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Aspekte der Analyse und Interpretation

Ein Tölpel mit Scheuklappen

Heinrich von Kleist«Der zerbrochne Krug –  Einzelne Figuren Ruprecht

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation • Einzelne Figuren Überblick Adam Licht • Walter Marthe Rull Eve Veit Tümpel RuprechtÜberblick [ Aspekte der Analyse und Interpretation Überblick Bedeutung im Handlungsverlauf Korrespondenz- und Kontrastbeziehungen in der Figurenkonstellation Aspekte der literarischen Charakteristik Ein Tölpel mit Scheuklappen (Interpretation) ] BausteineFragen und Antworten (KI) Frau Brigitte Ein Bedienter Mägde Büttel Sprachliche Form Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet  Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

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YouTube: Ruprecht: Monolog (gespielt von Marcel Klein)
Ruprechts Aussage zum Geschehen in der Vornacht

Das Happy End für Eve und Ruprecht

Als • Ruprecht mit seinem Vater, dem Kleinbauern • Veit Tümpel, Anfang Februar (vgl. 9. Auftritt, V 1146) am Gerichtstag vor dem Huisumer Dorfgericht erscheint (• 6. Auftritt), nimmt das dramatische Geschehen Fahrt auf. Wahrscheinlich hört man schon in den Szenen zuvor Geräusche, die von draußen von der sich im Vorraum versammelten "Schar von Leuten" (4. Auftritt, V 354) in die Gerichtstube des Dorfrichters • Adam dringen.

Dieser hat eben, gemeinsam mit seinem Schreiber • Licht den Gerichtsrat • Walter empfangen, der überraschend in Huisum eingetroffen ist (• 4. Auftritt), um als Revisor im Auftrag des zuständigen Obertribunals in Utrecht das Gerichtswesen •"auf dem platten Land" (4. Auftritt, V 297f.) in Augenschein zu nehmen.

Adam, der nichts Gutes davon erwartet, kann auch mit seiner Hinhaltetaktik nicht vermeiden, dass sein Vorgesetzter an dem für diesen Tag turnusmäßig anberaumten Gerichtstag teilnehmen will, um sich einen persönlichen Eindruck von der Rechtspflege in Huisum zu machen. (4. Auftritt, V 359f.)

Mit den Klageparteien erscheinen, sieht man von den beiden • Mägden des Dorfrichters und dem • Büttel ab, erstmals Dorfbewohner auf der Bühne. Was sie sagen, ist, wie ja der gesamte Text, in • Blankversform gehalten, der auch deren Sprache so weit • ästhetisch homogenisiert, dass sich die • Dorf- und die • Gerichtswelt beim Sprachgebrauch zunächst einmal kaum unterscheiden und damit die soziale Position der Sprecher*innen sprachlich nicht markiert ist.

Allerdings spielen, wenn man den • plurimedialen Charakter der dramatischen Rede berücksichtigt, andere Faktoren eine Rolle, die das Sprechen der Dorfbewohner von den Figuren, die zur • Gerichtswelt gehören, deutlich abheben. Auch wenn Kleist für den ersten Auftritt der Dorfbewohner*innen keine • expliziten Bühnenanweisungen gibt, bringt der Streit zwischen • Marthe Rull auf der einen und • Veit und • Ruprecht Tümpel auf der anderen Seite einen völlig anderen Ton auf die Bühne. Dabei geht es nicht nur laut zu, sondern auch die Wortwahl der Streitenden ist deutlich anders als z. B. im Dialog zwischen • Adam und • Walter in den beiden Szenen davor. Hier wird ausgeteilt, ohne dass ein Blatt vor den Mund genommen wird. Nur • Adam hat sich vor dem Eintreffen des Gerichtsrats, • Blankvers hin Blankvers her, schon das eine oder andere Mal in einem rüden Ton geäußert.

Ruprecht wird in Begleitung seines Vaters zum Dorfrichter zitiert, wo ihn • Marthe Rull wegen eines in der Kammer ihrer Tochter Eve in der Vornacht zu Bruch gegangenen Kruges zur Rechenschaft ziehen lassen will.

Über die • sozialen Verhältnisse, in denen Ruprecht mit seinem Vater Veit Tümpel  lebt – von anderen Familienmitgliedern, abgesehen von Ruprechts Tante ( Frau Brigitte), ist nirgends die Rede – gibt der Komödientext wenig her. Sein Vater ist "Kossäte" (7. Auftritt, V 847), d. h. ein • Kleinbauer in der Dorfgemeinde von Huisum. Kleinbauern oder Häusler bewohnten oft nur eine Kate (kleines Haus) und lebten von der Landwirtschaft. Mitunter erzielten sie daraus auch Überschüsse, die sie auf dem Markt in einer der nahe liegenden Städte verkauften. Gut möglich, dass • Ruprecht eine Woche vor dem Krugprozess, als er mit den Ochsen seines Vaters nach Utrecht gefahren ist (11. Auftritt, V 1655f.) und dort aus Gefälligkeit die Perücke Adams beim • "Meister Mehl" (11. Auftritt, V 1638) zum Auftoupieren abgegeben hat, in solchen Geschäften unterwegs gewesen ist. Insgesamt gesehen dürften die häuslichen Verhältnisse, in denen • Ruprecht lebt, wohl zum Leben reichen, aber doch sehr bescheiden sein.

