Die wütende Reaktion •
Ruprechts und sein Vorwurf der Untreue
("Metze",
6. Auftritt,
V 440,
7. Auftritt,
V
819), die einhergehen mit seiner Aufkündigung der Verlobung,
verunmöglichen daher eine einigermaßen erträgliche Lösung
der Konfliktsituation, die allerdings auf Kosten der Wahrheit
gegangen wäre. Was in einem solchen Fall tatsächlich passiert wäre,
lässt der Text allerdings offen.
Als der Prozess beginnt und die Konfliktparteien im Dorfgericht
erscheinen, sind die Fronten schon verhärtet.
Ruprecht hat seit den
Geschehnissen in der Vornacht offenbar kein Wort mehr mit • Eve
gesprochen und wehrt ihren Versuch, vor dem Prozess noch einmal mit
ihm zu sprechen, brüsk ab. (6. Auftritt,
V
453 - V 456) Indem
er • Eve damit jede Möglichkeit
raubt, sich ihm allein zu erklären, nimmt der Prozess seinen Lauf.
Die Legitimität der • "Gerichtswelt"
und ihrer Vertreter steht für •
Ruprecht
und seinen Vater •
Veit Tümpel außer Frage,
auch wenn der impulsive •
Ruprecht
der
Obrigkeit und ihren Repräsentanten nicht immer mit dem von diesen
erwarteten Respekt begegnet. Er ist wegen der angeblichen Untreue
seiner Verlobten ▪ Eve verletzt
und wütend und hat ganz offensichtlich auch damit zu kämpfen, vor
der Dorfgemeinschaft als "gehörnter" Bräutigam (7.
Auftritt, V 942ff.)
dazustehen.
Die Ausgangspositionen von Klägerin (•
Marthe Rull) und Beklagtem (•
Ruprecht) könnten kaum unterschiedlicher sein. Bei jener
geht es um die • "Ehre", •
die eigene soziale Stellung
und das »Sozialkapital (»Pierre
Bourdieu) Jungfräulichkeit der eigenen Tochter, bei diesem neben
der Wahrheit darum, vor Gericht das förmliche Verlöbnis mit
• Eve Rull •
offiziell aufzulösen
und die Verlobungsgeschenke (•
Silberkettlein,
• Schaupfennig) von •
Eve und ihrer Mutter •
Marthe Rull zurückzufordern
(9. Auftritt,
V 1383 -
V 1388).
Da
• Ruprecht das
Alter
von 26 Jahren noch nicht überschritten hat, das in vielen
ländlichen Gegenden erst die Grenze zur vollständigen Mündigkeit in
der frühen Neuzeit markierte, steht er unter der Vormundschaft
seines Vaters • Veit Tümpel.
Ihn weiß •
Ruprecht auch zu Beginn des Prozesses hinter sich
und dieser ist auch bereit, falls sich herausstellen sollte, dass
sein Sohn den Krug •
Marthe Rulls
tatsächlich zertrümmert hat,
Schadenersatz zu
leisten (▪
6.Auftritt,
V 423). Allerdings ist • Veit Tümpel
bei Prozessbeginn aber über das Wann und Wo des Geschehens, das zum
Bruch des Kruges geführt hat, nicht im Bilde. So weiß er (noch) nicht, dass sich sein Sohn,
wie •
Marthe Rull behaupten wird, über seine Anweisungen
hinwegsetzend, mit ▪ Eve in •
Marthe Rulls
Garten getroffen und womöglich sogar in ihrer Kammer aufgehalten
hat. Ohne dass er dies in irgendeiner Weise explizit artikuliert,
glaubt er
• Ruprechts Angabe, ▪
Eve
habe ihn betrogen und will als sein Vormund die Verlobungsgeschenke
zurück.
Ruprecht
ahnt jedoch, dass •
Marthe Rull etwas ganz anderes als
den materiellen Schaden im Sinn hat, der ihr entstanden ist. Daher
hält er ihr vor, dass es ihr letztlich gar nicht um den Krug gehe. Ihre Absicht
sei es vielmehr, die •"Hochzeit
[...], die ein Loch bekommen" (6. Auftritt,
V
441) zu ▪ "flicken"
(6. Auftritt,
V 442). Die Aussage
hat einen doppelten Sinn. Zum einen drückt sie •
Ruprechts Annahme aus, dass •
Marthe Rull, aller Ereignisse zum
Trotz, an der geplanten Hochzeit festhalten will. Zum anderen spielt
sie mit dem Begriff "Loch" ziemlich eindeutig darauf an, dass ▪
Eve
in seinen Augen ihre Unschuld verloren hat und damit die Hochzeit
geplatzt ist. Der Krug, dessentwegen •
Marthe Rull die Anklage erhebt,
wird dadurch eindeutig als •
sexuelles Symbol für die Unschuld (Virginität) von •
Eve ausgewiesen. In jedem Falle
steht • Ruprecht damit vor Augen,
worauf die • Prozessstrategie
•
Marthe Rulls hinausläuft: Sie will
unter allen Umständen erreichen, dass er • als "Täter" dingfest
gemacht wird, um auf diesem Weg die Auflösung der Verlobung zu
verhindern. Für • Marthe Rull
ist die Schuld • Ruprechts nämlich eine •
Existenzfrage.
Da • Marthe Rull
nicht weiß, was genau
• in der Kammer geschehen ist,
sie aber davon ausgeht, dass •
Eve ganz unabhängig davon, ob es
zu •
unzüchtigen sexuellen Handlungen
gekommen ist oder nicht, vor den Augen der zusammengelaufenen
Dorföffentlichkeit – sie selbst erwähnt dies in ihrem Bericht
bezeichnender Weise überhaupt nicht – ihre • "Ehre"
verloren verloren hat, ist schließlich auch noch eine folgenreichere
Entwicklung denkbar. Schließlich steht auch die Frage im
Raum, wenn es zum Geschlechtsverkehr zwischen den beiden gekommen
sein sollte, ob daraus am Ende noch eine Schwangerschaft
resultierte, die, wenn •
Ruprecht der Vater des künftigen Kindes sein sollte, durch
eine baldige Heirat mit • Eve noch
eine gewisse, •
wenngleich auch nicht unbedingt Akzeptanz
versprühende Form in Huisum hätte bekommen können.
Die Unterstützung, die •
Ruprecht
zu Beginn des Prozesses von seinem Vater erfährt, ändert sich
im Verlauf des Prozesses, in dem •
Veit Tümpel
immer mehr von seinem Sohn abrückt. Als er nämlich erfährt, dass
sein Sohn angeblich entgegen seiner ausdrücklichen Anweisungen, die Kammer von
▪ Eve aufgesucht hat, ist er
so entrüstet, dass er ihm •
androht, ihn zu verprügeln (9.Auftritt,
V 1353). Und als er dem von •
Marthe Rull hingeworfenen Verdacht
aufsitzt, • Ruprecht
habe in der vergangenen Nacht sich •
der Konskription durch Desertation entziehen (9.Auftritt,
V 1310) und ▪
Eve
zur gemeinsamen Flucht veranlassen wollen, kommt es zum
(vorläufigen) Bruch mit seinem Sohn.
Da geht es •
Ruprecht
nicht anders als ▪ Eve, die, weil
sie sich nicht der •
Prozessstrategie ihrer Mutter •
Marthe beugt
und • Ruprecht doch noch entlastet (9.Auftritt,
V 1195f.),
ebenso die Unterstützung ihres mütterlichen Vormunds verliert und
genau wie ihr
Verlobter mit körperlicher Züchtigung (9.
Auftritt, V 1199) und letztlich Verstoßung aus
dem Elternhaus bedroht wird (9.
Auftritt, V 1289
- V 1297).
Für •
Ruprecht, der natürlich weiß, dass
die Anschuldigungen •
Marthe Rulls jeder Grundlage
entbehren, ist das, was in der Vornacht
passiert ist und das Verhalten •
Eves nur aus einem einzigen
Grunde erklärlich: Seine Verlobte hat ihn mit einem anderen betrogen.
Aus diesem Grunde beschimpft er sie als "Metze" (7.
Auftritt, V
819). Damit steht der •
Vorwurf
der "Unzucht" mit den schon von •
Marthe Rull aufgezeigten möglichen
Konsequenzen für •
Eve (6.
Auftritt, V 487f.)
offen im Raum.
Für •
Adam birgt die Anhörung •
Ruprechts zu den Ereignissen der
Vornacht • große Risiken,
vor allem, weil er nicht weiß, ob ihn der Verlobte •
Eves doch als den aus dem
Fenster Flüchtenden erkannt hat. Als •
Ruprecht nach einer Intervention • Walters
dann doch zu Wort kommt, setzt •
Adam alles daran, das Verfahren schnell
zu beenden. Dazu will er
die Äußerung
•
Eves über
• Ruprecht
als ihre Zeugenaussage zu
Protokoll nehmen zu lassen, scheitert aber am Einspruch seines
Vorgesetzten. Trotzdem versucht •
Adam, •
Ruprecht von Anfang an zu
verunsichern und seine mögliche Entgegnung als Lüge abzuwerten. Mit
einer Suggestivfrage stellt er ihn nämlich nur vor die Alternative,
zu gestehen oder als • "gottvergessner Mensch zu leugnen"
(7.
