Marthe Rull
gehört in ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ zur • Dorfwelt von
Huisum und ist eine der •
Hauptfiguren des Stücks.
Sie ist vom Einlass der Klageparteien in
die Gerichtsstube des Dorfrichters ▪
Adam bis zum Ende des Prozesses (11.
Auftritt, V 1864)
und auch nach der Flucht ▪
Adams (11.
Auftritt, V 1900) bis zum Schluss des Stückes in beiden Fassungen des Dramas (•
13.
Auftritt) stets auf der Bühne. Somit ist sie an den
für die •
analytische Dramenstruktur
wichtigsten Szenen beteiligt.
Die Klage, die sie vor dem Dorfrichter •
Adam in Anwesenheit von dessen Vorgesetzten, dem Gerichtsrat •
Walter, gegen ▪
Ruprecht, den
vermeintlichen Verursacher des von ihr in Scherben präsentierten
einfachen Krugs vorbringt (▪
7. Auftritt),
setzt die eigentliche Haupthandlung in Gang und treibt sie immer
wieder an, so dass am Ende die Schuld ▪
Adams aufgedeckt wird.
Was
die
49-jährige Frau (9. Auftritt,
V 1143),
Hebamme und
Witwe eines Kastellans (Verwalters) (7.
Auftritt, V 585f.)
über die ▪ Vorgeschichte,
die im Zerbrochnen Krug aus verschiedenen Figurenperspektiven
dargeboten wird, zu berichten weiß, ist das, was sich zum einen
ihrem Augenschein beim Eintreffen in •
Eves Kammer in der Vornacht
ergeben hat (7.
Auftritt, V 743 -
V 780). Zum anderen
sind es allerdings nur Vermutungen, die sie von ihrer Kenntnis der
Tatsache ableitet, dass ▪
Ruprecht auf der
Konskriptionsliste der Utrechter Regierung steht, die ihn in den
nächsten Tagen zum Antreten seines Militärdienstes verpflichtet. (8.
Auftritt, V 1305ff.)
Ihre
Darstellung des Geschehens gehört aber zu den drei unterschiedlichen
Figurenperspektiven, die im Laufe Prozesses das eine oder andere
Geheimnis des Geschehens der Vornacht lüften, ehe ihre Tochter •
Eve nach dem offiziellen Ende
des Prozesses und der Verurteilung ▪
Ruprechts durch den Dorfrichter ▪
Adam (11.
Auftritt, V 1864)
und dessen Flucht reinen Tisch macht. Marthe Rulls
ausführliche Schilderung, mit der ihr von ▪
Walter bzw. dem Autor Raum zur
Darstellung ihrer langen • Krug-Erzählung (7. Auftritt,
V 640 -
V 729) gegeben wird, hebt ihre
Figurenperspektive im Vergleich zu der ▪
Ruprechts und ▪
Frau Brigittes aber deutlich heraus.
Marthe Rull
erscheint im
• 6.
Auftritt erstmals gemeinsam mit ihrer Tochter ▪
Eve, ▪
Ruprecht und dessen Vater
▪ Veit Tümpel auf der Bühne.
Als ▪
Adam am Beginn ihres Prozesses
ihre Personalien feststellt, lässt er den Schreiber auch notieren,
dass sein Nachbarin als Hebamme in
Huisum tätig ist.
Hebamme waren in der Ende des 17. und Anfang des Jahrhunderts, in
der Der Zerbrochne Krug spielt, noch kein Berufe, der den
Lebensunterhalt sicherte. Erst "ab den 70er Jahren des 18.
Jahrhunderts existierten auf dem Land zwei unterschiedliche
Hebammentypen: traditionelle Hebammen, die die Geburtshilfe aufgrund
ihrer praktischen Ausbildung bei ihrer Vorgängerin gegen
Naturallohn und als
Ehrenamt ausübten, und solche, die gegen eine feste Geldtaxe dem
Beruf der von Medizinern oder Chirurgen unterrichteten und
examinierten Hebamme nachgingen." (Labouvie
2002, S.35) Die Hebammen übten ihre Tätigkeit aber im
Allgemeinen nicht alleine aus, sondern im Kreis von etlichen anderen
Frauen, die bei der Geburt zugegen waren. Anders als heute war
nämlich die Niederkunft keine Privatsache bzw.
