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Aspekte der Analyse und Interpretation

Aspekte der literarischen Charakteristik

Heinrich von Kleist«Der zerbrochne Krug –  Einzelne FigurenVeit Tümpel

 
Fachbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf FigurenkonstellationEinzelne Figuren Überblick Adam Licht • Walter Marthe Rull Eve Veit Tümpel Überblick [ Aspekte der Analyse und Interpretation Überblick Bedeutung im Handlungsverlauf Korrespondenz- und Kontrastbeziehungen Aspekte der literarischen Charakteristik Eine Figur mit komischen und satirischen Seiten Ansätze zur Interpretation der Figur Aspekte der mentalen Inszenierung ]Bausteine Fragen und Antworten (KI) Ruprecht Frau Brigitte Ein Bedienter Mägde Büttel Bausteine Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet  Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse
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In ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811)KomödieDer zerbrochne Krug ist Veit Tümpel eine der vier • Nebenfiguren. Im Unterschied zu den weiteren Nebenfiguren ( Licht, • Ruprecht, Frau Brigitte) besitzt Veit Tümpel eigentlich keine für den Verlauf der • analytischenDramenhandlung, wesentliche dramaturgische Funktion. Zum sukzessiven Aufdecken der Vorgeschichte und ihrer Bedingungen trägt er nur ganz wenig bei.

Der KleinbauerVeit Tümpel, Vater von • Ruprecht, zugleich Bruder von • Frau Brigitte, begleitet seinen Sohn zum Dorfrichter • Adam, als • Marthe Rull in Begleitung ihrer Tochter ▪ Eve einen Tag nach den Vorgängen in Marthens Garten und ▪ Eves Kammer wegen des dabei zu Bruch gegangenen Krugs Klage erhebt und dabei • Ruprecht als Verantwortlichen beschuldigt. Veit Tümpel ist nach seinem ersten Auftreten (6.Auftritt) bis zum Ende des Stückes auf der Bühne, wobei der die meiste Zeit, ohne eigene sprachliche Äußerungen als Beobachter des Geschehens verbringt, was aber sein • mimisch-gestisches Mitspielen nicht hindern muss.

Herkunft und soziale Stellung

Veit Tümpel gehört zur • Dorfwelt von Huisum. Er ist, wie sein Sohn • Ruprecht sagt, "Kossäte" (7. Auftritt, V 847), d. h. ein Kleinbauer im Dorf. Die Bezeichnung geht auf die rechtlichen und sozialen Verhältnisse auf dem Land zurück, die im Mittelalter und zum Teil bis weit in die Frühe Neuzeit hinein vor allem vor allem in Nord- und Ostdeutschland sowie im Baltikum geherrscht haben.

Die soziale Schicht, die dort als Kossäten bekannt war, existierte in den Niederlanden unter anderen Vorzeichen, da die niederländische Agrargesellschaft moderner, mobiler und ökonomisch unabhängiger vom feudalen Grundherrn war als die deutsche. Im Norden und Westen der Niederlande (»Holland, »Zeeland) gab es im 17. Jahrhundert praktisch keine die »Leibeigenschaft mehr. Dort "etablieren sich nach der Unabhängigkeit von Spanien grundsätzliche Neuerungen. Alle grundherrlichen Rechte wurden beseitigt, der Boden in Parzellen aufgeteilt, mit dem Ergebnis, dass die Einführung erträglicher Betriebsmethoden erleichtert wurde, In der Umgebung der Städte z. B. entstanden intensive Gartenkulturen" (Schorn-Schütte 2009, S.45). Auch Kleinbauern produzierten, sofern sie Überschüsse erwirtschaften konnten, oft Gemüse für den Markt in einer der nahe liegenden Städte. Gut möglich, dass • Veit Tümpels Sohn • Ruprecht eine Woche vor dem Krugprozess, als er mit den Ochsen seines Vaters nach Utrecht gefahren ist (11. Auftritt, V 1655f.) und dort aus Gefälligkeit die Perücke • Adams beim • "Meister Mehl" (11. Auftritt, V 1638) zum Auftoupieren abgegeben hat, in solchen Geschäften unterwegs gewesen ist.

