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teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater
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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
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Eve und ihr Sprechen über Sexualität (12. Auftritt
Variant)
In
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Heinrich von Kleist (1777-1811)
• Komödie •
Der zerbrochne Krug sieht sich
•
Eve
trotz des Versuchs ihres Bräutigams
•
Ruprecht, ihr durch Verlassen der Gerichtsstube nach der Flucht •
Adams
zu ersparen, dass Details dessen, was zwischen
ihr und dem Dorfrichter in ihrer Kammer passiert ist, ans Licht der
Öffentlichkeit gezerrt werden, auf Drängen des
Gerichtsrats
•
Walter gezwungen, doch noch zur
Sache auszusagen.
Während •
Ruprecht sich bei der Versöhnung mit seiner Braut damit
zufrieden gibt, wenn sie ihm eines Tages in ganz privatem Rahmen die
ganze Wahrheit anvertraue (V
1932 - V
1935), besteht
•
Walter darauf, dass •
Eve
vollumfänglich berichtet, was zwischen ihr und •
Adam geschehen ist (V
1939). Dass •
Adam, wie er meint, einer "Sünd"
(V 1941)
schuldig geworden sei, sei durch ein "keck hingeworfen(es) Wort"
(V 1940)
•
Eves jedenfalls nicht erwiesen.
Eve
hat aus verschiedenen Gründen Ursache, das Wesentliche zu
verschweigen. Dennoch ist es immer wieder die Sprache, die sie bei ihrer Beschreibung wählt,
die über das tatsächlich Gesagte hinaus Bedeutung schafft und eine andere
Wahrheit erahnen lässt. Sie verrät dem das Geschehen aufmerksam verfolgenden
Publikum, was wirklich geschehen ist bzw. bestärkt es darin, eigene
Vermutungen darüber anzustellen, was geschehen sein könnte. Zu
behaupten, in der Kammer finde weder ein sexueller Übergriff •
Adams auf •
Eve und schon gar keine Vergewaltigung
•
Eves durch den Dorfrichter
statt, sondern lediglich "eine massive Verletzung des persönlichen
Schutzraums und der Privatsphäre von Marthes Tochter" (Friedl
2024, S.64), übernimmt unkritisch die Figurenperspektive •
Eves und ihr traumatisch bedingtes
Narrativ der ominösen "zwei
abgemessnen Minuten" (12.
Auftritt Variant,
V 2217), über die sie nicht mehr sagen kann, als dass sie
•
Adam mit beiden Händen gefasst und angestarrt habe, bis •
Ruprecht die Türe eingetreten habe.
Noch abwegiger erscheint
Blambergers (2011, S.260, kindle-Version) Sicht auf das
Geschehen, wenn er davon spricht, der "Krüppel Adam" habe in dieser
Nacht bei •
Eve "keine Chance" gehabt, weil -
•
Eve oder •
Adam? - in diesem
"Augen-Blick" "vor einer Liebe" zurückschreckten, "die
gesellschaftlich unmöglich ist", entkoppelt das übergriffige
sexuelle Verhalten des •
lüsternen Alten gänzlich von der Gewalt, die er dabei ausübt.
Zur Begründung führt er Kleists Vorliebe für •
Namensspiele
an, das im Falle der beiden Beteiligten "das paradiesische
Namenspaar" Adam und Eva sei (vgl.
•
Adamsfall und biblischer
Südenfall). Dies lasse auch den Schluss zu, "dass
auch Adam und Eve füreinander hätten bestimmt sein können".
Sieht man genau hin, handelt es sich um ein Entlastungsargument für
den Täter. Adam ist im Übrigen
genauso wenig ein "Triebtäter" wie ein "von einer unmöglichen Liebe
Getriebener", der in den ominösen zwei Minuten "kurzzeitig
von einem paradiesischen Zustand geträumt" hat. Ersteres ist
falsch, weil sie seine Schuld individualisiert, das zweite
unrichtig, weil es an die These vom dionysischen Charakter •
Adams folgend den Zusammenhang
von Macht und Gewalt, der dem sexuellen Übergriff oder der
Vergewaltigung zugrunde liegt, verschleiert. Bleibt eigentlich nur
zu fragen, weshalb
Blamberger (2011) den Spuren nicht folgt, die Kleist im Text
gelegt hat, sondern seine unhaltbare Thesen biografisch damit
begründet, Kleist habe •
ähnliche Träume gehabt.
