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Aspekte der Analyse und Interpretation

Eve mit Adam in ihrer Kammer

« Der zerbrochne Krug «– « – Variant (12. Auftritt) Aspekte der Szenenanalyse

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des Dramas Handlungsverlauf Überblick Analytische DramenstrukturSzenenüberblick Einzelne SzenenÜberblick1. Auftritt 2. Auftritt 3. Auftritt 4. Auftritt 5. Auftritt 6. Auftritt 7. Auftritt 8.Auftritt 9. Auftritt  10. Auftritt 11. Auftritt 12. Auftritt 13. Auftritt VARIANT (12. Auftritt) Text Didaktische und methodische Aspekte [ Aspekte der Szenenanalyse Überblick Inhaltliche Gliederung der Szene Aspekte der Analyse und Interpretation Überblick Eve mit Adam in ihrer Kammer Die Haltung Eves Das Münzgleichnis Das Happy End für Eve und Ruprecht Die Begnadigung Adams Vergleich der Langfassung (Variant) und der Fassung der Buchausgabe (1811) ] Bausteine Fragen und Antworten (KI) Bausteine Bausteine Figurenkonstellation Einzelne Figuren Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

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Eve und ihr Sprechen über Sexualität (12. Auftritt Variant)

In • Heinrich von Kleist (1777-1811)KomödieDer zerbrochne Krug sieht sich Eve trotz des Versuchs ihres Bräutigams Ruprecht, ihr durch Verlassen der Gerichtsstube nach der Flucht • Adams zu ersparen, dass Details dessen, was zwischen ihr und dem Dorfrichter in ihrer Kammer passiert ist, ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden, auf Drängen des Gerichtsrats Walter gezwungen, doch noch zur Sache auszusagen.

Während Ruprecht sich bei der Versöhnung mit seiner Braut damit zufrieden gibt, wenn sie ihm eines Tages in ganz privatem Rahmen die ganze Wahrheit anvertraue (V 1932 - V 1935), besteht • Walter darauf, dass • Eve vollumfänglich berichtet, was zwischen ihr und • Adam geschehen ist (V 1939). Dass • Adam, wie er meint, einer "Sünd" (V 1941) schuldig geworden sei, sei durch ein "keck hingeworfen(es) Wort" (V 1940)Eves jedenfalls nicht erwiesen.

Eve hat aus verschiedenen Gründen Ursache, das Wesentliche zu verschweigen. Dennoch ist es immer wieder die Sprache, die sie bei ihrer Beschreibung wählt, die über das tatsächlich Gesagte hinaus Bedeutung schafft und eine andere Wahrheit erahnen lässt. Sie verrät dem das Geschehen aufmerksam verfolgenden Publikum, was wirklich geschehen ist bzw. bestärkt es darin, eigene Vermutungen darüber anzustellen, was geschehen sein könnte. Zu behaupten, in der Kammer finde weder ein sexueller Übergriff • Adams auf • Eve und schon gar keine Vergewaltigung • Eves durch den Dorfrichter statt, sondern lediglich "eine massive Verletzung des persönlichen Schutzraums und der Privatsphäre von Marthes Tochter" (Friedl 2024, S.64), übernimmt unkritisch die Figurenperspektive • Eves und ihr traumatisch bedingtes Narrativ der ominösen "zwei abgemessnen Minuten" (12. Auftritt Variant, V 2217), über die sie nicht mehr sagen kann, als dass sie • Adam mit beiden Händen gefasst und angestarrt habe, bis • Ruprecht die Türe eingetreten habe.

Noch abwegiger erscheint Blambergers (2011, S.260, kindle-Version) Sicht auf das Geschehen, wenn er davon spricht, der "Krüppel Adam" habe in dieser Nacht bei • Eve "keine Chance" gehabt, weil - • Eve oder • Adam? -  in diesem "Augen-Blick" "vor einer Liebe" zurückschreckten, "die gesellschaftlich unmöglich ist", entkoppelt das übergriffige sexuelle Verhalten des • lüsternen Alten gänzlich von der Gewalt, die er dabei ausübt. Zur Begründung führt er Kleists Vorliebe für • Namensspiele an, das im Falle der beiden Beteiligten "das paradiesische Namenspaar" Adam und Eva sei (vgl. Adamsfall und biblischer Südenfall). Dies lasse auch den Schluss zu, "dass auch Adam und Eve füreinander hätten bestimmt sein können". Sieht man genau hin, handelt es sich um ein Entlastungsargument für den Täter. Adam ist im Übrigen genauso wenig ein "Triebtäter" wie ein "von einer unmöglichen Liebe Getriebener", der in den ominösen zwei Minuten "kurzzeitig von einem paradiesischen Zustand geträumt" hat. Ersteres ist falsch, weil sie seine Schuld individualisiert, das zweite unrichtig, weil es an die These vom dionysischen Charakter • Adams folgend den Zusammenhang von Macht und Gewalt, der dem sexuellen Übergriff oder der Vergewaltigung zugrunde liegt, verschleiert. Bleibt eigentlich nur zu fragen, weshalb Blamberger (2011) den Spuren nicht folgt, die Kleist im Text gelegt hat, sondern seine unhaltbare Thesen biografisch damit begründet, Kleist habe • ähnliche Träume gehabt.