In anderen niederländischen Provinzen, die näher an Deutschland lagen, gab es aber durchaus noch grundherrschaftliche Verhältnisse, die bis zur so genannten »Bauernbefreiung im 19. Jahrhundert den »leibeigenen Bauern verschiedene »feudale Lasten auferlegten. Da die jeweiligen Verhältnisse regional sehr unterschiedlich ausfallen, lassen sich nur einige wenige Aussagen über die soziale Lage der Familie Tümpel in Huisum machen.

Veit Tümpels Schichtzugehörigkeit zu der Gruppe der ungebildeten Dorfbevölkerung wird (auktorial) durch seinen • sprechenden Familiennamen, seine Wortwahl und den von ihm eingenommenen sprachlichen Gestus gegenüber seinem Sohn, • Eve  und • Marthe Rull als Angehörige seiner • Dorfwelt und gegenüber • Adam und • Walter als Vertreter der (staatlichen) • Gerichtswelt. Sein Name wird neben dem • Adams, der zu Beginn der Handlung von dem Schreiber • Licht in Verbindung mit dem biblischen Südenfall des sog. "Ältervaters" (1. Auftritt, V 9) gebracht wird, in der dramatischen Rede selbst zum Thema gemacht und damit explizit komisiert. (12. Auftritt Variant, V 2156 - V 2180)

Für Kleist selbst ist in diesem Zusammenhang wohl vor allem wichtig, den Kontrast zwischen den Figuren der • Dorfwelt und der • Gerichtswelt zu betonen. Zugleich verdeutlicht er mit dem Hinweis, dass • Ruprecht einer Kleinbauernfamilie entstammt, auch, dass • Marthe Rull, die Witwe eines Kastellans (Verwalters) bei der Verheiratung ihrer Tochter sozial nur beschränkte Möglichkeiten hat. Die Heirat • Eves mit • Veit Tümpels Sohn • Ruprecht bietet also keinen sozialen Aufstieg, kann aber wohl eine mehr oder weniger sicherere Versorgung ermöglichen. Aber: Immerhin hat • Ruprecht, wie wohl das ganze Dorf weiß, erst kürzlich von irgendwoher einhundert Gulden geerbt (12. Auftritt Variant, V 2028) Hundert Gulden waren zwar in der Zeit, in der die Handlung spielt, kein wirklicher Reichtum, der einem ein dauerhaft sorgenfreies Leben bescheren konnte. Die Summe entsprach in etwa dem Lohn eines Arbeiters für mehrere Monate. Sie war aber immerhin so viel, dass man davon wohl die Kosten für die komplette Grundausstattung eines Haushalts (Bett, Tisch, Stühle usw.) hätte bestreiten können.

Ob die geschlossene Verbindung mit • Ruprecht, dem Sohn des • Kleinbauern Veit Tümpel, über dessen Vermögensverhältnisse nur wenig hergibt, wirklich erste Wahl von • Marthe Rull ist, lässt sich nicht zweifelsfrei ermitteln.

Was • Ruprecht seiner Braut • Eve perspektivisch zu bieten hat, ist allenfalls ein kleines Haus (Kate) mit einem Stückchen Land, das im besten Fall einige wenige Überschüsse erwirtschaften ließ, so dass der Nebenerwerb durch handwerkliche oder sonstige Lohnarbeit bei wohlhabenden Bauern nicht allein das Überleben sicherte, wie bei den Tagelöhnern ohne jeden Grundbesitz, die die Dorfarmut bildeten. Was • Veit Tümpel  seinen Sohn als Verlobungsgeschenke an • Eve überreichen lässt (• Silberkettlein, • Schaupfennig) dürfte jedenfalls mehr als nur symbolischen Wert für ihn haben.

