Die Erarbeitung und Abfassung einer
• Literarischen Charakteristik zum Dorfrichter •
Adam aus
▪ Heinrich von Kleists(1777-1811) zwischen 1802 und
1806 entstandenen •
Komödie
▪ "Der zerbrochne
Krug"
umfasst vor allem die nachfolgenden Aspekte.

Mit seinen einander widersprechenden Erzählungen über die Ursachen
seiner Verletzungen am Kopf und am Bein (1.
Auftritt, V 17 -
V 61;
2. Auftritt,
V 233 -
V 238;
5. Auftritt,
V 406 -
V 409;
10. Auftritt,
V 1459 -
V 1472 bzw.
V 1498) will •
Adam sich immer wieder
herausreden.
Holl, Karl (1923): Geschichte des deutschen Lustspiels, Leipzig 1923
"Bei dem heiklen Stoffe des Angriffs eines geilen alten Lüstlings
auf ein unschuldiges junges Weib mußte Kleist sorgfältig alles
vermeiden, was sittliche Unlustgefühle hätte erwecken können. Der
unsittliche Anschlag Adams muß daher zur Seite geschoben werden; an
seine Stelle tritt als Objekt der Verhandlung der zerbrochene Krug.
Diese Substitution ist an sich komisch dadurch, daß eine lebendige,
wertvolle Beziehung durch eine tote, gleichgültige ersetzt wird,
wobei andrerseits das rein Possenhafte humorisch vertieft wird
dadurch, daß der Zuschauer durch die Lappalie immer das Wertvolle
hindurchleuchten sieht. Damit aber der äußere Schein nicht durch das
dahinterstehende Sein zerstört und dadurch die komische Wirkung
aufgehoben werde, muß er stark betont werden; dazu dient die
undramatische, epische Krugbeschreibung" (Holl
1923, S.235)
"Der in militärischer Familientradition aufgewachsene Dichter sieht
seinen Helden gleichsam als wetterharten Soldaten, der jeden
Fußbreit Boden verteidigt, nur schrittweise zurückweicht, um immer
wieder zu neuem Angriffe vorzugehen, der noch zum Schluß die Flucht
der läppischen Pardonbitte und dem damit verbundenen Peccavi
vorzieht. Adam ist eine Rembrandtsche Charakterfigur, kein
rührseliger Spießer von Ifflands Gnaden. Alle Fäden gehen von ihm
aus, laufen auf ihn zurück. Es ist ein Kampf: Einer gegen alle, und
gerade deshalb gewinnt dieser Eine unsere Sympathie. Adam muß sich
der Reihe nach gegen jeden verteidigen und ist ebenso bereit, jeden
Augenblick in unbedenklichem Frontwechsel mit einem anderen zu
paktieren. Dazu dient ein Netz von Widersprüchen, die für den
eingeweihten Zuschauer eine ebensolche Fülle von Komik darstellen."
(S.235)
"(236) "Die ganze Gerichtshandlung dient nur dazu, Adams Listen- und
Lebensfülle zu entwickeln. Am Schlüsse kennen wir ihn mit all seinen
körperlichen und sittlichen Schwächen, mit all seiner List und
Tücke. Kleist hat nichts beschönigt. Der Richter Adam ist unwissend
und rechts verletzend, er ist ein häßlicher Dickbauch mit Klumpfuß
und Kahlkopf, unordentlich, schmutzig, gefräßig, trunkliebend, in
geiler Brunst zum Schlimmsten fähig, dabei feig, sobald das eigene
Heil ernstlich bedroht scheint. Und trotzdem macht der Jovialität
mit Brutalität vereinigende Dorfsultan uns lachen, denn Kleist hat
ihn im innersten Menschlichen erfaßt. Er überzeugt uns, daß Adam aus
seiner Natur heraus zwangsläufig handelt. Er offenbart das
Triebhafte aller menschlichen Natur in seiner Nacktheit.
Adam ist der ursprüngliche Triebmensch, auch seine intellektuelle
Gewandtheit entsteht gleichsam triebmäßig aus der Anpassung an die
jeweilige Lage. Daher die Fülle der Erfindungen, die keineswegs
untereinander zusammenhängen oder gar einem logisch aufgebauten
Verteidigungsplan entspringen. Reflektierendes Bewußtsein ist ihm
fremd, seine ganze schillernde, durch nichts zu verblüffende
Verteidigung ist ein mechanisch-unbewußtes Tun gleich dem der
Marionette, ist naiv. Er stammt noch, um Kleists eigene Worte aus
dem berühmten Aufsatze "Über das Marionettentheater" anzuwenden, aus
der Zeit, da das Paradies noch nicht verriegelt war, er hat noch
nicht von dem Baum der Erkenntnis gegessen. Dieser schwerfällige
Körper mit dem Klumpfuße ist gleich den Puppen "antigrav", von der
Trägheit (237) der Materie weiß er nichts. Da ihm das Bewußtsein
fehlt, so besitzt er die natürliche Grazie des ursprünglichen
Menschen. Er hat nicht, wie sein Ältervater nach dem Sündenfall, die
Erkenntnis, daß er nackt sei, er schämt sich daher nicht und hat bei
all seiner objektiven Verdorbenheit seine subjektive Unschuld nicht
verloren. Das ist die tiefste Wurzel seiner Komik, der tiefste Grund
seiner geschlossenen Einheitlichkeit, mit der der Dorfrichter wie
aus einem Guß vor uns steht. Er entspricht dem plumpen, unbewußten
Bären in jenem Aufsatze Kleists, der, alle Finten seines
menschlichen Gegners nicht achtend, wie der erste Fechter der Welt
alle Stöße pariert.
