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Langfassung (Variant) und Buchausgabe (1811)
Das Happy End für • Eve und • Ruprecht in • Heinrich von Kleist (1777-1811) • Komödie • Der zerbrochne Krug nach einer schweren Belastung ihrer Beziehung durch die Eifersucht und herabsetzenden Vorwürfe • Ruprechts sowie der Tatsache, dass sie • Adam mit in ihre Kammer genommen und das, was sich dort ereignet hat, nicht wirklich zur Sprache gekommen ist, ist, zumindest für heutige Rezipientinnen und Rezipienten eigentlich alles andere als selbstverständlich. Die beiden jungen Leute, Eve ist etwa 16 Jahre alt. Ruprecht dürfte auch noch • jünger als Mitte Zwanzig sein und damit noch unter der Vormundschaft seines Vaters, des Kleinbauern • Veit Tümpel stehen. Die beiden sind zum Zeitpunkt des Krug-Prozesses schon mehrere Monate miteinander verlobt und planen die Hochzeit an Pfingsten, als eine Konskription • Ruprecht abverlangt (12. Kapitel Variant, V 1972ff.), einen einjährigen Militärdienst in Utrecht (12. Kapitel Variant, V 2391) anzutreten. Die Beziehung des zukünftigen Brautpaares ist nicht das Ergebnis einer romantischen Liebesgeschichte, zumal Eheschließungen meist arrangiert wurden, auch wenn sie, insbesondere auf dem Land, gewöhnlich nicht gegen den Willen der Beteiligten zustande kamen. Aus • Ruprechts Perspektive gesehen, liest sich seine Entscheidung, • Eve um ihre Hand zu bitten, wie eine überwiegend zweckrationale Entscheidung. Er sucht vor allem eine sittlich tadellose, tatkräftige und gesundheitlich möglichst robuste Ehefrau, die ihm den Haushalt führt, auf dem Hof hilft und zugleich als Mutter ihrer künftigen Kinder für den Nachwuchs sorgt. (7. Auftritt, V 876f.) Als er ihr mit den zwei Worten "Willst du?" den Antrag macht, nachdem er sie bei der gemeinsamen Heuernte arbeiten gesehen hat, zögert sie ein bisschen, stimmt aber, indem sie ihm die Hände reicht, mit einem einfachen "Ja" kurz und bündig zu. ( (9. Auftritt, V 1166) Die Verlobung der beiden Minderjährigen wird daraufhin von ihren Vormündern (• Veit Tümpel und • Marthe Rull) abgesegnet und mit dem Austausch von Verlobungsgeschenken besiegelt. (9. Auftritt, V 1385ff.) In der Verlobungszeit lernen sich • Eve und • Ruprecht unter Wahrung der erforderlichen Anstandsregeln, die in Huisum gelten, kennen. Die • Annäherung der Geschlechter erfolgt auch hier unter der sozialen Kontrolle der Dorfgemeinschaft. In der Komödie wird dies vor allem durch die Ermahnung Veit Tümpels an seinen Sohn deutlich, der ihm erlaubt zu später Stunde zwar noch ein wenig mit • Eve am Fenster zu sprechen, aber auch das Versprechen abnimmt, dass er mit ihr in ihre Kammer gehe und um elf Uhr nachts wieder zu Hause sei (7. Auftritt, V 886). Auch das Zusammenlaufen der Nachbarschaft (12. Kapitel Variant, V 2259ff.) im Tumult des • "Kammergeschehens" und die von ihr erhobenen Vorwürfe gegen • Ruprecht zeigen, ebenso wie die Neugierde von • Frau Brigitte, wie diese soziale Kontrolle ausgeübt wird. In der Verlobungszeit entwickelt sich eine Zuneigung des Paares füreinander. Für • Eve gipfelt sie ihn ihrer Bereitschaft, für das Leben • Ruprechts die eigene • Ehre und soziale Existenz zu opfern. Von • Ruprecht erwartet sie, auch in der schwierigen Lage und dem Verdacht, der auf sie wegen des Geschehens der Vornacht gefallen ist, unbedingtes Vertrauen. (9. Auftritt, V 1162ff.) Doch • Ruprecht, der sich von ihr betrogen wähnt, folgt seiner gekränkten männlichen Eitelkeit mit seinen wiederholt herabsetzenden Beschimpfungen als "Metze" (6. Auftritt, V 444). Erst nachdem er nach der Entlarvung und der Flucht Adams seinen Irrtum erkennt, findet er wieder zu einer Sprache, die einem Verliebten ansteht ("Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut!" 12. Kapitel Variant, V 1912), auch wenn er damit natürlich auch "gut Wetter" machen will. Ruprecht sieht, nachdem • Adam entlarvt ist, seinen Irrtum ein und ist, wenn • Eve ihn trotz allem heiraten will, im Gegenzug bereit auf weitere Details dazu zunächst einmal zu verzichten:
