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Aspekte der Analyse und Interpretation

Die Haltung Eves

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FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des Dramas Handlungsverlauf Überblick Analytische DramenstrukturSzenenüberblick Einzelne SzenenÜberblick1. Auftritt 2. Auftritt 3. Auftritt 4. Auftritt 5. Auftritt 6. Auftritt 7. Auftritt 8.Auftritt 9. Auftritt  10. Auftritt 11. Auftritt 12. Auftritt 13. Auftritt VARIANT (12. Auftritt) Text Didaktische und methodische Aspekte [ Aspekte der Szenenanalyse Überblick Inhaltliche Gliederung der Szene Aspekte der Analyse und Interpretation Überblick Eve mit Adam in ihrer Kammer Die Haltung Eves Das Münzgleichnis Das Happy End für Eve und Ruprecht Die Begnadigung Adams Vergleich der Langfassung (Variant) und der Fassung der Buchausgabe (1811) ] Bausteine Fragen und Antworten (KI) Bausteine Bausteine Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"

Langfassung (Variant) und Buchausgabe (1811)
Die Enthüllungen zur Vorgeschichte in den verschiedenen Textversionen

In • Heinrich von Kleist (1777-1811)KomödieDer zerbrochne Krug begnadigt Gerichtsrat Walter am Ende den entlarvten Dorfrichter • Adam, als er ihn gemeinsam mit den anderen Anwesenden vom Fenster aus draußen in der Winterlandschaft davonflüchten sieht.

Mit ihrer Aussage nach der Flucht Adams (11. Auftritt, V 1900f.) hat • Eve die Vorgeschichte und die Vorgänge in der Vornacht aus ihrer Perspektive enthüllt und damit ist die analytische Dramenstruktur zu einem Ende gebracht. Das versöhnliche Komödienende, das • Eve und • Ruprecht wieder als Brautpaar vereinigt und in eine gute Zukunft blicken lässt, ist dadurch allerdings noch nicht erreicht.

Erst als es • Walter gelingt, ihr Vertrauen in den Staat und seine Repräsentanten mit den ihr angebotenen, das Konterfei des "Spanierkönigs" tragenden Gulden zum Freikauf • Ruprechts vom Militärdienst wieder zu gewinnen (V 2368 - V 2377), ist auch der Weg für das Happy End frei. Diesem wird noch die • Begnadigung Adams hinzugefügt (V 2415 - V 2422), die die tragische Komponente seines möglichen Schicksal "entschärft".

Eves Richtschnur: Moral und politische Skepsis

Beim Publikum und bei den Leserinnen und Lesern des Stückes könnte der vordergründig abrupt und wenig motivierte Sinneswandel Eves den Eindruck verstärken, dass die junge Frau ausgesprochen naiv ist bzw. handelt. Dieser Eindruck hängt damit unmittelbar mit Fragen zusammenhängen, die mit dem Charakter Eves und den ihr bei der Rezeption des Stückes zugeschriebenen Eigenschaften zusammen.

Die Informationen, die der • Variant allerdings im Vorfeld der • Münzszene über • Eves Haltung liefert, lässt das Bild einer naiven und gutgläubigen jungen Frau zumindest verblassen, das vielleicht wegen ihrer Bereitschaft, Adam in der Vornacht in ihre Kammer einzulassen, entstanden ist.

Im Rahmen der Aussage • Eves wird deutlich, dass die Frau im jugendlichen Alter sich, soweit ihr das überhaupt möglich ist, durchaus kritisch mit der Obrigkeit und ihren Absichten umgeht, was so gar nicht in das • Bild des "twatschen Kindes" passt, das Adam, um die Aussage Eves zu verhindern oder zumindest schon vorher abzuwerten, von der jungen Frau gezeichnet hat (9. Auftritt, V 1238f.).

Gewiss, die Information Adams, die ausgehobenen Truppen würden bald noch Batavia verschifft, stimmt nicht. Dass • Eve von der Wahrheit dieser Information ausgeht, ja ausgehen muss, weil sie sich als Analphabetin (V 2078) darauf verlässt, was Adam ihr über die "geheime Instruktion" (V 2069) mitteilt (V 2151f.), die die wahren Absichten der Konskription enthüllt, ist aber nicht wirklich alternativlos.

