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Aspekte der Analyse und Interpretation

Prozessstrategie Marthe Rulls

Heinrich von Kleist«Der zerbrochne Krug –  Einzelne FigurenMarthe Rull

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf FigurenkonstellationEinzelne Figuren Überblick Adam Licht • Walter • Marthe Rull Überblick [ Aspekte der Analyse und Interpretation Überblick Bedeutung  im Handlungsverlauf Korrespondenz- und Kontrastbeziehungen in der Figurenkonstellation Prozessstrategie Marthe Rulls Witwe im Kampf um die soziale Existenz Aspekte der mentalen Inszenierung ]BausteineFragen und Antworten (KI) Eve Veit Tümpel Ruprecht Frau Brigitte Ein Bedienter Mägde Büttel Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet  Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

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Marthe Rull gehört in ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811) Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ zur • Dorfwelt von Huisum und ist eine der • Hauptfiguren des Stücks.

Die Figur hat eine • große Bedeutung für die Entwicklung der Handlung, die von ihren Aussagen immer wieder vorangetrieben wird. Was sie über die ▪ Vorgeschichte, zu sagen weiß und vor allem, wie sie das tut, hebt ihre Darstellung von denen ▪ Ruprechts und ▪ Frau Brigittes deutlich ab.

Vordergründig scheint • Marthe Rull zwar nur den Verlust eines vergleichsweise wenig wertvollen Alltagsgegenstandes (Wasserkrug) zur Anklage zu bringen. In Wahrheit geht es ihr aber um mehr. Um zu verstehen, warum sie überhaupt die Krugsache und damit die ganzen Vorgänge der vergangenen Nacht in • Eves Kammer noch einmal, dieses Mal hochoffiziell in einem Gerichtsverfahren, vor aller Öffentlichkeit ausbreiten will, liegt letzten Endes daran, muss man ihre Motive rekonstruieren. In der Vornacht ist sie, erst nachdem • RuprechtAdam, den er aber für seinen vermeintlichen Nebenbuhler, den  Flickschuster Lebrecht hält, in die Flucht geschlagen hat, zusammen mit einer Reihe schaulustiger anderer Nachbarn in die Kammer • Eves gekommen. Was sie und die zusammengelaufene Dorföffentlichkeit dort, in der dunklen, abgelegenen Kammer im Lichtschein ihrer Kerze zu sehen bekommen, ist • Eve, die sich nur noch "händeringend" gegen einen wütend tobenden und übel über sie schimpfenden • Ruprecht zur Wehr setzen kann. In jedem Fall wirkt sie, die sich kurz zuvor, von einem Fußstoß • Ruprechts (7. Auftritt, V 1019f.) getroffen, gerade noch an ihrem Bett festhalten kann (12. Auftritt Variant, V 2240 - V 2245), wohl auf ihre Mutter und die Gruppe der Schaulustigen sehr verängstigt und verstört. Marthe Rull schenkt, als sie • Ruprecht in dieser Situation zur Rede stellt (7. Auftritt, V 762 - V 772), dessen Version er habe einen anderen mit • Eve in der Kammer überrascht, wie auch die anderen Anwesenden keinen Glauben, zumal auch • Eve auf die Frage ihrer Mutter, was an dieser Sache dran sei, bei ihr und den anderen den Eindruck erweckt, dass dies eine Lüge ist. Allerdings will • Eve, wie sie im Prozess später aussagt, dies in der Vornacht , nicht wie von ihrer Mutter behauptet, an Ort und Stelle nicht beschworen haben (7. Auftritt, V 781 - V 789). Erst später bekennt • Eve, um • Walter positiv zu stimmen und damit eine der Voraussetzungen für das rührselige Ende der "Liebesgeschichte" zwischen ihr und • Ruprecht zu schaffen, dass sie mit ihrem Schweigen damit selbst die Lüge von • Ruprecht als Täter befördert habe.(12. Auftritt Variant, V 2276) Eves spätes Schuldeingeständnis wird aber von ihrer Mutter • Marthe Rull und • Ruprecht so relativiert, dass es für den weiteren Verlauf des dramatischen Geschehens ohne Belang bleibt und keinerlei negative Folgen für die junge Frau hat.