"Behalts
für dich, was brauchen wir’s zu wissen./ Als • Ruprecht das sagt, weiß er nichts über die Vorgeschichte, hat keine Ahnung, weshalb • Adam in der Kammer seiner Braut gewesen und geflüchtet ist, als er die Kammertür eingetreten hat (7. Auftritt, V 962ff.) Dass er sich in der • Variant-Fassung des 12. Kapitels (Langfassung, 1808), als • Eve sich den Tadel von Gerichtsrat • Walter anhören muss, sie habe mit ihrem Schweigen dazu beigetragen, dass dem Gericht Schande entstanden und ihre Ehre in Frage gestellt worden sei (12. Kapitel Variant, V 1924 - V 1927) schützend vor • Eve stellt, hat dies zweierlei Gründe. Zum eine will er • Eve, die ihn zuvor zweimal hat "abblitzen" lassen (12. Kapitel Variant, V 1913, V 1919) - V 1927), davon überzeugen, dass er doch noch zu dem von ihr während des Prozesses so schmerzlich vermissten unbedingten Vertrauens (9. Auftritt, V 1162 - V 1165) fähig ist und sie damit zurückgewinnen. Zum anderen will • Ruprecht gemeinsam mit • Eve möglichst schnell die Gerichtsstube verlassen (12. Kapitel Variant, V 1930), um ihr eine weitere beschämende Befragung durch den Gerichtsrat zu ersparen, die u. U. kompromittierende Details ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hätte, die seine Annahme, Eve sei schuldlos, von der er in dieser Situation ohne Kenntnis der Fakten ausgeht (12. Kapitel Variant, V 1942). Eine Heirat mit einer Frau, die, • ob gewaltsam oder nicht, ihre • "Ehre" verloren hat, wäre für ihn auch weiter nicht in Frage gekommen. Allerdings lässt • Walter nicht locker und • Ruprecht und • Eve auch nicht so einfach davonziehen. Er besteht darauf, dass • Eve vollumfänglich berichtet, was zwischen ihr und • Adam geschehen ist (V 1939). Dass • Adam, wie er meint, einer "Sünd" (12. Kapitel Variant, V 1941) schuldig geworden sei, sei durch ein "keck hingeworfen(es) Wort" (12. Kapitel Variant, V 1940) • Eves jedenfalls nicht erwiesen. Aus diesem Grunde ermuntert • Ruprecht • Eve, sich ein Herz zu fassen und zu sagen, was • Adam von ihr gewollt habe, auch wenn ihn dies gewiss wieder eifersüchtig werden lasse. Dass er damit von • Adam als "Pferdefuß" spricht und die Formulierung wählt: "Sieh, hätt’ ein Pferd bei dir den Krug zertrümmert, /Ich wär’ so eifersüchtig just, als jetzt." (12. Kapitel Variant, V 1944f.) dürfte nicht auf darauf hinweisen, dass • Ruprecht wirklich glaubt, dass seine Braut in der Kammer mit • Adam ihre Unschuld (Virginität) verloren und unzüchtige Handlungen begangen hat. Zugleich deutet die nur vordergründig komisch wirkende Verwendung des Begriffs Pferd, das als Wortspiel im Anschluss an die Bezeichnung Pferdefuß für • Adam, auch auf eine gewisse Ambivalenz und Unsicherheit hin, die • Ruprecht damit überspielen will. In jedem Fall ist die Äußerung aber eine Wiederaufnahme der Andeutungen, die Kleist, für den der Krug als • sexuelles Symbol fungiert, dem Publikum und den Leser*innen Rezeptionshinweise gibt, um die Leerstelle jener ominösen zwei Minuten zu füllen, über die sich • Eve in ihrem späteren Bericht über das • "Kammergeschehen" als • traumatisiertes Opfer sexualisierter Gewalt in verschleiernder Art und Weise äußert. (12. Kapitel Variant, V 2201 - V 2216) Eve ist der Überzeugung, dass die Frage, ob sie schuldig oder unschuldig ist, letzten Endes nichts an den vermeintlich düsteren Zukunftsaussichten verändert, die durch • Ruprechts