Dass sich das Wissen um die Bedeutung dessen, was die Sprache über das Gesagte hinaus verdeutlicht, den Figuren nicht erschließt bzw. von diesen nicht artikuliert wird, ist Ausdruck ihrer von Kleist gestalteten, jeweils von ihren eigenen Interessen und Vorstellungen begrenzten Perspektive. Dem Publikum aber gibt Kleist mit seiner Sprache ein Instrument zur Hand, das die entsprechenden Konnotationen abrufen kann, die den Bericht • Eves als zwar verschleiertes, wenn nicht unbedingt kohärentes • Vergewaltigungsgeschehen, in jedem Fall aber als ein Geschehen, in dem es zu erzwungenen sexuellen Handlungen und damit zu • sexualisierter Gewalt zwischen • Eve und • Adam gekommen ist, lesen lassen.

Der zerbrochene Krug fungiert im Stück seit seiner Vorführung durch • Marthe Rull als • sexuelles Symbol der verlorenen Unschuld (Virginität). Die • sexuelle Konnotation auf das weibliche »Hymen wird über die gesamte Handlung hinweg immer wieder dann aktualisiert bzw. aufgerufen, wenn von Zerbrechen die Rede ist. Mit Wellbery (1997, S.25-29) lässt sich im Feld dieser Konnotationen nahezu • der gesamte Ereignisverlauf konsistent deuten. So lasse sich z. B. die "abgelegne Kammer" (7. Auftritt, V 747), in dem • Eve Adam auf dessen Erpressung hin empfange, als Metonymie verstehen, die auf der "Gleichsetzung zwischen Kammer und Innenraum des weiblichen Körpers" beruhe, auf die sich auch • Marthe Rulls Bemerkung "ich finde / Die Kammertür gewaltsam eingesprengt" (7. Auftritt, V 749f.) beziehen lassen.

Angesichts dieser und anderer Symbole und Motive, die mit Sexualität zu tun haben (z. B. • Symbol des Ziegenbocks, • Motiv des biblischen Sündenfalls, • Motiv des lüsternen Alten) und alle strukturiende und rezeptionslenkende Aufgaben haben, dürfte es für das zeitgenössische Publikum und die zeitgenössischen Leser*innen ein Leichtes gewesen sein, die mehr oder weniger versteckten Obszönitäten herauszulesen, die sich aus der Zweideutigkeit der verwendeten Wörter, und den zahlreichen • Gedankenstrichen (!), in Eves Darstellung des Geschehens ergeben.

Cui bono: Wem nützt es, wenn Eves Version des Geschehens als glaubhaft gilt?

Die Angaben, die der Text über das Geschehen in • Eves Kammer vor der Flucht • Adams macht, sind aus verschiedenen Gründen sehr spärlich. Da • Adam selbst dazu nicht befragt wird, ist es allein • Eve, die dazu Einblicke gewährt. Ob das, was sie sagt, die Wahrheit, nur ein Teil von ihr oder gar erfunden ist, lässt sich aus dem Text nicht rekonstruieren.

Der Text liefert jedenfalls keine weiteren Informationen, so dass es für die anderen Figuren, allen voran • Ruprecht, ihre Mutter • Marthe Rull und • Walter, davon abhängt, ob sie glauben, was ihnen • Eve dazu sagt, wie ja auch • Walter selbst unterstreicht.