Für • Marthe Rull, aber natürlich auch für ihre Tochter, ist die Tatsache, dass • Ruprecht und kein Dritter bei ihrer Tochter in der Kammer gewesen ist, von vorrangiger Bedeutung. Der Schaden, der durch den vor den Augen der Dorföffentlichkeit stattgefundenen "Tabubruch" von • Eve und • Ruprecht entstanden ist, ist da. Sie haben die Regeln der • Annäherung der Geschlechter gebrochen, die in Huisum gelten und von den Dörflern gemeinsam überwacht und sozial sanktioniert werden. Allerdings handelt es sich bei dem Paar immerhin um Verlobte, was am Ende eine weniger hart ausfallende • Sanktionierung eines möglichen vorehelichen Sexualverkehrs nach sich gezogen hätte. Ganz anders wäre dies jedoch in dieser Zeit gewesen, wenn es sich um einen anderen Mann gehandelt hätte. In diesem Falle waren es besonders verdammenswerte • unzüchtige sexuelle Handlungen, die hart bestraft werden konnten und die • "Ehre" und soziale Zukunft • Eves hart getroffen, aber auch die soziale Stellung der Mutter im Dorf entscheidend verändert hätte. Aus diesem Grund ist es für • Marthe Rull eine Existenzfrage, dass • Ruprecht und niemand anderer als "Täter" angesehen wird. Und um dies letzten Endes amtlich feststellen zu lassen, geht es ihr im Prozess um den Krug.

Marthe Rull will mit der Verteidigung der • "Ehre" ihrer Tochter • Eve auch • die eigene soziale Stellung verteidigen. Dies macht sie, vielleicht eher unwillentlich, deutlich, als sie ihrer Tochter kurz vor Prozessbeginn in drastischen Worten vorhält, was ihr blühen würde, wenn der Vorwurf • unzüchtiger sexueller Handlungen und • vorehelichem Sexualverkehrs (6.Auftritt, V 487- V 497) nicht ausgeräumt werden kann.

Das Leben am "Rand des von der Familie, der Gemeinde und der Herrschaft regulierten sozialen Feldes" (Eder 2002, S.37), das • Eve nach dem Verlust ihrer • "Ehre zu führen hätte, bliebe nämlich auch nicht ohne Folgen für die soziale Existenz der Mutter in der Dorfgemeinschaft, in der sie das • Ehrenamt der Hebamme innehat. So weiß sie genau, dass der Kampf um die • "Ehre ihrer Tochter auch an die Verteidigung ihrer eigenen Ehre gekoppelt ist. ("Wenn's unsre [!] Ehre weiß zu brennen gilt", 6. Auftritt, V 496)

Dass • Marthe Rull, auch um der eigenen Ehre willen, ihre Tochter vollständig fallen lassen und verstoßen würde, macht sie vor Gericht unmissverständlich deutlich, als sie für den Fall, dass ein anderer als • Ruprecht bei • Eve in der Kammer gewesen sein sollte, erklärt:

"Wär, daß ein andrer, als der Ruprecht, sich
In ihre Kammer gestern schlich, gegründet,
Wär's überall nur möglich, gnäd'ger Herr,
Versteht mich wohl, – so säumt ich hier nicht länger.
Den Stuhl setzt ich, zur ersten Einrichtung,
Ihr vor die Tür, und sagte, geh, mein Kind,
Die Welt ist weit, da zahlst du keine Miete,
Und lange Haare hast du auch geerbt,
Woran du dich, kommt Zeit, kommt Rat, kannst hängen.
(9. Auftritt, V 1289 - V 1297)

Im Kontext kann diese Aussage • Marthe Rulls auch dahingehend verstanden werden kann, dass sie damit ihre Einstellung bekräftigen will, weshalb sie trotz der gegenteiligen Aussage • Eves (9. Auftritt, V 1194) an ihrer Version festhält, dass • Ruprecht für das Zerbrechen des Krugs verantwortlich ist. Indem sie damit zeigt, dass sie auch für den Fall der Fälle wisse, was zu tun ist, macht sie deutlich, dass ihr Festhalten an ihrem Verdacht gegen • Ruprecht nicht nur vorgeschoben ist, um die schlimmste Wendung der Dinge zu verhindern.

