unterstellt, die aber
durch das Einbrechen • Ruprechts
vereitelt wurden (7. Auftritt,
V 962 – V 968),
nachvollziehbar.
Ihr mögliches Verschweigen dürfte ihrer Einsicht geschuldet sein,
dass der Preis, den sie für die Wahrheit zu zahlen hätte, eben
unverhältnismäßig höher sein würde, als der für den "Sünder" •
Adam. Der "auf sexuelle
Keuschheit ausgesetzte Preis" war nämlich für Frauen besonders hoch
und betroffene Frauen mussten "entweder eine Abwertung ihres Status
auf dem Heiratsmarkt oder den elterlichen Zorn" fürchten, "wenn sie
offenbarten, was geschehen war – besonders, wenn sie von zu Hause
ausgerissen waren oder sich in
kompromittierende Umstände begeben hatten –." (ebd.)
Eve
hat, so gesehen, also allen Grund, das Wesentliche zu
verschweigen. Die •
Sprache, die sie bei ihrer Beschreibung wählt, schafft
allerdings über das tatsächlich Gesagte hinaus, eine andere Wahrheit
und verrät dem das Geschehen aufmerksam verfolgenden Publikum, was
wirklich geschehen ist bzw. geschehen sein könnte.