Vorgeschichte (biografisch erschlossen)

Als • Veit Tümpel am Prozessmorgen in Begleitung seines Sohnes • Ruprecht in der Gerichtsstube von Dorfrichters • Adam eintrifft, ist er felsenfest davon überzeugt, dass sein Sohn • Ruprecht den Schaden nicht verursacht haben kann, den • Marthe Rull diesem vorwirft. Er glaubt nämlich noch daran, dass dieser die Kammer ▪ Eves, so • wie er es ihm aufgetragen hat (7.Auftritt. V 886), überhaupt nicht betreten hat. Trotzdem bietet er an, falls etwas anderes bewiesen werden könne, für seinen Sohn • Schadenersatz zu leisten (▪ 6.Auftritt, V 424). Er hat vor, am Ende des Prozesses die Verlobung seines Sohnes nach den von • Marthe Rull erhobenen Vorwürfen gegen • Ruprecht wegen der Vorkommnisse der vorangegangenen Nacht • ganz offiziell zu lösen (9.Auftritt, V 1385), und will die Verlobungsgeschenke (• Silberkettlein, • Schaupfennig) zurückfordern (9.Auftritt, V 1386f.)

Veit Tümpel ist dabei, als sein Sohn auf die Konskriptionsliste gesetzt wird. Mit • Ruprecht, ▪ Eve und deren Mutter • Marthe Rull sitzen sie zusammen, um über den Heiratstermin an Pfingsten zu beraten, als Ruprecht von der "Kommission, die die Rekruten aushebt" (12. Auftritt Variant, V 1976) kurzerhand "aufnotiert" wird  und damit in absehbarer Zeit, einen einjährigen Militärdienst (12. Auftritt Variant, V 2391) im nicht allzufernen Utrecht antreten soll. Für ihn ist dies, auch wenn es die Heiratspläne durcheinander bringt, eine patriotische Pflicht. Diese Haltung entspricht der • Treue Veits zur Obrigkeit und ihren Vertretern (vor allem • Walter, aber sogar auch gegenüber • Adam), denen er im Prozess im Gegensatz zu seinem impulsiveren Sohn eigentlich immer mit gehörigem Respekt begegnet.

Während der Verlobungszeit von • Ruprecht und ▪ Eve ist • Veit Tümpel darauf bedacht, dass sich die beiden nach den Regeln kennen lernen, die im Dorf für die • Annäherung der Geschlechter aneinander gelten. Voreheliche Sexualität gehört jedenfalls nicht dazu in einer Zeit, in der es die • Ehre von Frauen als Sittlichkeitsnorm und soziale Zwangsstruktur der patriarchalischen Gesellschaft zu bewahren galt, bis eine Hochzeit auch Sexualität unter den Eheleuten (notgedrungen) legitimierte. Als • Ruprecht am Vorabend der Gerichtsverhandlung seine Erlaubnis einholt, um zu später Stunde noch ein wenig mit seiner Braut ▪ Eve  an deren Kammerfenster "schwatzen" zu können, nimmt der Vater seinem Sohn das Versprechen ab, dass er nicht in ihre Kammer geht und bis elf Uhr in der Nacht wieder zu Hause ist.(7. Auftritt, V 884 - V 888)

Über die Ereignisse und den Bruch des Kruges, die zur Anklage • Ruprechts durch • Marthe Rull geführt haben, kann • Veit Tümpel keine eigenen Beobachtung beisteuern. Er zählt, vermutlich • aus dramaturgischen Gründen, nicht zu dem wegen des "Tumults" (• 7.Auftritt, V 746) in ▪ Eves  Kammer in der Vornacht zusammengelaufenen • Gafferkollektiv der ungebildeten, einfältigen und ungehobelten "Bauerntölpel"  (Kreutzer 2011, S.57, Kindle Edition) Allerdings ist seine "Schwester Briggi" (9. Auftritt, V 1341) dort vor Ort (12. Auftritt Variant, V 2261).