Um ihren Verdacht, dem durch die Aussage • Eves (9. Auftritt, V 1194) der Boden entzogen ist, weiter stützen zu können, greift sie nun zu einer anderen Argumentation, die aber auch • Eve, die sie bisher als Opfer ihres Bräutigams hingestellt hat, in gewisser Weise zur Mittäterin macht.

So erklärt sich der in ihren Augen eindeutige "Meineid vor dem Richterstuhle" (9. Auftritt, V 1285), den • Eve mit ihrer Entlastung • Ruprechts trotz des ihr dann drohenden Prangers in Kauf nehme, nun durch "ein anderes Verbrechen" (9. Auftritt, V 1305), nämlich die geplante Fahnenflucht • Ruprechts, in die dieser, wie sie weiter vermutet, ihre Tochter mit hineingezogen habe. (9. Auftritt, V 1311)

Indem • Marthe Rull als Klägerin ihr Wissen über die Konskription der Utrechter Regierung einbringt, der auch • Ruprecht die Einberufung zum Militärdienst eingebracht habe (9. Auftritt, V 1307ff.) bringt sie, sehr zur Freude Adams ("Verflucht! Der Teufel ist mir gut!", 9. Auftritt, V 1346). einen ganz neues Verdachtsmoment ein.

Zugleich gibt sie dem Publikum bzw. Leser*innen jene fehlenden Informationen an die Hand, die ▪ Adams kurz vor Beginn der Verhandlung heimlich an • Eve adressierte Äußerung über das Attest für • Ruprecht, der ohne dieses bald in Batavia krepieren werde (7. Auftritt, V 528 - V 536), noch offen gelassen hat.

Für • Marthe Rull scheint klar: Als sie in der Vornacht • Eve und • Ruprecht in ihrem Haus überrascht habe (7. Auftritt, V 747 - V 772), wollte dieser • Eve, die aber noch gezögert habe, dazu verleiten, sich aus den Kisten und Kasten, in denen sie Dinge von Wert aufbewahrt, zu bedienen, um dann, damit ausgestattet und in • Eves Begleitung, außer Landes zu flüchten, so wie es zahlreiche andere "jungen Landessöhne" (9. Auftritt, V 1310) auch täten.

Ob sich • Ruprecht wegen seines Ärgers ("Rach") über • Eves Zögern oder "aus Liebe" (9. Auftritt, V 1316) bei ihr aufgehalten habe, als sie die beiden erwischt habe, sei daher zweitrangig. Vielleicht hofft sie auf diese Weise, die • "Unzuchtgeschichte" in den Hintergrund drängen zu können, doch • Walter will zunächst von der "Konskriptionsgeschichte" nichts hören.(9. Auftritt, V 1320). Um wie von • Walter gefordert, will • Marthe Rull daher auf andere Art und Weise erst einmal beweisen, dass nur • Ruprecht als derjenige in Frage komme, der den Krug zerbrochen habe.

Dazu verlangt sie, • Frau Brigitte, die Schwester • Veit Tümpels und Tante von • Ruprecht als Zeugin zu vernehmen. Deren Beobachtungen, die sie in der Vornacht gemacht habe, erbrächten zweifelsfrei den Beweis, dass sich • Ruprecht, schon eine halbe Stunde bevor der Krug zu Bruch gegangen sei, um halb elf Uhr nachts mit • Eve in Marthens Garten "im Wortgewechsel, kosend bald, bald zerrend / Als wollt er sie zu etwas überreden", (9. Auftritt, V 1344) getroffen habe.

Unter entschiedenem Protest • Ruprechts und der schon erwähnten diebischen FreudeAdams über diese unverhoffte Entwicklung der Dinge, gibt • Walter dem Antrag • Marthe Rulls statt  (9. Auftritt, V 1347) und lässt • Frau Brigitte von • Licht und den • Gerichtsbütteln während einer Prozesspause (10. Auftritt) holen.

