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teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater
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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Marthe Rull
gehört in ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811) •
Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ zur • Dorfwelt von
Huisum und ist eine der •
Hauptfiguren des Stücks.
Die Figur hat eine •
große Bedeutung für die Entwicklung der Handlung, die von ihren
Aussagen immer wieder vorangetrieben wird. Was sie über die ▪
Vorgeschichte, zu sagen weiß und vor allem, wie sie das tut,
hebt ihre Darstellung von denen ▪
Ruprechts und ▪
Frau Brigittes deutlich ab.
Vordergründig scheint • Marthe Rull zwar nur den Verlust eines
vergleichsweise wenig wertvollen Alltagsgegenstandes
(Wasserkrug) zur Anklage zu bringen. In Wahrheit geht es ihr aber um
mehr. Um zu verstehen, warum sie überhaupt die Krugsache und damit
die ganzen Vorgänge der vergangenen Nacht in •
Eves Kammer noch einmal, dieses Mal hochoffiziell in einem
Gerichtsverfahren, vor aller Öffentlichkeit ausbreiten will, liegt
letzten Endes daran, muss man ihre Motive rekonstruieren. In der
Vornacht ist sie, erst nachdem •
Ruprecht • Adam, den er aber
für seinen vermeintlichen Nebenbuhler, den Flickschuster
Lebrecht hält, in die Flucht geschlagen hat, zusammen mit einer
Reihe schaulustiger anderer Nachbarn in die Kammer •
Eves gekommen. Was sie und die zusammengelaufene
Dorföffentlichkeit dort, in der dunklen, abgelegenen Kammer im
Lichtschein ihrer Kerze zu sehen bekommen, ist •
Eve, die sich nur noch "händeringend" gegen einen wütend
tobenden und übel über sie schimpfenden •
Ruprecht zur Wehr setzen kann. In jedem Fall wirkt sie, die sich
kurz zuvor, von einem Fußstoß •
Ruprechts (7. Auftritt,
V 1019f.) getroffen,
gerade noch an ihrem Bett festhalten kann (12.
Auftritt Variant,
V 2240 -
V 2245),
wohl auf ihre Mutter und die Gruppe der Schaulustigen sehr
verängstigt und verstört. Marthe Rull
schenkt, als sie •
Ruprecht in dieser Situation zur Rede stellt (7.
Auftritt, V 762 -
V 772), dessen Version
er habe einen anderen mit •
Eve in der Kammer überrascht, wie auch die anderen Anwesenden
keinen Glauben, zumal auch •
Eve auf die Frage ihrer Mutter, was an dieser Sache dran sei,
bei ihr und den anderen den Eindruck erweckt, dass dies eine Lüge
ist. Allerdings will •
Eve, wie sie im Prozess später aussagt, dies in der Vornacht ,
nicht wie von ihrer Mutter behauptet, an Ort und Stelle nicht
beschworen haben (7. Auftritt,
V 781 -
V 789). Erst später
bekennt •
Eve, um •
Walter positiv zu
stimmen und damit eine der Voraussetzungen für das rührselige Ende
der "Liebesgeschichte" zwischen ihr und •
Ruprecht zu schaffen, dass sie mit ihrem Schweigen damit selbst
die Lüge von •
Ruprecht als Täter befördert habe.(12.
Auftritt Variant,
V 2276)
Eves spätes Schuldeingeständnis wird aber von ihrer Mutter • Marthe Rull
und •
Ruprecht so relativiert, dass es für den weiteren Verlauf des
dramatischen Geschehens ohne Belang bleibt und keinerlei negative
Folgen für die junge Frau hat.
Für • Marthe Rull, aber natürlich
auch für ihre Tochter, ist die Tatsache, dass •
Ruprecht und kein Dritter bei ihrer Tochter in der Kammer
gewesen ist, von vorrangiger Bedeutung. Der Schaden, der durch den
vor den Augen der Dorföffentlichkeit stattgefundenen "Tabubruch" von
•
Eve und •
Ruprecht entstanden ist, ist da. Sie haben die Regeln der •
Annäherung der
Geschlechter gebrochen, die in Huisum gelten und von den Dörflern
gemeinsam überwacht und sozial sanktioniert werden.
