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teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater
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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
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Handschrift (Langfassung,
1808) und Buchausgabe (1811)
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Die Enthüllungen zur Vorgeschichte in den verschiedenen Textversionen
Der •
Zwölfte Auftritt (Variant) (•
Text)
in
▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ stellt nicht die • Urfassung der
Handschrift dar, die Kleist in den Jahren 1802 bis 1807 von
seinem Stück niedergeschrieben hat.
So wie er es mit
seinem Text immer wieder gemacht hat, hat er auch den Schluss seines
Stückes • mehrfach überarbeitet
hat. Seine Handschrift jedenfalls bricht nicht da ab, wo dies die
von ihm selbst als als "Variant"
bezeichnete Fassung des •
Zwölften Auftritts (Variant) (•
Text) tut: In
der Handschrift wird das Happy-End des Stücks noch durch einen
Dialog über den flüchtigen Adam, die Aufforderung Walters an Licht,
diesen zurückzuholen, und Marthes Erklärung, sich in der Krugsache
nach Utrecht zu wenden, ausgestaltet. Die Absichtserklärung Marthe
Rulls ist später als • letzter
(Dreizehnter) Auftritt auch die Kurzfassung der Buchausgabe von
1811 eingegangen. (vgl.
Jürgens
32015, S.49)
In die im Jahre 1811 von ihm
besorgte Buchausgabe des Stückes, die einen neuen, erheblich
kürzeren • 12. Auftritt
präsentierte, hat er die ältere Langfassung aber im Anhang dennoch
aufgenommen und damit im Grunde, auch für die Bühne, zwei
unterschiedliche Varianten des Komödienendes mehr oder weniger
gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen. Die ältere Langfassung
bezeichnete er selbst als "Variant".
Die Gründe, die •
Kleist veranlasst haben, diese
Änderung vorzunehmen – er hat den Text aber auch schon früher • mehrfach überarbeitet
– hängen mit seinen Erfahrungen bei der • Uraufführung
des Stückes
Die • Uraufführung unter
»Johann
Wolfgang von Goethes (1749-1832) Regie am »Weimarer
Hoftheater im Jahr 1808 zusammen, die ein •
Riesendebakel
gewesen ist.. Das Publikum war wohl überwiegend gelangweit oder
konnte mit der derben Sprache, die Kleists Figuren artikulierten,
nichts anfangen. Kurz und gut: Das Stück fiel beim Publikum durch.
Auf der Suche nach dem Schuldigen des Debakels machte man entweder
den Autor und sein Stück selbst verantwortlich oder zog über die
•
katastrophale Leistung der Schauspieler, namentlich des Darstellers
des Dorfrichters •
Adam her.
Bald schon
konzentrierte sich die •
Kritik auf Kleist,
dem man u. a. mangelndes dramatisches Talent bescheinigte, weil sich
das Stück in seiner •
Handlungsarmut über eineinhalb Stunden reiner Spielzeit zog.
Dabei bemängelten schon die Zeitgenossen die •
Längen, die den Text auszeichneten.
Als Reaktion auf
die negativen Urteile über die Weimarer Inszenierung durch das
Publikum und einiger Kritiker veröffentlichte Kleist im März 1808
einige Fragmente aus dem Lustspiel (1., 6. und 7. Auftritt) in der gemeinsam mit »Adam
Müller von Nittersdorf (1779-1829) herausgegebenen Zeitschrift
Phöbus. Ein Journal für die Kunst. Darin gab er der Hoffnung
Ausdruck, dass sich
die Leser dadurch selbst sein Bild darüber machen könnten, warum "das
Stück auf der Bühne von Weimar verunglückt ist". Allerdings dürfte
die Wirkung dieses Rechtfertigungsversuches eher gering gewesen
sein.