Neben der Frage, was sich zwischen • Eve und • Adam in der Kammer faktisch abgespielt hat, muss sich man sich daher auch mit der Frage befassen, warum alle Figuren die von • Eve präsentierte Version "glauben". Liegt dies daran, dass das von • Eve Berichtete wirklich glaubhaft ist oder daran, dass die Figuren aus ihren unterschiedlichen und gemeinsamen Interessen heraus, einfach die Augen verschließen, obwohl sie eigentlich anderer Meinung sind? Wollen sie den Mantel des Schweigens über die mögliche "Sünde" legen und sich damit ihrer Pflicht als Gesellschaft entziehen, für ihre Sanktionierung zu sorgen ? Ist dies letzten Endes ein weiteres Beispiel dafür, dass es sich bei den Niederlanden um ein insgesamt korruptes System handelt, in dem die Wahrheit weniger zählt, als die Interessen der einzelnen, die alle "einschließlich Eve in der einen oder anderen Weise Gewinn aus der Korruption der niederländischen Gesellschaft (ziehen)"? (Mandelartz 2008/2009, S.317) Anders gesagt: Wer profitiert davon, wenn die Version • Eves als Wahrheit akzeptiert wird?

Was geschah zwischen Eve und Adam in Eves Kammer?

Zunächst geht es hier darum, die Geschehnisse, wie sie • Eve darstellt, möglichst genau zu rekonstruieren. Dies soll klären, ob • Eve, wie Dirk Grathoff (1981, S.293, zit. n. Mandelartz 2008/2009, S.314) meint, "zwar [...] eine Verführte, aber keine sexuell Verführte" ist, im Klartext: ob sie von Adam zum Sex gezwungen worden ist oder  "unschuldig" aus der Situation herauskommt.

Auch wenn der Text, wie immer wieder betont, darauf keine eindeutige Antwort gibt, ist dies natürlich ein Problem, mit der sich alle Rezipient*innen des Stücks bei ihrer Sinnkonstruktion und Interpretation des Geschehens beschäftigen und ihre, auch von den eigenen Wertvorstellungen und moralischen Überzeugungen geleiteten Antworten auf diese Frage geben.

In diesem Zusammenhang wirft Mandelartz (2008/2009, S.315) die Frage auf, ob • Eve ihre zugesagte "Leistung" in dem mit Adam vereinbarten Tauschhandel auch wirklich erbringen will, oder "ob sie nur den Staat um Ruprecht, oder auch Adam um seine Lust betrügen will" [...] Da das Stück weder mitteilt, dass Adam je anderes als sexuelle Befriedigung gefordert hätte, noch daß Eve außerhalb ihres Schlafzimmers eine ›redliche‹ Gegenleistung erbracht hätte, bleibt die Frage offen: Wo liegt Eves Grenze der Redlichkeit?"

Wenn • Eve berichtet. dass • Adam sie in ihrem Schlafzimmer in einer von ihr demonstrierten Weise mit den Händen gefasst habe (12. Auftritt Variant, V 2215), so ist es zunächst einmal eine Frage des mimisch-gestischen Spiels der Schauspielerin, wie dieser Vorgang, der im Text als • implizite Bühnenanweisung ja eine Art Leerstelle bildet, in • Körpersprache übersetzt wird. Und auch den Leser*innen bleibt es naturgemäß überlassen, was sie sich darunter vorstellen.

Angesichts der Tatsache, dass • Eve zuvor • Adam schon einmal zurechtgewiesen hat, seine Hand von ihm zu lassen (12. Auftritt Variant, V 2127), ist allerdings davon auszugehen, dass es sich um ein übergriffiges Festhalten • Eves handelt, vielleicht sogar, wie Mandelartz (2008/2009, S.315) vermutet, um mehr, nämlich darum, dass Adam die Hände • Eves an seine Hosen und damit, im Klartext gesprochen, an seinen wohl erigierten Penis geführt habe.

Nicht zuletzt schießen mit den im Text erwähnten zwei Minuten die Spekulationen ins Kraut, was denn wirklich in dieser kurzen Zeit, sofern die Angabe • Eves überhaupt stimmt, passiert ist bzw. passiert sein könnte. Schon ehe • Eve den Dorfrichter in ihre Kammer mitnimmt, spricht • Adam davon, dass die Angelegenheit nur zwei Minuten dauere (12. Auftritt Variant, V 2186), was, wenn er damit die endgültige Ausfertigung des Attests meint, durchaus plausibel erscheint. Dass • Eve aber wenig später wieder auf zwei Minuten zu sprechen kommt, als sie berichtet, • Adam habe sie "zwei abgemessne Minuten starr" (12. Auftritt Variant, V 2217) angesehen, nachdem er sie "bei beiden Händen" (V 2215) gefasst habe, lässt nicht nur ihre Mutter • Marthe Rull aufhorchen (V 2217), sondern bringt dem Publikum und den Leser*innen die ganze Doppeldeutigkeit der Worte • Eves zu Bewusstsein, deren Scham schon vor ihrer Aussage thematisiert worden ist (V 1931).