Allerdings handelt es sich bei dem Paar immerhin um Verlobte, was am
Ende eine weniger hart ausfallende •
Sanktionierung eines möglichen vorehelichen Sexualverkehrs nach
sich gezogen hätte. Ganz anders wäre dies jedoch in dieser Zeit
gewesen, wenn es sich um einen anderen Mann gehandelt hätte. In
diesem Falle waren es besonders verdammenswerte •
unzüchtige sexuelle Handlungen, die hart bestraft werden konnten
und die • "Ehre" und soziale
Zukunft •
Eves hart getroffen, aber auch die soziale Stellung der Mutter
im Dorf entscheidend verändert hätte. Aus diesem Grund ist es für • Marthe Rull
eine Existenzfrage, dass •
Ruprecht und niemand anderer als "Täter" angesehen wird. Und um
dies letzten Endes amtlich feststellen zu lassen, geht es ihr im
Prozess um den Krug.
Marthe Rull
will mit der Verteidigung der • "Ehre"
ihrer Tochter •
Eve auch • die eigene soziale Stellung verteidigen. Dies macht
sie, vielleicht eher unwillentlich, deutlich, als sie ihrer Tochter
kurz vor Prozessbeginn in drastischen Worten vorhält, was ihr blühen
würde, wenn der Vorwurf •
unzüchtiger sexueller Handlungen und •
vorehelichem Sexualverkehrs (6.Auftritt,
V 487-
V 497) nicht
ausgeräumt werden kann.
Das
Leben am "Rand des von der Familie, der Gemeinde und der Herrschaft
regulierten sozialen Feldes" (Eder 2002,
S.37), das •
Eve nach dem Verlust ihrer • "Ehre
zu führen hätte, bliebe nämlich auch nicht ohne Folgen für die
soziale Existenz der Mutter in der Dorfgemeinschaft, in der sie das
• Ehrenamt der Hebamme
innehat. So weiß sie genau, dass der Kampf um die • "Ehre ihrer Tochter
auch an die Verteidigung
ihrer eigenen Ehre gekoppelt ist. ("Wenn's unsre [!] Ehre weiß zu brennen gilt",
6. Auftritt,
V 496)
Dass • Marthe Rull, auch um der eigenen Ehre willen, ihre Tochter vollständig
fallen lassen und verstoßen würde, macht sie vor Gericht
unmissverständlich deutlich, als sie für den Fall, dass ein anderer
als •
Ruprecht bei •
Eve in der Kammer gewesen sein sollte, erklärt:
"Wär, daß ein andrer, als der Ruprecht, sich
In ihre Kammer gestern schlich, gegründet,
Wär's überall nur möglich, gnäd'ger Herr, Versteht mich wohl, – so säumt ich hier nicht länger.
Den Stuhl setzt ich, zur ersten Einrichtung,
Ihr vor die Tür, und sagte, geh, mein Kind,
Die Welt ist weit, da zahlst du keine Miete,
Und lange Haare hast du auch geerbt,
Woran du dich, kommt Zeit, kommt Rat, kannst hängen.
(9. Auftritt,
V 1289 -
V 1297)
Im Kontext kann diese Aussage • Marthe Rulls auch dahingehend verstanden werden kann, dass sie damit ihre
Einstellung bekräftigen will, weshalb sie trotz der gegenteiligen
Aussage •
Eves (9. Auftritt,
V 1194) an ihrer
Version festhält, dass •
Ruprecht für das Zerbrechen des Krugs verantwortlich ist. Indem
sie damit zeigt, dass sie auch für den Fall der Fälle wisse, was zu
tun ist, macht sie deutlich, dass ihr Festhalten an ihrem Verdacht
gegen •
Ruprecht nicht nur vorgeschoben ist, um die schlimmste Wendung
der Dinge zu verhindern.
