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Aspekte der Analyse und Interpretation

Überblick

Heinrich von Kleist«Der zerbrochne Krug –  Einzelne FigurenVeit Tümpel

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf FigurenkonstellationEinzelne Figuren Überblick Adam Licht • Walter Marthe Rull Eve Veit Tümpel Überblick [ Aspekte der Analyse und Interpretation Überblick ◄ • Bedeutung im Handlungsverlauf Korrespondenz- und Kontrastbeziehungen Eine Figur mit komischen und satirischen SeitenMimisch-gestisches Spiel Ansätze zur Interpretation der Figur ]Bausteine Fragen und Antworten (KI) Ruprecht Frau Brigitte Ein Bedienter Mägde Büttel Bausteine Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet  Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"

In ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811) Komödie Der zerbrochne Krug ist der Kleinbauer Veit Tümpel eine der vier • Nebenfiguren. Im Unterschied zu den weiteren Nebenfiguren ( Licht, • Ruprecht, Frau Brigitte) besitzt Veit Tümpel eigentlich keine für den Verlauf der • analytischenDramenhandlung wesentliche dramaturgische Funktion.

Aus eigener Beobachtung weiß er nichts über das nächtliche Geschehen und trägt auch wenig zur Vorgeschichte bei. Einzig seine Anweisungen an seinen Sohn Ruprecht, die von ihm verlangen, bei seinem abendlichen Besuch • nicht mit Eve auf ihre Kammer zu gehen und am elf Uhr wieder zu Hause zu sein an, seine Beobachtungen, dass dieser • am Vorabend seine Sachen gepackt habe, und sein ursprünglicher Plan, nach dem Ende der Verhandlung, die die Unschuld Ruprechts erweisen werde, die • Verlobung zwischen ihm und Eve aufzulösen und die Verlobungsgeschenke (• Silberkettlein, • Schaupfennig) zurückzufordern, sind Informationen, die er zur Vorgeschichte beiträgt. Zugleich wird damit die patriarchalisch-paternalistische Stellung Veits gegenüber Ruprecht betont, die auch bei der Eheanbahnung Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, die in der Welt von Huisum, dem (fiktiven) Ort des dramatischen Geschehens, herrschen.

 

 

Der Bauer • Veit Tümpel, Vater von • Ruprecht, zugleich Bruder von • Frau Brigitte, begleitet seinen Sohn zum Dorfrichter Adam, als Marthe Rull in Begleitung ihrer Tochter ▪ Eve einen Tag nach den Vorgängen in Marthens Garten und Eves Kammer Klage wegen des dabei zu Bruch gegangenen Krugs erhebt und dabei Ruprecht als Verantwortlichen beschuldigt.

Ruprecht ist zu diesem Zeitpunkt zwar noch mit ▪ Eve verlobt, hat aber schon am Vorabend die Beziehung beendet, als er glaubt, seine Braut mit einem Geliebten in ihrer Kammer überrascht zu haben. Als der Prozess um den Krug beginnt, ist Veit felsenfest davon überzeugt, dass Ruprecht den Schaden nicht verursacht haben kann. Er geht nämlich davon aus, dass dieser die Kammer Eves, so • wie er es ihm aufgetragen hat (• 7.Auftritt), überhaupt nicht betreten hat. Trotzdem bietet er an, falls etwas anderes bewiesen werden könne, für seinen Sohn • Schadenersatz zu leisten (▪ 6.Auftritt).

Ansonsten hält er sich während des Prozesses solange zurück, wie er der Überzeugung ist, dass seinem Sohn auch kein sittlich-moralisches Fehlverhalten nachzuweisen ist. Als er allerdings durch die Aussage von ▪ Eve definitiv erfährt, dass • Ruprecht zwar • den Krug nicht zerbrochen, aber gegen Sitte und Moral verstoßen hat, als dieser entgegen seiner ausdrücklichen Anweisungen, die Kammer von ▪ Eve aufgesucht hat, ist er so entrüstet, dass er ihm sogar • androht, ihn zu verprügeln. Sein Abrücken von seinem Sohn verstärkt sich noch, als er dem von • Marthe Rull hingeworfenen Verdacht aufsitzt, Ruprecht habe in der vergangenen Nacht sich • der Konskription durch Desertation entziehen und Eve zur gemeinsamen Flucht veranlassen wollen. Seine Beobachtung, dass sein Sohn am Vorabend seine Sachen gepackt hat, wiegt für ihn trotz der Erklärung seines Sohnes als klares Indiz für dessen geplante Desertation, so dass er den Stab über seinen Sohn bricht. Für den Fall, dass dies zutrifft, will er ihn als • Verräter verstoßen und seinem Schicksal überlassen:

Wenn jetzt von Flucht was, und Verräterei
An meinem grauen Haar zutage kommt,

So ist mir das so neu, ihr Herrn, als euch:
Doch dann der Teufel soll den Hals ihm brechen.
(9. Auftritt)

