•
teachSam-YouTube-Playlist Dramatische Texte und Theater
•
teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Eve,
die Tochter der Witwe • Marthe Rull
zählt in ▪ Heinrich
von Kleists (1777-1811)
• Komödie
•
Der zerbrochne Krug zu den •
Hauptfiguren des Dramas. Sie
hat eine besondere •
Bedeutung im Handlungsverlauf
des •
analytischen Dramas. Was sie
aus ihrer •
Figurenperspektive berichtet, klärt die meisten Umstände des
Geschehen in der Vornacht und der ▪ Vorgeschichte
dieser Ereignisse - in der Langfassung des •
12. Auftritts (Variant)
- weitgehend auf.
Eve schweigt sich lange darüber
aus, wer in der Vornacht in ihrer Kammer gewesen ist, schweigt sich
aber auch, nachdem sie dessen Namen endlich preisgegeben hat, bis
zum Ende darüber aus, was sich dort zwischen ihr und dem Dorfrichter
• Adam tatsächlich abgespielt hat.
Dies kennzeichnet ihre
• Haltung, die
sie bis zum Ende des Stücks in dieser Frage einnimmt.
Die ältere
Langfassung des • 12.
Auftritts (Variant) und die Fassung der Buchausgabe aus dem Jahr
1811 (• 12. Auftritt) bieten, trotz der Tatsache, dass sie sich beim eigentlichen
Plot, nicht wesentlich unterscheiden, ein sehr unterschiedliches
Ende des Dramas.
Die Kurzfassung des
• 12. Auftritts verzichtet
im Interesse einer schnellen Herbeiführung eines glücklichen Komödienendes
(Happy End) auf die
umfangreiche Darstellung der ▪ Vorgeschichte durch •
Eve. Damit wird auch der innere Konflikt,
in dem sich
• Eve befindet, als
die junge Frau sich des Lesens unkundig, auf Gedeih und Verderb dem
skrupellosen Amtsmissbrauch und der sexuellen Nötigung durch den alten
Dorfrichter • Adam ausgesetzt sieht,
nicht zur Sprache gebracht.
Genau
darum ging es Kleist aber wohl ursprünglich, auch wenn er sich unter
dem Eindruck der gründlich misslungenen •
Uraufführung des Stücks unter der
Regie Johann Wolfgang von Goethes in Weimar im Jahr 1808 und der
aus verschiedenen Ecken kommenden, sich mehr um mehr auf ihn als
Person und Autor konzentrierenden •
Kritik zu einer
erheblich verkürzten Fassung mit dem (neueren) •
12. Auftritt) entschloss.
Das »Dilemma,
die psychische Notlage, aus der heraus •
Eve in der Vorgeschichte, während
des Prozesses und nach der kopflosen Flucht •
Adams (11.
Auftritt, V 1900f.)
handelt, wird nur in der Langfassung des •
12. Auftritts (Variant)
deutlich.
Eve agiert im Stück aus einer
Konstellation heraus, die man als Double-Bind-Situation ansehen
kann. Sie befindet sich in einem psychischen »Dilemma,
weil sie nicht sicher weiß, welchen Impulsen und Botschaften sie in
ihrem Handeln folgen soll: Widerstreitende Normen wie Wahrheit,
sexuelle Moral u. ä. und ihre Emotionen (Liebe) richten in ihr ein
Chaos der Gefühle an, das sie lähmt. Sie ist damit, wie
Blamberger
(2011, S. 264,Kindle Edition) betont, von Anfang an "eine
tragische Heldin [...], insofern der Zuschauer sich mit ihr
identifizieren kann und dabei erkennt, dass ihr Konflikt von
vornherein ausweglos ist: Sagt sie die Wahrheit über den Übeltäter,
so kann sie Ruprecht nicht vor der Verschickung nach Ostindien
retten, weil Adam dann kein Attest mehr für ihn fälschen wird. Deckt
sie die Lügen des Richters, so opfert sie um der Liebe zu Ruprecht
willen seine Liebe zu ihr." (Blamberger
2011, S. 264, Kindle Edition)
Jede
Handlungsoption, die ihr bleibt, ist in eine widersprüchliche
Zwangslage eingebunden, die zwangsläufig negative Folgen für sie
oder •
Ruprecht, den sie schützen will, nach sich zieht.