Auftritt, V
853). Daher verliert • Walter die
Geduld mit dem Dorfrichter und fragt den verdutzten Schreiber •
Licht, ob er sich zutraue, den
Prozess weiterzuführen. Durch die Aufforderung • Adams an •
Ruprecht, den Tathergang aus
seiner Sicht zu schildern, kann • Adam
dies gerade noch einmal
verhindern.
Ruprecht steht, ohne dass er dies
explizit formuliert, nach der
• Ekphrase des Krugs durch •
Marthe Rull bei seiner Aussage zu
dem Geschehen in der Vornacht unter Druck, eine wirkungsvolle
Entgegnung vorzubringen. Sein Vorteil: Er weiß deutlich mehr darüber
als seine Widersacherin vor Gericht, da er dem von jener
dargestellten • "Tumult"
(•
7.Auftritt,
V 746) in •
Eves Kammer noch eine
Vorgeschichte hinzufügen kann. So kommt also nicht nur eine neue
subjektive Perspektive auf die Ereignisse, sondern auch ein Mehr an
Information zur Darstellung, das auch das Wissen der Zuschauer*innen
erweitert.
Zunächst einmal ist • Ruprechts
Bemühen um eine stringente chronologische Schilderung festzustellen.
Ausführlich berichtet er davon, wie er nach zehn Uhr mit Zustimmung
seines Vaters, dem er versichert habe, nur noch am Fenster etwas mit
seiner Braut reden zu wollen, am Tor zum Garten •
Marthe Rulls angekommen sei,
das um diese Zeit
eigentlich immer schon verschlossen sei.
In der Dunkelheit habe er hinter dem Zaun im Garten
•
Eve an ihrer Kleidung erkannt und
zugleich jemanden
anderen bemerkt (•
7.Auftritt,
V
915f.), den er aber im Dunkel der Nacht nicht habe
identifizieren können. Auch wenn er danach mutmaßt, dass diese
Person nur der Flickschuster Lebrecht gewesen sein könne, bleibt er
bei der Wahrheit. Er erklärt nämlich, er könne darauf, ohne zu
lügen, nicht das "Abendmahl" (•
7.Auftritt,
V 922) nehmen,
weil er sich dann einer Sünde schuldig machen würde.
Was auf der
einen Seite für • Ruprechts
Aufrichtigkeit spricht, ist, weil er sich anderes überhaupt nicht
vorstellen kann und will, aber auch Ausdruck seiner Engstirnigkeit.
Er kann in der Sache, von seinen Emotionen getrieben, in seiner
Voreingenommenheit nicht nach links und rechts schauen, betrachtet
die Dinge immer wieder mit »Scheuklappen,
Augenklappen wie sie am Zaum von Pferden und Eseln seitlich von den
Augen des Tieres befestigt sind, damit diese nicht von der Seite
oder von hinten abgelenkt werden können.
Allerdings wird man einräumen können, dass die Vorstellung, es könne
ein Dritter sein, zu diesem Zeitpunkt wohl von niemandem, außer • Adam
und •
Eve, ernsthaft in Betracht
gezogen wird. So steht nun im Raum, dass der Mann in •
Marthe Rulls Garten, dessen • "Gefispre",
• "Scherzen" und
• "Zerren" (vgl.
•
7.Auftritt,
V 947f.) mit seiner
Braut •
Eve •
Ruprecht
mit Augen und Ohren
wahrgenommen habe, der Flickschuster Lebrecht gewesen sei.
Kein Wunder, dass • Adam ein
geradezu triumphal klingender Kommentar entfährt (• "Klugschwätzer",
•
7.Auftritt,
V 917), der eigentlich
nur an das Publikum adressiert ist. Er zeigt damit, welche Erleichterung
es für
ihn darstellt, dass • Ruprecht
und keiner der anderen auf Idee kommt, es könne ein Dritter gewesen
sein (• "Nun also! /Und nicht gefangen, denk ich, nicht
gehangen.",
•
7.Auftritt,
V 919)
Da er über
diese unverhoffte Wendung des Geschehens hocherfreut ist, schlägt • Adam
sofort einen anderen Ton gegenüber •
Ruprecht an.
Ruprecht, von •
Adam
zuvor als • "Maulaffe"
(•
7.Auftritt,
V 606) , • "Hund ...
verfluchter" (•
7.Auftritt,
V 783)
beschimpft, mit einem • "Esel" und
• "Ochsen" verglichen (vgl.
•
7.Auftritt,
V 866) und als
• "Klugschwätzer" (•
7.Auftritt,
V 917)
diffamiert, wird nun, da er, aus der Perspektive •
Adams betrachtet, die ganze Geschichte noch weiter
aus der Gefahrenzone möglicher
Entlarvung "wegerzählt", mit säuselnden Worten als • "mein Sohn" (•
7.Auftritt,
V
938) angeredet und aufgefordert, weiter über die
Ereignisse der Vornacht zu berichten.
Ruprecht jedenfalls scheint es
einerlei. Bestärkt durch den Sinneswandel des Dorfrichters und
seiner Haltung ihm gegenüber, hebt er in epischer Breite zur
Schilderung seiner Beobachtungen in der Vornacht an. Dass er nicht
hellhörig wird, als • Adam so
plötzlich seinen Ton ihm gegenüber ändert, ist angesichts der
Tatsache, dass er bis dahin ja von allen Seiten als
"Krugzertrümmerer" dasteht, zwar nicht unbedingt
verwunderlich, passt aber zu seiner Einfältigkeit.
Gut möglich, dass • Ruprecht
mit den temperamentvoll und auf ihre rhetorische Wirkung
bedachten Ausführungen von •
Marthe Rull
bei seiner
eigenen Schilderung gleichziehen will, als er in anschaulichen
Bildern, denen man einen poetischen Gestaltungswillen nicht
absprechen kann, die Wirkung seiner Darstellung auf die
Zuhörer*innen verstärken will. Allerdings wirkt das Ganze gekünstelt
als eine rhetorische Attitüde, die zu dem, was •
Ruprecht
eigentlich sagen will, nicht passt. Die Ironie, die in seiner
Darstellung mitschwingt, fällt ihm als •
implizit-figurale Charakterisierung so quasi auf die eigenen
Füße und macht ihn selbst lächerlich, zumal er ja eigentlich seine
in der von ihm geschilderten Situation immer größer werdende
emotionale Erregung und Wut unterstreichen will und nicht eine
ironische Distanzierung davon.
Die •
Sprachkomik, die dabei entsteht, als er in seinem Bericht davon
spricht, dass die Augen den Auftrag bekommen, den Ohren zu folgen,
beide Sinne als • "nichtswürdige Verleumder,
Aufhetzer, niederträcht'ge Ohrenbläser" (•
7.Auftritt,
V
909f.) von einer inneren Stimme beschimpft werden,
weil • Ruprecht das, was
sie ihm zutragen, zunächst nicht wahrhaben will, hat dabei sowohl •
ästhetisch-unterhaltende als auch eine satirische, •
kritisch-aufklärerische Funktion. Letztere besteht darin, dass •
Ruprecht
damit seine Beobachtungen und seine Reaktionen darauf unabhängig von
ihrer faktischen Bedeutung aufwerten will. Dass seine Intention
dabei nicht aufgeht, sondern, je länger er so spricht, immer mehr ins
Komische und Lächerliche abgleiten, ist ihm nicht bewusst.
Gleichziehen
kann er mit •
Marthe Rulls
• Ekphrase des Krugs damit jedenfalls
nicht.
Ruprecht berichtet weiter, dass •
Eve und der
Flickschuster nach einer Viertelstunde im Haus verschwunden seien.
Völlig außer sich vor Eifersucht und Wut darüber, von •
Eve damit
Hörner aufgesetzt zu bekommen (vgl.
•
7.Auftritt,
V 942ff.), sei er den beiden ins Haus gefolgt und habe die Tür zu
der von innen verschlossenen Kammer •
Eves eingetreten. Dort habe er
noch gehört,
wie der Krug vom Sims gestoßen
worden und zerbrochen sei, und
gesehen, wie eine Person (vermeintlich Lebrecht) aus dem Fenster gesprungen und
kurz im Weinlaub des am Haus angebrachten Spaliers hängen geblieben sei. Mit der stählernen Türklinke, die er nach seinem Aufbrechen der
Kammertür noch in der Hand gehabt habe, habe er diesem, ehe er habe
endgültig flüchten können, noch einen Schlag • "übern Detz" (•
7.Auftritt,
V
980), auf den Kopf, verpassen können.
