▪ Heinrich von Kleist (1777-1811)

Adam
ist nach eigenen Angaben seit 10 Jahren Richter in Huisum (11.
Auftritt, V 1814)
"Der Aufwand an pseudo-logischer Argumentation, den der aufgeklärte
(vermutlich auch a-religiöse) Adam hier betreibt, seine
sophistischen Kapriolen stehen" so (Steinlein
2019, S.28) weiter, "in einem grotesken Missverhältnis zum
faktischen Erklärungswert des Ganzen, sind wegen ihrer
Fadenscheinigkeit lächerlich wirkende Ausweichmanöver."
Dabei beruht die Lachstimmung, die solche Szenen erzeugen nach
Ansicht Steinleins auf "dem Widerspruch zwischen zwei Intentionen,
die hier rhetorisch ins Werk gesetzt werden; nämlich der manifesten
Intention, die Sachaufklärung im juridischen Diskurs voranzubringen
bei gleichzeitiger latenter Gegenintention, diese Sachaufklärung
eben zu verhindern." Was die Zuschauer*innen belachen ist, wie Adam
auch die abstrusesten Argumente vorbringt und im Falle von Frau
Brigitte bemüht, um von sich und der Wahrheit abzulenken. Zugleich
sind die "argumentativen Tricks" (ebd.)
Adams auch das, was einen besonderen Reiz für die Zuschauer*innen
hat, die dem Ganzen mit einer Mischung aus Schadenfreude und
Sympathie zusehen, weil die Art und Weise, wie Adam diese
rhetorischen Winkelzüge inszeniert, durchaus eine gewisse
intelligente Raffinesse zeigen, auch wenn man "dem alten Sünder" (ebd.)
die Schwierigkeiten sich herauszuwinden gönnt. Für Steinlein
"repräsentiert (Adam) damit – etwa im Vergleich zu anderen Figuren
der Kleist’schen Komödie, die im traditionellen Sinne dem Modell der
Unterlegenheitskomik entsprechen, weil sie jeweils aufgrund ihrer
Beschränktheit auf lächerliche Weise unter den Anforderungen der
Situation agieren – eine
komische
Mehrschichtigkeit und Komplexität. Zu deren Merkmalen gehört die
Intellektualität dieser
Figur, ihre Fähigkeit, ihre ‚niederen‘ eigensüchtigen Zwecke
zielstrebig und kalkuliert zu verfolgen und zu verheimlichen – was
allerdings letztlich das Scheitern an und in der Handlung nicht zu
verhindern vermag und – komödiengemäß – auch nicht darf". (ebd.)
"Der zerbrochne Krug spielt fraglos in einem
niederländischen Dorf, unter Bauern. Der verkrüppelte Dorfrichter
aber ist alles andere als ein Tölpel, sondern ein äußerst
wortgewandter Täter, dessen Witz die Verzweiflung spüren lässt,
zugleich Opfer zu sein. Angesichts des schlichten Landvolks wirkt er
mit seiner Lust an der Sprache wie ein ungeliebter und
unverstandener Außenseiter.
Blamberger (2011, S. 256, Kindle Edition)