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Bausteine

"Adam ist der ursprüngliche Triebmensch" - Sich mit einer Interpretation auseinandersetzen

Heinrich von KleistDramatische TexteDer zerbrochne KrugEinzelne FigurenAdam

 
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Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick   Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
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(KI) Eine feministische Kritik der Interpretation von Holl (1923)

Karl Holl (1923, S.235-237) hat zur Interpretation • Adams in • Heinrich von Kleists (1777-1811)Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ folgendes ausgeführt:

"Der in militärischer Familientradition aufgewachsene Dichter sieht seinen Helden gleichsam als wetterharten Soldaten, der jeden Fußbreit Boden verteidigt, nur schrittweise zurückweicht, um immer wieder zu neuem Angriffe vorzugehen, der noch zum Schluß die Flucht der läppischen Pardonbitte [...] vorzieht.  [...] Alle Fäden gehen von ihm aus, laufen auf ihn zurück. Es ist ein Kampf: Einer gegen alle, und gerade deshalb gewinnt dieser Eine unsere Sympathie. Adam muß sich der Reihe nach gegen jeden verteidigen und ist ebenso bereit, jeden Augenblick in unbedenklichem Frontwechsel mit einem anderen zu paktieren. Dazu dient ein Netz von Widersprüchen, die für den eingeweihten Zuschauer eine ebensolche Fülle von Komik darstellen.

Die ganze Gerichtshandlung dient nur dazu, Adams Listen- und Lebensfülle zu entwickeln. Am Schlusse kennen wir ihn mit all seinen körperlichen und sittlichen Schwächen, mit all seiner List und Tücke. Kleist hat nichts beschönigt. Der Richter Adam ist unwissend und rechts verletzend, er ist ein häßlicher Dickbauch mit Klumpfuß und Kahlkopf, unordentlich, schmutzig, gefräßig, trunkliebend, in geiler Brunst zum Schlimmsten fähig, dabei feig, sobald das eigene Heil ernstlich bedroht scheint. Und trotzdem macht der Jovialität mit Brutalität vereinigende Dorfsultan uns lachen, denn Kleist hat ihn im innersten Menschlichen erfaßt. Er überzeugt uns, daß Adam aus seiner Natur heraus zwangsläufig handelt. Er offenbart das Triebhafte aller menschlichen Natur in seiner Nacktheit.

Adam ist der ursprüngliche Triebmensch, auch seine intellektuelle Gewandtheit entsteht gleichsam triebmäßig aus der Anpassung an die jeweilige Lage. Daher die Fülle der Erfindungen, die keineswegs untereinander zusammenhängen oder gar einem logisch aufgebauten Verteidigungsplan entspringen. Reflektierendes Bewußtsein ist ihm fremd, seine ganze schillernde, durch nichts zu verblüffende Verteidigung ist ein mechanisch-unbewußtes Tun gleich dem der Marionette, ist naiv. Er stammt noch, um Kleists eigene Worte aus dem berühmten Aufsatze 'Über das Marionettentheater' anzuwenden, aus der Zeit, da das Paradies noch nicht verriegelt war, er hat noch nicht von dem Baum der Erkenntnis gegessen. Dieser schwerfällige Körper mit dem Klumpfuße ist gleich den Puppen 'antigrav', von der Trägheit  der Materie weiß er nichts. Da ihm das Bewußtsein fehlt, so besitzt er die natürliche Grazie des ursprünglichen Menschen. Er hat nicht, wie sein Ältervater nach dem Sündenfall, die Erkenntnis, daß er nackt sei, er schämt sich daher nicht und hat bei all seiner objektiven Verdorbenheit seine subjektive Unschuld nicht verloren. Das ist die tiefste Wurzel seiner Komik, der tiefste Grund seiner geschlossenen Einheitlichkeit, mit der der Dorfrichter wie aus einem Guß vor uns steht. Er entspricht dem plumpen, unbewußten Bären in jenem Aufsatze Kleists [• Über das Marionettentheater,1810, d. Verf.], der, alle Finten seines menschlichen Gegners nicht achtend, wie der erste Fechter der Welt alle Stöße pariert.
Ihm steht insofern Eve nahe, als auch sie die unmittelbare Grazie der Reflexionslosigkeit besitzt. [...] Die Namenswahl Adam und Eva ist nicht nur die komische Hindeutung auf den Sündenfall, sie weist auch darauf hin, daß hier noch zwei ursprüngliche, naive Menschen vor uns stehen, deren Handeln nicht erkenntnismäßig, sondern triebhaft bestimmt ist. Von Natur aus sind beide möglich. Es hat daher keinen Sinn, den einen zu verurteilen und den andern zu preisen. Der eine ist die Ergänzung des anderen, wie Licht und Schatten. Eve handelt instinktiv aus ihrer Liebe heraus, wie Adam aus seinen sinnlichen Begierden."

(Quelle: Holl, Hans (1923): Geschichte des deutschen Lustspiels. Mit hundert Abbildungen, Leipzig: Verlagsbuchhandlung J. J. Weber 1923, online verfügbar unter: https://ia801309.us.archive.org/34/items/geschichtedesdeu00holluoft/geschichtedesdeu00holluoft.pdf )

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 06.03.2026

     
   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie die Ihrer Ansicht nach wichtigsten Interpretationsthesen des Autors heraus.
  2. Fassen Sie die zentralen Charaktermerkmale des Dorfrichters Adam zusammen, wie sie im ersten und zweiten Absatz des Textes beschrieben werden.
  3. Erläutern Sie, warum Adam nach Ansicht des Autors trotz seiner zahlreichen negativen Eigenschaften beim Publikum Komik und Sympathie auslösen kann. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Adams Kampf "Einer gegen alle"? Findet Adam auch Ihre Sympathie?
  4. Erläutern Sie den vom Autor gezogenen Vergleich zwischen dem Dorfrichter Adam und den Figuren (Marionette, Bär) aus Kleists Essay "Über das Marionettentheater“. Welche Bedeutung besitzt der Vergleich Adams mit einer Marionette bzw. einem triebgesteuerten Menschen im Text?
  5. Analysieren Sie die im Text aufgestellte These, dass Adam trotz seiner "objektiven Verdorbenheit" eine "subjektive Unschuld" besitze. Beziehen Sie dabei die Begriffe Reflexion und Triebhaftigkeit ein.
  6. Vergleichen Sie die Darstellung von Adam und Eve im Text im Hinblick auf ihre Handlungsweisen, die Motive ihres Handelns und Triebhaftigkeit bzw. Reflexionslosigkeit.
  7. Beim Vergleich der beiden Figuren Adam und Eve betont der Autor: "Es hat daher keinen Sinn, den einen zu verurteilen und den andern zu preisen." Setzen Sie sich mit dieser Aussage kritisch auseinander.
  8. Beurteilen Sie, inwiefern die Deutung des Autors überzeugt, dass Adams Verhalten aus seiner Natur heraus zwangsläufig entsteht.
  9. Verfassen Sie aus einer feministisch orientierten Perspektive einen Kommentar zu dem Interpretationsansatz von Holl.  (• KI: Eine feministische Kritik der Interpretation von Holl (1923)
 
 
 

 
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