Einberufung zum Militärdienst entstanden sind (12. Kapitel Variant, V 1946). Sie weiß, dass ihr Versuch, mit dem gefälschten Attest, • Ruprecht vom Militärdienst befreien zu lassen (12. Kapitel Variant, V 2090f.), nach der Flucht • Adams (11. Auftritt, V 1900) nicht mehr gelingen kann, da • Adam ihr dieses nicht mehr übergeben kann. Den Kampf um ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Liebe zu • Ruprecht gibt sie allerdings deshalb nicht auf. Wie sie sich dies vorstellt, zeigt sie, als sie sich, sehr zum Erstaunen • Ruprechts ("Ewiger Gott", 12. Kapitel Variant, V 1951) • Walter zu Füßen wirft. Gerahmt von dieser "großen" Geste der Unterwerfung bittet sie den Gerichtsrat, • Ruprecht und ihr zu helfen, da sie ansonsten verloren und für immer unglücklich seien. Was sie tut, dürfte den meisten Leser*innen und dem Publikum, je nach Inszenierung der Geste, menschlich verständlich erscheinen, ist aber in der Situation, in der sie zur Ausführung kommt, der Versuch, sich und • Ruprecht einen Vorteil zu verschaffen vor allen anderen, die von der Konskription sonst noch betroffen sind. Selbst wenn ein solches Verhalten in der Zeit, in der die Handlung spielt, wahrscheinlich nicht unüblich gewesen ist, ist es eben Ausdruck eines • korrupten Systems in den Niederlanden, von dem alle wichtigen Akteure des Stückes profitieren. Und auch • Eve ist ein Teil davon, die auf das System der "Vetternwirtschaft" setzt, als sie sich in ihrer Verzweiflung dem Gerichtsrat • Walter zu Füßen wirft. Walter ist trotz seines Tadels von vornherein von der Unschuld • Eves überzeugt. Als sie vor ihm auf dem Boden liegt, spricht er sie als "mein liebenswertes Kind" (12. Kapitel Variant, V 1955) an und zeigt sich von dieser Geste der jungen Frau offenbar so berührt, dass er sich ihrem Anliegen väterlich anzunehmen verspricht. Diese Rührung ist wenig motiviert und umso erstaunlicher, als sich • Walter bis dahin durch seine Rationalität ausgezeichnet hat und nur als Vertreter seiner eigenen und der Interessen seiner Regierung in Utrecht agiert hat. Ihre dramaturgische Funktion enthüllt sich eigentlich erst am Ende, mit dem Happy End für • Eve und • Ruprecht, das typisch für zeitgenössische Rührstücke ist. Mit ihrem flammenden Bekenntnis für die Freiheit und die Verteidigung der Niederlande (12. Kapitel Variant, V 1983 - V 1994) entkräftet • Eve die im Prozess von ihrer Mutter • Marthe Rull im Rahmen ihrer • Prozessstrategie vorgebrachte Behauptung, • Ruprecht habe mit ihrer Unterstützung. wie etliche andere, Fahnenflucht begehen wollen. (9. Auftritt, V 1308 - V 1317) Mit ihrer höchst emotionalen Schilderung der Ereignisse des Vortages und der Vornacht die • Eve, teilweise unter Tränen (12. Kapitel Variant, V 1998) vorbringt, hält sie die Rührung • Walters aufrecht, der sie in kurzen Einwürfen lobt (12. Kapitel Variant, V 2026) und seine Abscheu gegenüber • Adam zum Ausdruck bringt (12. Kapitel Variant, V 2042). Lediglich als • Eve ihm mit dem Hinweis auf die vermeintlich betrügerische Konskription davon berichtet, wie sie dem von • Adam angebotenen gefälschten Attest zugestimmt hat und dem Dorfrichter als Gegenleistung alles angeboten habe, "was Er nur redlich fordern kann", äußert er mal Kritik. (12. Kapitel Variant, V 2086 - V 2093) Für • Eve gut, dass er nicht nachbohrt und sie fragt, was sie sich unter diesem Handel vorgestellt hat. Wahrscheinlich ist dies auch Teil seines Kalküls, der Angelegenheit nicht wirklich auf den Grund zu gehen, um das Ansehen des Gerichts nicht noch weiter zu beschädigen. Eve glaubt • Walter zunächst nicht, als er selbst unter Berufung auf seine "Pflicht" verneint, dass die ausgehobenen Truppen nach Batavia verschickt