Licht vermutet sogleich,
dass dies der Kopf • Adams gewesen ist, spielt aber mit seinem Wissen über die Kopfverletzung
seines Vorgesetzten,
das er an dieser Stelle
nicht kundtut, ein
ironisches Spiel mit der
Türklinke als Waffe, das • Adam
als Unfug bezeichnet. Im Hin und Her der Sprecherwechsel (Antilaben)
nimmt der Dialog zwischen • Adam und
• Licht für kurze Zeit Fahrt auf,
bei dem •
Adam
die •
Andeutungen Lichts als "Allotrien" (•
7.Auftritt,
V
997) abtut. Ruprecht, der von seinen eigenen Schilderungen offenbar
davongerissen wird, kann seine Erzählung mit den Blessuren,
insbesondere der Kopfwunde, die • Adam
ohne Perücke notgedrungen zur Schau tragen muss, ganz offensichtlich
nicht in Verbindung bringen und zeigt sich damit einmal mehr als
Einfaltspinsel und Bauerntölpel.
So
wird • Ruprecht von • Adam,
der fürchten muss, dass sich die Aufmerksamkeit der Anwesenden durch
• Lichts Bemerkung
auf auf seinen Kopf richten könnte, aufgefordert mit seinem Bericht
fortzufahren. Auch als •
Ruprecht erzählt, wie er von dem Sand, den er von dem
Flüchtenden ins Auge geworfen bekommen habe, getroffen worden sei (•
7.Auftritt,
V
1002),
entfährt • Adam
ein kurzer Ausruf der Zufriedenheit (•
Sieh da!",
7.Auftritt,
V
1008). Der kurze, aber
wirksame • komischer Effekt, der einem Eingeständnis gleichkommt,
dass er der Flüchtende gewesen ist, bleibt • Ruprecht
und mit ihm wohl allen anderen Figuren allerdings in seiner
Bedeutung verborgen. Was den Akteuren auf der Bühne
entgeht, bestätigt aber in den Augen des Publikums einmal mehr die
Hypothese, dass • Adam der ominöse
Besucher in •
Eves Kammer gewesen sein muss.
Ruprecht fährt, von alldem ungerührt, in seinem Bericht über
das Geschehen in •
Eves Kammer nach seinem
gewaltsamen Eintreten der Türe fort. Im Beisein der wegen
des Lärms zusammengelaufenen Nachbarn und Verwandten •
Eves, die erst
danach hinzugekommen seien, habe seine Verlobte ihrer Mutter •
Marthe Rull gegenüber erklärt,
dass er den Krug zerbrochen habe, und das obgleich der
Flickschuster als Beweis seiner Aussage • "im Kopf ein Loch" (V
1045) habe. Seine Bemerkung dazu • "Mein Seel, sie hat so unrecht
nicht, ihr Herren. /
Den Krug, den sie zu Wasser trug, zerschlug
ich." (7.Auftritt,
V 1043f.) ist
dabei sowohl eine Anspielung auf das bekannte Sprichwort "Der Krug
geht solange zum Brunnen, bis er bricht", als auch auf den •
Krug als Symbol der Sexualität und des Begehrens.
Was •
Ruprecht an dieser Stelle ausdrückt, ist allerdings
nicht als Schuldeingeständnis
im Sinne der Anklage •
Marthe Rulls zu lesen. Betrachtet
man den Kontext, in dem diese Aussagen stehen, dann wird schnell
klar, dass • Ruprecht an dieser Stelle seinem "Frust" darüber, dass er
von •
Eve, ihrer Mutter und der
ganzen zusammengelaufenen Nachbarschaft zu Unrecht verdächtigt
worden ist, Ausdruck verleiht. Was er sagt, hört sich fast
resignativ an und wirkt geradezu zynisch. Es ist ein "uneigentliches"
Sprechen, das etwas anderes als ein Schuldeingeständnis im
juristischen Sinne ausdrücken soll. Er bekennt sich selbst in einem
übertragenen Sinne zur Zertrümmerung des Krugs als Sinnbild für die
ehemals so sicher geglaubte Zukunft mit •
Eve und lässt darüber auch
erneut anklingen, dass der intakte Krug als Ausdruck der Virginität
•
Eves, die die Grundlage seines
Eheversprechens darstellt, zu Bruch gegangen ist.
Die
"Uneigentlichkeit" bzw. Doppeldeutigkeit der Rede Ruprechts
charakterisiert ihn als Figur, den die gegen ihn vorgebrachten
Vorwürfe so mitnehmen, dass ihm scheinbar egal ist, was die anderen
von ihm halten. Kein Wunder, hat er doch auch als männlicher "Täter"
im Vergleich zu •
Eve, die als Frau außer ihrem
Stand, nämlich den der ›Jungfräulichkeit‹, auch ihre • "Ehre"
verloren (vgl. Breit
1991, S.5f.) und weitergehende gesellschaftliche Sanktionen
hätte gewärtigen müssen, nicht viel zu verlieren.
Dass auch die anderen, allen voran • Adam und
•
Marthe Rull, •
Ruprechts Äußerung nicht als Schuldgeständnis,
sondern als emotionale "Achterbahnfahrt" des sichtlich aufgewühlten
jungen Mannes verstehen, zeigt, dass sie für den Fortgang des
Prozesses offenkundig ohne Belang ist. Sie richtet sich wohl in
erster Linie an das Publikum bzw. die Leserinnen und Leser des
Stückes.
Durch •
Ruprechts Vermutung, dass Lebrecht
in der Vornacht in der Kammer seiner Verlobten gewesen sei und • Adams
Einschwenken auf diese Version der "Wahrheit", gerät •
Eve immer stärker unter Druck,
sich zur Sache zu äußern. Dabei spielt auch •
Ruprechts impulsives
mimisch-gestisches Verhalten ebenso eine maßgebliche Rolle, wie
seine immer wieder hineingeworfenen Bemerkungen, mit denen er sie
provozieren will, endlich diese "Wahrheit" zu bestätigen. In jedem
Fall tritt er im Gefühl der Rückendeckung durch • Adam
so massiv auf, dass dieser ihn nicht nur wieder in scharfem Ton
rügt, sondern sogar nach dem •
Büttel ruft, um zu
verhindern, dass der • "Satan"
(9. Auftritt.
V 1139) ihm doch noch
einen Strich durch die Rechnung macht, wenn •
Eve dem Druck nicht mehr
standhalten kann und ihr Schweigen bricht. Als •
Ruprecht dann noch, sein
vermeintliches Mitgefühl
mit •
Eve mit der anzüglichen
Bemerkung, er hätte selbst gern den "Krug" zerschlagen (9. Auftritt.
V 1161)kombiniert, platzt der so
gedemütigten jungen Frau der Kragen.
Ruprecht muss sich von •
Eve vorwerfen lassen, dass er
sich
nicht, wie sie es erwartet habe, mit unbedingtem Vertrauen
hinter sie gestellt hat. Ohne dass sie direkt auf ihre Lüge in der
Vornacht zu sprechen kommt, mit der sie nach übereinstimmender
Aussage ihrer Mutter, •
Marthe Rull, und •
Ruprechts ihren Bräutigam als
denjenigen benannt habe, der den "Krug" zerbrochen habe,
rechtfertigt sie dies damit, dass sie so etwas nur dann machen
würde, wenn etwas geschehen sei, das die zusammengelaufene
Dorföffentlichkeit nichts angehe. Das hätte aber vorausgesetzt, dass
•
Ruprecht keine Zweifel an ihrer
Untadeligkeit gehabt hätte (9. Auftritt.
V 1171), und zwar
selbst, wenn sich dies erst nach ihrem Tode erweisen sollte
9. Auftritt.
V 1173f.).
Doch der
Angesprochene will davon nichts hören und lässt den emotionalen
Appell nicht an sich heran. Stattdessen hält er weiter unbeirrt
daran fest, dass •
Eve mit ihrer Falschaussage
sich nur vor der • "Fiedel" (9. Auftritt.
V 1161), der
öffentlichen Schandstrafe, wegen begangener •
"Unzucht" retten will. Für einen Moment sieht es so aus, als
würde •
Eve die Kontrolle verlieren,
als sie ihn wütend beschimpft (• "O
du Abscheulicher! Du Undankbarer!",
9. Auftritt,
V 1187) und andeutet,
es bedürfe nur eines Wortes von ihr, um ihre in Frage gestellte "Ehre"
reinzuwaschen und ihn "in ewiges Verderben" (9. Auftritt,
V 1190) zu stürzen.
Dass •
Ruprecht nicht verstehen kann, was
sie damit meint, kann ihm nicht angelastet werden, denn er weiß ja
nichts von den näheren Umständen der •
sexuellen Erpressung seiner
Verlobten durch den Dorfrichter • Adam
und kennt dementsprechend auch nicht das •
Dilemma, mit dem •
Eve zurechtkommen muss. Dass
er aber nicht hellhörig wird, sondern weiter stur an seiner Version
der "Wahrheit" festhält, zeigt erneut, wie wenig er zu einer
vernünftigen Reflexion fähig ist.