EVE.
Da wir jetzt in der Stube sind [...]
Läßt er am Tisch jetzt auf den Stuhl sich nieder,
Und faßt mich so, bei beiden Händen, seht,
Und sieht mich an.

FRAU MARTHE.
Und sieht —?

RUPRECHT.
Und sieht dich an —?

EVE.
Zwei abgemessene Minuten starr mich an.

FRAU MARTHE.
Und spricht —?

RUPRECHT.
Spricht nichts —? [...]"
(12. Auftritt Variant, V 2201 - V 2218)

Der "starre" Blick • Adams und das weitere Verschweigen dessen, was in in diesen zwei Minuten wirklich passiert ist, durch • Eve lässt vermuten, dass • Adam seine sexuelle Befriedigung während dieser Zeit gefunden hat.

Man kann in diesem Falle, neben den oben schon genannten Motivbezügen, aber durchaus auch Kleists Spiel mit den • Gedankenstrichen in der dramatischen Rede aller Beteiligten gerade in der oben dargestellten Textpassage (12. Auftritt Variant,  V 2201 - V 2218) bemühen, um zu zeigen, dass Kleist etliche Fingerzeige gibt, die auf ausgeführte sexuelle Handlungen in Eves Kammer hindeuten sollen.

Mag sein, dass • Adams Abschiedsgruß vor seinem Sprung aus dem Fenster den Eindruck nahe legt, dass er selbst "den Tauschhandel mit Eve für abgeschlossen hält" (Mandelartz 2008/2009, S.316), er also erreicht hat, was er wollte. Wenn er • Eve sagt, sie könne unter der Voraussetzung, dass sie sich "klug" verhalte, das immer noch nicht vollständig ausgefertigte Attest am nächsten morgen bei ihm abholen. (12. Auftritt Variant, V 2226), lässt jedenfalls annehmen, dass er dies nicht ohne Grund so anbietet. Eine rundum schlüssige Antwort auf die aufgeworfene Frage ist dies dennoch nicht. Nur: Sexuelle Gewalt ist es in jedem Fall, was • Eve widerfährt.

Die Wahl zwischen verschiedenen Hypothesen

Eve schildert das, was zwischen ihr und • Adam in der vergleichsweise kurzen Zeit in ihrer Kammer passiert ist, nicht wirklich und damit auch eigentlich nicht so, wie es • Walter von ihr verlangt hat. Stattdessen bietet sie lediglich Worthülsen ohne konkreten Inhalt an, die von den Zuhörern und dem Publikum selbst gefüllt werden müssen.

Warum sie nicht "Klartext" spricht, wie man heute sagen würde, lässt sich nur mutmaßen.

Sie könnte es tun,

  • weil sie die traumatischen Erfahrungen der vergangenen Nacht als Opfer sexueller Gewalt • verdrängt hat und sie dieser • psychische Abwehrmechanismus zunächst einmal vor weiteren, ihr Ich bedrohenden seelischen Konflikten schützt. Im Falle einer gewaltsamen Vergewaltigung durch • Adam eine sehr plausible Erklärung.

  • weil sie, wie man heute weiß, wie viele Opfer von Sexualdelikten sich nach einer sexuellen Gewalthandlung nur unter größeren Schwierigkeiten genau daran erinnern kann, was passiert ist. Häufig ist es den Opfern erst nach Stunden, Tagen oder sogar Wochen möglich, den Tathergang wiederzugeben.( vgl. Gysi 2018, S.24)

  • weil sie, so wie es die • sozial konstruierte Scham der frühen Neuzeit verlangt, sich des Geschehens so sehr schämt, dass sie nicht wirklich darüber sprechen kann und will. (12. Auftritt Variant, V 1931). Diese Scham entspräche auch der herrschenden Gefühlskultur ihrer Zeit und den Vorstellungen von »Keuschheit, »Scham, Schuld und »Prüderie.