Es liegt letzten Endes daran, dass • Eve von Adam bei seiner Erpressung mehrfach unter einen enormen Zeitdruck gesetzt wird: Einmal ist es der für die Ausstellung des gefälschten Attest nötige Physikus, der wie zufällig gerade an diesem Tag von Adam erwartet wird (V 2097), dann ist es seine angebliche drei bis achttägige Dienstreise (V 2134, V 2195), die ihn veranlasst habe, entgegen seiner ursprünglichen Zusage, • Eve könne das gefälschte Attest am nächsten Morgen bei ihm abholen (V 2106), noch in der gleichen Nacht die verblüffte • Eve unter fadenscheinigen Gründen in ihrem Garten aufsucht.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass • Eve niemanden anderen in ihr Vertrauen zieht oder ziehen kann. Ihre Mutter Marthe Rull hätte, so viel scheint sie zu ahnen, • Adams Erpressung wohl durchschaut und ihr Angebot, diesem für das gefälschte Attest zum Dank alles zu geben, "was er nur nur redlich fordern kann." (V 2091f.) wohl ein Spiel mit dem Feuer gesehen. Sich ihr anzuvertrauen, hätte damit Eves Hoffnungen und Pläne mit Sicherheit durchkreuzt. Und auch Ruprecht selbst bietet sich in ihren Augen offenbar nicht dafür an, ihn vorab einzuweihen, weil sie sich offenbar durchaus bewusst ist, dass Adam ihr Angebot in einer anderen Weise verstehen könnte, als sie es beabsichtigt. Dass ihr eifersüchtiger Bräutigam das auch so sehen würde, ist ihr wohl klar.

In Kleists Stück jedenfalls steht • Eve ohne weitere Freundinnen oder Vertraute anderer Art da und ist daher gezwungen, die Sache für sich allein auszumachen. So gesehen geht auch durch die Falschinformation das zentrale moralisch ambivalente Movens • Eves, sich durch die Erpressung in die Hand des Dorfrichters zu begeben, nicht verloren. Ihr Analphabetismus ist daher auch grundsätzlich kein Argument für • Eves Naivität.

Eves Motive, Adam, den sie persönlich ja schon seit ihren Kindertagen kennt, in ihrer Lage zu vertrauen, ist, zumal ihr verstorbener Vater, der Kastellan, schließlich mit dem Dorfrichter befreundet und häufiger Gast im Hause der Rulls (7. Auftritt, V 585f.) gewesen ist, nichts Besonderes. Und auch • Marthe Rull hat schließlich keine Bedenken, ihre Tochter immer wieder ohne Begleitung zu Adam gehen zu lassen, wenn sie ihm damit eine Gefälligkeit erweisen kann (z. B. im Zusammenhang mit seinen am Pips erkrankten Perlhühnern, 10. Auftritt, V 1590 - V 1593) Dass sich • Adam dabei an ihre Tochter heranmachen könnte, scheint ihr jedenfalls nicht in den Sinn zu kommen. So ist es auch die • Arglosigkeit von Marthe Rull, die sich doch ansonsten als welterfahren und clever zu präsentieren versteht, die ihre  Tochter in eine solche Situation bringt.