Im weiteren Verlauf der Handlung kommt er in der Buchfassung von 1811 nur noch einmal kurz zu Wort, als er gegen das allzu forsche und gegenüber dem • Gericht respektlose Auftreten seines Sohnes mit harschen Worten interveniert ("Halt's Maul, sag ich!",11.Auftritt). Bei dem allerdings aussichtslosen Versuch Adams, den Prozess doch noch mit einer • Verurteilung Ruprechts zu einer Schandstrafe und einer Gefängnisstrafe zu Ende zu bringen (, 11. Auftritt), meldet er sich jedenfalls, trotz des Entsetzens Ruprechts und Eves darüber, nicht mehr zu Wort.

Im • 12. Kapitel der Buchfassung der Komödie von 1811 und der Langfassung der Handschrift (• Variant) spielt Veit Tümpel am Ende noch eine unterschiedliche Rolle.

In der gegenüber der Variant-Fassung erheblich gekürzten Fassung des • 12. Kapitelsist es Veit, der, nachdem • Walter den • Freikauf Ruprechts von der Konskription zugesagt hat, mit seiner Aufforderung "Küßt und versöhnt und liebt euch", 12. Kapitel) das rührselige Ende der Liebesgeschichte zwischen Ruprecht und Eve mit der von ihm in Aussicht gestellten • Hochzeit an Pfingsten abrundet. Ihm dürfte in dieser Version allein schon aus dramaturgischen Gründen diese Rolle zufallen, zumal die Zusage Walter zum Freikauf schon reichlich unmotiviert erscheint. Als patriarchales Oberhaupt kann Veit Tümpel dieses Ende am ehesten motivieren.

In der • Variant-Fassung, in der die Einzelheiten der nächtlichen Vorgänge am Vortag und der • innere KonfliktEves breiten Raum einnehmen, hat die Beziehung, die sich zwischen Eve und • Walter entwickelt, für die Herbeiführung des glücklichen Dramenendes eine wichtige Funktion. Anfangs begegnet der Gerichtsrat Eve durchaus noch kritisch, als er • sie dafür tadelt, dass sie sich nicht schon tags zuvor nach den nächtlichen Vorkommnissen ihrer Mutter •  Marthe anvertraut hat, sondern diese • über den nächtlichen Besucher belogen (7.Auftritt) hat, was Eve später auch zweimal zugibt ("Und wenn ich's gestern sagte, war's gelogen"; 9: Auftritt), "ich log, ich weiß", Variant) .

Im weiteren Verlauf ihrer Aussage zeigt der Gerichtsrat zusehends väterliche Gefühle für die junge Frau, verdeutlicht dadurch, dass er sie mehrfach als "mein Kind", "mein liebenswertes Kind" anspricht. Aufgrund dieser Motivierung kann auch er am Ende der Variant-Fassung, nachdem er auch hier dafür sorgt, dass • Ruprecht von der Konskription frei gekauft werden kann(), quasi in der Rolle des Vaters - Veit spielt hier gar keine Rolle - die Liebenden nicht nur zur Versöhnung auffordern, sondern • sich selbst zur anvisierten Hochzeit im kommenden Jahr einladen, wenn die Dienstzeit Ruprechts ohne die von Eve befürchtete Verschiffung ins ferne Batavia beendet sein wird.

Unter dem Blickwinkel der • Figurenkonstellation des Lustspiels betrachtet, hat die Figur Veit Tümpel verschiedene Funktionen. Zunächst einmal ist er Teil der in der Gerichtsverhandlung auftretenden Gruppe der Dorfbewohner, gehört zu ihrer Dorfwelt mit ihrer einfachen, mitunter derb wirkenden Sprache, ihren gesellschaftlichen Spielregeln, Gepflogenheiten und Normen, nach denen zu handeln, er auch von seinem Sohn während der Verlobungszeit verlangt.

Hier werden familiäre Beziehungen gepflegt, so spricht Veit von seiner Schwester • Brigitte in Koseform ("Schwester Briggi", 9. Auftritt), als er verwundert zur Kenntnis nimmt, dass ausgerechnet seine Schwester • Marthes Behauptung, Ruprecht habe den Bruch des Kruges zu verantworten, • mit ihrer Aussage bekräftigen (9. Auftritt) soll. Die Familienverhältnisse im Dorf sind, auch dies macht die Figur Veit deutlich, in der Regel patriarchalisch strukturiert. So ist es Veit, der beabsichtigt, die Verlobung seines Sohnes nach den Vorkommnissen der Nacht zuvor • ganz offiziell zu lösen und die Verlobungsgeschenke (• Silberkettlein, • Schaupfennig) zurückfordern will und er ist es auch, der, falls Ruprecht doch zum Schadenersatz verurteilt werden sollte, ▪ dafür aufkommen will.(▪ 6.Auftritt).