Statt dem angesprochenen •
Ruprecht ist es •
Walter, der die Andeutungen •
Eves aufgreift und nun
definitiv von ihr bestätigt haben will, dass ihr Verlobter nicht den
Krug zerschlagen hat. (9. Auftritt,
V 1191f.)
So bricht
•
Eve
endlich ihr Schweigen und entlastet •
Ruprecht, sehr zum Ärger ihrer
Mutter, •
Marthe Rull, die ihre ganze,
oben schon erwähnte
Prozessstrategie damit dahinschwinden sieht. Es dauert nicht
lange, dann ist auch der von •
Ruprecht und • Adam
verdächtigte Lebrecht aus dem Schneider. Dass •
Adam
nämlich
wider besseren Wissens alles auf den Flickschuster als Täter setzt,
um heil aus der Sache herauszukommen, bringt
•
Eve
in Rage, die erklärt, dass er doch selbst den besagten Lebrecht tags
zuvor mit einem Auftrag nach Utrecht geschickt habe. Jetzt erinnert
sich auch •
Ruprecht, der die
Gründe für • Adams
Sinneswandel, den Verdacht gegen Lebrecht aufzugreifen, nicht
durchschaut, plötzlich wieder daran, dass auch er den Flickschuster
am Tag zuvor auf seinem Weg nach Utrecht beobachtet hat.
Lebrecht
könne nämlich, wie er feststellt, daher gar nicht zur Tatzeit wieder
in Huisum zurück gewesen sein. (9.
Auftritt, V 1220ff.)
Auch dies wieder ein untrügliches Zeichen dafür, wie Kleist
wohl die Figur verstanden haben will: Ein von seiner
Voreingenommenheit, seiner geringen Bildung und Mangel an Reflexion
so sehr geprägter Bauerntölpel, dass seine Eifersucht und sein
verletzter männlicher Stolz nicht nur seine Wahrnehmungsperspektive
wie mit Scheuklappen begrenzt, sondern auch seine kognitiven
Fähigkeiten, die Dinge im Zusammenhang zu sehen, übersteigt.
Seine
figurale Selbstcharakterisierung, wonach er er sich nur an Fakten
halte (• "Was
ich mit Händen greife, glaub ich gern."
9.
Auftritt, V 1176),
erweist sich so als Selbsttäuschung.
Als seine Lebrecht-Hypothese vom Tisch ist, liegt auch für •
Ruprecht auf der Hand, dass es
eben eine dritte männliche Person gewesen sein muss, die er mit
•
Eve im Garten beobachtet,
in der Kammer mit ihr überrascht und in die Flucht geschlagen hat.
So hört er wohl, etwas kleinlaut und grübelnd geworden, zu, wie
•
Eve, die ja bisher zum Geschehen
nicht weiter vernommen worden ist, Gerichtsrat •
Walter unter Verweis auf • "des
Himmels wunderbare Fügung" (9.
Auftritt,
V 1258) bittet, nicht
weiter in sie zu dringen.
Marthe Rull sieht
sich nach dem Wegfall der Lebrecht-Hypothese darin bestätigt,
weiterhin •
Ruprecht als den
Täter anzusehen. Auch wenn ihre wüsten Drohungen bis hin zur
endgültigen Verstoßung •
Eves, falls doch noch ein Dritter
ausfindig gemacht werde, durchaus auch im Sinne •
Ruprechts sein dürften, muss er
schnell feststellen, dass die Klägerin keineswegs klein beigibt. Mit
ihrem bis dahin nicht geäußerten Verdacht, dass sich •
Ruprecht durch Fahnenflucht dem
Militärdienst habe entziehen und •
Eve in der Vornacht habe
anstiften wollen, mit ihr zu fliehen (9.
Auftritt, V
1304 - V 1317),
rüttelt sie den Beschuldigten wieder auf, der die Verdächtigungen empört
von sich weist. (• "Das
Rabenaas! Was das für Reden sind!", (9.
Auftritt, V 1318)
Anfangst scheint es so, als ob die "Fahnenfluchthypothese" nicht
verfangen würde, denn •
Walter will davon
zunächst nichts weiter hören.(9.
Auftritt, V 1320).
Erst als
• Marthe Rull,
die für ihre Behauptung keinerlei Beweise hat, •
Frau
Brigitte, die Schwester •
Veit Tümpels, als Zeugin ins
Spiel bringt, scheint sich die Lage für •
Ruprecht zu ändern.
Frau
Brigitte, so erklärt sie, könne bezeugen, dass •
Ruprecht schon um halb elf, also bevor er die Zimmertüre
eingetreten habe, mit •
Eve im Garten zu Gange gewesen sei (• "Im Wortgewechsel, kosend
bald, bald zerrend", 9.
Auftritt, V
1344). Auch wenn das, was die beiden miteinander besprochen
haben, offenbar auch nicht von • Frau Brigitte
erlauscht worden ist, stützt sie ihren zuvor geäußerten Verdacht mit
der letztlich aus der Luft gegriffenen Behauptung, •
Ruprecht habe ihre Tochter wohl zu etwas überreden wollen.
Die
Folgen, die • Frau Brigittes
Aussage für Ruprechts Lage im Prozess haben würde, sind gravierend.
Wenn er tatsächlich schon bei •
Eve im Garten gewesen ist, steht nicht mehr Aussage gegen
Aussage (Marthe vs. Ruprecht), sondern er steht
offenkundig als Lügner dar, was
zwangsläufig seine ganze Version des Tathergangs in der Vornacht mit
dem Flüchtenden aus dem Fenster (7.
Auftritt, V 871 -
V 1045)
diskreditieren würde.
Während •
Adam im
monologischen Beiseitesprechen (a parte) diese glückliche
Wendung der Dinge aus seiner Sicht kaum fassen kann ("Verflucht! Der
Teufel ist mir gut.", 9.
Auftritt, V
1346), treibt • Marthe Rull
mit ihrem Verdacht einen Keil zwischen •
Veit Tümpel und seinen Sohn.
Dieser sieht sich von seinem Sohn hintergangen (9.
Auftritt, V
1354), dem er, ehe er ihm erlaubt hat, in der Nacht noch einmal
zu •
Eve zu gehen, um mit seiner Braut noch ein wenig am Fenster zu
plaudern, das Versprechen abgenommen hat, "draußen" zu bleiben. (7.
Auftritt, V 871 -
V 888).
Statt • Marthe Rull oder •
Walter spinnt in
der Folge •
Veit Tümpel die
Konskriptionsgeschichte
weiter (9.
Auftritt, V 1354
- V 1393). Er greift
in sichtlicher Erregung • Marthe Rulls
Verdacht auf, plausibilisiert sie •
mit
eigenen Beobachtungen und spricht von einem • "schändlichen
Geheimnis" (9.
Auftritt, V 1364)
und möglicher • "Verräterei" (9.
Auftritt, V 1389).
Sollte sich das bewahrheiten, ist er bereit, wie •
Marthe Rull aus
allerdings anderen Gründen bei •
Eve
(9. Auftritt,
V 1289 -
V 1297), die
•
härtesten Strafen für seinen verräterischen Sohn zu akzeptieren
(• "der Teufel soll den Hals ihm brechen", 9.
Auftritt, V 1393).
Ruprecht hat nun unerwartet auch seinen Vater gegen sich und
muss sich, nachdem •
Adams Versuche, den Prozess zu
vertagen oder ggf. auch zu beenden (9.
Auftritt, V 1401ff.),
erneut am Widerstand •
Walters scheitern, anhören, was seine nach einer kurzen
Prozesspause in der Gerichtsstube erscheinende Tante, •
Frau Brigitte, zu sagen hat.
Anders als von • Marthe Rull
erwartet, wird •
Ruprecht von seiner Tante entlastet. Als •
Frau Brigitte
mit der am Gartenspalier unter Eves Kammerfenster gefundenen Perücke
(11. Auftritt,
V 1625) im
Gerichtssaal erscheint, kommt •
Adam
in Erklärungsnot und muss zugeben, dass es sich um seine Perücke
handelt. Um der nun scheinbar erdrückenden Indizienlage, die auf ihn
als nächtlichen Besucher in Eves Kammer hinweisen musste, überhaupt
noch etwas entgegensetzen zu können, spinnt er an seinen
Perückengeschichten weiter. So wird Ruprecht von ihm beschuldigt,
die Perücke vor Wochenfrist
nicht mit beim • "Meister
Mehl" (11. Auftritt,
V 1638) in Utrecht
zum Auftoupieren abgegeben zu haben. Auch wenn •
Ruprecht gegen diese Unterstellung protestiert, sie wäre ja mit
einer zeitlichen Verzögerung durch die Aussage des Handwerkers zu
widerlegen gewesen, geht •
Adam
•
Ruprecht noch einmal frontal an und behauptet, dass dieser sich
mit der zurückgehaltenen Perücke habe tarnen und vermummen wollen (•
"Verkappung",
11. Auftritt,
V 1652) , um seine •
"Meuterei"
(11. Auftritt,
V 1653), sprich
Fahnenflucht, zu verheimlichen. Natürlich ist sich •
Adam
der Tatsache bewusst, dass sich diese "Perückengeschichte" durch
Überprüfung der Tatsachen leicht als falsch erweisen lässt, aber im
Hier und Jetzt des dramatischen Geschehens und der Tatsache, dass
der Gerichtsrat •
Walter am selben Tag ja noch weiterreisen will (5.