Statt • Marthe Rull oder • Walter spinnt in der Folge • Veit Tümpel die Konskriptionsgeschichte weiter (9. Auftritt, V 1354 - V 1393). Er greift in sichtlicher Erregung • Marthe Rulls Verdacht auf, plausibilisiert sie • mit eigenen Beobachtungen und spricht von einem "schändlichen Geheimnis" (9. Auftritt, V 1364) und möglicher "Verräterei" (9. Auftritt, V 1389). Sollte sich das bewahrheiten, ist er, wie • Marthe Rull aus allerdings anderen Gründen bei • Eve (9. Auftritt, V 1289 - V 1297), bereit, die • härtesten Strafen für seinen verräterischen Sohn zu akzeptieren.

In der Prozesspause (10. Auftritt) bis zum Eintreffen von Frau Brigitte (11. Auftritt) wird • Marthe Rull von • Walter fast nebenbei • nach ihrer Beziehung zu ▪ Adam befragt (10. Auftritt, V 1565 - V 1606).

Mit einer gewissen Enttäuschung bestätigt • Marthe RullAdams Aussage, dass er nur selten im Haus der Witwe verkehre (10. Auftritt, V 1565),. Als • Walter dann noch • Marthe Rull zuprostet und ihr, auf die von ihr artikulierte Enttäuschung hin Hoffnung macht, dass • Adam sie sicher in absehbarer Zeit besuchen werde, hält die Witwe ihm entgegen, dass sie nichts besitze, was den Dorfrichter in ihr Haus locken könne. Damit entlastet sie unwillentlich • Adam so eindeutig, dass • Walter nur noch zu konstatieren bleibt, dass dies "um so viel besser" (V 1606) sei.

Marthe Rull könnte, darauf deuten • Überlegungen zu ihrer sozialen Existenz als Witwe hin, mit dem sie selbst charakterisierenden Bild der "arme(n) Witwe" (10. Auftritt, V 1604f.) aber • durchaus auch nur kokettieren, da sie vielleicht auch einmal mit dem Gedanken gespielt hat, den unverheirateten • Adam einmal • selbst zu umgarnen.

Im späteren Verlauf der Prozesses spielt • Marthe Rull so gut wie keine Rolle mehr, da der die Verhandlung sich durch die neuen von Frau Brigitte und • Licht präsentierten Beweise (Perücke, Spur zu Adams Haus) (11. Auftritt) anders, als von ihr erwartet, entwickelt. Ihre ganze Prozessstrategie, den Verdacht gegen ▪ Ruprecht zu beweisen, ist damit gescheitert.

Dabei ist • Marthe Rull  lange nicht bereit, davon abzurücken. Diese "Blindheit" angesichts der Indizienentwicklung gegen • Adam wird in der Szene besonders deutlich, als • Adam aus Furcht vor seiner Entlarvung in dem Moment, in dem der "ungeheuer klotz'ge Pferdefuß" (11. Auftritt, V 1719) von Frau Brigitte in ihrem Bericht zum Thema gemacht wird, seine Füße unter dem Tisch, an dem er sitzt, verstecken will.

Hier ist es ausgerechnet • Marthe Rull, die ihm zur Seite springt: "Laß Er doch seine Füße draußen! / Was steckt Er untern Tisch verstört sie hin, / Daß man fast meint, Er wär die Spur gegangen." (11. Auftritt, V 1816 - V 1818) Sie spricht zwar damit aus, was zumindest • Licht und • Walter schon denken bzw. wissen, ist aber, warum auch immer, nicht in der Lage, daraus die unvermeidlichen Schlüsse zu ziehen.

Als sie wenig später quasi mit dem Kopf darauf gestoßen wird, dass nicht • Ruprecht sondern • Adam der Täter gewesen ist und damit • Ruprechts Version des Tathergangs in der Vornacht (7. Auftritt, V 871 - V 1045) sich als richtig erweist, quittiert sie diese späte Erkenntnis mit einem Ausdruck völliger Überraschung ("Ei, solch ein blitz-verfluchter Richter, das!", 11. Auftritt, V 1864).

Doch nicht das allein wirft ein charakterisierendes Licht auf die sonst doch so selbstbewusst und resolut vor Gericht auftretende • Marthe Rull. Sie, die zuvor mit ihren langen Reden und anhaltenden Beschuldigungen und Drohungen dem Verlauf des Prozesses durchaus auch ihren Stempel aufgedrückt hat, wird angesichts der neuen Enthüllungen seltsam wortkarg.

