Die Figur •
Marthe Rull
in Heinrich von Kleists (1777-1811)
• Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ ist im Laufe der Geschichte verschieden interpretiert
worden.
Christian Semler (1879)
Marthe Rull "ist die Witwe eines Kastellans und betreibt das
einträgliche Geschäft einer Hebamme. Ihrem verstorbenen Manne kann
es nicht schlecht gegangen sein, denn er hatte
wie der Dorfrichter Niersteiner im Keller. Seiner Frau hinterließ er ein
Häuschen mit
Garten. Ganz hübsch und lauschig liegt die Schlafstube ihrer
Tochter, der braven Eve; vor dem Fenster rankt am Spalier ein
Rebstock empor." (Semler
1879, S.7)
Irmgard Taylor (1980)
"Eine völlig neue Interpretation der Witwe bietet Kleist in seinem
Lustspiel [...] Es handelt sich um Marthe Rull, eine holländische
Bürgersfrau, die seit ihrer Verwitwung durch ihren
Beruf als Hebamme selbständig und unabhängig ist. Als nützliches und wichtiges
Gemeindemitglied genießt sie einen ausgezeichneten Ruf, auf den sie
mit Berechtigung stolz ist.[...] Sie tritt mit großem Selbstbewußtsein auf,
voller Vertrauen in das Justizsystem, das ihr helfen soll, den
Fall zu klären. Dabei geht sie das Risiko ein, die Tochter Eve eines
Fehltritts zu überführen. Sie lebt jedoch im Bewußtsein, ihr
Möglichstes getan zu haben, um Eve zu einem tugendhaften Mädchen zu
erziehen.
Ihr
gutes Gewissen als verantwortungsbewußte Mutter, gibt ihr die
Kraft, ohne jedwede Unterstützung ihren Fall vor Gericht zu
verhandeln. Ihre starke
Persönlichkeit wird durch die Schwäche ihres Gegenspielers, des
Dorfrichters Adam, noch betont. Während dieser unsicher, konfus,
verlogen und moralisch haltlos ist,
verkörpert sie die entgegengesetzten Eigenschaften: Sicherheit,
Klarheit, Ehrlichkeit und Tugendhaftigkeit." (Taylor
1980, S.45
Matthias Matussek (2025)
"Frau Marthe Rull ist die Mutter Eves und Eigentümerin des
zerbrochenen Kruges. Sie tritt als Klägerin auf, die ihr Recht
einfordert. Damit verkörpert sie die Stimme des Volkes, das auf
Gerechtigkeit hofft – und zugleich die Begrenztheit der Justiz
erfahren muss." (Matussek
o. J., 2025?, S. 22, Kindle Edition)