Der Dorfrichter ▪ Adam ist
die zentrale Hauptfigur in ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811)
Drama « "Der zerbrochne Krug".
Er gehört bis zu seiner ▪
Flucht am Ende des
11. Auftritts von Anfang an allen ▪
Konfigurationen des Dramas. Im ▪
12. Auftritt und der ▪
Variant-Version ist er
aber auch über die
Mauerschau (Teichoskopie),
bei der die in der Gerichtsstube Verbliebenen ihn vom Fenster aus
durch die Winterlandschaft flüchten sehen (•
12. Auftritt, •
Variant), in der darauf folgenden Szene noch einmal "präsent".
In diesem ▪ analytischen Drama mit
seinem typischen ▪
Handlungsverlauf ist ▪ Adam
nicht nur in den vor seinem Gericht zur Klage gebrachten Fall des
zerbrochenen Krugs verwickelt, sondern mit dem von ihm begangenen
Amtsmissbrauch in die eigentlichen Hintergründe und Umstände des
gesamten Geschehens. Seine Figurenperspektive ist, weil er alles
tut, um die Wahrheit zu vertuschen, die dominante Perspektive des
Dramas.
In der Figur des Dorfrichters Adam "spiegelt sich viel von den
'deutschen Zuständen' der letzten Phase des preußischen
Feudalstaates, kurz vor seinem Untergang im Jahre
1806 bei Jena und Auerstedt"
(Thorwart (2004, S.217f.),
als
Napoleon Bonaparte (1769-18121) im
Vierten Koalitionskrieg (1806/07) die preußisch-sächsischen
Truppen in einer "Doppelschlacht" entscheidend schlagen konnte und
Preußen damit auf den Weg einer tiefgreifenden Modernisierung des
ständisch-absolutistischen Staats gezwungen hat. "Das Kleistsche
Lustspiel beschreibt nun gerade jene Phase des Umbruchs zu
allgemeineren gesellschaftlichen Normen und Gesetzen (die in Preußen
gleichwohl erst infolge der Niederlage gegen die Napoleonischen
Truppen und des völligen Zusammenbruchs und auch dann nur
ansatzweise eingeführt wurden). in welcher die alte, vor allem auf
den preußischen Landgütern praktizierte feudal-absolutistische
Rechtswillkür - am Maßstab der Weltgeschichte, nicht des Individuum
gemessen - ihren Höhepunkt überschritten hatte.
Das Kleistsche Lustspiel beschreibt also in Form der Komödie die
letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt: Die komische
Entlarvung des 'alten', korrupten, in seiner Rechtsausübung
willkürlich nach seinem Vorteil verfahrenden Adam, dessen Zeit ein
für allemal abgelaufen ist, oder besser: die Entlarvung Adams als
komische, weil unzeitgemäße und anachronistische Figur. Der 'alte'
Adam, der biblische wie der feudale, passt nicht mehr in eine Welt,
die von Rechtsrevisionen, überprüfbaren Gerichtsentscheidungen und
dem gerichtlichen Instanzenweg geprägt ist. So findet denn die
Komödie mit der alten preußischen Welt den ihre angemessenen
komödiantischen Gegenstand. Der zerbrochne Krug ist der
heitere Abschied von feudalen Zuständen." (ebd.)
Die Figur des Dorfrichters, wie sie von Kleist konzipiert wurde,
zeigt aber auch auf, in welche Konflikte ein Vertreter des alten
System gerät, wenn er versucht im neuen, im bürgerlichen Zeitalter,
anzukommen. So kann die Adam mit seinem Beharren auf seinen
besonderen Neigungen und Leidenschaften, mit seiner prallen
Sinnlichkeit, sogar Sympathie gewinnen, wenn man hinter der Fassade
ein "menschliches Gegenbild zum formalisierten Menschentyp vom
Schlage des Gerichtsrats (des Vorgesetzten auf Revisionsreise) oder
auch zum Amtsschreiber mit Namen Licht, dem Prototyp des
bürgerlichen Karrieristen" (ebd.)
identifiziert.
Unter diesem Blickwinkel, so sieht es jedenfalls
Thorwart (2004, S.217f.), steige Adam zu einem "Sinnbild des unter Gegebenheiten der
bürgerlichen Welt um sein Lebensglück kämpfenden Menschen" auf. Wahrend
er mit allem, was er hat, die Tatsache ankämpfe, dass sein Amt seine
ganze Person mit allen individuellen Besonderheiten und
Leidenschaften dominiere, gehe es dem
Gerichtsrat vor allem um 'Ehre des Gerichts' und weniger um
"die
Würde des Subjekts."
So deute sich in langen Fassung des zwölften und letzten
Auftritts und der Figur
des Gerichtsrats und des Gerichtsschreibers und
beruflichen Mitkonkurrenten Licht, die das aufstrebende Bürgertum
repräsentierten, "ein neues Trauerspiel"
an: "Die bedingungs- und widerstandslose Unterordnung des
bürgerlichen Individuums mit all seinen besonderen Neigungen und
Leidenschaften (einschließlich seinem Anspruch auf Lebensglück)
unter die Gleichgültigkeit des formalen Rechts und Geldes. Es sind
dieselben Umstände, mit denen sowohl Dorfrichter Adam als auch
Gerichtsrat Walter 'zurechtkommen' müssen: Adam werden sie zum
Verhängnis, dem Gerichtsrat zur fraglosen Selbstverständlichkeit des
'allgemeinen Los'. Kurz: Was sich im Ausgang des zerbrochnen Krugs
ankündigt, ist der neuerliche geschichtliche Übergang von der
Komödie zur Tragödie, genauer: Zur Tragödie des bürgerlichen
Trauerspiels." (ebd.,
S.219)
Für
Thorwart (2004, S.219.) ist auch dies der Grund, weshalb selbst
heutige Zuschauerinnen und Zuschauer das Schicksal, das Adam in dem
Stück erfährt, nicht gleichgültig sei. Denn an seiner Person
werde eben nicht nur der Zusammenbruch der alten, feudalistischen
Ordnung aufgezeigt. An Adam als
sinnlicher, konkreter Person vollziehe sich ebenso das Schicksal des
Individuums in der bürgerlichen Gesellschaft: "Als
Bürger sitzt Adam
(wie es sein Alp-Traum ausgestaltet) über sich selbst zu
Gericht: Seine Person spaltet sich in zwei gegeneinander
verselbständigte Teile, in seine Funktion als Richter einerseits und
die Triebsphäre seiner besonderen Neigungen und Leidenschaften
andererseits. Weil Adam auch als Richter auf sein persönliches
Lebensglück nicht verzichten will, gerät er immer tiefer in den
Spagat: Als Bürger muss der alte Adam schließlich scheitern."
(S.219)

Man wird
Schneider (2013) im Grunde zustimmen können, wenn er meint.
dass die herkömmlichen •
Motivattribute des lüsternen Alten zu dem in Kleists Komödie
dargestellten
▪
›alten Adam‹ (12.
Auftritt Variant,
V 2118)
als einem "Vollblutmenschen" (ebd.,
S.35 Kindle Edition) mit einer seiner anarchischen und besonders
"verdichteten Vitalpotenz"
(ebd.,
S.35 Kindle Edition) nicht so ohne Weiteres passen. Allerdings
dürfte eine solche Sicht die ▪
zeitgenössische Rezeption kaum beeinflusst haben, es sei
denn, sie hat mit Verständnis für die • "pralle
Sinnlichkeit" (Thorwart
2004, S.217)des Dorfrichters reagiert und die
patriarchalisch-männliche Sicht auf sein Verhalten akzentuiert.