Um ihren Verdacht, dem durch die Aussage •
Eves (9. Auftritt,
V 1194) der Boden
entzogen ist, weiter stützen zu können, greift sie nun zu einer
anderen Argumentation, die aber auch •
Eve, die sie bisher als Opfer ihres
Bräutigams hingestellt hat, in gewisser Weise zur Mittäterin macht.
So erklärt sich der in ihren Augen eindeutige "Meineid
vor dem Richterstuhle" (9.
Auftritt, V 1285),
den •
Eve mit ihrer Entlastung •
Ruprechts trotz des ihr dann drohenden Prangers in Kauf nehme,
nun durch "ein anderes
Verbrechen" (9.
Auftritt, V 1305),
nämlich die geplante Fahnenflucht •
Ruprechts, in die dieser, wie sie weiter vermutet, ihre Tochter
mit hineingezogen habe. (9.
Auftritt, V 1311)
Indem • Marthe Rull als Klägerin
ihr Wissen über die Konskription der Utrechter Regierung einbringt,
der auch •
Ruprecht die Einberufung zum Militärdienst eingebracht habe (9.
Auftritt, V 1307ff.)
bringt sie, sehr zur Freude Adams ("Verflucht!
Der Teufel ist mir gut!", 9.
Auftritt, V 1346). einen
ganz neues Verdachtsmoment ein.
Zugleich gibt sie dem Publikum bzw.
Leser*innen jene fehlenden Informationen an die Hand, die ▪ Adams
kurz vor Beginn der Verhandlung heimlich an •
Eve adressierte Äußerung über das Attest für •
Ruprecht, der ohne dieses bald in Batavia krepieren werde (7.
Auftritt, V 528 -
V 536), noch offen
gelassen hat.
Für • Marthe Rull
scheint klar: Als sie in der Vornacht •
Eve und •
Ruprecht in ihrem Haus überrascht habe (7.
Auftritt, V 747 -
V 772), wollte dieser
•
Eve, die aber noch gezögert habe, dazu verleiten, sich aus den
Kisten und Kasten, in denen sie Dinge von Wert aufbewahrt, zu
bedienen, um dann, damit ausgestattet und in •
Eves Begleitung, außer Landes zu flüchten, so wie es zahlreiche
andere "jungen Landessöhne" (9.
Auftritt, V 1310)
auch täten.
Ob sich •
Ruprecht wegen seines Ärgers ("Rach") über •
Eves Zögern oder
"aus Liebe" (9.
Auftritt, V 1316)
bei ihr aufgehalten habe, als sie die beiden erwischt habe, sei
daher zweitrangig. Vielleicht hofft sie auf diese Weise, die • "Unzuchtgeschichte"
in den Hintergrund drängen zu können, doch •
Walter will
zunächst von der "Konskriptionsgeschichte"
nichts hören.(9.
Auftritt, V 1320).
Um wie von •
Walter gefordert,
will • Marthe Rull daher auf
andere Art und Weise erst einmal beweisen, dass nur •
Ruprecht als derjenige in Frage komme, der den Krug zerbrochen
habe.
Dazu verlangt sie, •
Frau
Brigitte, die Schwester •
Veit Tümpels und Tante von •
Ruprecht als Zeugin zu vernehmen. Deren Beobachtungen, die sie
in der Vornacht gemacht habe, erbrächten zweifelsfrei den Beweis,
dass sich •
Ruprecht, schon eine halbe Stunde bevor der Krug zu Bruch
gegangen sei, um halb elf Uhr nachts mit •
Eve in Marthens Garten "im Wortgewechsel, kosend bald, bald
zerrend / Als wollt er sie zu etwas überreden", (9.
Auftritt, V 1344)
getroffen habe.
Unter entschiedenem Protest •
Ruprechts und der schon erwähnten
diebischen Freude ▪ Adams
über diese unverhoffte Entwicklung der Dinge, gibt •
Walter dem Antrag • Marthe Rulls
statt (9.