Auftritt, V 394),
versucht er damit auch auf Zeit zu spielen.
Seiner Tante, • Frau Brigitte, hat
es •
Ruprecht zu verdanken, dass diese Rechnung des Dorfrichters
erneut nicht aufgeht. Sie
springt ihm mit ihrer ins Detail gehenden Aussage über ihre
Beobachtungen in der vergangenen Nacht bei. Sie zeigt sich dabei
fest davon überzeugt, dass es sich bei dem ominösen Besucher • Eves
nicht um •
Ruprecht gehandelt habe (11.Auftritt,
V 1665f.), auch wenn sie, bedingt durch • Eves
Äußerungen in der Vornacht, das anfangs selbst geglaubt hat.
Sie sei, so sagt sie aus, in der
Nacht an •
Marthe Rulls Garten
vorbeigekommen. Dort habe sie gehört, wie •
Eve ganz hinten im Garten sehr aufgeregt, jemanden gescholten,
ihn zurückgewiesen und mit ihrer Mutter gedroht habe. Sie habe sich
deshalb, • Eves Stimme hat sie
offenbar erkannt, bei dieser erkundigt, was
denn da los sei. Ihre Frage, ob •
Ruprecht bei ihr sei, habe •
Eve bejaht, so dass sie angenommen habe, dass es sich um ein
übliches Zanken eines Liebespaares gehandelt habe (11.Auftritt,
V 1679). Auf ihrem
Rückweg um Mitternacht herum sei an ihr aber im Lindengang am Garten
von •
Marthe Rull ein "Kerl [...]
kahlköpfig, / Mit einem Pferdefuß" vorbeigehuscht, der nicht nur
einen • "Dampf
von Pech und Haar und Schwefel" (11.Auftritt,
V 1687) hinter sich
her gezogen habe, sondern dessen • "Glatz
[...] / Wie faules Holz" (11.Auftritt,
V 1690) den
Lindengang erleuchtet habe.
Von den Umstehenden
ist •
Ruprecht zunächst der einzige, der die völlig aus der Luft
gegriffene, von dieser mit ihren sinnlichen Beobachtungen
verteidigte Andeutung seiner Tante aufgreift und den Teufel explizit
ins Spiel bringt. Marthe Rull, •
Walter und der Schreiber •
Licht gehen hingegen sofort auf Distanz zu
dieser als neue "Wahrheit" von der Zeugin präsentierten
Teufelsgeschichte. Der Gerichtsrat will • "ungeduldig"
davon gar nichts wissen (• "Blödsinnig
Volk, das!", (11.Auftritt,
V 1699), lässt aber
dann doch • Frau Brigitte auf
Intervention •
Lichts von den Spuren eines
normalen Menschen- und eines ungeheuer klotzigen Pferdefusses im
Schnee berichten (11.Auftritt,
V 1716ff.), die von
•
Marthe Rulls Haus weggeführt hätten.
Ruprecht ist in seinem einfältigen Teufelsglaube, so darf
man in dieser Situation annehmen, noch immer der einzige, dem diese
aufgetischte Geschichte vom Teufel wohl einleuchtet. Sogar sein
Vater •
Veit Tümpel glaubt nicht daran
(• "Es
ist nicht möglich, Frau!",
11.Auftritt,
V 1721) und bläst
damit ins gleiche Horn wie der zunehmend • "ärgerlich"
werdende Gerichtsrat •
Walter (• "Geschwätz,
wahnsinniges, verdammenswürd'ges –!",
11.Auftritt,
V 1720).
Erst als •
Adam
den Versuch macht, seine zuletzt vertretene Vermutung
•
Ruprecht habe sich zur Täuschung unter Umständen auch als Teufel
verkappt, weiter verfolgt, wacht dieser wieder auf (• "Was!
Ich!", 11.Auftritt,
V 1728ff.), wird
aber, ehe er wohl weiter protestieren kann, scharf von •
Licht zurechtgewiesen und zum
Schweigen gebracht. (V 1729)
Als durch •
Frau Brigittes Bericht herauskommt, dass die Spur im Schnee zum
Haus des Dorfrichters führt (11.Auftritt,
V 1779f.), stellt •
Ruprecht reichlich verdutzt, aber wie stets ohne Fähigkeit,
die richtigen Schlüsse zu ziehen, die Frage: • "Wird
doch der Teufel nicht / In dem Gerichtshof wohnen?" (11.Auftritt,
V 1784f.)
Doch •
Adam
gibt nicht auf, sondern verstärkt im Kampf um die "Deutungshoheit über
die Spur" (Pickerodt 2004,
S.117) seine Version der Teufelsgeschichte. Als sich seine Lage aber
weiter zuspitzt und er durch das •
Vorzeigen seines missgestalteten Fußes, seines • "Klumpfußes"
(1.
Auftritt, V 25),
einer Art • "Zwangshandlung"
(vgl.
ebd., S.109-122), gegen die er sich nicht wehren kann, noch
einmal in die Offensive kommen will, kommentiert der sonst so vorlaute • "Nasweis"
(9. Auftritt,
V 1130) •
Ruprecht das
Geschehen nicht weiter und »hält
wohl Maulaffen feil, bis •
Licht dem Dorfrichter •
Adam
die von •
Frau Brigitte am Spalier unter Eves Kammer gefundene Perücke
aufsetzt (11.Auftritt,
V 1859).
In mimisch-gestisches Spiel übersetzt, bedeutet dies,
dass •
Ruprecht mehr oder weniger mit offenem Mund herumsteht und der Dinge
harrt, die sich vor seinen Augen und Ohren weiter vollziehen. Wer
will, kann die Tatsache, dass •
Marthe Rull (9.
Auftritt, V 1131)
und •
Adam (7.Auftritt
, V 606) ihn als
"Maulaffen" beschimpfen, als Folie für diese Sicht auf seine Mimik
und Gestik und Körperhaltung lesen.
Dass sich •
Ruprecht dann wieder mit dem
fast dämlich erscheinenden Ausruf • "Ei,
solch ein Donnerwetter – Kerl!" (11.Auftritt,
V 1863) im
Mehrpersonendialog mit einem Ausruf wieder zu Wort meldet, in dem eine gewisse
(männliche!) Bewunderung mitschwingt, bestätigt jedenfalls einmal
mehr seine Einfältigkeit und Naivität, die im Gegensatz zur
eindeutig abwertenden Äußerung •
Marthe Rulls an gleicher Stelle
steht. (11.Auftritt,
V 1864)
Da auch •
Ruprecht jetzt
endlich ein "Licht" aufzugehen scheint, kommt aber auch wieder seine ganze
Impulsivität zum Ausdruck. Er mischt sich offen in die
Prozessführung ein, will von •
Eve wissen, ob es tatsächlich der Dorfrichter gewesen ist, den
er in der Nacht zuvor in die Flucht geschlagen hat (• "Eve,
sprich, ist er's?",
11. Auftritt,
V 1866).
Dass er
sich damit anmaßt, die Sache endgültig selbst zu klären, bringt
nicht nur den Gerichtsrat •
Walter gegen ihn auf, der als •
rationaler Sachwalter eines
insgesamt korrupten Systems offensichtlich nur noch ein
Prozessende erreichen will, das dem Ansehen des Gerichts und damit
der Obrigkeit nicht weiter schadet.
Auch
• Veit Tümpel, der abgesehen von seinen Einlassungen wegen der
"Fahnenfluchtgeschichte" (9.
Auftritt, V 1353
- V 1392) dem Verlauf des Prozess wortlos, aber nicht
unbedingt sprachlos folgt, wenn man •
seine Möglichkeiten, mit Mimik und
Gestik den Prozessverlauf zu kommentieren, berücksichtigt, sieht sich
wegen des aufrührerischen
Gestus seines
Sohnes gezwungen, ihn mit einer barschen Ansprache zum Schweigen
aufzufordern (• "Halt's
Maul, sag ich!",
11. Auftritt,
V 1869). Offenkundig
tut er dies, weil auch •
Adam an dieser Stelle mit
Rückendeckung •
Walters mit Worten (• "Wart,
Bestie! Dich fass ich."
11. Auftritt,
V 1869) und dem Ruf
nach dem •
Büttel schwerstes Geschütz
auffährt.