Als • Veit Tümpel und sein Sohn am Morgen von • Marthe Rull mit ihrem Vorwurf, • Ruprecht habe den Krug zerstört, in die Gerichtsstube • Adams zitiert werden, ist er von der Unschuld seines Sohnes fest überzeugt, da er annimmt, dass dieser sich, seiner Anweisung folgend (7. Auftritt, V 886), gar nicht in der Kammer ▪ Eves aufgehalten haben kann.

Am Vorabend des Prozesses beobachtet • Veit Tümpel seinen Sohn • Ruprecht beim Packen seiner Sachen (9. Auftritt, V 1366). Er denkt sich nichts weiter dabei, wenngleich er sich darüber wundert. So habe • Ruprecht ihm ja noch einen Tag zuvor gesagt, dass er • erst in fünf oder sechs Tagen seinen Militärdienst in Utrecht antreten wolle ("Vorgestern wußtest du noch nicht, ob du /Den fünften oder sechsten Tag wirst reisen.", 9. Auftritt, V 1374f.) Im Prozess wird diese Beobachtung dann nach dem von • Marthe Rull erhobenen Verdacht von einer von • Ruprecht und ▪ Eve gemeinsam • geplanten Fahnenflucht Ruprechts für ihn zu einem eindeutigen Indiz für die Wahrheit dieser Vermutung.

Beziehung zu anderen Figuren

Ruprecht fügt sich als sein minderjähriger Sohn unter die Vormundschaft • Veit Tümpels und untersteht seiner Fürsorge und väterlichen Gewalt. Wenn der Vater dem Sohn aufträgt, sich gemäß den Regeln für die • Annäherung der Geschlechter in Huisum während der Verlobungszeit zu verhalten, sagt ihm sein Sohn dies zu. Er holt sich die Erlaubnis seines Vaters ein, als er Eve in der Vornacht noch kurz aufsuchen will (7. Auftritt, V 884f.) und verspricht seinem Vater, "draußen" (7. Auftritt, V 886) zu bleiben, sowie um 23 Uhr wieder zu Hause zu sein (7. Auftritt, V 888f.) Die Art und Weise, wie • Ruprecht die Vorgabe solcher Regeln akzeptiert (• "Ja, meiner Seel, sag ich, das ist geschworen" (7. Auftritt, V 887), zeigt, dass die väterliche Autorität im Hause Tümpel in keiner Weise in Frage steht. Dass • Veit Tümpel dabei nicht nur als Vormund seines Sohnes vor Gericht erscheint, sondern diesem auch Prügel sowie die Verstoßung androht, zeigt, wie weit die paternalistische Gewalt des Vaters über seinen Sohn reicht.

Eve ist die ebenfalls noch minderjährige Verlobte seines Sohnes • Ruprecht, deren Hochzeit • Veit Tümpel gemeinsam mit • Eves Mutter, Marthe Rull, gerade zu dem Zeitpunkt für Pfingsten vereinbart (12. Auftritt Variant, V 1972ff.), als sein Sohn auf die Konskriptionsliste kommt und binnen kurzer Zeit seinen einjährigen Militärdienst (12. Auftritt Variant, V 2391) in Utrecht antreten soll. Dass • Ruprecht die Tochter der Kastellanswitwe (7. Auftritt, V 585f.) Marthe Rull, die nicht aus einem bäuerlichen Haushalt kommt, zur Frau nehmen will, ist für ihn kein Problem, zumal er die junge Frau wohl ebenso wie sein Sohn bei der jährlichen Heuernte als physisch stark und zupackend erlebt hat. (7. Auftritt, V 876f.) Von einer Mitgift, wie sonst vor allem im bäuerlichen Umfeld stets die Regel, ist im Text nicht die Rede. In jedem Fall gibt es keine erwähnenswerte emotionale Beziehung • Veit Tümpels zu seiner künftigen Schwiegertochter, so dass er sich ohne Wenn und Aber hinter seinen Sohn stellt, die Verlobung • ganz offiziell lösen (9. Auftritt, V 1385) und die Verlobungsgeschenke (• Silberkettlein, • Schaupfennig) von Eve zurückfordern (9. Auftritt, V 1386f.) will. Er schließt sich sprachlich zwar nicht den Herabsetzungen an, die • Ruprecht immer wieder gegen • Eve vorbringt, richtet seine Drohungen angesichts des Verdachts auf Fahnenflucht seines Sohnes aber auch gegen •"die saubre Jungfer Eve" (9. Auftritt, V 1361).