Dass sich das Wissen um die Bedeutung dessen, was die Sprache über
das Gesagte hinaus verdeutlicht, den Figuren nicht erschließt bzw. von diesen
nicht artikuliert wird, ist Ausdruck ihrer von Kleist gestalteten, jeweils von ihren eigenen
Interessen und Vorstellungen begrenzten Perspektive. Dem Publikum
aber gibt Kleist mit seiner Sprache ein Instrument zur Hand, das die
entsprechenden Konnotationen abrufen kann, die den Bericht •
Eves als zwar
verschleiertes, wenn
nicht unbedingt kohärentes • Vergewaltigungsgeschehen, in jedem
Fall aber als ein Geschehen, in dem es zu erzwungenen sexuellen
Handlungen und damit zu •
sexualisierter Gewalt zwischen •
Eve
und •
Adam gekommen ist, lesen lassen.
Der zerbrochene Krug fungiert im Stück seit seiner Vorführung durch •
Marthe Rull als • sexuelles
Symbol der verlorenen Unschuld (Virginität). Die •
sexuelle
Konnotation auf das weibliche »Hymen
wird über die gesamte Handlung hinweg immer wieder dann aktualisiert
bzw. aufgerufen, wenn von Zerbrechen die Rede ist. Mit
Wellbery (1997, S.25-29) lässt sich im Feld dieser Konnotationen nahezu
•
der gesamte Ereignisverlauf konsistent deuten.
So lasse sich z. B. die "abgelegne
Kammer" (7. Auftritt, V 747),
in dem • Eve •
Adam auf dessen Erpressung hin empfange, als
Metonymie
verstehen, die auf der "Gleichsetzung zwischen Kammer und Innenraum
des weiblichen Körpers" beruhe, auf die sich auch •
Marthe Rulls Bemerkung "ich
finde / Die Kammertür gewaltsam eingesprengt" (7.
Auftritt, V 749f.)
beziehen lassen.
Angesichts dieser und anderer Symbole und Motive, die mit
Sexualität zu tun haben (z. B. •
Symbol des Ziegenbocks,
• Motiv des biblischen
Sündenfalls, • Motiv des lüsternen Alten)
und alle strukturiende und rezeptionslenkende Aufgaben haben, dürfte
es für das zeitgenössische Publikum und die zeitgenössischen
Leser*innen ein Leichtes gewesen sein, die mehr oder weniger
versteckten Obszönitäten herauszulesen, die sich aus der
Zweideutigkeit der verwendeten Wörter, und den zahlreichen •
Gedankenstrichen
(!), in Eves Darstellung des Geschehens ergeben.
Die Angaben, die der Text über das Geschehen in •
Eves Kammer vor der
Flucht •
Adams macht, sind aus
verschiedenen Gründen sehr spärlich. Da •
Adam selbst dazu nicht befragt
wird, ist es allein • Eve, die
dazu Einblicke gewährt. Ob das, was sie sagt, die Wahrheit, nur
ein Teil von ihr oder gar erfunden ist, lässt sich aus dem Text
nicht rekonstruieren.
Der Text liefert jedenfalls keine weiteren
Informationen, so dass es für die anderen Figuren, allen voran •
Ruprecht, ihre Mutter •
Marthe Rull und •
Walter, davon abhängt, ob sie glauben, was ihnen • Eve
dazu sagt, wie ja auch •
Walter selbst unterstreicht.