So fällt •
Adam auf die nochmalige
Aufforderung seines Vorgesetzten kurzerhand sein Urteil. Ohne
weitere Begründung erfährt
•
Ruprecht, wie er schuldig gesprochen wird und wegen seines
ungebührlichen Verhaltens vor Gericht für zunächst unbestimmte Zeit
ins Gefängnis gehen soll. (11.
Auftritt, V
1872 - V 1884)
Adams
Skandalurteil,
mit dem •
Ruprecht nach alldem, was sich gerade vor seinen Augen und Ohren
vollzogen hat, nicht rechnen kann, macht ihn und ▪ Eve
so fassungslos, dass sie kaum Worte finden, um ihrer Empörung
Ausdruck zu verleihen. Auch die beschwichtigenden Worte •
Walters (• "Spart eure Sorgen, Kinder.",
11.
Auftritt, V 1882),
die mit einer väterlichen Geste daherkommen, und sein Rat, beim
übergeordneten Gericht in Utrecht die Sache neu verhandeln zu
lassen, kann die beiden nicht beruhigen. Mit Recht: denn •
Walter will im Hier und Jetzt nicht anderes mehr hören. Als ▪ Eve
dennoch nicht zur Ruhe kommt und ihr bisheriges Schweigen bricht,
indem sie •
Adam als den Schuldigen benennt (11.
Auftritt, V 1890),
reagiert •
Walter sehr ungehalten: • "Du
hörst's, zum Teufel! Schweig! /
Ihm bis dahin krümmt sich kein Haar –"
(11.
Auftritt, V 1891f.)
Entweder verstehen
•
Ruprecht und ▪ Eve •
Walters Botschaft nicht, die ihnen, ohne es zu sagen und trotz
des gefällten Urteils recht gibt, oder sie setzen sich einfach
darüber hinweg, da sie nach dem Urteil jeden Glauben an das von der
Obrigkeit vertretene Recht verloren haben, die sich die "Wahrheit"
so hinbiegt, wie sie es braucht.
Doch ▪ Eve
lässt sich weder das Wort verbieten noch mit der Zusage •
Walters, •
Ruprecht bleibe bis zur Wiederaufnahme des Prozesses in Utrecht
unbehelligt und in Freiheit, beruhigen, sondern treibt ihren
Verlobten an, sich den Dorfrichter vorzuknöpfen, den sie noch einmal
dezidiert beschuldigt, in der Vornacht bei ihr in der Kammer gewesen
zu sein. (11.
Auftritt, V 1892).
Laut spornt sie •
Ruprecht an, in einem Akt der berechtigten Rebellion den
skrupellosen Dorfrichter vom Tribunal herunterzuschmeißen. (11.
Auftritt, V 1899)
Dieser tut, wie ihm
gesagt, und versucht, den flüchtenden •
Adam noch zu fassen, doch hat er am
Ende nur noch seinen Mantel in der Hand, aus dem der Dorfrichter
flugs noch herausgeschlüpft ist, als er sich, schon fast von •
Ruprecht erwischt, aus dem Staub macht (11.
Auftritt, V 1900ff.)
Statt •
Adam verprügeln zu können, drischt
er daher mehrfach auf den Mantel ein.
Was sich in der
Gerichtsstube in Huisum vor seinen Augen abspielt, ist für •
Walter eine Insurrektion gegen die Obrigkeit. (• "Halt
dort!
Wer hier Unordnungen –",
11.
Auftritt, V 1897).
Er steht zwar entrüstet auf, ist aber wohl auch überrascht von der
Entschlossenheit ▪ Eves und •
Ruprechts Gewaltausbruch. Daher ruft er sicherheitshalber doch den •
Büttel herbei.
Auch wenn das Einprügeln •
Ruprechts auf den von •
Adam zurückgelassenen Mantel
insgesamt eher lächerlich, denn rebellisch aussieht, will •
Walter die
Lage nicht weiter eskalieren lassen und droht damit, wenn •
Ruprecht nicht sofort Ruhe gebe, ihn arrestieren zu lassen. (11.
Auftritt, V 1905ff.)
Auch die Ermahnung seines Vaters • Veit Tümpel
(• "Sei
ruhig, du vertrackter Schlingel!",
11.
Auftritt, V 1908),
dessen •
naive
Gutgläubigkeit in und Treue zur Obrigkeit trotz allem außer
Frage steht, trägt dazu bei, dass sich die Wolken der Rebellion
schnell verziehen und •
Ruprecht sich wieder beruhigt.
So wendet sich •
Ruprecht, der •
Adam offenbar nicht zutraut, dass
er • Eve irgendwie nahe gekommen
ist – sonst stünde der •
Vorwurf
der "Unzucht" ja noch immer im Raum – seiner Verlobten
mit Worten zu, die einem Verliebten vordergründig gut anstehen (• "Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut!"
12. Kapitel Variant,
V 1912).
Sein lächerlich wirkendes, zu Verständnis bzw. Verzeihung auforderndes
viermaliges "Ei", das seine eher kindlich, denn verliebt wirkende
Ansprache (• "Dein
Pätschchen, hol’s der Henker, nimm’s und ball’s, / Und schlage
tüchtig eins mir hinters Ohr",
12. Kapitel Variant,
V 1916) • Eves
einrahmt, findet jedenfalls zunächst bei der jungen Frau kein
Gehör, auch wenn er sich selbst als • "verfluchte(n)
Schlingel", • "Tölpel"
und •"Schafsgesicht"
(12. Kapitel Variant,
V 1913ff.)
bezeichnet.
Gerichtsrat •
Walter ist mit dem Verlauf, den der Prozess genommen hat, aber
noch sichtlich unzufrieden. Er tadelt •
Eve und wirft ihr vor, das sie mit
ihrem langen (Ver-)Schweigen dazu beigetragen habe, dass dem Gericht
Schande entstanden und ihre Ehre in Frage gestellt worden sei (12. Kapitel Variant,
V 1924 -
V 1927)
Dies bietet •
Ruprecht die willkommene Gelegenheit, ein anderes Verhalten zu zeigen,
als das von • Eve vormals im Prozess
monierte,
▪
er habe ihr nicht vertraut. Als er sich
gegen den Tadel •
Walters schützend vor • Eve
stellt (• "Sie
schämte sich. Verzeiht ihr, gnäd’ger Herr!",
12. Kapitel Variant,
V 1928) hat
dies zweierlei Gründe. Zum einen will er •
Eve, die ihn zuvor zweimal hat
"abblitzen" lassen (12.
Kapitel Variant,
V 1913,
V 1919 -
V 1927),
davon überzeugen, dass er doch noch zu dem von ihr während des
Prozesses so schmerzlich vermissten unbedingten Vertrauen (9.
Auftritt, V 1162
- V 1165) fähig ist
und sie damit zurückgewinnen. Zum anderen will •
Ruprecht gemeinsam mit • Eve
möglichst schnell die Gerichtsstube verlassen (12.
Kapitel Variant,
V 1930),
um ihr eine weitere beschämende Befragung durch den Gerichtsrat zu
ersparen, die u. U. doch noch kompromittierende Details ans Licht der
Öffentlichkeit gezerrt hätte. Diese hätten unter Umständen seine Annahme, • Eve sei schuldlos,
von der er in dieser Situation ohne Kenntnis der Fakten ausgeht (12.
Kapitel Variant,
V 1942)
in Frage stellen können.
Eine Heirat mit einer Frau, die, •
ob gewaltsam oder nicht, ihre •
"Ehre"
verloren hat, wäre für ihn sicher auch weiter nicht in Frage gekommen.
Jetzt aber ist er zunächst einmal, um der Versöhnung mit •
Eve willen, bereit, auf weitere
Details über das, was zwischen ihr und •
Adam in der Kammer passiert
ist, zu verzichten (12. Kapitel Variant,
V 1932 -
V 1935).
Allerdings lässt •
Walter nicht locker und •
Ruprecht und •
Eve
auch nicht so einfach davonziehen. Er besteht darauf, dass •
Eve
vollumfänglich berichtet, was zwischen ihr und •
Adam geschehen ist (12.
Kapitel Variant,
V
1939). Dass •
Adam, wie er meint, einer "Sünd"
(12. Kapitel Variant,
V 1941)
schuldig geworden sei, sei durch ein "keck hingeworfen(es) Wort"
(12. Kapitel Variant,
V 1940)
•
Eves jedenfalls nicht erwiesen.
Aus diesem Grunde ermuntert •
Ruprecht •
Eve,
sich ein Herz zu fassen und zu sagen, was •
Adam von ihr gewollt habe,
auch wenn ihn dies gewiss wieder eifersüchtig werden lasse.
Dass
•
Ruprecht dabei von •
Adam als "Pferdefuß" spricht
und die Formulierung wählt: • "Sieh, hätt’ ein Pferd bei dir den Krug zertrümmert,
/ Ich wär’ so eifersüchtig just, als jetzt." (12.