Obwohl das Stück
nach dem Reinfall in Weimar dort nicht wiederaufgeführt wurde, ein
Schicksal, das sonst nicht einmal drittklassigen
Rührstücken
widerfuhr, die, wie heutzutage mediale Formate im Stile von »Seifenopern
(Daily Soaps) oder »Telenovelas,
fast täglich, oft auch in Wiederholungen vor dem gleichen Publikum,
konsumiert wurden, avancierte es – nach einer längeren Pause – ab •
1820
doch noch zum meistgespielten deutschen Theaterstück. Bei diesen
Aufführungen wurde das Stück meistens beträchtlich gekürzt, um es
bühnengerechter zu machen. Allerdings geschah dies auch immer wieder
um den Preis seiner Versimpelung" (Kreutzer
2011, S.53, Kindle Edition), die aus Kleists Stück "ein
poltriges Lustspiel" (ebd.)
machte. Für Kreutzer
(2011, S.56 Kindle Edition) ist die ältere Langfassung "objektiv
zu lang" (?) und Kleist wäre gut beraten gewesen, wenn er 1811 der
literarischen Öffentlichkeit nur den gekürzten Text der Buchausgabe
präsentiert hätte, denn die Tatsache, dass in dem Stück die
Vorkommnisse der Vornacht in Eves Kammer dreimal vorgeführt werden,
bringe die Gesamtwirkung des Stückes in Gefahr: "Zunächst
rekonstruiert der Zuschauer sie selbst, und das rasch, aus dem
Dialog, den er mitverfolgt. Dann werden die Vorgänge durch die
Befragung der am Geschehen Beteiligten noch einmal, und das weit
gründlicher, erzählt. Schließlich kommen aber, drittens, so gut wie
alle Geschehnisse in der langen Auseinandersetzung zwischen Eve und
dem Gerichtsrat Walter, die die Hauptmaterie des «Variant» bildet,
noch einmal wieder vor." (ebd.,
S.56f.)
Für Kreutzer
(2011, S.56 Kindle Edition) "(ist) die motivische Kohärenz des
Kunstwerks (...) ohne den «Variant» größer."
Der neue Schluss bringt die Handlung schneller zu einem Ende und
rundet dabei doch das gesamte Lustspiel mit dem Aufdecken des
vermeintlich geheimen Briefes als Fälschung •
Adams, der Reue
•
Ruprechts
wegen seiner ungerechtfertigten Herabsetzung •
Eves und der
schließlichen Versöhnung von •
Ruprecht und •
Eve als Brautpaar
angemessen ab, ohne dass darin die eigentlichen Hintergründe des
Geschehens noch einmal thematisiert werden.
Dadurch geht aber auch verloren, was die Langfassung des Schlusses
bei aller Kritik ausgezeichnet hat, nämlich die Darstellung des
inneren Konfliktes, in dem sich •
Eve befunden hat, als die junge Frau
sich des Lesens unkundig, auf Gedeih und Verderb dem skrupellosen
Amtsmissbrauch und der sexuellen Nötigung durch den alten
Dorfrichter •
Adam ausgesetzt gesehen hat. Dies macht die •
Gegenüberstellung der Informationen zur Vorgeschichte, die in
den beiden Textversionen gegeben werden, deutlich.
Heute, wie damals haben die Leserinnen und Leser durch die
Entscheidung Kleists, beide Fassungen der Nachwelt zu hinterlassen,
die Wahl, welchen Text sie für ihre jeweils eigene Lesart des Stücks
bevorzugen. Ein Richtig oder Falsch existiert jedenfalls unter
diesen vom Autor selbst geschaffenen und erhaltenen
Rezeptionsvarianten nicht.
"Kleists
Komisierungskunst besteht eben darin, den Vermeidungsaufwand Adams
stetig wachsen und sich verdichten zu lassen – auch eine Variante
des dramatischen Gesetzes der die Spannung erhöhenden Retardierung,
die letzten Endes in die Präzipitation der teichoskopisch
wiedergegebenen grotesken Flucht Adams umschlägt." (Steinlein
2019, S.6)