(Ver-)Schweigen und
Sprechen bilden das Spannungsfeld, das •
Eves Double Bind-Situation prägt.
Sie glaubt daran, dass sie mit ihrem Schweigen über die Geschehnisse
in der Vornacht die • Folgen des
damit zusammenhängenden Ehrverlusts für sie und ihre Mutter •
Marthe Rull wohl am besten
eindämmen kann.
Solange sie nichts weiter preisgibt und das stehen
lässt, was ihr soziales Umfeld sich zusammenreimt, kann sie, das ist
wohl ihre Annahme, öffentlich nicht weiter bloßgestellt werden, als
sie nicht ohnehin schon ist.
Sie hofft darauf, dass sich ihre
moralische Verurteilung in Grenzen hält, solange die anderen
glauben, •
Ruprecht, ihr Bräutigam, sei in ihrer Kammer gewesen.
Hauptsache, es bleibt ihr weiter erspart, alles, was geschehen ist, vor aller
Öffentlichkeit auszubreiten.
Andererseits
bedeutet das Schweigen, abhängig vom Prozessverlauf, aber auch, dass
die falschen Personen als Täter dastehen (•
Ruprecht, Lebrecht) und der wahre Täter (•
Adam) unbehelligt bleibt und somit
die Aufdeckung der Wahrheit maßgeblich behindert wird.

Für größere Ansicht bitte an*klicken*tippen!
Entscheidet sich •
Eve hingegen für das Sprechen,
gerät sie ebenfalls in eine ihre •
Ehre und damit soziale Existenz
bedrohende Konfliktlage.
Wenn sie die Wahrheit ausspräche, ließe sie
sich, da in einem solchen Fall der •
Vorwurf der Vergewaltigung durch den Dorfrichter im Raum stünde,
auf eine Auseinandersetzung ein, die sie allem Ermessen nach zum Objekt •
entwürdigender Befragungen und Untersuchungen hätte werden
lassen. In jedem Falle hätte sie einen persönlichen
• (sozialen) Preis für die Wahrheit zu bezahlen, der
unverhältnismäßig höher sein würde, als der für den • "Sünder" •
Adam (vgl. V 1941).
Wenn die
sexualisierte Gewalt in einem solchen Verfahren überhaupt eine Rolle gespielt
hätte, hätte ihr das vermutlich auch wenig genützt. Mit dem Verlust
ihrer Virginität war in einem solchen Fall auch die •
Ehre einer jungen Frau
zerstört. Beide zusammen machten gerade in der frühen
Neuzeit die wichtigsten Elemente des »Sozialkapitals (»Pierre
Bourdieu) junger unverheirateter Frauen aus, weil es "Aussicht
auf eine Heirat machte" und
"sich auf die soziale Existenz ihrer ganzen Familie auswirken
(konnte)".(Lehner
2023, S.118).
Und dieser Preis
wäre zudem noch um ein Vielfaches höher gewesen, wenn eine
Schwangerschaft die biologische Folge der •
unzüchtigen sexuellen Handlungen gewesen wäre. Fragen und
Probleme allerdings, die der Text selbst nicht thematisiert, die
aber sowohl zum impliziten Figurenwissen gehören wie zum
allgemeinen
Weltwissen des Publikums bzw. der Leser*innen, das bei der
Rezeption eingebracht wird.