Kapitel Variant,
V 1944f.)
dürfte nicht darauf hinweisen, dass •
Ruprecht wirklich glaubt, dass seine Braut in der Kammer mit
•
Adam ihre Unschuld (Virginität) verloren und
•
unzüchtige Handlungen begangen hat. Zugleich deutet die nur vordergründig
komisch wirkende Verwendung des Begriffs Pferd, das als
Wortspiel im Anschluss an die Bezeichnung Pferdefuß für •
Adam fungiert, dennoch auch auf eine gewisse
Ambivalenz und Unsicherheit hin, die •
Ruprecht damit überspielen will.
In jedem Fall ist die
Äußerung aber eine Wiederaufnahme der Andeutungen, die Kleist,
für den der Krug als •
sexuelles Symbol fungiert, dem Publikum und den Leser*innen
als
Rezeptionshinweise gibt, um
die Leerstelle jener ominösen zwei Minuten zu füllen, über die
sich •
Eve
in ihrem späteren Bericht über das • "Kammergeschehen"
als • traumatisiertes Opfer sexualisierter Gewalt in
verschleiernder Art und Weise äußert. (12.
Kapitel Variant,
V 2201 -
V 2216)
Mit ihrer Erwiderung auf •
Ruprechts Aufforderung gibt • Eve
ihm zu verstehen, dass, ohne allerdings weitere Details zu
nennen, die Frage, ob sie schuldig oder unschuldig ist, letzten
Endes nichts an den düsteren Zukunftsaussichten ändere, auf die
das Paar unweigerlich zusteuere. (12.
Kapitel Variant,
V 1946f.)
Ruprecht kann sich das nur damit erklären, dass dies
mit
der Konskription zusammenhängt, die ja zu einer baldigen
räumlichen Trennung des Paares für ein Jahr führen wird.
Als sich • Eve allerdings dann
vor seinen Augen, noch ehe sie sich über das • "Kammergeschehen"
zwischen ihr und •
Adam äußert, •
Walter zu Füßen (12.
Kapitel Variant,
V 1950)
wirft
und damit ihre Bitte mit dem Ausdruck der Verzweiflung noch weiter
intensiviert ("Herr, wenn ihr jetzt nicht helft, sind wir
verloren!", 12.
Kapitel Variant,
V 1950),
zeigt sich auch •
Ruprecht aufgeschreckt und besorgt (• "Ewiger
Gott!", 12.
Kapitel Variant,
V 1951).
Unklar bleibt, warum er so reagiert. Vielleicht ist es Ausdruck
eines authentischen Erschreckens, vielleicht ein weiteres
Beispiel seiner Einfalt, vielleicht aber auch ein ironischer
Kommentar zu den in seinen Augen von seiner Braut
überdramatisierend inszenierten Folgen des schließlich, seinem
Wissen nach,
nur einjährigen Militärdienstes in dem unweit gelegenen Utrecht.
Was • Eve dann über die
Vorgeschichte des • "Kammergeschehens"
zwischen ihr und •
Adam berichtet (12.
Kapitel Variant,
V 1959 -
V 2055),
macht •
Ruprecht zunächst sprachlos, bis er durch die von •
Eve als Geheimnis geschilderte
(angeblich) geplante Verschiffung der neu ausgehobenen Truppen
nach Asien (12.
Kapitel Variant,
V 2058f.)
aufhorcht (• "Ich,
nach Asien?", (12.
Kapitel Variant,
V 2062).
Bemerkenswert ist, dass ihn diese Nachricht aber offensichtlich
nicht weiter aufwühlt. Erst in dem Moment, als • Eve
davon berichtet, wie •
Adam in der Vornacht an ihrem
Gartentor aufgetaucht und gleich übergriffig geworden sei, kann
er seine Gefühle nicht mehr zurückhalten, kommt aber auch nicht über
zwei kurze Ausrufe hinaus (• "Gotts
Donnerwetter!" , • "Seht,
den Halunken!" (12.
Kapitel Variant,
V 2119,
V 2122)
Als • Eve darauf zu sprechen
kommt, was genau zwischen ihr und •
Adam •
in ihrer Kammer
passiert ist (12. Auftritt Variant,
V 2201 - V
2218), wird •
Ruprecht, ebenso wie • Eves
Mutter • Marthe Rull, aber
hellhörig, als es um die ominösen zwei Minuten geht, die der
Dorfrichter die junge Frau • "starr"
(12. Auftritt Variant,
V
2217) angesehen habe, bis er gewaltsam die Tür zur Kammer
aufgebrochen habe. Die von • Eve
geschilderte Aggressivität, mit der er gegen sie vorgeht (Stoß
vor die Brust, Fußtritte), macht ihn im Nachhinein wirklich
betroffen.
Von besonderer Bedeutung wird aber, ob •
Eve in dem ganzen
Durcheinander der Vornacht, das dann entstanden sei, tatsächlich
bestätigt habe, dass •
Ruprecht und kein anderer bei ihr in der Kammer gewesen sei.
Zuvor hatte sie ja • Marthe Rulls
Aussage, dass sie das getan hat, nicht ausdrücklich
widersprochen, wenngleich sie sich dagegen verwehrte, einen Eid
darauf geschworen zu haben. (7.
Auftritt, V 773
- V 789) So steht
also noch im Raum, ob sie sich, auch wenn die Wahrheit durch
ihre Aussage gegen • Adam
schon ans Licht gekommen ist, als Lügnerin eine Schuld vorwerfen
lassen muss. Sie selbst scheint ihre Schuld anzuerkennen ("ich
log, ich weiß, /
Doch log ich anders nicht, ich schwör’s,
als schweigend.",
12. Auftritt Variant,
V
2276f.), auch wenn sie im Gegensatz zu dem, was •
Marthe Rull und •
Ruprecht (7. Auftritt,
V 1042) darüber
ausgesagt haben, lediglich ihr angebliches Schweigen zu den
Beschuldigungen ihrer Mutter und der anwesenden Dörfler*innen
meint.
Wie auf ein Kommando hin ändern daraufhin auch •
Ruprecht und • Marthe Rull
ihre Aussage ab.
Ruprecht erklärt unumwunden, das sie in der Vornacht • "kein
Wort" (12. Auftritt Variant,
V
2278) gesprochen habe und auch •
Marthe Rull kann sich plötzlich nur noch an ein Kopfnicken
als Antwort • Eves auf die
Frage erinnern, • "ob's
der Ruprecht war" (12. Auftritt Variant,
V
2279f.). Das konzertante Spiel der gerade erst als Klägerin und
Angeklagter im Krugprozess Agierenden wird im nachfolgenden
Dialog zu einem komödiantischen, mit
Antilaben
verstärkten Hin und Her, bei dem die beiden •
Eve immer wieder neue
Argumente zuspielen. Doch diese weiß offenbar gar nicht, wie ihr
geschieht, als •
Ruprecht das vermeintliche Nicken zu einer eigenen Erzählung
ausgestaltet, die in ihrer •
Sprachkomik an seine "Ohrenerzählung"
bei der Schilderung seines Eintreffens beim Gartentor in der
Vornacht erinnert. Am Ende der kurzen Passage ist nicht nur Eve
• "verwirrt"
(12. Auftritt Variant,
V
2289), sondern diese Lüge in einer Mischung aus •
Sprach- , •
Situations- und •
Charakterkomik entschuldigt.
Für • Eve ist die Sache,
derentwegen sie sich •
Walter •
zu Füßen geworfen
hat, allerdings längst nicht ausgestanden. Der Gerichtsrat, der,
wie sie meint, selbst im Auftrag der Regierung in Utrecht eine •
"geheime
Instruktion, die Landmiliz betreffend" (12. Auftritt Variant,
V
2067f.) an die Ämter geschrieben habe, hat ihr gegenüber
geleugnet, davon zu wissen, dass die neu ausgehobenen Truppen
nach Batavia versendet würden. Und das obgleich sie den
betreffenden Brief mit eigenen Augen gesehen, •
als
Analphabetin selbst aber nicht habe lesen können. (12. Auftritt Variant,
V
2072ff.) Als sie nun wieder darauf zu sprechen kommt, wirft
sie •
Walter nun dezidiert vor, dass
dessen Behauptung, • Adam
habe den Brief gefälscht und ihr beim vermeintlichen Vorlesen
einfach aus dem Stegreif seine Lügen präsentiert, selbst unwahr
sei (12. Auftritt Variant,
V
2311- V
2316). Als •
Walter dem widerspricht und
auch der Schreiber •
Licht ihm beispringt, fühlt
sich • Eve von ihm, um sein
ihr gegebenes Versprechen
(12. Auftritt Variant,
V
1955ff.) betrogen und adressiert ihre
Schlussfolgerung daraus an •
Ruprecht: • "O
Ruprecht! O mein Leben! Nun ist’s aus." (12. Auftritt Variant,
V
2321)
Dieser ist über die Haltung seiner Verlobten auch einigermaßen
überrascht und fragt nach, ob sie sich auch wirklich von der
Wahrheit ihrer Behauptungen überzeugt habe. Eine Frage, die
ebenso wie die nachgeschobene • "Stand's
wirklich so -?" (12. Auftritt Variant,
V
2324) zeigt, dass er erneut nicht in der Lage ist, aus dem
bislang Gesagten vernünftige Schlüsse zu ziehen. Eigentlich sind
diese Fragen ja nur dann sinnvoll, wenn • Eve
wirklich hätte selbst überprüfen, d. h. lesen können, was in der
vermeintlich geheimen Instruktion
gestanden hat. Er unterstützt damit • Eves
Position und begründet dies damit, dass Ähnliches schon sieben
Jahre zuvor einmal passiert sei, muss sich aber von •
Walter sagen lassen, dass
Truppenverlegungen nach Asien von der Regierung nie verheimlicht
worden seien. (12. Auftritt Variant,
V
2327- V
2333) Dass •
Ruprecht diese Entgegnung widerspruchslos hinnimmt, zeigt
dass sein Einwand eher einem Bauchgefühl folgt, denn auf
nachprüfbaren Tatsachen beruht.
