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Adam

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Heinrich von KleistDramatische TexteDer zerbrochne KrugEinzelne Figuren

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick   Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"

Der Dorfrichter ▪ Adam ist die zentrale Hauptfigur in ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Drama « "Der zerbrochne Krug".

Er gehört bis zu seiner ▪ Flucht am Ende des 11. Auftritts von Anfang an allen ▪ Konfigurationen des Dramas. Im ▪ 12. Auftritt und der ▪ Variant-Version ist er aber auch über die Mauerschau (Teichoskopie), bei der die in der Gerichtsstube Verbliebenen ihn vom Fenster aus durch die Winterlandschaft flüchten sehen (• 12. Auftritt, • Variant), in der darauf folgenden Szene noch einmal "präsent".

In diesem ▪ analytischen Drama mit seinem typischen ▪ Handlungsverlauf ist ▪ Adam nicht nur in den vor seinem Gericht zur Klage gebrachten Fall des zerbrochenen Krugs verwickelt, sondern mit dem von ihm begangenen Amtsmissbrauch in die eigentlichen Hintergründe und Umstände des gesamten Geschehens. Seine Figurenperspektive ist, weil er alles tut, um die Wahrheit zu vertuschen, die dominante Perspektive des Dramas.

Mit dem "alten" Adam heiter Abschied nehmen von den feudalen Zuständen

In der Figur des Dorfrichters Adam "spiegelt sich viel von den 'deutschen Zuständen' der letzten Phase des preußischen Feudalstaates, kurz vor seinem Untergang im Jahre 1806 bei Jena und Auerstedt" (Thorwart (2004, S.217f.), als Napoleon Bonaparte (1769-18121) im Vierten Koalitionskrieg (1806/07) die preußisch-sächsischen Truppen in einer "Doppelschlacht" entscheidend schlagen konnte und Preußen damit auf den Weg einer tiefgreifenden Modernisierung des ständisch-absolutistischen Staats gezwungen hat. "Das Kleistsche Lustspiel beschreibt nun gerade jene Phase des Umbruchs zu allgemeineren gesellschaftlichen Normen und Gesetzen (die in Preußen gleichwohl erst infolge der Niederlage gegen die Napoleonischen Truppen und des völligen Zusammenbruchs und auch dann nur ansatzweise eingeführt wurden). in welcher die alte, vor allem auf den preußischen Landgütern praktizierte feudal-absolutistische Rechtswillkür - am Maßstab der Weltgeschichte, nicht des Individuum gemessen - ihren Höhepunkt überschritten hatte. Das Kleistsche Lustspiel beschreibt also in Form der Komödie die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt: Die komische Entlarvung des 'alten', korrupten, in seiner Rechtsausübung willkürlich nach seinem Vorteil verfahrenden Adam, dessen Zeit ein für allemal abgelaufen ist, oder besser: die Entlarvung Adams als komische, weil unzeitgemäße und anachronistische Figur. Der 'alte' Adam, der biblische wie der feudale, passt nicht mehr in eine Welt, die von Rechtsrevisionen, überprüfbaren Gerichtsentscheidungen und dem gerichtlichen Instanzenweg geprägt ist. So findet denn die Komödie mit der alten preußischen Welt den ihre angemessenen komödiantischen Gegenstand. Der zerbrochne Krug ist der heitere Abschied von feudalen Zuständen." (ebd.)

Die Figur des Dorfrichters, wie sie von Kleist konzipiert wurde, zeigt aber auch auf, in welche Konflikte ein Vertreter des alten System gerät, wenn er versucht im neuen, im bürgerlichen Zeitalter, anzukommen. So kann die Adam mit seinem Beharren auf seinen besonderen Neigungen und Leidenschaften, mit seiner prallen Sinnlichkeit, sogar Sympathie gewinnen, wenn man hinter der Fassade ein "menschliches Gegenbild zum formalisierten Menschentyp vom Schlage des Gerichtsrats (des Vorgesetzten auf Revisionsreise) oder auch zum Amtsschreiber mit Namen Licht, dem Prototyp des bürgerlichen Karrieristen" (ebd.) identifiziert.