Neben der Frage, was sich
zwischen • Eve
und •
Adam in der Kammer faktisch abgespielt hat,
muss sich man sich daher auch mit der Frage befassen, warum alle
Figuren die von • Eve
präsentierte Version "glauben". Liegt dies daran, dass das von • Eve
Berichtete wirklich glaubhaft ist oder daran, dass die Figuren
aus ihren unterschiedlichen und gemeinsamen Interessen heraus,
einfach die Augen verschließen, obwohl sie eigentlich anderer
Meinung sind? Wollen sie den Mantel des Schweigens über die
mögliche "Sünde" legen und sich damit ihrer Pflicht als
Gesellschaft entziehen, für ihre Sanktionierung zu sorgen ? Ist
dies letzten Endes ein weiteres Beispiel dafür, dass es sich
bei den Niederlanden um ein
insgesamt korruptes System handelt, in dem die Wahrheit
weniger zählt, als die Interessen der einzelnen, die alle
"einschließlich Eve in der einen oder anderen Weise Gewinn
aus der Korruption der niederländischen Gesellschaft (ziehen)"?
(Mandelartz 2008/2009,
S.317) Anders gesagt: Wer profitiert davon, wenn die Version • Eves
als Wahrheit akzeptiert wird?
Zunächst geht es hier darum, die Geschehnisse, wie sie • Eve
darstellt, möglichst genau zu rekonstruieren. Dies soll klären, ob •
Eve, wie Dirk
Grathoff (1981, S.293, zit. n.
Mandelartz 2008/2009, S.314) meint, "zwar [...] eine Verführte,
aber keine sexuell Verführte" ist, im Klartext: ob sie von Adam
zum Sex gezwungen worden ist oder "unschuldig" aus der
Situation herauskommt.
Auch wenn der Text, wie immer wieder
betont, darauf keine eindeutige Antwort gibt, ist dies natürlich
ein Problem, mit der sich alle Rezipient*innen des Stücks bei
ihrer Sinnkonstruktion und Interpretation des Geschehens
beschäftigen und ihre, auch von den eigenen Wertvorstellungen
und moralischen Überzeugungen geleiteten Antworten auf
diese Frage geben.
In diesem Zusammenhang wirft
Mandelartz (2008/2009, S.315) die Frage auf, ob
• Eve ihre zugesagte "Leistung" in
dem mit Adam vereinbarten Tauschhandel auch wirklich erbringen
will, oder "ob sie nur den Staat um Ruprecht, oder auch Adam um
seine Lust betrügen will" [...] Da das Stück weder mitteilt,
dass Adam je anderes als sexuelle Befriedigung gefordert hätte,
noch daß Eve außerhalb ihres Schlafzimmers eine ›redliche‹
Gegenleistung erbracht hätte, bleibt die Frage offen:
Wo liegt Eves
Grenze der Redlichkeit?"
Wenn
• Eve berichtet. dass •
Adam sie in ihrem Schlafzimmer
in einer von ihr demonstrierten Weise mit den Händen gefasst
habe (12. Auftritt
Variant,
V 2215), so ist es zunächst einmal eine Frage des
mimisch-gestischen Spiels der Schauspielerin, wie dieser
Vorgang, der im Text als •
implizite
Bühnenanweisung ja eine Art Leerstelle bildet, in •
Körpersprache übersetzt wird. Und auch den Leser*innen
bleibt es naturgemäß überlassen, was sie sich darunter
vorstellen.
Angesichts der Tatsache, dass
• Eve zuvor •
Adam schon einmal
zurechtgewiesen hat, seine Hand von ihm zu lassen (12.
Auftritt Variant,
V 2127),
ist allerdings davon auszugehen, dass es sich um ein
übergriffiges Festhalten
• Eves handelt, vielleicht sogar,
wie
Mandelartz (2008/2009, S.315) vermutet, um mehr, nämlich
darum, dass Adam die Hände
• Eves an seine Hosen und damit,
im Klartext gesprochen, an seinen wohl erigierten Penis geführt
habe.
Nicht zuletzt schießen mit den im Text erwähnten zwei Minuten
die Spekulationen ins Kraut, was denn wirklich in dieser kurzen
Zeit, sofern die Angabe
• Eves überhaupt stimmt, passiert
ist bzw. passiert sein könnte. Schon ehe
• Eve den Dorfrichter in ihre
Kammer mitnimmt, spricht •
Adam davon, dass die
Angelegenheit nur zwei Minuten dauere (12.
