Eve,
die Tochter der Witwe • Marthe Rull
zählt in ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811)
• Komödie
•
Der zerbrochne Krug zu den •
Hauptfiguren des Dramas.
Man hat in • Eve
wie in den anderen von
▪ Kleist in seinen verschiedenen Dramen gestalteten
Mädchen- und jungen Frauenfiguren immer wieder Bezüge zu seinen
Erfahrungen mit »Wilhelmine
von Zenge (1780-1852) gesehen, mit der Kleist (heimlich)
•
von Anfang 1800
bis • Mai 1802 heimlich
verlobt gewesen ist. Der Vater Wilhelmines, der Generalmajor
»Hartmut von Zenge (1736-1817)
hatte der Verlobung nur unter der Voraussetzung zugestimmt, dass
Kleist, der am 4. April
1799 als Gardeoffizier auf eigenen Wunsch hin nach
siebenjährigem Militärdienst seinen Abschied vom Militär
genommen hatte, ein ziviles königliches Amt übernimmt, um die
künftige Familie standesgemäß ernähren zu können. Als Kleist mehr
und mehr andere einfachere und wenig bürgerliche Vorstellungen über
sein eigenes und das künftige herkömmlichen Konventionen nicht
folgende Zusammenleben entwickelt und sie seiner Verlobten
unterbreitet, ist diese jedoch nicht bereit, ihre eigenen
Sicherheitsbedürfnisse aufzugeben, "fügt sich – lieb und zugleich
beharrlich – eher in die traditionelle Frauenrolle"
(Loch 2003,
S.95) und verzichtet auf eine Emanzipation.
Ein ganz anderes Bild geben die jungen Frauenfiguren, darunter auch
• Eve,
in seinen Dramen und Erzählungen ab, die "leidenschaftlich empfinden
und handeln" und ihre familiären Bindungen, ihre Ehre und ihren Ruf
und alle Sicherheiten aufs Spiel setzen. (vgl.
ebd.)
Eve,
ist an den wichtigsten Konfigurationen des Stückes beteiligt und ist
von ihrem Eintreffen in der Gerichtsstube (•
7. Auftritt) bis zum Ende des
Dramas immer auf der Bühne. Sie äußert sich zwar in den meisten
Szenen nicht, spielt aber stets auf der Bühne mit. Dennoch hat sie
eine große • Bedeutung im
Handlungsverlauf des Dramas.
Eve ist eine junge Frau, die
wie ▪ wie der
größte Teil der bäuerlichen Bevölkerung in der frühen Neuzeit, weder lesen und
schreiben (12. Auftritt
Variant, V 2078f.)
kann.
Adam sagt, sie sei "blutjung", gerade erst
gefirmt worden und eigentlich noch ein "twatsches", d. h. albernes und
naives "Kind", das sexuell noch so schüchtern sei, dass sie sich
noch schäme, "wenn's einen Bart von weitem sieht" (9.
Auftritt, V 1238f.).
Unterstellt man die heutige Praxis der »Firmung
in der katholischen Kirche, die die Fortführung der Taufe darstellt
und zusammen mit dieser und der Erstkommunion die Sakramente der
christlichen Initiation sind, dann dürfte sie eine junge Frau im
Alter zwischen 14 und 16 Jahren sein.

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Dass •
Eve und •
Ruprecht zu
Beginn der Dramenhandlung noch ein Brautpaar sind, das im nächsten Jahr
an Pfingsten mit Zustimmung ihrer Vormünder (•
Marthe Rull und •
Veit Tümpel) zu heiraten beabsichtigt,
entspricht durchaus Gepflogenheiten der Zeit, in der die Handlung
spielt, denn Mädchen
durften kirchenrechtlich oft schon ab dem Alter von 12 Jahren, lange bevor
sie als mündig galten, mit Zustimmung ihres Vormundes heiraten. In der Praxis lag das tatsächliche Heiratsalter aber wohl
deutlich darüber, wobei das der Männer stets deutlich höher war als
das der Frauen.
Abgesehen von der Altersangabe, die •
Adam zu •
Eve macht, spricht indessen
nicht viel dafür, sich dessen weitere •
Charakterisierung der
jungen Frau als twatsches", d. h. albernes und naives "Kind" zu eigen zu machen. Als •
Adam sie vorbringt, der sie im Übrigen gerne
von oben herab und mit dem Anstrich von Vertrautheit auch als "Evchen" anspricht, verfolgt er das
Ziel, ihre Aussage vor seinem Gericht zu unterbinden (9.
Auftritt, V 1235
- V 1249) und
hat damit also allen Grund sie als naives Kind darzustellen.
In •
Eves Kammer geht in der Nacht vor
dem Beginn des dramatischen Geschehens der Krug ihrer Mutter •
Marthe Rull durch den flüchtenden
Dorfrichter zu Bruch, der sich unter fadenscheinigen Gründen mit dem
festen Willen, • Eve zu sexuellen
Handlungen mit ihm zu nötigen, Zugang zu ihrer Kammer verschafft
hatte. Was genau sich •
in der Kammer
zwischen Eve und Adam abgespielt hat, gibt die junge Frau, die
das Opfer • sexualisierter Gewalt geworden ist, aus verschiedenen
Gründen nicht preis.
Der zerbrochene Krug fungiert dabei in
diesem Kontext als ein •
sexuelles Symbol, das den Verlust der Unschuld •
Eves repräsentiert. In dem von
ihrer Mutter • Marthe Rull
angestrengten Prozess um den Krug, in dem sie fälschlicherweise •
Ruprecht bezichtigt, für den Bruch
des Krugs verantwortlich zu sein, befindet sich •
Eve in einer psychischen •
Zwangslage. Noch immer hält
sie nämlich nicht das ihr von • Adam
zugesagte, gefälschte ärztliche Attest in den Händen, das ihren
Bräutigam • Ruprecht vor vor
dem Militärdienst im fernen Ostasien befreien soll. Da Ruprecht, vor
dessen Erscheinen in Eves Kammer • Adam
gerade noch unerkannt fliehen konnte, zunächst als Täter dasteht,
hofft • Eve als Gegenleistung für
das, was • zwischen ihr und Adam in der Kammer passiert ist und ihr
Verschweigen, dass • Adam ihr
nächtlicher Besucher gewesen ist, von Adam am Ende doch noch das
erhoffte Attest ausgehändigt zu bekommen. Und auch später, als es um
Lebrecht oder einen unbekannten Dritten als möglichen nächtlichen
Besucher geht, ist sie bereit, alle Konsequenzen zu tragen, die sich
daraus für ihre und die • "Ehre"
ihrer Mutter ergeben würden. Als • Adam
am Ende aufgrund anderer Indizien und Beweisen entlarvt wird, •
Ruprecht aber zuvor von ihm noch
verurteilt wird, bricht sie ihr Schweigen und erklärt, dass •
Adam der nächtliche Besucher
gewesen sei, der auch den Krug zertrümmert habe. Schließlich
schildert sie auf Drängen des Gerichtsrats •
Walter ausführlich das Geschehen
in der Vornacht und dessen Vorgeschichte und kann dadurch den
Gerichtsrat von ihrer Unschuld überzeugen, was die Voraussetzung
dafür darstellt, dass sich dieser der Sache • Eves, ihren
Befürchtungen um die ungewisse Zukunft ihrer Liebe zu •
Ruprecht
annimmt und ein glückliches, rührseliges •
Happy End für das Brautpaar in
die Wege leitet.