Wahrscheinlich durchschaut sie auch nicht im Mindesten, warum • Walter nicht nur zulässt, sondern sogar nach außen hin unterstützt, dass • Adam, mit Perücke und Spur eigentlich längst überführt, ein hartes Urteil über • Ruprecht fällen kann (11. Auftritt, V 1874 - V 1884). Kein Wort der Klägerin kommentiert dieses eigentlich ungeheuerliche Vorgehen, die vielleicht auch mit diesem mehr als dubiosen Urteil immer noch hofft, am besten die • "Ehre ihrer Tochter • Eve und ihre eigene soziale Existenz verteidigen zu können ("Wenn's unsre [!] Ehre weiß zu brennen gilt", 6. Auftritt, V 496).

Scheitern von Marthe Rulls Prozessstrategie

Doch • Eve selbst ist, die diesen Plan durchkreuzt, indem sie, entrüstet über das Vorgehen der Justiz und, um • Ruprecht vor einer Gefängnisstrafe zu schützen, preisgibt, dass es • Adam gewesen ist, mit dem sie in der Vornacht von • Ruprecht in ihrer Kammer überrascht worden sei und dieser den Krug zerbrochen habe.

Marthe Rull steht wohl der Mund offen, als sie nun, von dieser Entwicklung der Dinge vor sich hergetrieben und ohne jeden Plan oder jedes Konzept, wie sie damit umgehen soll, nur noch ein verdutzt-verblüfft ausgestoßenes fragendes "Er?" (11. Auftritt, V 1894) formen kann. Verständlich gewiss, wenn man bedenkt, dass damit die ganze • "Unzuchtgeschichte" noch einmal eine neue Qualität bekommt.

Was in • Marthe Rull dabei vorgeht, erfahren das Publikum bzw. die Leser*innen und Leser kaum. In der Buchfassung von 1811 kommt sie bis zu dem von • Walter herbeigeführten rührseligen Happy Ends für das Brautpaar • Ruprecht und • Eve (12. Auftritt, V 1935) nicht mehr zu Wort. Erst im letzten Auftritt (13. Auftritt) hat sie quasi das letzte Wort.

Anders ist dies in der • Variant-Fassung des 12. Kapitels. Dort ist sie, wie alle anderen wichtigen Figuren, die sich "in den Vordergrund der Bühne (bewegen)" und ein Schlusstableau bilden, zunächst nur stumme (!) Zuhörerin der von • Eve in epischer Breite erzählten Vorgeschichte.

Bezeichnender Weise mischt sie sich erst dann mit einem ihre früher geäußerten Befürchtungen emotional aufgreifenden Kurzkommentar ein, als • Eve, in Bezug auf • Adam gesprochen, erklärt: "Ich führt’ ihn in die Kammer ein.", 12. Auftritt VariantV 2198) Aber mehr als ein "Ei, Eve! Eve!" (V 2199) bringt sie zunächst nicht heraus, auch wenn die Äußerung • Eves in ihren Ohren, wie auch denen des Publikums, angesichts der sexuellen Anspielung wie das Eingeständnis • unzüchtiger sexueller Handlungen und • vorehelichem Sexualverkehrs (6.Auftritt, V 487- V 497) durch • Eve klingen muss. Dass auch • Marthe Rull vollkommen klar ist, was • Eve damit zugegeben hat, zeigt sich, als sie wie  • Ruprecht, die Ohren gespitzt, genauer wissen will, was  genau • Adam mit • Eve in ihrer Kammer gemacht hat.

EVE. Da wir jetzt in der Stube sind – [ ...]
Läßt er am Tisch jetzt auf den Stuhl sich nieder,
Und faßt mich so, bei beiden Händen, seht,
Und sieht mich an.

FRAU MARTHE.  Und sieht —?

RUPRECHT.  Und sieht dich an —?

EVE. Zwei abgemessene Minuten starr mich an.

FRAU MARTHE.  Und spricht —?