Unter diesem Blickwinkel, so sieht es jedenfalls Thorwart (2004, S.217f.), steige Adam zu einem "Sinnbild des unter Gegebenheiten der bürgerlichen Welt um sein Lebensglück kämpfenden Menschen" auf. Wahrend er mit allem, was er hat, die Tatsache ankämpfe, dass sein Amt seine ganze Person mit allen individuellen Besonderheiten und Leidenschaften dominiere, gehe es dem Gerichtsrat vor allem um  'Ehre des Gerichts' und weniger um "die Würde des Subjekts."

So deute sich in langen Fassung des zwölften und letzten Auftritts und der Figur des Gerichtsrats und des Gerichtsschreibers und beruflichen Mitkonkurrenten Licht, die das aufstrebende Bürgertum repräsentierten, "ein neues Trauerspiel" an: "Die bedingungs- und widerstandslose Unterordnung des bürgerlichen Individuums mit all seinen besonderen Neigungen und Leidenschaften (einschließlich seinem Anspruch auf Lebensglück) unter die Gleichgültigkeit des formalen Rechts und Geldes. Es sind dieselben Umstände, mit denen sowohl Dorfrichter Adam als auch Gerichtsrat Walter 'zurechtkommen' müssen: Adam werden sie zum Verhängnis, dem Gerichtsrat zur fraglosen Selbstverständlichkeit des 'allgemeinen Los'. Kurz: Was sich im Ausgang des zerbrochnen Krugs ankündigt, ist der neuerliche geschichtliche Übergang von der Komödie zur Tragödie, genauer: Zur Tragödie des bürgerlichen Trauerspiels."  (ebd., S.219)

Für Thorwart (2004, S.219.) ist auch dies der Grund, weshalb selbst heutige Zuschauerinnen und Zuschauer das Schicksal, das Adam in dem Stück erfährt, nicht gleichgültig sei.  Denn an  seiner Person werde eben nicht nur der Zusammenbruch der alten, feudalistischen Ordnung aufgezeigt. An Adam als sinnlicher, konkreter Person vollziehe sich ebenso das Schicksal des Individuums in der bürgerlichen Gesellschaft:  "Als Bürger sitzt Adam (wie es sein Alp-Traum ausgestaltet) über sich selbst zu Gericht: Seine Person spaltet sich in zwei gegeneinander verselbständigte Teile, in seine Funktion als Richter einerseits und die Triebsphäre seiner besonderen Neigungen und Leidenschaften andererseits. Weil Adam auch als Richter auf sein persönliches Lebensglück nicht verzichten will, gerät er immer tiefer in den Spagat: Als Bürger muss der alte Adam schließlich scheitern." (S.219)

Man wird Schneider (2013) im Grunde zustimmen können, wenn er meint. dass die herkömmlichen • Motivattribute des lüsternen Alten zu dem in Kleists Komödie dargestellten ›alten Adam‹ (12. Auftritt Variant, V 2118) als einem "Vollblutmenschen" (ebd., S.35 Kindle Edition) mit einer seiner anarchischen und besonders "verdichteten Vitalpotenz" (ebd., S.35 Kindle Edition) nicht so ohne Weiteres passen. Allerdings dürfte eine solche Sicht die ▪ zeitgenössische Rezeption kaum beeinflusst haben, es sei denn, sie hat mit Verständnis für die • "pralle Sinnlichkeit" (Thorwart 2004, S.217)des Dorfrichters reagiert und die patriarchalisch-männliche Sicht auf sein Verhalten akzentuiert.

 

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 14.03.2026

    
   Arbeitsanregungen
  1. Welche Rolle spielt Dorfrichter Adam im Drama „Der zerbrochne Krug“ und warum ist seine Perspektive im Stück dominant?
  2. Inwiefern steht die Figur des Adam für den Übergang von feudalen zu bürgerlichen Gesellschafts- und Rechtsordnungen?
  3. Warum kann Adam trotz seiner Korruption und Willkür beim Publikum dennoch Sympathien wecken?
  4. Welche neue Entwicklung deutet sich laut Thorwart im letzten Auftritt des Dramas an, und wie hängt sie mit dem aufstrebenden Bürgertum zusammen?
 
 
 

 
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