Auftritt Variant,
V 2186),
was, wenn er damit die endgültige Ausfertigung des Attests
meint, durchaus plausibel erscheint. Dass
• Eve aber wenig später wieder auf
zwei Minuten zu sprechen kommt, als sie berichtet, •
Adam habe sie "zwei abgemessne
Minuten starr" (12.
Auftritt Variant,
V 2217) angesehen, nachdem er sie "bei beiden Händen" (V
2215) gefasst habe, lässt nicht nur ihre Mutter •
Marthe Rull aufhorchen (V
2217), sondern bringt dem Publikum und den Leser*innen die
ganze Doppeldeutigkeit der Worte
• Eves zu Bewusstsein, deren Scham
schon vor ihrer Aussage thematisiert worden ist (V
1931).
EVE.
Da wir jetzt in der Stube
sind [...]
Läßt er
am Tisch jetzt auf den Stuhl sich nieder,
Und faßt mich
so, bei beiden Händen, seht, Und
sieht mich an.
FRAU MARTHE.
Und sieht —?
RUPRECHT.
Und sieht dich an —?
EVE.
Zwei
abgemessene Minuten starr mich an.
FRAU MARTHE. Und
spricht —?
RUPRECHT.
Spricht nichts —? [...]"
(12. Auftritt Variant,
V 2201 - V
2218)
Der "starre" Blick •
Adams und das weitere Verschweigen dessen,
was in in diesen zwei Minuten wirklich passiert ist, durch •
Eve lässt vermuten, dass •
Adam seine sexuelle
Befriedigung während dieser Zeit gefunden hat.
Man kann in diesem Falle, neben den oben schon genannten
Motivbezügen,
aber durchaus auch Kleists Spiel mit den •
Gedankenstrichen
in der
dramatischen Rede aller Beteiligten gerade in der
oben dargestellten Textpassage (12.
Auftritt Variant,
V 2201 -
V 2218) bemühen, um zu zeigen, dass Kleist etliche
Fingerzeige gibt, die auf ausgeführte sexuelle Handlungen in
Eves Kammer hindeuten sollen.
Mag sein, dass •
Adams Abschiedsgruß vor seinem
Sprung aus dem Fenster den Eindruck nahe legt, dass er selbst
"den Tauschhandel mit Eve für abgeschlossen hält" (Mandelartz 2008/2009,
S.316), er also erreicht hat, was er wollte. Wenn er
• Eve sagt, sie könne unter der
Voraussetzung, dass sie sich "klug" verhalte, das immer noch
nicht vollständig ausgefertigte Attest am nächsten morgen bei
ihm abholen. (12.
Auftritt Variant,
V 2226), lässt jedenfalls annehmen, dass er dies nicht ohne
Grund so anbietet. Eine rundum schlüssige Antwort auf die
aufgeworfene
Frage ist dies dennoch nicht. Nur: Sexuelle Gewalt ist es
in jedem Fall, was
• Eve widerfährt.
Eve schildert das, was
zwischen ihr und •
Adam in der vergleichsweise
kurzen Zeit in ihrer Kammer passiert ist, nicht wirklich und
damit auch eigentlich nicht so, wie es • Walter
•
von ihr verlangt hat. Stattdessen bietet sie lediglich
Worthülsen ohne konkreten Inhalt an, die von den Zuhörern und
dem Publikum selbst gefüllt werden müssen.
Warum sie nicht "Klartext" spricht, wie man heute sagen würde,
lässt sich nur mutmaßen.
Sie könnte es tun,
-
weil sie die
traumatischen Erfahrungen der vergangenen Nacht als Opfer sexueller
Gewalt •
verdrängt hat und sie dieser •
psychische Abwehrmechanismus zunächst einmal vor weiteren, ihr Ich bedrohenden seelischen Konflikten schützt. Im
Falle einer gewaltsamen Vergewaltigung
durch • Adam eine sehr plausible
Erklärung.
-
weil sie, wie man
heute weiß, wie viele Opfer von Sexualdelikten sich nach einer sexuellen Gewalthandlung
nur unter
größeren Schwierigkeiten genau daran erinnern kann, was passiert
ist. Häufig ist es den Opfern erst nach Stunden, Tagen
oder sogar Wochen möglich, den Tathergang wiederzugeben.( vgl.