Auftritt, V 1347)
und lässt •
Frau
Brigitte von •
Licht und den •
Gerichtsbütteln während einer
Prozesspause (10. Auftritt)
holen.
Statt • Marthe Rull oder •
Walter spinnt in
der Folge •
Veit Tümpel die
Konskriptionsgeschichte
weiter (9.
Auftritt, V 1354
- V 1393). Er greift
in sichtlicher Erregung • Marthe Rulls
Verdacht auf, plausibilisiert sie •
mit
eigenen Beobachtungen und spricht von einem "schändlichen
Geheimnis" (9.
Auftritt, V 1364)
und möglicher "Verräterei" (9.
Auftritt, V 1389).
Sollte sich das bewahrheiten, ist er, wie •
Marthe Rull aus
allerdings anderen Gründen bei •
Eve
(9. Auftritt,
V 1289 -
V 1297), bereit, die
•
härtesten Strafen für seinen verräterischen Sohn zu akzeptieren.
In der Prozesspause (10.
Auftritt) bis zum Eintreffen von
•
Frau
Brigitte (11. Auftritt)
wird • Marthe Rull von •
Walter fast
nebenbei •
nach ihrer Beziehung zu ▪
Adam
befragt (10. Auftritt,
V 1565 -
V 1606).
Mit einer gewissen Enttäuschung bestätigt • Marthe Rull •
Adams Aussage, dass er nur selten
im Haus der Witwe verkehre (10. Auftritt,
V
1565),. Als •
Walter dann noch • Marthe Rull
zuprostet und ihr, auf die von ihr
artikulierte
Enttäuschung hin Hoffnung macht, dass •
Adam sie sicher in absehbarer Zeit
besuchen werde, hält die Witwe ihm entgegen, dass sie nichts
besitze, was den Dorfrichter in ihr Haus locken könne. Damit
entlastet sie unwillentlich •
Adam so eindeutig, dass •
Walter nur noch zu konstatieren bleibt, dass dies "um so viel
besser" (V 1606)
sei.
Marthe Rull könnte, darauf
deuten • Überlegungen zu ihrer
sozialen Existenz als Witwe hin, mit dem sie selbst
charakterisierenden Bild der "arme(n) Witwe"
(10.
Auftritt, V 1604f.)
aber •
durchaus auch nur kokettieren, da sie vielleicht auch einmal mit dem
Gedanken gespielt hat, den unverheirateten •
Adam einmal •
selbst zu umgarnen.
Im späteren Verlauf der Prozesses spielt • Marthe Rull
so gut wie keine Rolle mehr, da der die Verhandlung sich durch die
neuen von
•
Frau
Brigitte und •
Licht präsentierten
Beweise (Perücke, Spur zu Adams Haus) (11. Auftritt)
anders, als von ihr erwartet, entwickelt. Ihre ganze Prozessstrategie, den Verdacht gegen ▪
Ruprecht zu beweisen, ist damit
gescheitert.
Dabei ist • Marthe Rull lange nicht bereit, davon abzurücken.
Diese "Blindheit" angesichts der Indizienentwicklung gegen • Adam
wird in der Szene besonders deutlich, als • Adam aus Furcht vor seiner
Entlarvung in dem Moment, in dem der "ungeheuer
klotz'ge Pferdefuß" (11. Auftritt,
V 1719) von
•
Frau
Brigitte in ihrem Bericht zum Thema gemacht wird, seine Füße
unter dem Tisch, an dem er sitzt, verstecken will.
Hier ist es
ausgerechnet • Marthe Rull, die ihm
zur Seite springt: "Laß Er doch seine Füße draußen! / Was steckt Er untern Tisch verstört sie hin,
/ Daß man fast meint, Er wär die Spur gegangen."
(11. Auftritt,
V 1816 -
V 1818) Sie spricht
zwar damit aus, was zumindest •
Licht und •
Walter schon denken
bzw. wissen, ist aber, warum auch immer, nicht in der Lage, daraus
die unvermeidlichen Schlüsse zu ziehen.
