▪
Veit
Tümpel verlässt vom ersten Moment seines Auftretens (•
6. Auftritt) bis zum Ende des
Stückes die Bühne nicht mehr. Sein vergleichsweise wortkarger Auftritt, als er
mit • Marthe Rull und ihrer
Tochter • Eve und seinem eigenen
Sohn • Ruprecht vor Gericht
erscheint, ist typisch für sein weiteres Verhalten während des
folgenden Prozesses, in dessen Verlauf er zweimal seine Position
gegenüber seinem von Marthe angezeigten Sohn verändert. Anfangs ist er
von der Unschuld Ruprechts grundsätzlich überzeugt, will die
Verlobung seines Sohnes mit Eve •
ganz offiziell lösen (▪
9.Auftritt) und die Verlobungsgeschenke (•
Silberkettlein, •
Schaupfennig)
zurückfordern (▪ 9.Auftritt).
Als er aber erfährt, dass Ruprecht •
entgegen seiner Anweisungen, doch gegen Sitte und Ordnung
verstoßen hat und er den Verdacht •
Marthe Rulls, Ruprecht und Eve
hätten zu fliehen geplant (▪
9.Auftritt), auch aufgrund eigener
Beobachtungen bestätigt sieht, wendet er sich von seinem Sohn ab.
Erst am Ende des Stückes tritt er noch einmal bedeutsam in
Erscheinung, als er mit seiner Aufforderung "Küßt und versöhnt und liebt euch",
12. Auftritt) das rührselige
Ende der Liebesgeschichte zwischen Ruprecht und Eve mit der von ihm
in Aussicht gestellten •
Hochzeit abrundet.
Dazwischen fällt er vor allem mit seinen derben und vulgärsprachlichen Drohungen
und Ermahnungen gegenüber seinem Sohn auf: "Dir brech ich alle Knochen noch."
(▪
9.Auftritt), "dann
(soll)
der Teufel (...) den Hals ihm brechen."
(• 9.
Auftritt), "Halt's Maul, sag ich!",
(11.Auftritt).
Ob die Drohung, den eigenen Sohn zu verprügeln, als tatsächliche Androhung körperlicher Gewalt zu lesen ist,
oder eben nur eine Übertreibung darstellt, wie sie auch •
Marthe
gebraucht, als sie von
▪ Eve erfährt, dass sie in
der Nacht zuvor gelogen hat ("dir
zerschlag ich alle Knochen!", lässt sich aus dem Kontext
nicht erschließen.
So könnte es im Rahmen der •
mentalen
Inszenierung von der Konzeption der äußeren Gestalt (•
Staturmerkmale) und des sonstigen
Habitus von Veit Tümpel abhängen, ob diese Drohung wörtlich zu
nehmen ist oder nicht.

Für größere Darstellung bitte
an*klicken*tippen!
Eine unscheinbare, körperlich Ruprecht unterlegene Gestalt dürfte
dies wohl nicht ernst meinen, es sei denn, die Drohung soll eine
ironisch-komische Wirkung entfalten, wofür angesichts der harschen
und zum Teil vulgären Rede, die Veit gegenüber seinem Sohn führt, auch manches spricht.
Seine Drohungen gegenüber seinem Sohn würden, vor allem dann, wenn
sie keine im darstellenden Spiel Ruprechts sichtbare Reaktion
hervorrufen (Angst, Einschüchterung), nicht nur ins Leere gehen,
sondern Veit Tümpel nur selbst als "Phrasendrescher" kennzeichnen,
der mal dies, mal jenes von sich gibt und sich dabei wie ein
Chamäleon wandelt.
Eine solche •
mentale Inszenierung ▪
Veit
Tümpels stellt ihn vor allem als komische Figur dar, was
mit • auktorialer
Technik schon durch den die Figur implizit
charakterisierenden •
(sprechenden) Namen angedeutet wird, die Kleist der Figur
gegeben hat.
Adam macht sich, wie •
Eve zu berichten weiß,
ausdrücklich über den Nachnamen lustig, als er ihr vortäuscht, er
müsse nur noch den vollständigen Namen •
Ruprechts in das gefälschte Attest
eintragen, das •
ihn von der Konskriptionsliste bringen soll (•
12.Auftritt Variant):
"„Doch höre,“
fährt er fort,
"Du
mußt, so wahr ich lebe, mir vorher
Noch sagen, wie der Ruprecht zubenamst?23
Heißt er
nicht Ruprecht Gimpel?"