Desweiteren besteht seine dramaturgische Funktion darin, eine Korrespondenzbeziehung als Vater-Sohn-Familie (Veit und • Ruprecht) zu der Mutter-Tochter-Familie (• Marthe Rull und ▪ Eve) zu repräsentieren. Zwischen ihm und • Marthe Rull besteht darüber hinaus ein Figurenkontrast. Veit Tümpel ist als Beistand seines Sohnes der resolut auftretenden Mutter von ▪ Eve im Grunde nicht gewachsen und nimmt während der Verhandlung vor allem eine wortlose Beobachterrolle ein. Nach dem Eintreten in den Gerichtssaal von Kläger und Beklagten (▪ 6.Auftritt) gibt er allerdings zu verstehen, dass er, wenn sein Sohn  vom Gericht wider Erwarten für das Zerbrechen des Krugs verantwortlich gemacht sollte, • Schadenersatz leisten will. Dass er zudem, obwohl er zur Sache selbst im Grunde nichts beizutragen hat, seinen Sohn zur Verhandlung begleitet, signalisiert, dass er sich, zu diesem Zeitpunkt noch vollständig davon überzeugt, dass Ruprecht sich nichts zu schulden hat kommen lassen, als Vater vor seinen Sohn zu stellen gedenkt.

Als er aber erfährt, dass Ruprecht sich über seine • Anordnungen im Umgang mit seiner Verlobten (• 7.Auftritt) hinweggesetzt hat und damit gegen die guten Sitten verstoßen hat, und es in seinen Augen zugleich schwerwiegende Indizien gibt, dass sich sein Sohn • dem Militärdienst durch Fahnenflucht entziehen will, lässt er ihn nicht nur als Sohn fallen, sondern droht ihm auch schlimme Konsequenzen an, im Extremfall, ihn einfach zu verprügeln ("Dir brech ich alle Knochen noch", 9. Auftritt).

Ob dies als tatsächliche Androhung körperlicher Gewalt zu lesen ist, oder eben nur eine Übertreibung darstellt, wie sie auch • Marthe gebraucht, als sie von ▪ Eve erfährt, dass sie in der Nacht zuvor gelogen hat ("dir zerschlag ich alle Knochen!", lässt sich aus dem Kontext nicht erschließen.

So wird es von der Konzeption der äußeren Gestalt und des sonstigen Habitus von Veit Tümpel abhängen, ob diese Drohung wörtlich zu nehmen ist oder nicht. Eine unscheinbare, körperlich Ruprecht unterlegene Gestalt dürfte dies wohl nicht ernst meinen, es sei denn, die Drohung soll eine ironisch-komische Wirkung entfalten, wofür angesichts der harschen und zum Teil vulgären Rede, die Veit gegenüber seinem Sohn führt ("Halt's Maul, sag ich!" 11. Auftritt), auch manches spricht. Unter diesem Blickwinkel gesehen, stellt Veit durchaus eine komische Figur dar, weil sein energisches und übertrieben wirkendes Auftreten gegenüber seinem Sohn im Gegensatz zu seiner fehlenden Einsicht in die Umstände des Geschehens steht und seine Vorstellung vom Recht allzu sehr, ohne entsprechende Prüfung der Fakten, auf seinem vermeintlich "gesunden", aber sehr wankelmütigen Menschenverstand" beruht.

Sollte sich herausstellen, dass es zu unzüchtigen Handlungen zwischen Ruprecht und der "saubre(n( Jungfer Eve" 9. Auftritt) gekommen sei sowie sich die gemeinsam geplante Flucht, in den Augen Veits "ein schändliches Geheimnis", 9. Auftritt), bewahrheiten, hat er angesichts des Vergehens und der öffentlichen Schande keine Bedenken, wenn beide, gemäß gängiger Sitte und Norm die dafür vorgesehene Strafe ereilt und Ruprecht wegen • Verräterei verurteilt wird (s.o.). Diese Haltung entspricht seiner Treue zur Obrigkeit, deren Vertretern (vor allem • Walter, aber sogar auch gegenüber • Adam ) er im Prozess im Gegensatz zu seinem impulsiveren Sohn eigentlich immer mit gehörigem Respekt begegnet . Zugleich erkennt er die • Legitimität eines Gerichtsurteils (6. Auftritt) in der Krugsache an. Dabei ist er wohl ein typischer Vertreter der Dorfgemeinschaft, denn schließlich hofft auch • Marthe auf ein für sie günstiges Urteil in der Krugsache sowie wegen des angeblich unzüchtigen Verhaltens von Ruprecht, der ihrer Ansicht nach die Ehre ihrer Tochter in den Schmutz gezogen hat.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 14.12.2025

 
 

 
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