Kleist will • Ruprecht nicht als "guten Jungen von nebenan" oder einfach verliebten Bräutigam verstanden wissen. Das macht schon sein ▪ sprechender Nachname deutlich, mit dem Kleist eine • explizit-auktoriale Charakterisierung der Figur vornimmt. Der Familienname "Tümpel" stempelt Vater und Sohn zu den für das Lustspiel gattungstypischen, ungebildeten, einfältigen und ungehobelten Bauerntölpeln (Kreutzer 2011, S.57, Kindle Edition), über die sich das bürgerliche (Lese-)Publikum mit so großem Genuss lustig macht und erfüllt damit auch eine satirische Funktion.

Wer's nicht merkt, dem hilft • Adam explizit auf die Sprünge, als er sich im Gespräch mit • Eve Rull darüber und damit auch über die Person • Ruprechts lustig macht. Mit seinem • "Spiel" mit dem Nachnamen ihres Bräutigams will er sie einschüchtern und verletzen. Nichtsdestotrotz ist sein Spiel damit (• "Heißt er nicht Ruprecht Gimpel? [...] Ja. Oder Simpel? Simpel oder Gimpel", 12. Auftritt Variant, V 2156 - V 2180) bezeichnend dafür, wie man gemeinhin auf die ungebildete Landbevölkerung herabsieht. Beides, Simpel und Gimpel, sind Abwertungen, die  für eine eine einfache, schlichte und naive Person verwendet werden, die sich durch ihre Tölpelhaftigkeit, Ungeschicklichkeit und Dummheit auszeichnen. Aber nicht nur Kleist sieht in • Ruprecht einen Tölpel, sondern auch dieser spricht so von sich, als ihm nach der Flucht • Adams die Einsicht wie Schuppen von den Augen fällt, dass er • Eve schweres Unrecht getan hat. ("Ei, solch ein Töpel!", 12. Auftritt Variant, V 1919)

Ruprecht und Eve: Keine romantische Liebesbeziehung

Ruprecht ist, als die Dramenhandlung einsetzt, seit etwa einem halben Jahr mit • Eve verlobt, der Tochter von • Marthe Rull, der Witwe eines Kastellans (Verwalters). Er will sie in absehbarer Zeit heiraten.

Seine Entscheidung, um ihre Hand anzuhalten, klingt, als er davon berichtet, sehr rational und entbehrt jeder romantischen Grundlage. Dies ist für die Zeit, in der das Stück spielt, nichts Außergewöhnliches, zumal Eheschließungen meist • arrangiert wurden, auch wenn sie, insbesondere auf dem Land, gewöhnlich nicht gegen den Willen der Beteiligten zustande kamen. Es ist also nicht angebracht, die Beziehung der beiden in den • Kategorien der bürgerlichen romantischen Liebe späterer Jahrhunderte verstehen zu wollen. Zu behaupten, • Ruprecht liebe seine • Eve über alles, sei deshalb maßlos und könne seinen Schmerz und Zorn kaum bändigen (vgl. Pelster 2020), dürfte daher der Beziehung der beiden Brautleute in ihrer Zeit nicht gerecht werden.

Ruprecht scheint jedenfalls mit • Eve, von deren Tüchtigkeit, körperlicher Robustheit und Kraft er sich bei der gemeinsamen Heuernte ein Bild gemacht hat, eine sittlich tadellose, tatkräftige und gesundheitlich robuste Braut gefunden zu haben, die ihm künftig den Haushalt führen, auf dem Hof helfen und zugleich als Mutter ihrer künftigen Kinder für den Nachwuchs sorgen kann (7. Auftritt, V 876f.) Als er ihr mit den zwei Worten • "Willst du?" (7. Auftritt, V 879) eines Tages einen Heiratsantrag macht, zögert sie ein bisschen, stimmt aber, indem sie ihm die Hände reicht, mit einem einfachen "Ja" kurz und bündig zu.(9. Auftritt, V 1166)

Was • Ruprecht als • Sohn eines Kossäten (Kleinbauers) (7. Auftritt, V 847) seiner Braut • Eve perspektivisch zu bieten hat, ist ein Leben in mehr oder weniger gesicherten Verhältnissen und harter Arbeit, aus deren Ertrag sich keine Reichtümer anhäufen ließen. Für die Kleinbauernfamilie, die im Stück ja nur aus dem Vater und dem Sohn besteht, stellen daher auch die Verlobungsgeschenke, die • Veit Tümpel seinen Sohn an • Eve überreichen lässt (• Silberkettlein, • Schaupfennig), mehr als nur einen symbolischen Wert dar. Ob • Ruprecht Lesen und Schreiben kann, thematisiert der Text nicht.

Immerhin hat • Ruprecht unlängst eine kleinere Erbschaft von hundert Gulden gemacht, von der auch • Adam, ebenso wie wohl das ganze Dorf, weiß (12. Kapitel Variant, V 2028). Hundert Gulden waren allerdings in der Zeit, in der die Handlung spielt, kein wirklicher Reichtum, der einem ein dauerhaft sorgenfreies Leben bescheren konnte. Die Summe entsprach in etwa dem Lohn eines Arbeiters für mehrere Monate. Sie war aber immerhin so viel, dass man davon wohl die Kosten für die komplette Grundausstattung eines Haushalts (Bett, Tisch, Stühle usw.) hätte bestreiten können.