– Wer? Der Ruprecht?
"Ja. Oder
Simpel24?
Simpel oder Gimpel.25"
Ach, Gimpel! Simpel!
Tümpel
heißt der Ruprecht.
"Gott’s Blitz, ja," spricht er; "Tümpel! Ruprecht Tümpel!
Hab ich, Gott töt mich, mit dem
Wetternamen
26
Auf meiner
Zunge nicht Versteck gespielt!"
Die weitere komische Wirkung, die von Veit Tümpel ausgeht, entsteht
vor allem durch die Diskrepanz zwischen seinem energischen und
übertrieben wirkenden Auftreten gegenüber seinem Sohn auf der einen
und seiner fehlenden Einsicht in die Umstände des Geschehens auf der
anderen Seite,
das er ja •
nicht als Beteiligter oder Zuschauer miterlebt hat wie sonst das
halbe Dorf.
Er stützt sich in seinen (Vor-)Urteilen auf seinen
"gesunden" Menschenverstand, schließt sich vorschnell den bloßen
Vermutungen Marthes über Ruprechts bevorstehende Fahnenflucht an,
negiert die Einwände, die sein Sohn dagegen vorbringt, und lässt ihn
fallen, um ihn am Ende mit einer angesichts der vorigen Entwicklung
hohl wirkenden Aufforderung zur Versöhnung mit Eve zu ermuntern ("Küßt und versöhnt und liebt euch",
12. Auftritt).
Die mentale Inszenierung Veit Tümpels muss derartige Aspekte, sowie
sein mehr oder weniger devotes Verhalten zur Obrigkeit
berücksichtigen, deren Entscheidungen im Prozess für ihn
uneingeschränkt legitim und zu akzeptieren sind. So mischt er sich
in die von Eve wegen der von Adams Lügen herrührenden
Falschinformation über den tatsächlichen Einsatzort der Truppen, bei
denen Ruprecht seinen Militärdienst ableisten soll, überhaupt nicht
in die Diskussion ein. Der Grund dafür dürfte sein, dass er deren Bedenken über ein falsches Spiel
der Obrigkeit vollkommen jenseits seiner prinzipiellen Haltung als
guter Untertan liegen. Und als • Adam
am Ende, um noch irgendwie aus der Sache herauszukommen, allen bis
dahin bekannten Fakten zum Trotz •
Ruprecht sogar •
zu einer
Gefängnisstrafe verurteilen will, meldet er sich ebenfalls nicht
einmal zu Wort.
Heinrich
von Kleist verzichtet bei der Charakterisierung seiner Figuren im
"Zerbrochenen Krug", sieht man von den
sprechenden
Namen seiner Figuren ab, weitgehend auf ▪
auktoriale
Techniken im ▪
Nebentext,
um. über die eigentliche dramatische Rede im ▪
Haupttext hinaus, mit dem Mittel solcher, auch ▪
Bühnenanweisung
genannten Informationen, eine Figur in ▪
expliziter
oder in ▪
impliziter Weise auf ein bestimmtes Aussehen und Verhalten
festzulegen.
Kleist gibt keine ▪
kontextbezogenen und nur wenige •
schauspielerbezogene Bühnenanweisungen, wenn er z. B. in den
Nebentext zu einer Aussage von • Eve
einfügt: "(wirft
sich Waltern zu Füßen)".
Zu Veit Tümpel gibt es abgesehen von dem Nebentext, der seinen
ersten Auftritt markiert, keine einzige schauspielerbezogene
Bühnenanweisung. Allerdings markieren die Ausrufezeichen, auf die
viele seiner Sätze enden, dass es sich grammatisch entweder um
Befehlssätze
oder um mit Nachdruck vorgebrachte
Ausrufe
handelt.
Bei den Teilen seiner dramatischen Rede, in denen er sich ohne
weitere sprachliche Markierung mit mehr oder weniger sachlich
vorgetragenen Aussagen zu Wort meldet, signalisiert entweder der
Kontext wie beim Erscheinen im Gerichtssaal (6.
Auftritt) oder auch die Anrede ("Gestrenger
Herr" für den Gerichtsrat •
Walter,
9. Auftritt) seine weniger
stark ausgeprägte emotionale bzw. affektive Beteiligung von Gefühlen
beim Sprechen.
