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Vergleich der Langfassung (1808) und der Fassung der Buchausgabe
(1811)
Was im Einzelnen über die
• Vorgeschichte des Konflikts, die
in der
▪
Dramenhandlung in
•
Heinrich von Kleists (1777-1811)
Komödie • "Der zerbrochne
Krug" über das gesamt Stück hinweg enthüllt wird, ist an das
Wissen und damit an die Perspektive bestimmter Figuren gebunden, die
Aussagen über den Hergang des Geschehens in der Nacht vor dem Prozess
machen und ihre jeweiligen Rückschlüsse daraus darstellen.
In den beiden Versionen
des 12. Kapitels ist dabei die Menge der Informationen über die
nächtlichen Ereignisse in •
Eves Kammer
unterschiedlich.
In der von Kleist selbst besorgten Buchausgabe des Stücks, die 1811
in Druck ging, präsentierte er das Stück mit einem neuen, erheblich
kürzeren Schluss. Der neu konzipierte 12. Auftritt, der ursprünglich
einmal 515 Verse umfasst hatte, war darin auf knapp 60 Verse
gekürzt. Allerdings hat er den ursprünglichen Schluss der
wohl noch an der ursprünglichen Handschrift orientierten Langfassung der Buchausgabe als Anhang beigefügt und diese selbst
als Variant bezeichnet.
Die Fassung der
Buchausgabe der Komödie aus dem Jahr 1811 belässt es daher aufgrund der
von Kleist vorgenommenen Kürzungen der älteren Langfassung bei deutlich weniger Informationen über die
• Vorgeschichte.
Dabei verzichtet sie Endes auf die einen ganz wichtigen Teil der
Figurenperspektive •
Eves, indem sie auf
die Darstellung des inneren Konfliktes,
in dem sich
•
Eve befunden hat, als
die junge Frau sich des Lesens unkundig, auf Gedeih und Verderb dem
skrupellosen Amtsmissbrauch und der sexuellen Nötigung durch den alten
Dorfrichter • Adam ausgesetzt gesehen
hat.
Die Figurenperspektive
•
Eves ist davon geprägt, dass sie in tiefer Sorge um den Fortbestand ihres
persönlichen Glücks mit • Ruprecht, ihrem Analphabetismus und ihrem
Vertrauen in obrigkeitsstaatliches Handeln so lange agiert, bis sie sich, getäuscht durch
• Adams vermeintliche Informationen über den Betrug
des Staates (angebliche Verschickung der Truppen nach Ostindien), als
Opfer staatlichen Betrugs versteht.
Im Einzelnen lässt sich
dies beim Vergleich der beiden Textfassungen klar verdeutlichen:
|
12. Kapitel
(Buchausgabe 1811) |
Variant
(12. Kapitel) |
|
Adam
-
hat einen
gefälschten Brief/Erlass zur Durchführung der
Konskription verfasst mit falschen, angeblich geheimen
Angaben über den künftigen Einsatzort der Truppen in
Ostindien
-
nutzt
diesen für seine Erzählung, mit der
•
Eve das Angebot
unterbreitet, er könne ihren
Verlobten
•
Ruprecht mit einem
gefälschten ärztlichen Attest von der Konskriptionsliste
streichen lassen
-
zielt
damit darauf, als Gegenleistung von
• Eve
sexuelle Handlungen erpressen zu können
|
-
Ruprecht ist, gerade
als er mit
•
Eve
die Hochzeit im kommenden Jahr geplant hat, auf die
Konskriptionsliste gekommen (V
1979)
-
Adam macht der
verzweifelten
•
Eve für nicht näher
bezeichnete Gegenleistungen das Angebot,
ihren Verlobten •
Ruprecht mit einem
gefälschten ärztlichen Attest von der Konskriptionsliste
streichen lassen (V
2010),
was diese aber ablehnt (V
2020)
-
Adam belügt
•
Eve mit seiner
vorgetäuschten Kenntnis, dass die neuen Truppen bald
nach Batavia in Ostindien verschifft würden (V
2058)
und liest der Analphabetin angeblich einen
entsprechenden Brief der Regierung als Beweis vor (V
2067)
-
Eve ist angesichts
dieses Betrugs durch den Staat bereit, auf das
Angebot Adams einzugehen (V
2090)
und sagt ihm zu ihm dafür alles, was redlich ist, zum
Dank dafür zu geben. (V
2091)
-
Adam will
•
Eve das gefälschte
Attest noch spät abends persönlich, vorbeibringen (V
2103),
sagt aber nach Eves Aussage, sie werde das Schreiben am
nächsten Tag bei ihm abholen (V
2105),
zu, so zu verfahren. (V
2106)
-
Adam erscheint
entgegen der Vereinbarung doch abends bei
•
Eve und nötigt sie mit
fadenscheinigen Gründen (kurzfristig angesetzte und
nicht verschiebbare Dienstreise (V
2139),
vollständiges Ausfüllen des Attests (V
2177),
ihn mit in ihre Kammer zu nehmen. (V
2198)
-
Nachdem
• Adam die Türe von
•
Eves Kammer von innen
verriegelt hat (V
2206),
will er ohne lange zu zögern, Eve den ihm
zugesagten Dank mit dem Erpressen sexueller Handlungen
abverlangen, ehe er das Attest ergänzt.
•
Eve stößt ihn, der immer
zudringlicher wird (V
2215),
von sich
weg, (V
2220)
-
In diesem
Augenblick kann •
Ruprecht die
Tür aufbrechen (V
2237),
was • Adam
zur Flucht mit einem Sprung aus dem Fenster veranlasst.
Bei dem vergeblichen Versuch,
seine abgesetzte Perücke mitzunehmen, stößt er den Krug
zu Boden und damit entzwei.
-
Der
eifersüchtige •
Ruprecht
versetzt •
Eve einen Stoß,
der verhindert, dass sie die weiteren Einzelheiten (wie
die Verletzung, die der wütende Ruprecht dem Flüchtenden
zufügt) nicht mitbekommt, die Ruprecht schon während der
Verhandlungspause (▪
10. Auftritt)
ausführlich geschildert hat. (V
1530)
-
Als
•
Marthe und die
zusammengelaufene Nachbarschaft hinzukommen
(V
2259),
sind alle sofort davon überzeugt, dass
•
Ruprecht der Übeltäter und für die Zerstörung des
Krugs verantwortlich ist. (V
2263)
-
Eve
widerspricht diesen Anschuldigen •
Ruprechts
nicht.
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
05.12.2025
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