Als sie wenig später quasi
mit dem Kopf darauf gestoßen wird, dass nicht •
Ruprecht sondern • Adam der
Täter gewesen ist und damit •
Ruprechts Version des Tathergangs in der Vornacht (7.
Auftritt, V 871 -
V 1045) sich als
richtig erweist, quittiert sie diese späte Erkenntnis mit einem
Ausdruck völliger Überraschung ("Ei,
solch ein blitz-verfluchter Richter, das!",
11. Auftritt,
V 1864).
Doch nicht
das allein wirft ein charakterisierendes Licht auf die sonst
doch so selbstbewusst und resolut vor Gericht auftretende • Marthe Rull.
Sie, die zuvor mit ihren langen Reden und anhaltenden
Beschuldigungen und Drohungen dem Verlauf des Prozesses durchaus
auch ihren Stempel aufgedrückt hat, wird angesichts der neuen
Enthüllungen seltsam wortkarg.
Wahrscheinlich durchschaut sie auch
nicht im Mindesten, warum •
Walter nicht nur
zulässt, sondern sogar nach außen hin unterstützt, dass • Adam,
mit Perücke und Spur eigentlich längst überführt, ein hartes Urteil
über •
Ruprecht fällen kann (11. Auftritt,
V 1874 -
V 1884). Kein Wort
der Klägerin kommentiert dieses eigentlich ungeheuerliche Vorgehen,
die vielleicht auch mit diesem mehr als dubiosen Urteil immer noch
hofft, am besten die • "Ehre
ihrer Tochter •
Eve und ihre eigene soziale Existenz verteidigen zu können
("Wenn's unsre [!] Ehre weiß zu brennen gilt",
6. Auftritt,
V 496).
Scheitern von Marthe Rulls Prozessstrategie
Doch •
Eve selbst ist, die diesen Plan durchkreuzt, indem sie,
entrüstet über das Vorgehen der Justiz und, um •
Ruprecht vor einer Gefängnisstrafe zu schützen, preisgibt, dass
es • Adam gewesen ist, mit dem sie
in der Vornacht von •
Ruprecht in ihrer Kammer überrascht worden sei und dieser den
Krug zerbrochen habe.
Marthe Rull
steht wohl der Mund offen, als sie nun, von dieser Entwicklung der
Dinge vor sich hergetrieben und ohne jeden Plan oder jedes Konzept,
wie sie damit umgehen soll, nur noch ein verdutzt-verblüfft
ausgestoßenes fragendes "Er?"
(11. Auftritt,
V 1894) formen
kann. Verständlich gewiss, wenn man bedenkt, dass damit die ganze •
"Unzuchtgeschichte"
noch einmal eine neue Qualität bekommt.
Was in • Marthe Rull dabei
vorgeht, erfahren das Publikum bzw. die Leser*innen und Leser kaum.
In der Buchfassung von 1811 kommt sie bis zu dem von •
Walter
herbeigeführten rührseligen Happy Ends für das Brautpaar •
Ruprecht und •
Eve (12.
Auftritt, V 1935)
nicht mehr zu Wort. Erst im letzten Auftritt (13. Auftritt) hat sie
quasi das letzte Wort.
Anders ist dies in der •
Variant-Fassung des 12.
Kapitels. Dort ist sie, wie alle anderen wichtigen Figuren, die
sich "in den Vordergrund der Bühne (bewegen)" und ein Schlusstableau bilden, zunächst nur stumme (!) Zuhörerin der von •
Eve in epischer Breite erzählten Vorgeschichte.
Bezeichnender
Weise mischt sie sich erst dann mit einem ihre früher geäußerten
Befürchtungen emotional aufgreifenden Kurzkommentar ein, als •
Eve, in Bezug auf • Adam
gesprochen, erklärt: "Ich
führt’ ihn in die Kammer ein.",
12. Auftritt Variant,
V 2198) Aber
mehr als ein "Ei, Eve! Eve!"