Die Verlobung der beiden Minderjährigen wird von ihren Vormündern (• Veit Tümpel und • Marthe Rull) abgesegnet und mit der Überreichung der Verlobungsgeschenke an • Eve  offiziell, d. h. auch rechtlich, besiegelt. (9. Auftritt, V 1385ff.) Das • Eheversprechen, das diesem Akt zugrunde liegt, hatte in der Frühen Neuzeit noch eine andere, und zwar hohe soziale Verbindlichkeit.

Seine zukünftige Braut gegen Nebenbuhler zu verteidigen, ist für • Ruprecht  daher auch selbstverständlich. Aus diesem Grunde sollte seine Forderung an • Eve, seinem vermeintlichen Nebenbuhler, dem Flickschuster Lebrecht, einen klaren Korb zu geben und seine Bereitschaft, ihm andernfalls auch mit gewaltsamen Mitteln seine Grenzen aufzuzeigen, von dem er selbst berichtet (7. Auftritt, V 924 - V 933), nicht in erster Linie als Ausdruck einer eifersüchtigen "Liebe" gelesen werden, sondern eher als legitime Verteidigung des gegebenen • Eheversprechens.

In der Verlobungszeit lernen sich • Eve und • Ruprecht unter Wahrung der erforderlichen Anstandsregeln, die in Huisum gelten, kennen. Die • Annäherung der Geschlechter erfolgt auch hier • unter der sozialen Kontrolle der Dorfgemeinschaft. Darunter fiel auch die • voreheliche Sexualität, die • reguliert und sanktioniert wurde. Was uns heute fremd und befremdlich erscheint, ist die Tatsache, dass "Sexualität (...) in der Frühen Neuzeit keine private Angelegenheit (war), sondern außerhalb der Ehe eine Sünde und innerhalb dieser eine Pflicht, weshalb sie durch kirchliche Normen und das weltliche Strafrecht reglementiert und kontrolliert wurde." (Wunder 2023, S.105)  Nur vor dem Hintergrund des Wissens darüber, "dass frühneuzeitliche Begriffe auf einem • anderen Verständnis von ›Sexualität‹ beruhen als moderne" (ebd.), lässt sich verstehen, weshalb in der Frühen Neuzeit auch die • Virginität der heiratsfähigen Mädchen und Frauen nicht nur ein hohes Gut war, sondern, insbesondere in der dörflichen Welt, "nicht bloß individuell, sondern auch kollektiv zu verteidigen war" (Eder 2002, S.39).

So muss sich auch • Ruprecht bei seinem Vater • Veit die Erlaubnis einholen, wenn er  sich zu später Stunde noch mit seiner Verlobten • Eve treffen will, um ein wenig am Fenster zu plaudern. Zugleich muss er ihm versprechen, nicht mit ihr in ihre Kammer zu gehen und zu einer bestimmten Zeit nachts wieder zu Hause sein (7. Auftritt, V 886).

Ruprechts Erfassung auf der Konskriptionsliste der Utrechter Regierung stößt die Heiratspläne des Paares um. Schon in wenigen Tagen soll er einen einjährigen Militärdienst im unweit gelegenen Utrecht antreten (12. Kapitel Variant, V 2391). Damit steht die geplante Hochzeit mit • Eve, die im Frühsommer des Jahres geplant ist, auf der Kippe. Ruprecht packt für seine Abreise am Vortag der Dramenhandlung seine Sachen (9. Auftritt, V 1366) und will notgedrungen dieser Pflicht nachkommen, der er sich nur durch Fahnenflucht hätte entziehen können, wie es viele andere machten (9. Auftritt, V 1310), wenn sie willkürlich auf die Konskriptionsliste gesetzt wurden. Doch dies kommt für ihn nicht in Frage. (12. Kapitel Variant, V 1983, V 2380)

Während der bevorstehende Militärdienst aber nur das geplante Datum der Heirat gefährdet, hat das, was in der Vornacht passiert ist, die Heiratspläne für ihn zunichte gemacht. In dieser Nacht hat er • Eve, wie er meint, mit seinem Nebenbuhler, dem Flickschuster Lebrecht, zunächst im Garten vor dem Haus von • Marthe Rull beobachtet (7. Auftritt, V 899 - V 957) und dann, als die beiden gegen alle Zucht und Ordnung auch noch in der Kammer • Eves verschwunden sind, sie dort in flagranti überrascht. (7. Auftritt, V 962 - V 973) Auf der abrupten Flucht aus dem Fenster hat er dem Nebenbuhler noch mit einer Türklinke einen Schlag auf den Kopf versetzen, ihn aber nicht festhalten können. (7. Auftritt, V 973ff.)

Das wiederum hat fatale Folgen für ihn. Als wegen des • "Tumults" (• 7.Auftritt, V 746) in • Eves Kammer nicht nur deren Mutter, sondern auch die halbe Nachbarschaft neugierig dort zusammenlaufen, hat sich der eigentliche "Übeltäter" aus dem Staub gemacht. So entsteht der Eindruck, dass • Ruprechts Beteuerungen, er habe • Eve mit einem Nebenbuhler überrascht, erfunden sind, um nicht selbst als möglicher Täter unzüchtiger vorehelicher sexueller Handlungen mit seiner Braut angesehen zu werden, die auch in der Dorfgemeinschaft von Huisum nicht geduldet werden.