Nicht von der Hand zu weisen ist dabei der Gedanke, dass Eves Versuch, Adam von ihrer Privatsphäre fernzuhalten ("Ei, wohin denkt er auch?" V 2104;  "Ich sag: Herr Dorfrichter, was das auch für / Anstalten sind! Ich werde jetzt mit ihm, / Da Mutter schläft, in meine Kammer gehn. /Daraus wird nichts, das konnt’ er sich wohl denken.", V 2189 - V 2192) auf sexuelle Anzüglichkeiten und Verhalten des Dorfrichters in der Vergangenheit zurückgeht, wie das von ihr im Garten als sexuell übergriffig zurückgewiesene "Kneipen" in die Backen (V 2120). Mit ihrer Frage nach seinen Absichten will sie ihn zur Rede stellen ("Was will er auch so spät zu Nacht bei mir?", V 2123) formuliert aber, als dieser sich darüber lustig macht ("Närrchen", V 2124), ihr klar formuliertes "Nein" ("Ich sag’, laß er die Hand mir weg! Was will er? "(V 2127) zu den ihr offenbar spätestens jetzt klar vor Augen stehenden Absichten des Dorfrichters. Es bleibt ihr, will sie noch zu dem Attest für Ruprecht kommen, wenig mehr, als darauf zu vertrauen, dass • Adam die Botschaft nicht nur verstanden, sondern das "Nein" auch akzeptiert. Sie glaubt jedenfalls die Sache auch dann noch unter Kontrolle zu haben, wenn sie den Dorfrichter zur abschließenden Ausfertigung des Attests mit in ihre Kammer nimmt. Naiv wirkt in diesem Zusammenhang allenfalls, dass sie aus Sorge um ihren Bräutigam Ruprecht quasi eins und eins nicht zusammenzählt und aus dem ganzen Verhalten des Dorfrichters nicht den Schluss zieht, dass Adam sie mit der ganzen Geschichte getäuscht hat. Ihr Vertrauen in dessen amtliche Autorität und Integrität scheint jedenfalls trotz seiner Grenzüberschreitungen vor den Ereignissen in ihrer Kammer nicht gebrochen zu sein.

Ein Grund dafür liegt auch in ihrer politischen Einstellung, die sie durch Adams Narrativ von dem geheimen Verschickungsbefehl der neu ausgehobenen Truppen bestätigt sieht. Gegenüber dem Gerichtsrat Walter hält sie zwar ein flammendes Plädoyer für die Verteidigung ihrer niederländischen Heimat gegen äußere Feinde (V 1986 - V 1994). Insofern spricht sie sich auch nicht gegen die Praxis der Konskriptionen aus, unter die jetzt auch ihr Bräutigam gefallen ist. Was sie aber vehement ablehnt, ist die Tatsache, dass die Landessöhne immer wieder für kolonialistische Zwecke ihr Leben geben müssen ("Den eingebornen Kön’gen von Bantam, Von Java, Jakatra, was weiß ich? Raub zum Heil der Haager Krämer abzujagen." V 2058 - V 2061; Gestohlen ist dem Land die schöne Jugend, Um Pfeffer und Muskaten einzuhandeln.", V 2088f.).

Bis zu einem gewissen Grad mag das taktisch vorgeschoben wirken, um ihren offensichtlichen Rechtsbruch mit dem gefälschten Attest vor sich selbst zu rechtfertigen ("List gegen List", V 2090). Allerdings könnten dahinter auch feste Überzeugungen stehen. Jedenfalls reicht • Eve die Existenz einer kolonialen Armee aus, "um aus Angst um das Leben ihres Geliebten alles zu tun, daß er nicht für die Armee ausgehoben wird; sie ist sogar bereit, ihren guten Namen, ja Rupprechts Achtung und Liebe dafür aufs Spiel zu setzen. So sehr liebt sie ihn, daß sie bereit ist, ihr eigenes Leben zu zerstören, um Rupprecht zu retten." (Horn 1987, S.11)

Auch wenn die Kolonien der Niederlande im Zerbrochnen Krug nur am Rande Erwähnung finden, ist die Kolonialpolitik der Niederlande und ihrer mächtigen Handelskompanien in Asien, wie Horn (1987, S.11) weiter ausführt, keine "bloße Nebensächlichkeit. Sie stehen im Zentrum des Verborgenen, des Lügennetzes, das die Komödie langsam und mit detektivischer Kleinarbeit enthüllt. Sie sind der nach außen gekehrte Schrecken, der sich immer wieder als totale Macht und Schrecken nach innen kehrt."

