In ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811)
•
Komödie •
Der zerbrochne Krug ist der
Kleinbauer ▪
Veit
Tümpel eine der vier •
Nebenfiguren. Im
Unterschied zu den weiteren Nebenfiguren ( •
Licht, •
Ruprecht, •
Frau
Brigitte) besitzt
▪
Veit
Tümpel eigentlich keine für den Verlauf der •
analytischen •
Dramenhandlung wesentliche
dramaturgische Funktion. Als Figur wirkt er bis zu einem gewissen
Grade wie der in Komödien immer wieder verlachte • "Bauerntöpel",
zeigt aber neben dieser satirischen auch seine •
komischen Seiten.
Der •
Kleinbauer •
Veit Tümpel,
Vater von • Ruprecht, zugleich
Bruder von •
Frau Brigitte,
begleitet seinen Sohn zum Dorfrichter •
Adam,
als •
Marthe Rull in
Begleitung ihrer Tochter
▪ Eve einen Tag nach den
Vorgängen in Marthens Garten und Eves Kammer wegen des dabei zu
Bruch gegangenen Krugs Klage erhebt und dabei • Ruprecht als
Verantwortlichen beschuldigt.
Veit Tümpel ist nach seinem ersten Auftreten (6.Auftritt) bis zum Ende des Stückes auf der Bühne, wobei er
die meiste Zeit, ohne eigene sprachliche Äußerungen als Beobachter
des Geschehens verbringt.
Als der Prozess um den Krug beginnt, ist •
Veit Tümpel felsenfest davon
überzeugt, dass sein Sohn • Ruprecht
den Schaden nicht verursacht haben kann. Er geht nämlich davon aus,
dass dieser die Kammer ▪ Eves, so •
wie er es ihm aufgetragen hat (7.Auftritt,
V 886) überhaupt nicht betreten hat.
Trotzdem bietet er an, falls etwas anderes bewiesen werden könne,
für seinen Sohn •
Schadenersatz zu
leisten (6.Auftritt,
V 432).
Veit Tümpel hat vor, am Ende des Prozesses die Verlobung
seines Sohnes nach den von •
Marthe Rull
gegen • Ruprecht
wegen der Vorkommnisse der vorangegangenen Nacht erhobenen Vorwürfe
•
ganz offiziell zu lösen (9.Auftritt,
V 1383ff.), und will die Verlobungsgeschenke (•
Silberkettlein, •
Schaupfennig)
zurückfordern (9. Auftritt,
V 1386f.).
Ansonsten hält er sich während des Prozesses solange zurück, wie er
der Überzeugung ist, dass seinem Sohn auch kein sittlich-moralisches
Fehlverhalten nachzuweisen ist. Das ändert sich aber, als er durch die Aussage
von ▪ Eve definitiv erfährt, dass • Ruprecht
zwar •
den Krug nicht zerbrochen (9.Auftritt,
V 1195), aber allem
Anschein nach gegen Sitte und Moral verstoßen
hat. Weil dieser entgegen seiner
ausdrücklichen Anweisungen (7.
Auftritt, V 887), die Kammer von
▪ Eve aufgesucht hat, ist er
so entrüstet, dass er ihm sogar •
androht, ihn zu verprügeln (
9.Auftritt,
V 1353)
Das Abrücken •
Veit Tümpels von seinem Sohn
• Ruprecht
verstärkt sich noch, als er dem von •
Marthe Rull hingeworfenen Verdacht
aufsitzt, • Ruprecht
habe in der vergangenen Nacht sich •
der Konskription durch Desertation entziehen (9.Auftritt,
V 1305ff.) und ▪ Eve zur
gemeinsamen Flucht veranlassen wollen.
Dabei stützt sich •
Veit Tümpel auf seine eigene Beobachtungen, die durch
•
Marthe Rulls Verdacht in seinen Augen erklären, warum
• Ruprecht
•
am Vorabend seine Sachen gepackt
(9.Auftritt,
V 1366) hat. Von diesem
vorschnellen Schluss lässt er sich auch dadurch nicht abbringen,
dass • Ruprecht
ihm erklärt, er habe die Sachen für seine Abreise
nach Utrecht gepackt, wo er den Militärdienst habe antreten wollen.
Da ihm dieser aber noch zwei Tage vorher erklärt habe, er wolle sich
•
erst in etwa einer Woche nach Utrecht aufmachen ("Vorgestern wußtest
du noch nicht, ob du /Den fünften oder sechsten Tag wirst reisen.",
9.Auftritt, V 1374f.) fühlt sich
•
Veit von seinem Sohn
• Ruprecht
belogen und betrogen.
Daher nimmt er seine eigenen Beobachtungen als handfestes Indiz für
die von • Ruprecht
gemeinsam mit ▪
Eve
heimlich geplante Fahnenflucht, die in seinen Augen "ein
schändliches Geheimnis", 9.
Auftritt) , V 1364) darstellt.