Da • Eve, auf die sich schon in dieser Situation die ganze Wut ihres vermeintlich betrogenen Verlobten richtet, nichts zur Verteidigung • Ruprechts gegen die Anschuldigungen ihrer Mutter und der anwesenden "Bauerntölpel" (Kreutzer 2011, S.57, Kindle Edition) vorbringt, sehen diese sich in ihren Annahmen bestätigt, dass • Ruprecht und • Eve nicht nur gegen die Regeln zur • Annäherung der Geschlechter, die in Huisum gelten und von den Dörflern gemeinsam überwacht und sozial sanktioniert werden, im Dorf verstoßen haben, sondern es dabei auch zu • unzüchtigen sexuellen Handlungen gekommen ist.

Da die • Ehe bis ins 20. Jahrhundert hinein der einzige legitime Ort für Sexualität und das Ehebett allein der "anerkannte Altar für die Zeremonie der Sexualität" (Perrot 1992, S. 121, zit. n. Gestrich 2003, S.513) war, mussten also auch die Verlobten noch mit gesellschaftlichen Sanktionen rechnen. Allerdings waren die sozialen Folgen, die solche Verstöße gegen Zucht und Ordnung hatten, für die Frau viel schwerwiegender als für den Mann, weil die Frau damit nicht nur ihre "Ehre" gefährdete, sondern auch mit dem möglichen Verlust ihrer Virginität ihr eigentliches »soziales KapitalPierre Bourdieu) verlor.

Hätte • Ruprecht, so wie • Eve ihm dies später vorhält (9. Auftritt, V 1162 - V 1184), unbedingtes Vertrauen in seine Braut gehabt und einfach erklärt, dass er es gewesen sei, der sich mit ihr in ihrer Kammer aufgehalten habe, wo der Krug zerbrochen sei, hätte sich die ganze Angelegenheit in jedem Fall nicht so aufgeschaukelt. Immerhin handelt es sich bei dem Paar um Verlobte, was am Ende eine weniger hart ausfallende • Sanktionierung eines möglichen vorehelichen Sexualverkehrs nach sich gezogen hätte.

Ruprechts Perspektive: Wahrnehmung mit den Scheuklappen eines betrogenen Bräutigams

Die wütende Reaktion • Ruprechts und sein Vorwurf der Untreue ("Metze", 6. Auftritt, V 440, 7. Auftritt, V 819), die einhergehen mit seiner Aufkündigung der Verlobung, verunmöglichen daher eine einigermaßen erträgliche Lösung der Konfliktsituation, die allerdings auf Kosten der Wahrheit gegangen wäre. Was in einem solchen Fall tatsächlich passiert wäre, lässt der Text allerdings offen.

Als der Prozess beginnt und die Konfliktparteien im Dorfgericht erscheinen, sind die Fronten schon verhärtet. Ruprecht hat seit den Geschehnissen in der Vornacht offenbar kein Wort mehr mit • Eve gesprochen und wehrt ihren Versuch, vor dem Prozess noch einmal mit ihm zu sprechen, brüsk ab. (6. Auftritt, V 453 - V 456) Indem er • Eve damit jede Möglichkeit raubt, sich ihm allein zu erklären, nimmt der Prozess seinen Lauf.

Die Legitimität der • "Gerichtswelt" und ihrer Vertreter steht für • Ruprecht und seinen Vater • Veit Tümpel außer Frage, auch wenn der impulsive  • Ruprecht der Obrigkeit und ihren Repräsentanten nicht immer mit dem von diesen erwarteten Respekt begegnet. Er ist wegen der angeblichen Untreue seiner Verlobten ▪ Eve verletzt und wütend und hat ganz offensichtlich auch damit zu kämpfen, vor der Dorfgemeinschaft als "gehörnter" Bräutigam (7. Auftritt, V 942ff.) dazustehen.

Die Ausgangspositionen von Klägerin (• Marthe Rull) und Beklagtem (• Ruprecht) könnten kaum unterschiedlicher sein. Bei jener geht es um die • "Ehre", • die eigene soziale Stellung und das »SozialkapitalPierre Bourdieu) Jungfräulichkeit der eigenen Tochter, bei diesem neben der Wahrheit darum, vor Gericht das förmliche Verlöbnis mit Eve Rulloffiziell aufzulösen und die Verlobungsgeschenke (• Silberkettlein, • Schaupfennig) von • Eve und ihrer Mutter Marthe Rull zurückzufordern (9. Auftritt, V 1383 - V 1388).

Da Ruprecht das Alter von 26 Jahren noch nicht überschritten hat, das in vielen ländlichen Gegenden erst die Grenze zur vollständigen Mündigkeit in der frühen Neuzeit markierte, steht er unter der Vormundschaft seines Vaters Veit Tümpel. Ihn weiß • Ruprecht auch zu Beginn des Prozesses hinter sich und dieser ist auch bereit, falls sich herausstellen sollte, dass sein Sohn den Krug • Marthe Rulls tatsächlich zertrümmert hat, Schadenersatz zu leisten (▪ 6.Auftritt, V 423). Allerdings ist • Veit Tümpel bei Prozessbeginn aber über das Wann und Wo des Geschehens, das zum Bruch des Kruges geführt hat, nicht im Bilde. So weiß er (noch) nicht, dass sich sein Sohn, wie • Marthe Rull behaupten wird, über seine Anweisungen hinwegsetzend, mit ▪ Eve in • Marthe Rulls Garten getroffen und womöglich sogar in ihrer Kammer aufgehalten hat. Ohne dass er dies in irgendeiner Weise explizit artikuliert, glaubt er • Ruprechts Angabe, ▪ Eve habe ihn betrogen und will als sein Vormund die Verlobungsgeschenke zurück.