Eve ist im Spannungsfeld von
(Ver-)Schweigen und Sprechen stets die Leidtragende, weil jede
Entscheidung für das eine oder das andere negative, und zwar
existenziell bedrohliche Folgen für sie hat. Vielleicht ist es
gerade auch diese strukturelle Ausweglosigkeit die •
Eve in einer von patriarchalisch
dominierten Welt zu einer geradezu modernen Figur macht, an im
Gegensatz zu traditionellen Lesarten des Zerbrochnen Krugs
heute bei • feministische
Inszenierungen des Stückes immer wieder ansetzen und wie z. B.
in der • Freiburger Aufführung
2025/26 Eve und die Aufarbeitung ihrer traumatischen Erlebnisse
mit •
Adam konsequent in den
Mittelpunkt stellen.
Die Zwangslage, in
die sich • Eve gestellt sieht,
wird auch durch die soziale Kontrolle verschärft, mit der die
Dorfgemeinschaft die •
Annäherung der Geschlechter
überwacht und reguliert und wie sie Verstöße gegen die herrschende
Moral im Zusammenhang mit •
vorehelicher und außerehelicher
Sexualität sanktioniert. Die Gesellschaft, in der sie
lebt, hat klare, meist religiös fundierte Vorstellungen darüber,
was Sünde ist und erwartet, wie immer mit zweierlei Maß für Männer
und Frauen,
• Kontrolle der Sexualität und ein insgesamt
schamhaftes sexuelles Verhalten.
Wenn Sexualität, so sah es die •
katholische Kirche, als ▪
Notlösung gegen das sexuelle Begehren
an sich nicht zu vermeiden war, dann durfte sie nur dazu dienen,
Nachkommen zu zeugen. Auch wenn die verschiedenen protestantischen
Glaubensrichtungen
• innereheliche Sexualität und Zeugungsabsicht entkoppelten, war
Sexualität auch für die protestantische Lehre eine Handlung, die im
Prinzip nur von Eheleuten vollzogen werden durfte.
Auch wenn uns dies
heute besonders fremd erscheint, ist es bei der Beurteilung der
Zwangslage, in der sich • Eve
befindet, wichtig zu verstehen, "dass frühneuzeitliche Begriffe auf
einem anderen Verständnis von ›Sexualität‹ beruhen als moderne" (Wunder
2023, S.105)
Ebenso grundlegend ist das Wissen darum, dass "Sexualität
(...) in der Frühen Neuzeit keine private Angelegenheit (war),
sondern außerhalb der Ehe eine Sünde und innerhalb dieser eine
Pflicht, weshalb sie durch kirchliche Normen und das weltliche
Strafrecht reglementiert und kontrolliert wurde." (ebd.)
In •
Eves Zwangslage geraten Wahrheit
und Moral in einen Widerspruch, den sie allein nicht auflösen kann.
Vereinfacht gesagt: Was auch immer sie tut, es erscheint ihr das
Falsche zu sein, weil sie mit allem gegen die herrschende Moral und
die geltenden Normen verstößt. Sie stimmt dem Rechtsbruch mit dem
gefälschten Attest für •
Ruprecht zu, weil sie ihm das Leben retten und ihr die Erfüllung
ihrer Liebe ermöglichen will, sie lässt sich auf das riskante,
moralisch fragwürdige Spiel mit • Adam
ein, nimmt lange hin, dass •
Ruprecht und Lebrecht als Täter vor Gericht dastehen, ist aber,
selbst wenn sie die Folgen wohl unterschätzt, letzten Endes auch
trotz der eindringlichen Ermahnungen ihrer Mutter •
Marthe Rull
(6. Auftritt,
V 487 -
V 497) bereit, den
Preis für ihre Entscheidungen zu bezahlen.