(V 2199)
bringt sie zunächst nicht heraus, auch wenn die Äußerung •
Eves in ihren Ohren, wie auch denen des Publikums, angesichts
der sexuellen Anspielung wie das Eingeständnis •
unzüchtiger sexueller Handlungen und •
vorehelichem Sexualverkehrs (6.Auftritt,
V 487-
V 497) durch •
Eve klingen muss. Dass auch • Marthe Rull
vollkommen klar ist, was •
Eve damit zugegeben hat, zeigt sich, als sie wie •
Ruprecht, die Ohren gespitzt, genauer wissen will, was
genau • Adam mit •
Eve in ihrer Kammer gemacht hat.
EVE. Da wir jetzt in der
Stube sind –
[ ...]
Läßt
er am Tisch jetzt auf den Stuhl sich nieder,
Und faßt
mich so, bei beiden Händen, seht,
Und sieht mich an.
FRAU MARTHE. Und sieht —?
RUPRECHT. Und sieht dich an —?
EVE. Zwei
abgemessene Minuten starr mich an.
FRAU MARTHE.
Und spricht —?
RUPRECHT. Spricht nichts —? [
...]
(12. Auftritt Variant,
V 2201 -
V 2218)
Doch •
Eve schweigt sich abgesehen von der Tatsache, dass er sie "bei
den Händen" (12. Auftritt Variant,
V 2215)
gefasst habe, darüber aus. Was die Kurzfassung des
12.
Auftritts der Buchfassung von 1811 Eve wenigstens noch andeutet
("So Schändliches, ihr Herren,
von mir fordernd,
/ Daß es kein Mädchenmund wagt auszusprechen!",
12.
Auftritt. V 1946f.)
wird in der Langfassung noch stärker der Fantasie des Publikums und
der Leser*innen überantwortet.
Happy End und ungeklärte Fragen: Marthe Rull führt den Kampf
um die "Ehre" fort
Marthe Rull
will nach der Verurteilung •
Ruprechts durch • Adam, dem
dieser den Schadenersatz für den zerbrochenen Krug trotzdem
freigestellt hat (11. Auftritt,
V 1983), nach der
Flucht des Dorfrichters (11.
Auftritt, V 1900)
und dem von •
Walter
herbeigeführten Happy Ends für das Brautpaar (12.
Auftritt, V 1935;
12. Auftritt Variant,
V 2374ff.) weiterhin ihr Recht in der Krugsache
beim Obergericht in Utrecht suchen. (13.
Auftritt, V 1968
- V 1974) Dies
zeigt,
dass die Angelegenheit für sie durch das Happy End und die von •
Walter in einem
einfachen Amtsakt verfügte Absetzung • Adams
als Dorfrichter (12. Auftritt,
V 1962; 12.
Auftritt Variant,
V 2417)
keineswegs zu Ende ist.
Auch wenn sie ihre
Motive für dieses Vorhaben in der Dramenhandlung nicht mehr
ausführt, scheint doch klar zu sein, dass sie mehr als nur eine
einfache Amtsenthebung des Dorfrichters wünscht. Sie will,
vorausgesetzt, sie ist weiter davon überzeugt, dass dieser ihrer
Tochter mit •
unzüchtigen sexuellen Handlungen die "Unschuld" (Virginität)
genommen hat (vgl. • Der zerbrochne Krug
als sexuelles Symbol) oder zumindest bewirkt hat, dass
man ihr das nachsagen kann, seine Verurteilung wegen dieser
sexuellen Straftat.
Wer weiß in dieser
Situation denn schon, ob er •
Eve dabei nicht geschwängert hat und dies bis zur in Aussicht
genommenen Hochzeit jedem vor Augen stehen kann. Der weitere Kampf
um die • "Ehre" ihrer
Tochter •
Eve und ihre eigene soziale Existenz in Huisum könnte also erst
nur vertagt sein und heftiger denn je entbrennen, wenn dieser "worst
case" tatsächlich eintreten sollte. Dann wäre das Ganze aber
meilenweit entfernt von einer Komödie.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
02.05.2026
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