Was sich • in ihrer Kammer tatsächlich in der Vornacht mit Adam genau abgespielt hat, will • Eve auch nach der Entlarvung des Dorfrichters nicht preisgeben. Lediglich die Tatsache, dass er in Eves Kammer "Klartext" gesprochen und von ihr "so Schändliches" gefordert habe, "Daß es kein Mädchenmund wagt auszusprechen!" (12.Auftritt, V 1946f.) lässt Kleist seine Figur in der Kurzfassung des • 12. Auftritts dazu sagen. In der Langfassung des • 12. Auftritts (Variant) hingegen, die der • Darstellung des inneren Konfliktes, in dem sich Eve befindet, breiten Raum gibt, schildert die junge Frau, deren ohnehin angeschlagene • "Ehre" nur noch dann irgendwie zu retten ist, wenn sie leugnet oder verschweigt, dass es mit Adam zu • unzüchtigen sexuellen Handlungen gekommen ist, das Geschehen etwas genauer. Allerdings bleibt auch dann noch unklar ist, was tatsächlich in der Kammer passiert ist, als sie dort mit dem Dorfrichter allein war. Nur: Den Vorwurf der Vergewaltigung gegen den Dorfrichter zu erheben, hätte für • Eve noch viel größere Risiken bedeutet und dazu ein in der Regel entwürdigendes Verfahren, das ihre • "Ehre" auch nicht wiederhergestellt hätte.

Als Walter nach der Flucht Adams Eve dafür tadelt, dass sie sich ihrer Mutter nicht noch in der Vornacht anvertraut habe, und dadurch dem "Gerichte Schand’ erspart, und sich / Zweideut’ge Meinungen von ihrer Ehre", 12. Auftritt Variant, V 1926f.), springt ihr ausgerechnet • Ruprecht bei, der von seiner verletzten Eifersucht gegen den möglichen Nebenbuhler Lebrecht getrieben, seine Braut zuvor noch • als "Metze" beschuldigt (z. B. 6. Auftritt, V 444) hat, und legt • Eve in den Mund, was einzig noch einen gewissen Schutz vor weiteren insistierenden Fragen Walters zu bieten scheint: Scham und ihr Glaube an Adams richterliche Integrität. Ruprecht will mit ihr schnellstmöglich die Gerichtsstube verlassen (12. Auftritt Variant, V 1930), um zu verhindern, dass das, was in Eves Kammer zwischen • Adam und seiner Braut stattgefunden hat, in der Öffentlichkeit breitgetreten wird. Er sei damit zufrieden, wenn sie ihm eines Tages in ganz privatem Rahmen anvertraue, was gewesen sei. (V 1932 - V 1935)

Allerdings lässt • Walter nicht locker und • Ruprecht und • Eve auch nicht so einfach davonziehen. Er besteht darauf, dass • Eve vollumfänglich berichtet, was zwischen ihr und • Adam geschehen ist (V 1939). Dass • Adam, wie er meint, einer "Sünd" (V 1941) schuldig geworden sei, sei durch ein "keck hingeworfen(es) Wort" (V 1940) Eves jedenfalls nicht erwiesen. Der Krug-Fall selbst ist ja mit • Walters Zustimmung mit • Adams Skandalurteil (11. Auftritt, V 1872 - V 1884) verfahrensordnungsgemäß (vorläufig) abgeschlossen. Jetzt aber geht es ihm, das macht der Wechsel der Beurteilungskategorien, vom Recht zur religiösen Moral deutlich, der das • Motiv des (biblischen) Sündenfalls (1. Auftritt, V 9ff.) wieder aufnimmt, um die moralische Beurteilung des sexuell devianten Verhaltens durch die Gesellschaft. Ein rechtliches, aufgrund von Fakten zu beurteilendes Problem ist die Frage nach der UnschuldEves, die • Walter in den Raum stellt (12. Auftritt Variant, V 1937) jedenfalls nicht, sondern eine Frage des schlichten Glaubens (V 1938).

Für • Eves Schweigen gibt  es zahlreiche Gründe, die aber im Text selbst nicht erwähnt werden. Den Vorwurf der Vergewaltigung gegen den Dorfrichter zu erheben, war, so sie stattgefunden hat, jedenfalls keine gute Idee.

Frühneuzeitliche Gerichte interessierten sich nämlich nur sehr wenig für • Fragen nach Gewalt und Einvernehmlichkeit sexueller Handlungen. Gerichtliche Verfahren zu sexuellen Strafdelikten waren allem voran Sünde und verstießen damit gegen die göttliche Ordnung. Deshalb gingen sie nicht nur den Einzelnen oder die direkt Betroffenen an, sondern betrafen die Gemeinschaft und die gesellschaftliche Ordnung als Ganzes." (Wunder 2023, S.105f.) Die Kategorie der "Sünde" übergibt, so könnte man sagen, das Problem aus der Sphäre des Rechts in die soziale Kontrolle der Gemeinschaft oder, vertraut es den Regulationsmechanismen der internalisierten Macht an.