Ruprecht ahnt jedoch, dass • Marthe Rull etwas ganz anderes als den materiellen Schaden im Sinn hat, der ihr entstanden ist. Daher hält er ihr vor, dass es ihr letztlich gar nicht um den Krug gehe. Ihre Absicht sei es vielmehr, die  •"Hochzeit [...], die ein Loch bekommen" (6. Auftritt, V 441) zu ▪ "flicken" (6. Auftritt, V 442). Die Aussage hat einen doppelten Sinn. Zum einen drückt sie • Ruprechts Annahme aus, dass • Marthe Rull, aller Ereignisse zum Trotz, an der geplanten Hochzeit festhalten will. Zum anderen spielt sie mit dem Begriff "Loch" ziemlich eindeutig darauf an, dass ▪ Eve in seinen Augen ihre Unschuld verloren hat und damit die Hochzeit geplatzt ist. Der Krug, dessentwegen • Marthe Rull die Anklage erhebt, wird dadurch eindeutig als • sexuelles Symbol für die Unschuld (Virginität) von • Eve ausgewiesen. In jedem Falle steht • Ruprecht damit vor Augen, worauf die Prozessstrategie Marthe Rulls hinausläuft: Sie will unter allen Umständen erreichen, dass er • als "Täter" dingfest gemacht wird, um auf diesem Weg die Auflösung der Verlobung zu verhindern. Für • Marthe Rull ist die Schuld • Ruprechts nämlich eine • Existenzfrage.

Da • Marthe Rull nicht weiß, was genau • in der Kammer geschehen ist, sie aber davon ausgeht, dass • Eve ganz unabhängig davon, ob es zu • unzüchtigen sexuellen Handlungen gekommen ist oder nicht, vor den Augen der zusammengelaufenen Dorföffentlichkeit – sie selbst erwähnt dies in ihrem Bericht bezeichnender Weise überhaupt nicht – ihre • "Ehre" verloren verloren hat, ist schließlich auch noch eine folgenreichere Entwicklung denkbar.  Schließlich steht auch die Frage im Raum, wenn es zum Geschlechtsverkehr zwischen den beiden gekommen sein sollte, ob daraus am Ende noch eine Schwangerschaft resultierte, die, wenn • Ruprecht der Vater des künftigen Kindes sein sollte, durch eine baldige Heirat mit • Eve noch eine gewisse, • wenngleich auch nicht unbedingt Akzeptanz versprühende Form in Huisum hätte bekommen können.

Die Unterstützung, die • Ruprecht zu Beginn des Prozesses von seinem Vater erfährt, ändert sich im Verlauf des Prozesses, in dem • Veit Tümpel immer mehr von seinem Sohn abrückt. Als er nämlich erfährt, dass sein Sohn angeblich entgegen seiner ausdrücklichen Anweisungen, die Kammer von ▪ Eve aufgesucht hat, ist er so entrüstet, dass er ihm • androht, ihn zu verprügeln (9.Auftritt, V 1353). Und als er dem von • Marthe Rull hingeworfenen Verdacht aufsitzt, • Ruprecht habe in der vergangenen Nacht sich • der Konskription durch Desertation entziehen (9.Auftritt, V 1310) und ▪ Eve zur gemeinsamen Flucht veranlassen wollen, kommt es zum (vorläufigen) Bruch mit seinem Sohn.

Da geht es • Ruprecht nicht anders als ▪ Eve, die, weil sie sich nicht der Prozessstrategie ihrer Mutter • Marthe beugt und • Ruprecht doch noch entlastet  (9.Auftritt, V 1195f.), ebenso die Unterstützung ihres mütterlichen Vormunds verliert und genau wie ihr Verlobter mit körperlicher Züchtigung (9. Auftritt, V 1199) und letztlich Verstoßung aus dem Elternhaus bedroht wird (9. Auftritt, V 1289 - V 1297).

Für • Ruprecht, der natürlich weiß, dass die Anschuldigungen • Marthe Rulls jeder Grundlage entbehren, ist das, was in der Vornacht passiert ist und das Verhalten • Eves nur aus einem einzigen Grunde erklärlich: Seine Verlobte hat ihn mit einem anderen betrogen. Aus diesem Grunde beschimpft er sie als "Metze" (7. Auftritt, V 819). Damit steht der • Vorwurf der "Unzucht" mit den schon von • Marthe Rull aufgezeigten möglichen Konsequenzen für • Eve (6. Auftritt, V 487f.) offen im Raum.