RUPRECHT. Spricht nichts —? [ ...]
(12. Auftritt VariantV 2201 - V 2218)

Doch • Eve schweigt sich abgesehen von der Tatsache, dass er sie "bei den Händen" (12. Auftritt VariantV 2215) gefasst habe, darüber aus. Was die Kurzfassung des 12. Auftritts der Buchfassung von 1811 Eve wenigstens noch andeutet ("So Schändliches, ihr Herren, von mir fordernd, / Daß es kein Mädchenmund wagt auszusprechen!", 12. Auftritt. V 1946f.) wird in der Langfassung noch stärker der Fantasie des Publikums und der Leser*innen überantwortet.

Happy End und ungeklärte Fragen:  Marthe Rull führt den Kampf um die "Ehre" fort

Marthe Rull will nach der Verurteilung • Ruprechts durch • Adam, dem dieser den Schadenersatz für den zerbrochenen Krug trotzdem freigestellt hat (11. Auftritt, V 1983), nach der Flucht des Dorfrichters (11. Auftritt, V 1900) und dem von • Walter herbeigeführten Happy Ends für das Brautpaar (12. Auftritt, V 1935; 12. Auftritt Variant, V 2374ff.) weiterhin ihr Recht in der Krugsache beim Obergericht in Utrecht suchen. (13. Auftritt, V 1968 - V 1974) Dies zeigt, dass die Angelegenheit für sie durch das Happy End und die von • Walter in einem einfachen Amtsakt verfügte Absetzung • Adams als Dorfrichter (12. Auftritt, V 1962; 12. Auftritt Variant, V 2417) keineswegs zu Ende ist.

Auch wenn sie ihre Motive für dieses Vorhaben in der Dramenhandlung nicht mehr ausführt, scheint doch klar zu sein, dass sie mehr als nur eine einfache Amtsenthebung des Dorfrichters wünscht. Sie will, vorausgesetzt, sie ist weiter davon überzeugt, dass dieser ihrer Tochter mit • unzüchtigen sexuellen Handlungen die "Unschuld" (Virginität) genommen hat (vgl. • Der zerbrochne Krug als sexuelles Symbol) oder zumindest bewirkt hat, dass man ihr das nachsagen kann, seine Verurteilung wegen dieser sexuellen Straftat.

Wer weiß in dieser Situation denn schon, ob er • Eve dabei nicht geschwängert hat und dies bis zur in Aussicht genommenen Hochzeit jedem vor Augen stehen kann. Der weitere Kampf um die • "Ehre" ihrer Tochter • Eve und ihre eigene soziale Existenz in Huisum könnte also erst nur vertagt sein und heftiger denn je entbrennen, wenn dieser "worst case" tatsächlich eintreten sollte. Dann wäre das Ganze aber meilenweit entfernt von einer Komödie.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 02.05.2026

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Beschreiben  Sie die Rolle Marthe Rulls innerhalb der Dorfwelt von Huisum und stellen Sie ihre Bedeutung für den Verlauf der Handlung des Zerbrochnen Krugs dar.
  2. Erläutern Sie, weshalb der Streit um den zerbrochenen Krug für Marthe Rull nicht nur eine Sachfrage, sondern vor allem eine Frage der Ehre und der sozialen Existenz ist.
  3. Analysieren Sie Marthe Rulls Argumentationsstrategie im Prozess, insbesondere ihren Umgang mit den Aussagen Eves und ihre fortgesetzte Beschuldigung Ruprechts.
  4. Untersuchen Sie, inwiefern Marthe Rulls Drohung, ihre Tochter im Falle einer anderen Schuldzuweisung zu verstoßen (9. Auftritt), zur Charakterisierung der Figur beiträgt.
  5. Erklären Sie die Funktion der von Marthe Rull eingebrachten Konskriptions- und Fahnenfluchtargumentation für den weiteren Verlauf der Gerichtsverhandlung.
  6. Beurteilen Sie Marthe Rulls Verhalten gegenüber Dorfrichter Adam, insbesondere ihr Festhalten an Ruprechts Schuld trotz der sich verdichtenden Indizien gegen Adam.
  7. Setzen Sie Marthe Rulls fortgesetzten Kampf um Recht und Ehre nach dem Happy End des Stücks in Beziehung zur Gattungsbezeichnung der Komödie und diskutieren Sie, inwiefern der Text diese Einordnung problematisiert.
 
 
 

 
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