Marthe Rull ist als Mutter der zukünftigen Braut seines Sohnes • Ruprecht bis zum Morgen des Prozesstags künftige Verwandtschaft. Sowohl der Kleinbauer als auch die • Witwe eines Kastellans (7. Auftritt, V 585f.) stehen bis dahin zumindest in einer das Hochzeitsgeschäft gemeinsam organisierenden Beziehung zueinander. Diese wird aber von Marthe Rull schon kurz vor Prozessbeginn aufkündigt, indem sie den möglichen Brautvater und seinen Sohn als •"krugzertrümmerndes Gesindel" (6. Auftritt, V 414) bezeichnet und nur ein wenig später das •"Gesindel" auf dem •"Scheiterhaufen" (6. Auftritt, V 495) sehen will. Auf der Basis der strukturellen • Korrespondenz der beiden Familien Tümpel und Rull agieren beide Familienoberhäupter vor Gericht als Vormünder ihrer Kinder und damit im Prozess als Gegenspieler. Allerdings erweist • Veit Tümpel sich gegenüber der dreist und energisch auftretenden und sprachlich eloquent agierenden Marthe Rull von Anfang an als unterlegen. Sie macht sich geradezu einen Spaß daraus, dem "Bauerntölpel" das Wort im Mund zu verdrehen und ihn • regelrecht schwindlig zu reden (6. Auftritt, V 415 - V 429). Dass der Kleinbauer auf den von Marthe Rull geäußerten Verdacht, • Ruprecht habe offenbar wie viele andere von der Konskription Betroffene • seine Fahnenflucht geplant (▪ 9.Auftritt, V 1304ff.), sofort einsteigt, zeigt, dass er die Absichten, die Marthe Rull mit ihrer Prozessstrategie verfolgt, in keiner Weise durchschaut.

Frau Brigitte, über deren persönlichen Verhältnisse der Text nichts weiter hergibt als die von • Veit Tümpel gemachte Angabe, dass es sich um seine Schwester • "Briggi" (9.Auftritt, V 1340) handelt, soll nach dem Willen • Marthe Rulls bezeugen, dass • Ruprecht der nächtliche Besucher von ▪ Eve gewesen ist (9. Auftritt, V 1325). Noch ehe sie ihre Aussage macht, reicht die bloße Behauptung • Marthe Rulls, seine Schwester habe • Ruprecht in der Vornacht, und zwar vor dem eigentlichen • "Tumult" (• 7.Auftritt, V 746) um 11 Uhr in ▪ Eves  Kammer, • "Im Wortgewechsel, kosend bald, bald zerrend" (9. Auftritt, , V 1342ff.), als wolle er ▪ Eve zu etwas überreden, zusammen mit dieser in • Marthe Rulls Garten angetroffen, dafür aus, dass • Veit Tümpel seinem Sohn die bedingungslose Unterstützung aufzukündigen beginnt.