Gysi 2018,
S.24)
-
weil
sie, so wie es die •
sozial konstruierte Scham der frühen Neuzeit verlangt, sich des
Geschehens so sehr schämt, dass sie nicht wirklich darüber sprechen
kann und will. (12.
Auftritt Variant,
V 1931).
Diese Scham entspräche auch der herrschenden
Gefühlskultur ihrer Zeit und den Vorstellungen von »Keuschheit,
»Scham,
Schuld und »Prüderie.
-
weil sie
einfach •
keine Sprache besitzt, mit der sie über Sexualität und ihre
gemachten Gewalterfahrungen, namentlich in der Öffentlichkeit,
sprechen kann (12.
Auftritt, V 1946f.) Schuld- und
Schamgefühle versperren ihr den Mund und schon die Aufforderung • Walters,
alles genau zu berichten, bringt sie an ihre
persönlichen Schamgrenzen. Sie spricht, so wie dies viele •
traumatisierten Opfer sexueller Gewalt auch heute tun, "in einer Art und Weise,
die vordergründig unpassend zu sein scheint (lachen, distanziert,
unbeteiligt wirken, gereizt reagieren) oder sie verschweigen
wichtige Details." (ebd.,
S.26) Häufig wirkt auch der gesamte
Köperausdruck inkongruent.
-
weil sie
weiß, dass sie den sozialen Preis des Verlust ihrer •
"Ehre" zu zahlen
hätte, wenn sie eingestehen würde, dass es zu sexuellen Handlungen
mit •
Adam gekommen ist,
unabhängig davon, ob dabei Gewalt im Spiel gewesen ist oder nicht.
Landeten nämlich solcherart •
unzüchtige sexuelle Handlungen überhaupt vor Gericht, dann
interessierten sich die Richter nur sehr wenig für •
Fragen nach Gewalt und Einvernehmlichkeit sexueller Handlungen.
Hier ging es dann vor allem um
Sünde und den Verstoß gegen die göttliche Ordnung, vor allem aber
auch darum im Zuge einer Täter-Opfer-Umkehr, die Frau als die eigentliche
"Sünderin" hinzustellen, wenn, wie im Falle von •
Eve und •
Adam, Aussage gegen Aussage
gestanden hätte.
-
weil sie, um ihr Ziel
zu erreichen, Gerichtsrat • Walter
in seiner Auffassung zu bestätigen, dass sie selbst unschuldig ist,
verschweigen muss, was geschehen ist, um dessen Hilfe bei der
Befreiung •
Ruprechts vom Militärdienst zu erlangen.
Alle Hypothesen sind nicht nur nicht von der Hand zu weisen, sondern
lassen sich durchaus am Text plausibel machen. Es bleiben aber immer
Hypothesen.
Worüber sich der Text bzw.
• Eve ausschweigen, ob es zum
Vollzug •
unzüchtiger sexueller Handlungen, mit oder ohne Penetration
• Eves durch •
Adam gekommen ist, lässt sich
also auch bei minutiöser Rekonstruktion aus dem Text nicht
zweifelsfrei herauslesen und dies betrifft natürlich auch den Vorwurf der
Vergewaltigung.
Für
Mandelartz (2008/2009, S.317) profitieren alle im Stück
auftretenden Figuren davon, wenn • Eves
Version des "Kammergeschehens" mit •
Adam unhinterfragt als
Wahrheit geglaubt wird. Sie ist im ganzen Stück ohnehin keine
feststehende Größe, sondern etwas, das in einem "• "Wahrheitsspiel"
(Greiner
2001) verhandelt wird. In der Münzszene, in der das Geld sogar
zum Unterpfand der Wahrheit wird, wird dieser Zusammenhang besonders
deutlich.
Zunächst einmal
profitiert • Eve selbst am meisten
davon, wenn die anderen ihre Version so glauben, wie sie sie
präsentiert. Sie eröffnet ihr die Versöhnung mit •
Ruprecht, der sie, zerknirscht über sein eigenes Verhalten,
um Verzeihung bittet (12.