Es sind letztlich
die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Strukturen und
Wirkungsweisen der Macht, die • Eves
• Haltung und ihr
Verhalten im Spannungsfeld von (Ver-)Schweigen und Sprechen
bestimmen, weil sie ihr als junger Frau, die •
Opfer sexualisierter
Gewalt geworden ist, nur sehr geringe institutionelle Möglichkeiten
zur Gegenwehr lassen. Allzu leicht ließ sich die •
Ehre einer Frau ruinieren, da
diese "in der Frühen Neuzeit vor allem über ihren Status (ledig,
verheiratet, verwitwet), ihren Stand und ihre Sexualität definiert
war "(Lehner
2023, S.108).
Die Zwangslage, in
der sich • Eve befindet, wird auch
durch den Prozessverlauf verstärkt. Sie wird von •
Adam, der ihr das versprochene
Attest für Ruprecht ja noch immer nicht ausgehändigt hat, bedrängt,
ihn nicht zu verraten (7.
Auftritt, V 521 -
V 536), sie wird ihrem eifersüchtigen Bräutigam •
Ruprecht, der die Verlobung löst, als "Metze" und Lügnerin
beschimpft (6. Auftritt,
V 441 -
V 444) und von ihrer Mutter •
Marthe Rull mit körperlicher Gewalt und Verstoßung aus dem
Elternhaus bedroht, falls ein anderer als •
Ruprecht in der Vornacht in ihrer Kammer gewesen ist. (9.Auftritt,
V 1199,
V 1293f.) Auf diese Weise wird sie als Opfer
sexualisierter Gewalt während des Prozesses mehr und mehr wie eine
Angeklagte behandelt.
Was damit
geschieht, wird heute mit dem Begriff des »Victim
Blaming (englisch für Täter-Opfer-Umkehr oder Schuldumkehr, auch
Opferbeschuldigung) bezeichnet. Der Begriff beschreibt ein Vorgehen,
bei dem die Schuld des Täters für eine Straftat dem Opfer
zugeschrieben wird. Diese Schuldumkehr verstärkt das Leid der
Betroffenen zusätzlich (man spricht hier von (sekundärer
Viktimisierung), weil das Opfer statt Beistand und Hilfe zu
erhalten nur umso stärker angeklagt und beschuldigt wird. Victim Blaming kann in der Folge schwere
traumatische Störungen und andere ernsthafte psychische Erkrankungen
auslösen. Von diesen Folgen ist im Text von Kleist allerdings nicht
die Rede.
Eves (Ver-)Schweigen, das lässt
sich auch unter Berufung auf die Schuldumkehr im Prozess sagen, ist
jedenfalls kein individuelles Versagen, sondern eine Folge der
patriarchalisch strukturierten, gesellschaftlichen Verhältnisse, in
denen sie lebt. Ihre Double-Bind-Situation zeigt, dass Schuld,
Wahrheit und Macht in Kleist Zerbrochnem Krug nicht neutral
verteilt sind, sondern vom Geschlecht abhängen und ihre
patriarchalischen Strukturen auch institutionell, z. B. im
Justizwesen, abgesichert werden.
Gerade in dieser
Konstellation könnte einer der Gründe für die anhaltende Aktualität
des Zerbrochnen Krugs heute sein. Kleists Stück, so könnte
man es heute verstehen, entwirft, unter dieser Perspektive
betrachtet, ein frühes literarisches
Modell jener Konflikte, die auch in gegenwärtigen Debatten um
sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch und die Glaubwürdigkeit von
Opfern, z. B. im Kontext von »MeTooo,
für Diskussionsstoff sorgen.
Eves
Zwangslage, ihr Dilemma oder ihre Double Bind-Situation sorgen am Ende
durch das Verhör, das der Gerichtsrat •
Walter mit •
Eve beginnt (12,
12. Auftritt Variant,
V 1924ff.)
dafür,
dass aus der
• Komödie
"recht eigentlich eine Tragödie oder Autoritätssatire mit einer
tragischen Heldin (wird), die überkommene Normen vergeblich außer Kraft zu
setzen versucht." (Blamberger
2011, S. 264, Kindle Edition)