Dem Dorfrichter Adam bringt • Veit Tümpel während des ganzen Prozesses den in seinen Augen gegenüber den Repräsentanten der Obrigkeit erforderlichen Respekt entgegen. Er ist außerstande, die Indizien, die • Adam be- und seinen Sohn • Ruprecht entlasten, vernünftig zu beurteilen. Seine Bereitschaft, die • Legitimität eines Gerichtsurteils (6. Auftritt, V 416) in der Krugsache anzuerkennen, ändert sich auch nicht, als • Adam auf Anweisung des Gerichtsrats Walter ein offenkundiges Unrechtsurteil über seinen Sohn fällt (11. Auftritt, V 1874ff.). Ohne jeden Widerspruch lässt er es geschehen. Und als • Ruprecht, von ▪ Eve ermuntert, den entlarvten Dorfrichter von seinem Richterstuhl verjagt und in die Flucht treibt (11. Auftritt, V 1894ff.), springt er dem gegen eine solche Rebellion drohenden Gerichtsrat bei: "Sei ruhig, du vertrackter Schlingel." (11. Auftritt, V 1908) Ähnlich hat er schon zuvor reagiert, wenn sich sein Sohn gegenüber Adam in seinen Augen respektlos gezeigt und sich die Richterrolle angemaßt hat ("Halt's Maul, sag ich!",11. Auftritt, V 1870).

Was für • Adam als Angehörigem der • Gerichtswelt gilt, trifft auch für das Verhältnis • Veit Tümpels zu dem Gerichtsrat • Walter zu, dem er mit dem gleichen Respekt und der gleichen Treue zur Obrigkeit begegnet. Als • Veit Tümpel im Prozess den Verdächtigungen Marthe Rulls, • Ruprecht habe offenbar wie viele andere von der Konskription Betroffene • seine Fahnenflucht geplant (▪ 9. Auftritt, V 1304ff.) mit eigenen Beobachtungen untermauert, kommt er, der dem Prozess im Großen und Ganzen wortlos folgt, auf Geheiß des Gerichtsrats zu Wort.  (▪ 9. Auftritt, V 1372-V 1392). Dabei erklärt er sich zu seinen Absichten im Prozess und bringt zum Ausdruck, dass er, falls sich die Vorwürfe gegen seinen Sohn durch die Aussage seiner Schwester, • Frau Brigitte, erhärten sollten, sogar die Todesstrafe für • Ruprecht hinnehmen würde: •"dann der Teufel soll den Hals ihm brechen." (9. Auftritt, V 1392)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2026

   
   Arbeitsanregungen:
  1. Welche dramaturgische Rolle und Funktion nimmt Veit Tümpel im Stück ein? – Inwiefern unterscheidet er sich in seiner Funktion beim Aufdecken der Vorgeschichte von den anderen Nebenfiguren wie Licht oder Frau Brigitte? Wie verbringt er die meiste Zeit auf der Bühne, nachdem er im 6. Auftritt erschienen ist?
  2. Was lässt sich über die soziale Herkunft und Stellung von Veit Tümpel sagen? – Welchen sozialen Kontrast möchte Kleist durch die Figur des Veit Tümpel im Vergleich zur "Gerichtswelt" (Adam und Walter) hervorheben?
  3. Wie wird das Verhältnis zwischen Veit Tümpel und seinem Sohn Ruprecht in dem Text dargestellt?  – Welche konkreten Versprechen musste Ruprecht seinem Vater geben, bevor er Eve am Vorabend des Prozesses besuchen durfte? Mit welchen drastischen Konsequenzen (Strafen) droht Veit seinem Sohn während des Prozesses, falls sich dessen Schuld oder Ungehorsam bestätigt?
  4.  Wie reagiert Veit Tümpel auf die Vorwürfe von Marthe Rull und die Ereignisse vor Gericht? – Warum ist Veit zu Beginn des Prozesstages felsenfest von der Unschuld seines Sohnes überzeugt? Welche Beobachtungen werden für Veit später zu einem Indiz dafür, dass Ruprecht möglicherweise eine Fahnenflucht geplant hat? 
  5. Wie verhält sich Veit Tümpel gegenüber der staatlichen Obrigkeit (Adam und Walter)? – Wie reagiert Veit, als sein Sohn Ruprecht am Ende den Dorfrichter Adam gewaltsam vom Richterstuhl vertreibt? Welche extreme Aussage trifft Veit gegenüber dem Gerichtsrat Walter für den Fall, dass die Zeugenaussage seiner Schwester Brigitte seinen Sohn schwer belasten sollte?
 

 
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