Auftritt Variant,
V 1912). Sie
erfüllt damit die Forderung von Gerichtsrat • Walter,
der darauf besteht, dass sie den Hergang des Geschehens in ihrer
Kammer vollumfänglich berichten müsse, damit er an ihre Unschuld und
die Sünde •
Adams glauben könne. (12.
Auftritt Variant,
V 1937 -
V 1940) Wenn
außer dem Amtsmissbrauch •
Adams, den er ja mit dessen
Amtsenthebung ahndet (V
2417), nicht mehr zu beanstanden ist als die Absicht •
Adams, sexuelle Handlungen
vorzunehmen, zu denen es aber nicht gekommen ist, dann sind • Eves
"Schritte" in seinen Augen zwar "tadelnswert", aber eben auch
"verzeihlich" (V
2305f.).
Da • Eve in dieser
konkreten Situation immer noch davon ausgeht, dass eine geheime
Instruktion ihren zum Militärdienst beorderten Bräutigam •
Ruprecht ins ferne Ostasien kommandieren würde, weiß sie
auch, dass sie nur dann noch eine Aussicht hat, ihre Liebe zu
retten, wenn sie • Walter, dem sie
sich ja schon völlig verzweifelt zu Füßen geworfen hat (V
1950), noch auf ihre Seite ziehen kann. Sie will • Walter
dazu zu bewegen, das ihr für den Fall ihrer Unschuld gegebene
Versprechen einzulösen, sich ihr gegenüber von seiner menschlichen Seite zu
zeigen (V 1957).
Eves Version des
"Kammergeschehens" mit •
Adam löst zwar bei ihrer
Mutter •
Marthe Rull eine gewisse
Skepsis aus (V
2217). Allerdings ist diese angesichts der Tatsache, dass sie sich
mit alle anderen auf den Dorfrichter als den einzigen Schuldigen
einigt, schnell vom Tisch. Zudem hat sie dadurch Gewissheit, dass
die Verlobung ihrer Tochter mit •
Ruprecht doch nicht aufgehoben wird. Insgesamt also, so
dürfte •
Marthe Rull es sehen, hält
sich wohl der
durch die Entwicklung noch bleibende Schaden an ihrer und der • "Ehre
ihrer Tochter einigermaßen gering. Solange davon auszugehen ist,
dass es nicht zum Vollzug •
unzüchtiger sexueller Handlungen zwischen ihrer Tochter und dem
Dorfrichter gekommen ist, eine Annahme, die ja von Anfang an im Raum
gestanden ist, kann also auch •
Marthe Rull ihren Frieden mit • Eve
machen. Eine dauerhafte Belastung
des Verhältnisses von Mutter und Tochter ist jedenfalls damit nicht
mehr zu erwarten.
Gerichtsrat • Walter,
der ja alle Möglichkeiten besessen hätte, mit weiteren Fragen an • Eve
und/oder der Anhörung •
Adams der Sache auf den Grund
zu gehen, verzichtet vollständig darauf, will primär den durch •
Adams
Verhalten und den Prozess entstandenen Schaden für die Justiz und das
Ansehen staatlicher Institutionen möglichst gering halten. Insofern
hat er überhaupt kein Interesse daran, die Wahrheit des
"Kammergeschehens" wirklich aufzuklären. Sein Glaube an die ihm
präsentierte vordergründige Wahrheit macht ihn zum Teil des
korrupten Systems, für das die Behauptung und Aufrechterhaltung von
Herrschaftsstrukturen in
der Gerichtsstube von Husium alles ist. "Es geht ihm", so
Horn (1987,
S.4), "um die 'Ehre des Gerichtes' (2/57), und um diese zu
bewahren, ist er bereit, den Prozeß abzubrechen, befiehlt er •
Adam,
sich aus der Sache zu ziehen, die Sache zu enden. Als •
Ruprechtt, von • Eve
angespornt, nach
der Enthüllung des wahren Sachverhalts in seiner Empörung
den Richter verprügeln will, droht er ihm mit dem Eisen und ruft nach
dem Büttel, um 'Unordnungen' dieser Art verhindern.
Er ist also in erster
Linie um das Funktionieren des Herrschaftsapparates bekümmert, erst
in zweiter Linie um das 'Recht'".
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
26.02.2026
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