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(KI) Eine feministische Kritik der Interpretation von
Holl (1923)
Karl Holl
(1923, S.235-237) hat zur Interpretation •
Adams in •
Heinrich von Kleists (1777-1811) • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ folgendes ausgeführt:
"Der in militärischer Familientradition aufgewachsene Dichter sieht
seinen Helden gleichsam als wetterharten Soldaten, der jeden
Fußbreit Boden verteidigt, nur schrittweise zurückweicht, um immer
wieder zu neuem Angriffe vorzugehen, der noch zum Schluß die Flucht
der läppischen Pardonbitte [...]
vorzieht. [...] Alle Fäden gehen von ihm
aus, laufen auf ihn zurück. Es ist ein Kampf: Einer gegen alle, und
gerade deshalb gewinnt dieser Eine unsere Sympathie. Adam muß sich
der Reihe nach gegen jeden verteidigen und ist ebenso bereit, jeden
Augenblick in unbedenklichem Frontwechsel mit einem anderen zu
paktieren. Dazu dient ein Netz von Widersprüchen, die für den
eingeweihten Zuschauer eine ebensolche Fülle von Komik darstellen.
Die ganze Gerichtshandlung dient nur dazu, Adams Listen- und
Lebensfülle zu entwickeln. Am Schlusse kennen wir ihn mit all seinen
körperlichen und sittlichen Schwächen, mit all seiner List und
Tücke. Kleist hat nichts beschönigt. Der Richter Adam ist
unwissend
und rechts verletzend, er ist ein häßlicher Dickbauch mit Klumpfuß
und Kahlkopf, unordentlich, schmutzig, gefräßig, trunkliebend, in
geiler Brunst zum Schlimmsten fähig, dabei feig, sobald das eigene
Heil ernstlich bedroht scheint. Und trotzdem macht der
Jovialität
mit Brutalität vereinigende Dorfsultan uns lachen, denn Kleist hat
ihn im innersten Menschlichen erfaßt. Er überzeugt uns, daß Adam aus
seiner Natur heraus zwangsläufig handelt. Er
offenbart das
Triebhafte aller menschlichen Natur in seiner Nacktheit.
Adam ist der ursprüngliche Triebmensch, auch seine intellektuelle
Gewandtheit entsteht gleichsam triebmäßig aus der Anpassung an die
jeweilige Lage. Daher die Fülle der Erfindungen, die keineswegs
untereinander zusammenhängen oder gar einem logisch aufgebauten
Verteidigungsplan entspringen.
Reflektierendes Bewußtsein ist ihm
fremd, seine ganze schillernde, durch nichts zu verblüffende
Verteidigung ist
ein mechanisch-unbewußtes Tun gleich dem der
Marionette, ist naiv. Er stammt noch, um
Kleists eigene Worte aus dem berühmten Aufsatze 'Über das Marionettentheater' anzuwenden,
aus
der Zeit, da das Paradies noch nicht verriegelt war, er hat noch
nicht von dem Baum der Erkenntnis gegessen. Dieser schwerfällige
Körper mit dem Klumpfuße ist gleich den Puppen 'antigrav', von der
Trägheit der Materie weiß er nichts.
Da ihm das Bewußtsein
fehlt, so besitzt er die
natürliche Grazie des ursprünglichen
Menschen. Er hat nicht, wie sein Ältervater nach dem Sündenfall, die
Erkenntnis, daß er nackt sei, er schämt sich daher nicht und hat
bei
all seiner objektiven Verdorbenheit seine subjektive Unschuld nicht
verloren. Das ist die tiefste Wurzel seiner Komik, der tiefste Grund
seiner geschlossenen Einheitlichkeit, mit der der Dorfrichter wie
aus einem Guß vor uns steht. Er entspricht dem plumpen, unbewußten
Bären in jenem Aufsatze Kleists
[• Über das
Marionettentheater,1810, d. Verf.], der, alle Finten seines
menschlichen Gegners nicht achtend, wie der erste Fechter der Welt
alle Stöße pariert.
Ihm steht insofern
Eve nahe, als auch sie die unmittelbare Grazie
der Reflexionslosigkeit besitzt. [...] Die Namenswahl Adam und
Eva ist nicht nur die komische Hindeutung auf den Sündenfall, sie
weist auch darauf hin,
daß hier noch zwei ursprüngliche, naive
Menschen vor uns stehen, deren Handeln nicht erkenntnismäßig,
sondern triebhaft bestimmt ist.
Von Natur aus sind beide
möglich.
Es hat daher keinen Sinn, den einen zu verurteilen und den andern zu
preisen.
Der eine ist die Ergänzung des anderen, wie Licht und Schatten.
Eve handelt instinktiv aus ihrer Liebe heraus, wie Adam aus seinen
sinnlichen Begierden."
(Quelle:
Holl, Hans (1923): Geschichte des
deutschen Lustspiels. Mit hundert Abbildungen, Leipzig:
Verlagsbuchhandlung J. J. Weber 1923, online verfügbar unter:
https://ia801309.us.archive.org/34/items/geschichtedesdeu00holluoft/geschichtedesdeu00holluoft.pdf
)
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