Ihm steht insofern Eve nahe, als auch sie die unmittelbare Grazie
der Reflexionslosigkeit besitzt. Darin besteht auch ihre
Verwandtschaft mit Alkmene, mit der sie außerdem das Geschick teilt,
daß ihre Reinheit den Angriffen eines Übermächtigen ausgesetzt ist
und ihr wie jener "sich alles zum Ruhme (Siege) lösen" muß
(Amphitryon v. 1575, Zerbr. Krug v. I172). Die Namenswahl Adam und
Eva ist nicht nur die komische Hindeutung auf den Sündenfall, sie
weist auch darauf hin, daß hier noch zwei ursprüngliche, naive
Menschen vor uns stehen, deren Handeln nicht erkenntnismäßig,
sondern triebhaft bestimmt ist. Von Natur aus sind beide möglich. Es
hat daher keinen Sinn, den einen zu verurteilen und den andern zu
preisen. Der eine ist die Ergänzung des anderen, wie Licht und
Schatten. Eve handelt instinktiv aus ihrer Liebe heraus, wie Adam
aus seinen sinnlichen Begierden. Der äußere Schein ist ihr
gleichgültig. Sie ist daher auch im Innersten verletzt, daß ihre
Mutter und gar ihr Geliebter, dem äußeren Schein glaubend, sie
verdächtigen. Wie Kleist selbst von seiner Braut unbedingtes
Vertrauen ohne alle Überlegung forderte, so auch Eve, so auch
Alkmene. Nichts erschüttert Eves Haltung, alle Verdächtigungen der
ganzen Verhandlung mit ihrem dauernden Schwanken vermögen ihr nicht
den Mund zur Aufklärung zu öffnen, solange sie dadurch den
Geliebten, dessen Rettung ihr einziger Wille ist, zu gefährden
glaubt. Erst als zum Schlüsse trotz ihres Schweigens, ihrer
moralischen Selbstaufopferung der Geliebte von ihr getrennt werden
soll, da zerreißt sie mit einem Schlag das Netz und erklärt Adam für
den Schuldigen. Wieder werden wir an den Bären in Kleists
Marionettenaufsatz erinnert : alle Finten läßt er unbeachtet, nur
den wirklich bedrohenden Stoß lenkt er mit einer Bewegung ab.
Eve entspricht in ihrer inneren Anlage durchaus Adam. Aber dieser
beherrscht die Komödie. Deren Stärke ist die greifbare, bis in
kleinste Einzelheiten gehende und doch den Gesamteindruck nicht
auflösende Schilderung Adams. Der Aufbau dieser bäuerlichen
Falstaffgestalt ist derb realistisch mit allen Mitteln
impressionistischer Technik. Adam steht im Blickpunkte unseres
Interesses. Alle anderen Figuren leiten zu ihm hin, auch die der Eve
ist kein gleichwertiges Gegenstück, sondern dient zu seiner
Erhellung, gerade wie alle Handlung, ob (238) Anklage oder
Verteidigung, immer wieder auf ihn zielt. Er gibt die Bildeinheit,
ihm ist alles andere subordiniert. Die reiche Lebensfülle, die über
ihn ausgegossen ist, aus ihm herausdrängt, ihn umspielt in hundert
Lichtern eines sprühenden, urwüchsigen, triebhaften In- tellekts,
läßt diese wuchtige, plastische Gestalt in barocker Bewegung
erscheinen. Kleist hat bewußt barock und nicht klassisch gestaltet,
wie seine Bemerkung bezeugt, daß sein Lustspiel nach Teniers
gearbeitet sei, während er sonst lieber Raphael nachstrebe, wobei
wir allerdings die Einschränkung machen müssen, daß diese Barockform
im Sinne Walzels zu jener durchaus individualistischen,
unschauspielerischen deutschen Form gewandelt ist, die für unsere
Romantik charakteristisch ist. Weiter dürfen wir nicht vergessen,
daß Kleists Bemerkung in erster Linie darauf zielt, daß er nicht
idealisiere, sondern derb realistisch bäurisches Leben in seiner
Bewegtheit zur Erscheinung gebracht habe. Dieser
Wirklichkeitsschilderung dient auch seine volkstümliche Sprache, die
er allerdings nicht zur Prosa verflacht, sondern die er trotz ihrer
Natürlichkeit rhythmisch bändigt in mit Anapästen und Trochäen
durchsetzten fünffüßigen Jamben.
https://ia801309.us.archive.org/34/items/geschichtedesdeu00holluoft/geschichtedesdeu00holluoft.pdf