Eve sieht sich aber auch mit
diesem Argument •
Walters offenbar nur weiter
hinters Licht geführt, auch wenn sie den Gerichtsrat, den sie
zuvor als ▪ "gnäd'ger
Herr" (12. Auftritt Variant,
V
2315) und sogar als ▪ "Freund" (12. Auftritt Variant,
V
2324) bezeichnet hat, offenbar nicht persönlich für
ihr vermeintliches Schicksal verantwortlich machen will.
Angesichts der von ihr als sicher angenommenen Tatsache, dass •
Walter das ihr gegebene
Versprechen (12. Auftritt Variant,
V
1955ff.) nicht halten kann und will, will sie mit •
Ruprecht die Gerichtsstube verlassen, um mit ihm wenigstens
noch die letzten Stunden vor seiner Abreise ungestört verbringen
zu können, ehe er seiner ungewissen Zukunft in Batavia
entgegengeht.
In der nachfolgenden ▪ "Münzszene"
(12. Auftritt Variant,
V 2345 -
V 2377), in
der es •
Walter doch noch gelingt, das
Vertrauen • Eves in den Staat
wiederherzustellen, teilt •
Ruprecht zunächst die Zweifel seiner Verlobten. Als sie ihn
gestisch in ihre Entscheidung einbezieht • ("Sie
sieht Ruprecht an.",
12. Auftritt Variant,
V
2365), ob sie das Angebot •
Walters annehmen soll, fördert
er mit seiner emphatisch-aufgeregten Ablehnung (• "Pfui!
’S ist nicht wahr! Es ist kein wahres Wort!",
ebd.) für einen
kurzen Moment • Eves
Entscheidung, •
Walter den Beutel mit den 20
Gulden zurückzugeben. (12. Auftritt Variant,
V
2366ff.) Man gewinnt dabei den Eindruck, dass es •
Ruprecht hier seiner Verlobten, die ihr Misstrauen ja gerade
noch dezidiert geäußert hat, besonders recht machen will, ohne
Gespür dafür, dass sie sich in einem echten Zwiespalt befindet.
So verwundert es auch nicht, dass er sofort die Position
wechselt, als dies auch • Eve
tut. Und nicht nur das: Als •
Walter seiner Verlobten für
deren Einsicht einen väterlich gemeinten Kuss geben will und von
•
Ruprecht (!), ehe er ihn ausführt, die Erlaubnis erbittet,
willigt er begeistert ein ▪ ("einen
tüchtigen. So. Das ist brav.", (12. Auftritt Variant,
V
2378).
Seine Zustimmung zum Kuss •
Walters bereitet nicht nur den
Weg zum •
Happy End für Eve
und ihn, sondern zeigt – je nachdem, wie die Rolle des
Gerichtsrats interpretiert wird – die Leichtgläubigkeit •
Ruprechts.
In einer geradezu euphorisiert wirkenden Art und Weise, die auch
von • Eve
unterstützt wird, will •
Ruprecht nun im
Vertrauen auf die Aussagen •
Walters seinen Dienst in
Utrecht antreten. Und auch •
Walter setzt zum rührseligen
Ende des Stückes noch eines oben drauf und sagt •
Ruprecht zu, ihn seinem Bruder in dessen Kompanie der
Landmiliz zu empfehlen. Zugleich kündigt er den beiden an, als
Gast an ihrer Hochzeit zu erscheinen. (12. Auftritt Variant,
V 2386ff.).
Vollends zum •
Happy End für die Verlobten wird das Ganze jedoch erst, als auch
ihre Vormünder, •
Marthe Rull und •
Veit Tümpel, mit der Hochzeit
der beiden weiter einverstanden sind. Alles andere, was sie •
Ruprecht im Verlauf des Prozesses vorgeworfen haben, ist mit
einmal passé ist oder wird, wie im Falle •
Marthe Rulls in versöhnlicher Manier als dummer
Jungenstreich abgetan. (12. Auftritt Variant,
V 2398).
Ruprecht ist, das zeigt sein ganzes Verhalten, keine
▪
Erkenntnisfigur des gesellschaftlichen Umbruchs, wie
man es • Eve
nachgesagt hat. Als Verlobter in einer Korrespondenzbeziehung
überwiegt der Figurenkontrast, der zwischen den beiden
Brautleuten besteht. Während jene, im Anschluss an
Grathoff (1983), während des dramatischen Geschehens einen ▪
Erkenntnisprozess über die wahre Natur des Staates
durchläuft, tritt jener auf der Stelle. Trotz seiner
gelegentlichen Einwürfe, die ein gewisses Skepsis gegenüber dem
Staat ausdrücken, steht er ihm und seinen Repräsentanten wie
sein Vater •
Veit Tümpel loyal gegenüber,
auch wenn er sich, von • Eve
und seinen aufgewühlten Emotionen angetrieben, dazu verleiten
lässt, am Ende gegen den entlarvten •
Adam handgreiflich zu werden.
Klingt •
Eves Aufforderung dazu irgendwie
nach Rebellion, ist der dem Aufruf folgende •
Ruprecht alles andere als ein Rebell. Dazu fehlt dem
einfachen und ungebildeten Bauernsohn schlichtweg der Horizont,
den seine Verlobte mit ihrem ansatzweise begründeten
▪ Urteil über die politischen Verhältnisse in den Niederlanden
und ihrer Kolonialpolitik zumindest kurz aufblitzen lässt.
(12.
Auftritt Variant,
V 1971,
V 2061ff.)
Dass seine Verlobte ihn betrogen,
"Unzucht" mit seinem vermeintlichen Nebenbuhler Lebrecht
begangen hat, steht für ihn fest, obwohl er er keine Beweise
dafür hat. Dass er seiner "Lebrecht-Hypothese"
lange unbeirrt folgt, als sich diese erledigt, der
"Teufelsgeschichte" Frau Brigittes sofort aufsitzt, zeigt,
dass er sich trotz der selbstgewählten Attitüde,
sich nur an Fakten zu halten, seine Wahrheit, auch wenn er
im Ganzen gesehen geradlinig und
aufrichtig ist,
zusammenreimt. Dass er auch keine folgerichtigen Schlüsse aus
den Blessuren ▪
Adams an Kopf, Wangen und Bein
ziehen kann, zeigt einmal mehr, wie seine Voreingenommenheit seine
Wahrnehmungsperspektive und seine Suche nach der Wahrheit im Sinne
des figurentypischen •
erkenntnistheoretischen Perspektivismus" in diesem Stück prägt.
Seine Verletzlichkeit, Eifersucht und sein männlicher Stolz sind die
• "grünen
Gläser", durch die seine Wahrheit subjektiv eingetrübt wird.
Dass seine Verlobte ▪
Opfer sexualisierter
Gewalt geworden ist, treibt ihn nur unter dem Blickwinkel
ihres möglichen Ehrverlusts um. Die Tatsache, dass der "alte" •
Adam seine Verlobte •
Eve in der Kammer zu unzüchtigen
sexuellen Handlungen gezwungen haben könnte, steht auch am Ende
für ihn noch außerhalb dessen, was er sich vorstellen kann:
Empathie Fehlanzeige. Zu sehr ist er den traditionalen
patriarchalischen Rollenbildern verhaftet, die zu transzendieren,
dramaturgisch ihm als Nebenfigur, die zu der Gruppe der Gruppe
der ungebildeten Bauerntölpel in der Dorfwelt von Huisum gehört,
vom Autor auch nicht zugedacht ist. Was dieser mit •
Ruprecht als komischer Figur zeigt, ist, wie seine
"Scheuklappen" seine Wahrnehmung und damit die Suche nach der
Wahrheit bestimmen. Mehr als ein Tölpel mit Scheuklappen soll er
nicht sein.