Für • Adam birgt die Anhörung • Ruprechts zu den Ereignissen der Vornacht • große Risiken, vor allem, weil er nicht weiß, ob ihn der Verlobte • Eves doch als den aus dem Fenster Flüchtenden erkannt hat. Als • Ruprecht nach einer Intervention • Walters dann doch zu Wort kommt, setzt • Adam alles daran, das Verfahren schnell zu beenden. Dazu will er die Äußerung Eves über Ruprecht als ihre Zeugenaussage zu Protokoll nehmen zu lassen, scheitert aber am Einspruch seines Vorgesetzten. Trotzdem versucht • Adam, • Ruprecht  von Anfang an zu verunsichern und seine mögliche Entgegnung als Lüge abzuwerten. Mit einer Suggestivfrage stellt er ihn nämlich nur vor die Alternative, zu gestehen oder als • "gottvergessner Mensch zu leugnen" (7. Auftritt, V 853). Daher verliert • Walter die Geduld mit dem Dorfrichter und fragt den verdutzten Schreiber • Licht, ob er sich zutraue, den Prozess weiterzuführen. Durch die Aufforderung • Adams an • Ruprecht, den Tathergang aus seiner Sicht zu schildern, kann • Adam dies gerade noch einmal verhindern.

Ruprecht steht, ohne dass er dies explizit formuliert, nach der • Ekphrase des Krugs durch • Marthe Rull bei seiner Aussage zu dem Geschehen in der Vornacht unter Druck, eine wirkungsvolle Entgegnung vorzubringen. Sein Vorteil: Er weiß deutlich mehr darüber als seine Widersacherin vor Gericht, da er dem von jener dargestellten • "Tumult" (• 7.Auftritt, V 746) in • Eves Kammer noch eine Vorgeschichte hinzufügen kann. So kommt also nicht nur eine neue subjektive Perspektive auf die Ereignisse, sondern auch ein Mehr an Information zur Darstellung, das auch das Wissen der Zuschauer*innen erweitert.

Zunächst einmal ist • Ruprechts Bemühen um eine stringente chronologische Schilderung festzustellen. Ausführlich berichtet er davon, wie er nach zehn Uhr mit Zustimmung seines Vaters, dem er versichert habe, nur noch am Fenster etwas mit seiner Braut reden zu wollen, am Tor zum Garten • Marthe Rulls angekommen sei, das um diese Zeit eigentlich immer schon verschlossen sei. In der Dunkelheit habe er hinter dem Zaun im Garten Eve an ihrer Kleidung erkannt und zugleich jemanden anderen bemerkt (• 7.Auftritt, V 915f.), den er aber im Dunkel der Nacht nicht habe identifizieren können. Auch wenn er danach mutmaßt, dass diese Person nur der Flickschuster Lebrecht gewesen sein könne, bleibt er bei der Wahrheit. Er erklärt nämlich, er könne darauf, ohne zu lügen, nicht das "Abendmahl" (• 7.Auftritt, V 922)  nehmen, weil er sich dann einer Sünde schuldig machen würde.

Was auf der einen Seite für • Ruprechts Aufrichtigkeit spricht, ist, weil er sich anderes überhaupt nicht vorstellen kann und will, aber auch Ausdruck seiner Engstirnigkeit. Er kann in der Sache, von seinen Emotionen getrieben, in seiner Voreingenommenheit nicht nach links und rechts schauen, betrachtet die Dinge immer wieder mit »Scheuklappen, Augenklappen wie sie am Zaum von Pferden und Eseln seitlich von den Augen des Tieres befestigt sind, damit diese nicht von der Seite oder von hinten abgelenkt werden können.

Allerdings wird man einräumen können, dass die Vorstellung, es könne ein Dritter sein, zu diesem Zeitpunkt wohl von niemandem, außer • Adam und • Eve, ernsthaft in Betracht gezogen wird. So steht nun im Raum, dass der Mann in • Marthe Rulls Garten, dessen • "Gefispre", • "Scherzen" und • "Zerren" (vgl. • 7.AuftrittV 947f.) mit seiner Braut • Eve  • Ruprecht mit Augen und Ohren wahrgenommen habe, der Flickschuster Lebrecht gewesen sei.

Kein Wunder, dass • Adam ein geradezu triumphal klingender Kommentar entfährt (• "Klugschwätzer", • 7.Auftritt, V 917), der eigentlich nur an das Publikum adressiert ist. Er zeigt damit, welche Erleichterung es für ihn darstellt, dass • Ruprecht und keiner der anderen auf Idee kommt, es könne ein Dritter gewesen sein (• "Nun also! /Und nicht gefangen, denk ich, nicht gehangen.", • 7.Auftritt, V 919)

Da er über diese unverhoffte Wendung des Geschehens hocherfreut ist, schlägt • Adam sofort einen anderen Ton gegenüber • Ruprecht an. Ruprecht, von • Adam zuvor als • "Maulaffe" (• 7.Auftritt, V 606) , • "Hund ... verfluchter" (• 7.Auftritt, V 783) beschimpft, mit einem • "Esel" und • "Ochsen" verglichen (vgl. • 7.Auftritt, V 866) und als • "Klugschwätzer" (• 7.Auftritt, V 917) diffamiert, wird nun, da er, aus der Perspektive • Adams betrachtet, die ganze Geschichte noch weiter aus der Gefahrenzone möglicher Entlarvung "wegerzählt", mit säuselnden Worten als • "mein Sohn" (• 7.Auftritt, V 938) angeredet und aufgefordert, weiter über die Ereignisse der Vornacht zu berichten.

Ruprecht jedenfalls scheint es einerlei. Bestärkt durch den Sinneswandel des Dorfrichters und seiner Haltung ihm gegenüber, hebt er in epischer Breite zur Schilderung seiner Beobachtungen in der Vornacht an. Dass er nicht hellhörig wird, als • Adam so plötzlich seinen Ton ihm gegenüber ändert, ist angesichts der Tatsache, dass er bis dahin ja von allen Seiten als "Krugzertrümmerer" dasteht, zwar nicht unbedingt verwunderlich, passt aber zu seiner Einfältigkeit.