werden. Dennoch bleibt • Eve in all ihrer Verzweiflung vergleichsweise zurückhaltend angesichts der in ihren Augen auch von • Walter ihr ins Gesicht gesagten Lüge, nachdem dieser ihr als "liebenswerte(m) Kind" (12. Kapitel Variant, V 1955) zuvor gerade noch versprochen hat, seine menschliche Seite zu zeigen. (12. Kapitel Variant, V 1957) Dafür bewahrt sie erstaunlich die Fassung. hält ihm aber vor, dass sie sehr wohl wisse, dass er als Vertreter der Staatsmacht die Wahrheit über die Konskription verheimlichen müsse. (12. Kapitel Variant, V 2063.f) Weil • Walter der Konskriptionssache aber zunächst nicht weiter nachgehen will (12. Kapitel Variant, V 2081) und stattdessen hören will, wie sich die Geschichte am Vortag weiter entwickelt hat, schildert • Eve in aller Ausführlichkeit, was sie bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie mit • Adam in ihre Kammer gegangen ist (12. Kapitel Variant, V 2198), erlebt hat. Nach ihrem Bekenntnis, Analphabetin zu sein (12. Kapitel Variant, V 2078), zeigt • Walter, nachdem er sich von • Licht versichern lässt, dass keine zusätzliche (geheime) Order zur Konskription eingetroffen sei (12. Kapitel Variant, V 2147f.), für • Eve Verständnis dafür, dass • Eve dem Wort • Adams vertraut habe. (12. Kapitel Variant, V 2152f.) Als • Eve davon berichtet, dass sie • Adam auf dessen Drängen hin, in ihre Kammer mitgenommen habe, fürchtet sie, den Unmut und Zorn des sichtbar ungeduldiger werdenden Gerichtsrats. Ruprecht ist, nachdem er sich zu Beginn des Berichts von • Eve für sein Verhalten entschuldigt und sie ermuntert hat, auszusagen, von der von • Eve gemachten Aussage, dass er mit den Truppen nach Batavia abkommandiert werde, so heillos überrascht (12. Kapitel Variant, V 2062), dass er kein weiteres Wort hervorbringt. Was • Eve weiter über die Vorgeschichte und das Geschehen in der Nacht vorbringt, macht ihn fassungslos. Dass ausgerechnet • Adam, der Dorfrichter, in • Eves Kammer gewesen ist und von ihm in die Flucht geschlagen worden ist (7. Auftritt, V 962 - V 989) will nicht so recht in seinen Kopf. Und doch scheint ihm, wie bei seinem Eifersuchtsanfall in der Nacht zuvor "der Knopf am Brustlatz" (7. Auftritt, V 964) fast zu "springen", so sehr ringt er offenbar auch bei den Schilderungen • Eves wieder um Luft. Seine Ausrufe und Flüche unterbrechen • Eves Darstellung immer wieder (z. B. "Gotts Bitz!" V 2119), "Gotts Donnerwetter!" (V 2119), "Seht, den Halunken! (V 2122) "Ei, solch ein blitz-verfluchter Kerl!" (V 2187), "Die Bestie!" (V 2230), "Gotts Schlag und Wetter!" (V 2238), "Verflucht!" (V 2241) "Mein Evchen!" (V 2241), "Daß mir der Fuß erlahmte!" (V 2253), "Verwünscht! Daß ich nicht schwieg! Ein anderer! Mein liebes Evchen!" (V 2268). Am Ende münden sie in • Ruprechts Ausruf "Vergib mir!" (V 2304).
Was sie sagt, muss er nicht als Eingeständnis des Vollzugs • unzüchtiger Handlungen lesen, was seiner Absicht gelegen kommt, die Justiz insgesamt aus einem Skandal herauszuhalten. Mit seinem • Münzgleichnis, (12. Auftritt Variant, V 2345 - V 2377) kann er seine Aussage, dass • Ruprecht als Soldat nicht, wie von ▪ Adam behauptet, nach Batavia kommandiert würde, so beglaubigen, dass • Eve ihr Misstrauen in den Staat und seine Institutionen aufgibt. Damit gibt er in den Augen • Eves ihrer Liebe zu • Ruprecht die Zukunft, die sich die junge Frau ersehnt. Am Ende der Komödie entsteht daraus ein fast väterliches Verhältnis zu • Eve, als er sie küsst und verspricht, sich für • Ruprechts Verwendung in der Kompanie seines Bruders zu verwenden. (12. Auftritt Variant, V 2378f.) und an der Hochzeit der beiden im kommenden Jahr teilzunehmen.
12. Kapitel f
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