Familienangelegenheit, sondern vor allem auf dem Land "ein
öffentliches Ereignis, an dem neben der Hebamme weibliche
verheiratete oder verwitwete Familienmitglieder, Nachbarinnen und
Freundinnen teilnahmen." (ebd.)
Diese "Not- und Hilfsgemeinschaft", die der Frau bei der Geburt zur
Seite stehen sollte, erfüllte aber auch eine weitere soziale
Funktion, die von der Obrigkeit gerne gesehen war: Sie sollten als
Zeuginnen einer Geburt auch Kindsmorde unmittelbar nach der
Entbindung verhindern. (vgl.
ebd.,
S.38)
Dass • Marthe Rull
mit ihrer Tätigkeit als Hebamme also einem • "Beruf" nachgeht, wie
mitunter behauptet wird (vgl. Taylor
1980, S.45;
Bernhardt 2025, S. 21) und damit auch ihr resolutes Auftreten
mitbegründet wird, dürfte allerdings fehlgehen. Hier geht es Kleist
wohl einzig darum, die besondere und auch weiterhin anerkannte
soziale Rolle • Marthe Rulls in
der Dorfgemeinschaft und der "Not- und Hilfsgemeinschaft" der Frauen
in Huisum zu unterstreichen, in dem er ihr das "Ehrenamt"
der Hebamme zuschreibt. Sie lebt wahrscheinlich von den gewiss nicht
üppigen Pfründen, die ihr verstorbener Mann ihr hinterlassen hat und
kann diese, bestenfalls mit wenigen •
Naturalien, durch die Ausübung ihres Ehrenamtes als Hebamme
aufbessern.
Vordergründig scheint sie zwar nur den Verlust eines
vergleichsweise wenig wertvollen Alltagsgegenstandes
(Wasserkrug) zur Anklage zu bringen. In Wahrheit geht es ihr, das
zeigt schon ihre sehr emotional geführte Auseinandersetzung mit ▪
Ruprecht und dessen Vater
▪ Veit Tümpel beim
Betreten der Gerichtsstube (• 6.
Auftritt) um mehr: Sie kämpft um den "guten Ruf" ihrer Tochter ▪
Eve, der wegen der erst nach und
nach ans Licht kommenden Tatsachen, von ihrem Bräutigam ▪
Ruprecht Untreue und •
Unzucht
vorgeworfen wird. Sie tut dies aber auch im Bewusstsein, dass ihre
eigene soziale Existenz daran gekoppelt ist, auch wenn sie meint,
sie könne im schlimmsten Fall ihre eigene Tochter, als "schamlos(e)"
und "liederliche Dirne" (7. Auftritt,
V 809) einfach
verstoßen.(9. Auftritt,
V 1293).
Die Unklarheiten darüber, wer für den zu Bruch gegangenen Krug
verantwortlich ist und sich damit in der Kammer ihrer Tochter in der
Nacht vom 31.Januar auf den 1. Februar (vgl.
9. Auftritt,
V 1146) aufgehalten
hat, haben zum Teil auch mit den Aussagen • Marthe Rulls zu tun. Doch letzten
Endes ist es auch ihr Verdienst, dass der Prozess am Ende nicht nur
zur Ermittlung des Täters, des Dorfrichters ▪ Adam, führt,
sondern auch dessen erpresserischer Amtsmissbrauch und
die sexuelle Nötigung von ▪ Eve
aufdeckt wird, derer er sich schuldig gemacht hat. Mit ihrer um die Ehre ihrer Tochter kämpfenden
Haltung, ist sie auch ein wesentlicher Motor für die Entwicklung,
die die Beziehung zwischen dieser und ▪
Ruprecht im Verlauf des Lustspiels
nimmt.