Gut möglich, dass • Ruprecht mit den temperamentvoll und auf ihre rhetorische Wirkung bedachten Ausführungen von • Marthe Rull bei seiner eigenen Schilderung gleichziehen will, als er in anschaulichen Bildern, denen man einen poetischen Gestaltungswillen nicht absprechen kann, die Wirkung seiner Darstellung auf die Zuhörer*innen verstärken will. Allerdings wirkt das Ganze gekünstelt als eine rhetorische Attitüde, die zu dem, was • Ruprecht eigentlich sagen will, nicht passt. Die Ironie, die in seiner Darstellung mitschwingt, fällt ihm als • implizit-figurale Charakterisierung so quasi auf die eigenen Füße und macht ihn selbst lächerlich, zumal er ja eigentlich seine in der von ihm geschilderten Situation immer größer werdende emotionale Erregung und Wut unterstreichen will und nicht eine ironische Distanzierung davon.

Die • Sprachkomik, die dabei entsteht, als er in seinem Bericht davon spricht, dass die Augen den Auftrag bekommen, den Ohren zu folgen, beide Sinne als • "nichtswürdige Verleumder, Aufhetzer, niederträcht'ge Ohrenbläser" (• 7.Auftritt, V 909f.) von einer inneren Stimme beschimpft werden, weil • Ruprecht das, was sie ihm zutragen, zunächst nicht wahrhaben will, hat dabei sowohl • ästhetisch-unterhaltende als auch eine satirische, • kritisch-aufklärerische Funktion. Letztere besteht darin, dass • Ruprecht damit seine Beobachtungen und seine Reaktionen darauf unabhängig von ihrer faktischen Bedeutung aufwerten will. Dass seine Intention dabei nicht aufgeht, sondern, je länger er so spricht, immer mehr ins Komische und Lächerliche abgleiten, ist ihm nicht bewusst. Gleichziehen kann er mit • Marthe Rulls • Ekphrase des Krugs damit jedenfalls nicht.

Ruprecht berichtet weiter, dass • Eve und der Flickschuster nach einer Viertelstunde im Haus verschwunden seien. Völlig außer sich vor Eifersucht und Wut darüber, von • Eve damit Hörner aufgesetzt zu bekommen (vgl. 7.Auftritt, V 942ff.), sei er den beiden ins Haus gefolgt und habe die Tür zu der von innen verschlossenen Kammer • Eves eingetreten. Dort habe er noch gehört, wie der Krug vom Sims gestoßen worden und zerbrochen sei, und gesehen, wie eine Person (vermeintlich Lebrecht) aus dem Fenster gesprungen und kurz im Weinlaub des am Haus angebrachten Spaliers hängen geblieben sei. Mit der stählernen Türklinke, die er nach seinem Aufbrechen der Kammertür noch in der Hand gehabt habe, habe er diesem, ehe er habe endgültig flüchten können, noch einen Schlag • "übern Detz" (• 7.Auftritt, V 980), auf den Kopf, verpassen können.

Licht vermutet sogleich, dass dies der Kopf • Adams gewesen ist, spielt aber mit seinem Wissen über die Kopfverletzung seines Vorgesetzten, das er an dieser Stelle nicht kundtut, ein ironisches Spiel mit der Türklinke als Waffe, das • Adam als Unfug bezeichnet. Im Hin und Her der Sprecherwechsel (Antilaben) nimmt der Dialog zwischen • Adam und • Licht für kurze Zeit Fahrt auf, bei dem • Adam die • Andeutungen Lichts als "Allotrien" (• 7.Auftritt, V 997) abtut. Ruprecht, der von seinen eigenen Schilderungen offenbar davongerissen wird, kann seine Erzählung mit den Blessuren, insbesondere der Kopfwunde, die • Adam ohne Perücke notgedrungen zur Schau tragen muss, ganz offensichtlich nicht in Verbindung bringen und zeigt sich damit einmal mehr als Einfaltspinsel und Bauerntölpel.

So wird • Ruprecht von • Adam, der fürchten muss, dass sich die Aufmerksamkeit der Anwesenden durch • Lichts  Bemerkung auf auf seinen Kopf richten könnte, aufgefordert mit seinem Bericht fortzufahren. Auch als • Ruprecht erzählt, wie er von dem Sand, den er von dem Flüchtenden ins Auge geworfen bekommen habe, getroffen worden sei (• 7.Auftritt, V 1002), entfährt • Adam ein kurzer Ausruf der Zufriedenheit (• Sieh da!", 7.Auftritt, V 1008). Der kurze, aber wirksame • komischer Effekt, der einem Eingeständnis gleichkommt, dass er der Flüchtende gewesen ist, bleibt • Ruprecht und mit ihm wohl allen anderen Figuren allerdings in seiner Bedeutung verborgen. Was den Akteuren auf der Bühne entgeht, bestätigt aber in den Augen des Publikums einmal mehr die Hypothese, dass • Adam der ominöse Besucher in • Eves Kammer gewesen sein muss.