  • weil sie einfach • keine Sprache besitzt, mit der sie über Sexualität und ihre gemachten Gewalterfahrungen, namentlich in der Öffentlichkeit, sprechen kann (12. Auftritt, V 1946f.) Schuld- und Schamgefühle versperren ihr den Mund und schon die Aufforderung • Walters, alles genau zu berichten, bringt sie an ihre persönlichen Schamgrenzen. Sie spricht, so wie dies viele • traumatisierten Opfer sexueller Gewalt auch heute tun, "in einer Art und Weise, die vordergründig unpassend zu sein scheint (lachen, distanziert, unbeteiligt wirken, gereizt reagieren) oder sie verschweigen wichtige Details." (ebd., S.26) Häufig wirkt auch der gesamte Köperausdruck inkongruent.

  • weil sie weiß, dass sie den sozialen Preis des Verlust ihrer • "Ehre" zu zahlen hätte, wenn sie eingestehen würde, dass es zu sexuellen Handlungen mit • Adam  gekommen ist, unabhängig davon, ob dabei Gewalt im Spiel gewesen ist oder nicht. Landeten nämlich solcherart • unzüchtige sexuelle Handlungen überhaupt vor Gericht, dann interessierten sich die Richter nur sehr wenig für • Fragen nach Gewalt und Einvernehmlichkeit sexueller Handlungen. Hier ging es dann vor allem um Sünde und den Verstoß gegen die göttliche Ordnung, vor allem aber auch darum im Zuge einer Täter-Opfer-Umkehr, die Frau als die eigentliche "Sünderin" hinzustellen, wenn, wie im Falle von • Eve und • Adam, Aussage gegen Aussage gestanden hätte.

  • weil sie, um ihr Ziel zu erreichen, Gerichtsrat • Walter in seiner Auffassung zu bestätigen, dass sie selbst unschuldig ist, verschweigen muss, was geschehen ist, um dessen Hilfe bei der Befreiung • Ruprechts vom Militärdienst zu erlangen.

Alle Hypothesen sind nicht nur nicht von der Hand zu weisen, sondern lassen sich durchaus am Text plausibel machen. Es bleiben aber immer Hypothesen. Worüber sich der Text bzw. • Eve ausschweigen, ob es zum Vollzug • unzüchtiger sexueller Handlungen, mit oder ohne Penetration • Eves durch • Adam gekommen ist, lässt sich also auch bei minutiöser Rekonstruktion aus dem Text nicht zweifelsfrei herauslesen und dies betrifft natürlich auch den Vorwurf der Vergewaltigung.

Die Nutznießer*nnen der Wahrheit Eves

Für Mandelartz (2008/2009, S.317) profitieren alle im Stück auftretenden Figuren davon, wenn • Eves Version des "Kammergeschehens" mit • Adam unhinterfragt als Wahrheit geglaubt wird. Sie ist im ganzen Stück ohnehin keine feststehende Größe, sondern etwas, das in einem "• "Wahrheitsspiel" (Greiner 2001) verhandelt wird. In der Münzszene, in der das Geld sogar zum Unterpfand der Wahrheit wird, wird dieser Zusammenhang besonders deutlich.

Zunächst einmal profitiert • Eve selbst am meisten davon, wenn die anderen ihre Version so glauben, wie sie sie präsentiert. Sie eröffnet ihr die Versöhnung mit • Ruprecht, der sie, zerknirscht über sein eigenes Verhalten, um Verzeihung bittet (12. Auftritt Variant, V 1912). Sie erfüllt damit die Forderung von Gerichtsrat • Walter, der darauf besteht, dass sie den Hergang des Geschehens in ihrer Kammer vollumfänglich berichten müsse, damit er an ihre Unschuld und die Sünde • Adams  glauben könne. (12. Auftritt Variant, V 1937 - V 1940) Wenn außer dem Amtsmissbrauch • Adams, den er ja mit dessen Amtsenthebung ahndet (V 2417), nicht mehr zu beanstanden ist als die Absicht • Adams, sexuelle Handlungen vorzunehmen, zu denen es aber nicht gekommen ist, dann sind • Eves "Schritte" in seinen Augen zwar "tadelnswert", aber eben auch "verzeihlich" (V 2305f.).

Da • Eve in dieser konkreten Situation immer noch davon ausgeht, dass eine geheime Instruktion ihren zum Militärdienst beorderten Bräutigam • Ruprecht ins ferne Ostasien kommandieren würde, weiß sie auch, dass sie nur dann noch eine Aussicht hat, ihre Liebe zu retten, wenn sie • Walter, dem sie sich ja schon völlig verzweifelt zu Füßen geworfen hat (V 1950), noch auf ihre Seite ziehen kann. Sie will • Walter dazu zu bewegen, das ihr für den Fall ihrer Unschuld gegebene Versprechen einzulösen, sich ihr gegenüber von seiner menschlichen Seite zu zeigen (V 1957).