So bricht •
Veit Tümpel kurzerhand den Stab über seinen Sohn
• Ruprecht
und droht ihm auch
schlimme Konsequenzen an, im Extremfall, ihn einfach zu verprügeln
("Dir brech ich alle Knochen noch",
9. Auftritt,
V 1353) Für den Fall,
dass seine Vermutung stimmt, will er ihn als •
Verräter verstoßen und seinem Schicksal überlassen:
Wenn jetzt von Flucht was, und Verräterei
An meinem grauen Haar zutage kommt,
So ist mir das so neu, ihr Herrn, als euch:
Doch dann
der Teufel soll den Hals ihm brechen.
(9.
Auftritt, V 1389
- V 1392)
Veit Tümpels Vorverurteilung von • Ruprecht
gilt, ob es zu •
unzüchtigen sexuellen Handlungen und •
vorehelichem Sexualverkehr
zwischen seinem Sohn und der "saubre(n)
Jungfer Eve" (9. Auftritt,
V 1361)
gekommen ist oder nicht, auch für den Verstoß gegen Sitte und Moral
der Dorfwelt, den Ruprecht dadurch begangen hat, dass dieser sich
über seine darauf verpflichtete •
Anordnung, solche •
Annäherungen, wie auf dem Land üblich, vor der Hochzeit zu unterlassen,
hinweggesetzt hat.
Diese Haltung entspricht der Treue Veits zur Obrigkeit und ihren
Vertretern (vor allem gegenüber •
Walter, aber sogar
auch gegenüber •
Adam), denen er im Prozess im
Gegensatz zu seinem impulsiveren Sohn eigentlich immer mit gehörigem
Respekt begegnet. Zugleich erkennt er die •
Legitimität eines Gerichtsurteils (6.
Auftritt, V 423) in der Krugsache an.
Den Druck, den •
Veit Tümpel damit aufbaut, bekommt vor allem
• Ruprecht
zu
spüren, dem er damit das untersagt, was sein gemeinsames
Erscheinen vor Gericht hatte ausdrücken sollen: den Rückhalt seines
Vaters bzw. seiner Familie. Ruprecht
muss daher nicht nur mit den
falschen Anschuldigungen gegen ihn, sondern auch mit der geänderten
Haltung seines Vaters • Veit zu ihm umgehen.
Im weiteren Verlauf der Handlung spielt •
Veit Tümpel, sieht man von seinem
gestischen und mimischen Spiel bei der Aufführung einmal ab, keine
die Handlung oder die Handlungsmotive der anderen Figuren
beeinflussende Rolle.
In der Buchfassung von 1811 kommt • Veit Tümpel nur noch einmal kurz zu Wort, als er gegen das allzu forsche
und gegenüber dem •
Gericht respektlose Auftreten seines Sohnes mit harschen Worten
interveniert ("Halt's Maul, sag ich!", 11.Auftritt,
V 1870)
Auch in die Diskussion über die von ▪
Eve
wegen der von•
Adams
Lügen ins Spiel gebrachte Falschinformation über den tatsächlichen
Einsatzort der Truppen, bei denen •
Ruprecht seinen Militärdienst ableisten soll, mischt er sich
nicht ein. Der Grund dafür dürfte sein, dass für • Veit Tümpel
deren Bedenken über ein falsches Spiel der Obrigkeit vollkommen
jenseits seiner prinzipiellen Haltung als guter Untertan liegen.
Auch bei dem, allerdings aussichtslosen, Versuch •
Adams,
den Prozess doch noch mit einer
• Verurteilung
Ruprechts zu einer Schandstrafe und einer Gefängnisstrafe zu
Ende zu bringen (11. Auftritt,
V 1873 -
V 1880 ), meldet er
sich jedenfalls, trotz des Entsetzens • Ruprechts und
▪
Eves darüber,
nicht mehr zu Wort.
Im • 12. Kapitel der
Buchfassung der Komödie von 1811 und der Langfassung der Handschrift
(• Variant) spielt
▪
Veit
Tümpel am Ende eine unterschiedliche Rolle.
In der gegenüber der Variant-Fassung erheblich gekürzten Fassung des
• 12. Kapitels ist es •
Veit Tümpel,
der, nachdem •
Walter den •
Freikauf
Ruprechts von der Konskription zugesagt hat, mit seiner
Aufforderung "Küßt und versöhnt und liebt euch",
12. Kapitel,
V 1952) das rührselige
Ende der Liebesgeschichte zwischen • Ruprecht
und ▪
Eve
mit der von ihm
in Aussicht gestellten •
Hochzeit an Pfingsten abrundet.
In der • Variant-Fassung
bleibt •
Veit
Tümpel nur die passive Bebachterrolle, als Gerichtsrat •
Walter, der zusehends
väterliche Gefühle für ▪
Eve
entwickelt,
quasi in Ausübung der Vaterrolle die Liebenden nicht nur zur Versöhnung auffordert, sondern •
sich selbst zur anvisierten Hochzeit im kommenden Jahr einlädt (12.
Kapitel Variant,
V 2391ff.),
wenn die einjährige Dienstzeit • Ruprechts ohne die von
▪
Eve
befürchtete
Verschiffung ins ferne Batavia beendet sein wird.