In einem solchen Prozess wäre gewiss Aussage gegen Aussage gestanden. Dies wiederum bestärkte gewöhnlich die männlichen Richter um so mehr, den Charakter des Opfers ganz genau zu begutachten, um am Ende im Zweifel für den Angeklagten zu urteilen oder weniger schlimme Strafen zu verhängen. (vgl. Naphy 2002, S.79). Wo immer Frauen trotz der wegen ihrer "chronische(n) Verschweigung" (Hufton 1998/2002, S. 368) überaus großen Dunkelziffer Vergewaltigungen (natürlich nur außerhalb der Ehe!) zur Anzeige brachten, mussten sie "immer auch ihre Jungfräulichkeit und weibliche Ehre unter Beweis stellen und verteidigen beziehungsweise sich gegen den impliziten Vorwurf rechtfertigen, den Mann provoziert oder sich nicht ausreichend gewehrt zu haben." (Lehner 2023, S.110) Dabei beschwor man nicht selten "das Gespenst von der Frau als lüsternem Geschlecht, das den Mann in schicksalhafte Versuchung führte" (Hufton 1998/2002, S. 368)

Unter diesem Blickwinkel betrachtet ist die Tatsache, dass • Eve, sofern es zu einer Vergewaltigung gekommen ist, • Adam nicht konkret dieser Tat bezichtigt, sondern bei ihrer • Schilderung der Ereignisse in ihrer Kammer Adam explizit "nur" solche Absichten unterstellt, die aber durch das Einbrechen • Ruprechts vereitelt wurden (7. Auftritt, V 962V 968), nachvollziehbar. Ihr mögliches Verschweigen dürfte ihrer Einsicht geschuldet sein, dass der Preis, den sie für die Wahrheit zu zahlen hätte, eben unverhältnismäßig höher sein würde, als der für den "Sünder" • Adam. Der "auf sexuelle Keuschheit ausgesetzte Preis" war nämlich für Frauen besonders hoch und betroffene Frauen mussten "entweder eine Abwertung ihres Status auf dem Heiratsmarkt oder den elterlichen Zorn" fürchten, "wenn sie offenbarten, was geschehen war – besonders, wenn sie von zu Hause ausgerissen waren oder sich in kompromittierende Umstände begeben hatten –." (ebd.)

Eve hat, so gesehen, also allen Grund, das Wesentliche zu verschweigen. Die • Sprache, die sie bei ihrer Beschreibung wählt, schafft allerdings über das tatsächlich Gesagte hinaus, eine andere Wahrheit und verrät dem das Geschehen aufmerksam verfolgenden Publikum, was wirklich geschehen ist bzw. geschehen sein könnte.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 27.02.2026

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Beschreiben Sie die Situation am Ende des Zebrochnen Krugs, insbesondere die Rolle der Begnadigung des Dorfrichters Adam für das Komödienende.
  2. Erläutern Sie, welche Funktion die so genannte Münzszene für den Sinneswandel der Figur Eve und für das Zustandekommen des Happy Ends hat.
  3. Analysieren Sie anhand des Textes, inwiefern Eve als politisch und moralisch reflektierte Figur dargestellt wird und warum der Vorwurf ihrer Naivität relativiert werden muss.
  4. Untersuchen Sie die Gründe dafür, weshalb Eve niemanden in ihr Vertrauen zieht, und erklären Sie, welche Rolle Zeitdruck, Erpressung und soziale Abhängigkeiten dabei spielen.
  5. Erklären Sie, warum Eve auch nach der Entlarvung Adams nicht offen ausspricht, was sich in ihrer Kammer ereignet hat, und beziehen Sie dabei frühneuzeitliche Rechts- und Moralvorstellungen ein.
  6. Beurteilen Sie das Verhalten des Gerichtsrats Walter im 12. Auftritt (Variant), insbesondere seinen Übergang von einer rechtlichen zu einer moralisch-religiösen Bewertung von Eves Aussage.
 
 
 

 
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