Die grammatische Form der Sätze sagt indessen wenig darüber aus, was
sie sprechhandelnd bedeuten. So kann es sich bei einem "Befehlssatz"
um eine strikte Anweisung oder auch um einen Wunsch handeln. Welcher
Sprechakt der Formulierung zugrunde gelegt werden soll, ist eine bei
der Inszenierung des Textes zu entscheidende Frage. Ihre
Beantwortung hängt dabei davon ab, wie die Figur Veit Tümpel
insgesamt konzipiert wird.
Wie Veit Tümpel also spricht, welche prosodischen
Merkmale (suprasegmentale
Elemente) seine Artikulation ausmachen, wird in der
Theaterpraxis gewöhnlich vom Regisseur und den betreffenden
Schauspielern, passend zu der Interpretation der Figur im Rahmen
einer Inszenierung, gemeinsam erarbeitet. Dennoch gehören Aspekte
wie die Stimmlage (Tonhöhe), das Stimmvolumen, das Sprechtempo und
die Akzentstruktur, kurz die Intonation dessen, was Veit Tümpel von
sich gibt, auch zur •
mentalen
Inszenierung des Textes, um die es hier geht.
So ist beispielsweise zu klären, ob die
Drohungen, die Veit immer
wieder gegen seinen Sohn ausspricht, laut polternd oder bloß
zischend, mit entsprechenden Gesten (z. B.
vorbereitend,
begleitend,
hinweisend,
handelnd,
künstlich etc.) versehen und mit einer bestimmten ▪
Mimik
und ▪
(Körper-)Haltung
vorgebracht werden. Dabei können sich alle diese Merkmale im Laufe
der Verhandlung ändern oder eben beibehalten bleiben.
Dies betrifft natürlich auch die •
Positionen,
die Veit Tümpel im Laufe der Verhandlung auf der Bühne einnimmt. So
ist zu klären, ob er eine vergleichsweise feste Position im
Bühnenraum einnimmt oder ob er diese im Verlauf des dramatischen
Geschehens immer wieder einmal verändert, um z. B. seine zunehmende
Distanzierung von Ruprecht räumlich auszudrücken. Dies kann auch
durch eigens zu bestimmten Auftritten Veit Tümpels angefertigte
Skizzen zu auf der Bühne eingenommenen •
Positionen
und •
Bewegungen entworfen werden.
Dies alles stellt an die •
mentale
Inszenierung des Stückes hohe Anforderungen, wenn man die ▪
plurimedialen
Qualitäten eines dramatischen Textes bei der Figur
Veit Tümpels vor Augen hat und quasi in der Rolle eines
Theaterregisseurs agiert, um bestimmte charakteristische Eigenschaften
und Verhaltensweisen der Figur im darstellenden Spiel herauszuarbeiten, zu denen noch
Staturmerkmale hinzukommen, die Veit Tümpel zugedacht werden.
Soll Veit Tümpel nicht die meiste Zeit auf der Bühne quasi an der
Seitenlinie verkümmern, wenn er an dem auf der Bühne geführten
Dialog nicht beteiligt ist, sind alle genannten •
impliziten
Techniken •
figuraler Charakterisierung wichtig,
Mit ihnen können auch die • Korrespondenz- und
Kontrastbeziehungen, in denen Veit Tümpel steht,
auf nonverbale Weise zum Ausdruck gebracht werden.

Sie müssen aus der •
Textpartitur der Komödie herausgelesen, manchmal auch
"hineininterpretiert" werden und im Rahmen eines
Inszenierungskonzepts umgesetzt werden, das im professionellen
Umfeld natürlich auch die •
Bühnenform (z. B. •
Guckkastenbühne) und das gesamte Bühnenbild in einer
Regiekonzeption verbinden muss. Dies kann im Literaturunterricht
selbstverständlich nicht geleistet werden. Hier kommt es nicht
darauf an, alle diese Faktoren aufeinander abzustimmen, wohl aber
auf dem Weg der mentalen Inszenierung ein Verständnis von der
Plurimedialität
des dramatischen Textes zu erlangen und zu vertiefen und
dabei die Fähigkeit zu erwerben, einen ▪
dramatischen Text als
Textpartitur lesen und verstehen zu können.
Mit ihnen können auch die • Korrespondenz- und
Kontrastbeziehungen, in denen Veit Tümpel steht,
auf nonverbale Weise zum Ausdruck gebracht werden.
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
14.12.2025