Eves Version des "Kammergeschehens" mit • Adam löst zwar bei ihrer Mutter • Marthe Rull eine gewisse Skepsis aus (V 2217). Allerdings ist diese angesichts der Tatsache, dass sie sich mit alle anderen auf den Dorfrichter als den einzigen Schuldigen einigt, schnell vom Tisch. Zudem hat sie dadurch Gewissheit, dass die Verlobung ihrer Tochter mit • Ruprecht doch nicht aufgehoben wird. Insgesamt also, so dürfte • Marthe Rull es sehen, hält sich wohl der durch die Entwicklung noch bleibende Schaden an ihrer und der • "Ehre ihrer Tochter einigermaßen gering. Solange davon auszugehen ist, dass es nicht zum Vollzug • unzüchtiger sexueller Handlungen zwischen ihrer Tochter und dem Dorfrichter gekommen ist, eine Annahme, die ja von Anfang an im Raum gestanden ist, kann also auch • Marthe Rull ihren Frieden mit • Eve machen. Eine dauerhafte Belastung des Verhältnisses von Mutter und Tochter ist jedenfalls damit nicht mehr zu erwarten.

Gerichtsrat • Walter, der ja alle Möglichkeiten besessen hätte, mit weiteren Fragen an • Eve und/oder der Anhörung • Adams der Sache auf den Grund zu gehen, verzichtet vollständig darauf, will primär den durch • Adams Verhalten und den Prozess entstandenen Schaden für die Justiz und das Ansehen staatlicher Institutionen möglichst gering halten. Insofern hat er überhaupt kein Interesse daran, die Wahrheit des "Kammergeschehens" wirklich aufzuklären. Sein Glaube an die ihm präsentierte vordergründige Wahrheit macht ihn zum Teil des korrupten Systems, für das die Behauptung und Aufrechterhaltung von Herrschaftsstrukturen in der Gerichtsstube von Husium alles ist. "Es geht ihm", so Horn (1987, S.4), "um die 'Ehre des Gerichtes' (2/57), und um diese zu bewahren, ist er bereit, den Prozeß abzubrechen, befiehlt er • Adam, sich aus der Sache zu ziehen, die Sache zu enden. Als • Ruprechtt, von • Eve angespornt, nach der Enthüllung des wahren Sachverhalts in seiner Empörung den Richter verprügeln will, droht er ihm mit dem Eisen und ruft nach dem Büttel, um 'Unordnungen' dieser Art verhindern. Er ist also in erster Linie um das Funktionieren des Herrschaftsapparates bekümmert, erst in zweiter Linie um das 'Recht'".

  Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 26.02.2026

     
   Arbeitsanregungen:
  1. Beschreiben Sie, in welcher Situation sich Eve befindet, als sie von Gerichtsrat Walter zur Aussage gedrängt wird, und welche Rolle Ruprecht dabei einnimmt.
  2. Erläutern Sie, warum Eve nach Auffassung des Textes Gründe hat, das Wesentliche der Ereignisse in ihrer Kammer zu verschweigen.
  3. Analysieren Sie, wie Kleists Sprachgestaltung (z. B. Andeutungen, Gedankenstriche, Metonymien) dazu beiträgt, dass dem Publikum mehr Wissen über das Geschehen vermittelt wird als den Figuren auf der Bühne.
  4. Erklären Sie, welche symbolische Bedeutung dem zerbrochenen Krug im Text zugeschrieben wird und wie diese Bedeutung im Verlauf des Stücks immer wieder aktualisiert wird.
  5. Arbeiten Sie heraus, welche Hypothesen der Text dafür anbietet, warum Eve nicht offen über die möglichen sexuellen Übergriffe durch Adam spricht.
  6. Untersuchen Sie, inwiefern die Perspektivgebundenheit der Figuren dazu führt, dass die Wahrheit des „Kammergeschehens“ ungeklärt bleibt.
  7. Beurteilen Sie, wer nach dem Text davon profitiert, dass Eves Version des Geschehens als glaubhaft gilt, und setzen Sie diese Einschätzung in Beziehung zur dargestellten Korruption des Justizsystems.
 
 
 

 
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