Ruprecht fährt, von alldem ungerührt, in seinem Bericht über das Geschehen in • Eves Kammer nach seinem gewaltsamen Eintreten der Türe fort. Im Beisein der wegen des Lärms zusammengelaufenen Nachbarn und Verwandten • Eves, die erst danach hinzugekommen seien, habe seine Verlobte ihrer Mutter • Marthe Rull gegenüber erklärt, dass er den Krug zerbrochen habe, und das obgleich der Flickschuster als Beweis seiner Aussage • "im Kopf ein Loch" (V 1045) habe. Seine Bemerkung dazu • "Mein Seel, sie hat so unrecht nicht, ihr Herren. / Den Krug, den sie zu Wasser trug, zerschlug ich." (7.Auftritt, V 1043f.) ist dabei sowohl eine Anspielung auf das bekannte Sprichwort "Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht", als auch auf den • Krug als Symbol der Sexualität und des Begehrens.

Was • Ruprecht an dieser Stelle ausdrückt, ist allerdings nicht als Schuldeingeständnis im Sinne der Anklage • Marthe Rulls zu lesen. Betrachtet man den Kontext, in dem diese Aussagen stehen, dann wird schnell klar, dass • Ruprecht an dieser Stelle seinem "Frust" darüber, dass er von • Eve, ihrer Mutter und der ganzen zusammengelaufenen Nachbarschaft zu Unrecht verdächtigt worden ist, Ausdruck verleiht. Was er sagt, hört sich fast resignativ an und wirkt geradezu zynisch. Es ist ein "uneigentliches" Sprechen, das etwas anderes als ein Schuldeingeständnis im juristischen Sinne ausdrücken soll. Er bekennt sich selbst in einem übertragenen Sinne zur Zertrümmerung des Krugs als Sinnbild für die ehemals so sicher geglaubte Zukunft mit • Eve und lässt darüber auch erneut anklingen, dass der intakte Krug als Ausdruck der Virginität • Eves, die die Grundlage seines Eheversprechens darstellt, zu Bruch gegangen ist.

Die "Uneigentlichkeit" bzw. Doppeldeutigkeit der Rede Ruprechts charakterisiert ihn als Figur, den die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe so mitnehmen, dass ihm scheinbar egal ist, was die anderen von ihm halten. Kein Wunder, hat er doch auch als männlicher "Täter" im Vergleich zu • Eve, die als Frau außer ihrem Stand, nämlich den der ›Jungfräulichkeit‹, auch ihre • "Ehre" verloren (vgl. Breit 1991, S.5f.) und weitergehende gesellschaftliche Sanktionen hätte gewärtigen müssen, nicht viel zu verlieren.

Dass auch die anderen, allen voran • Adam und • Marthe Rull, • Ruprechts Äußerung nicht als Schuldgeständnis, sondern als emotionale "Achterbahnfahrt" des sichtlich aufgewühlten jungen Mannes verstehen, zeigt, dass sie für den Fortgang des Prozesses offenkundig ohne Belang ist. Sie richtet sich wohl in erster Linie an das Publikum bzw. die Leserinnen und Leser des Stückes.

Durch • Ruprechts Vermutung, dass Lebrecht in der Vornacht in der Kammer seiner Verlobten gewesen sei und • Adams Einschwenken auf diese Version der "Wahrheit", gerät • Eve immer stärker unter Druck, sich zur Sache zu äußern. Dabei spielt auch • Ruprechts impulsives mimisch-gestisches Verhalten ebenso eine maßgebliche Rolle, wie seine immer wieder hineingeworfenen Bemerkungen, mit denen er sie provozieren will, endlich diese "Wahrheit" zu bestätigen. In jedem Fall tritt er im Gefühl der Rückendeckung durch • Adam so massiv auf, dass dieser ihn nicht nur wieder in scharfem Ton rügt, sondern sogar nach dem • Büttel ruft, um zu verhindern, dass der • "Satan" (9. Auftritt. V 1139) ihm doch noch einen Strich durch die Rechnung macht, wenn • Eve dem Druck nicht mehr standhalten kann und ihr Schweigen bricht. Als • Ruprecht dann noch, sein vermeintliches Mitgefühl mit • Eve mit der anzüglichen Bemerkung, er hätte selbst gern den "Krug" zerschlagen (9. Auftritt. V 1161)kombiniert, platzt der so gedemütigten jungen Frau der Kragen.

Ruprecht muss sich von • Eve vorwerfen lassen, dass er sich nicht, wie sie es erwartet habe, mit unbedingtem Vertrauen hinter sie gestellt hat. Ohne dass sie direkt auf ihre Lüge in der Vornacht zu sprechen kommt, mit der sie nach übereinstimmender Aussage ihrer Mutter, • Marthe Rull, und • Ruprechts ihren Bräutigam als denjenigen benannt habe, der den "Krug" zerbrochen habe, rechtfertigt sie dies damit, dass sie so etwas nur dann machen würde, wenn etwas geschehen sei, das die zusammengelaufene Dorföffentlichkeit nichts angehe. Das hätte aber vorausgesetzt, dass • Ruprecht keine Zweifel an ihrer Untadeligkeit gehabt hätte (9. Auftritt. V 1171), und zwar selbst, wenn sich dies erst nach ihrem Tode erweisen sollte 9. Auftritt. V 1173f.).

Doch der Angesprochene will davon nichts hören und lässt den emotionalen Appell nicht an sich heran. Stattdessen hält er weiter unbeirrt daran fest, dass • Eve mit ihrer Falschaussage sich nur vor der • "Fiedel" (9. Auftritt. V 1161), der öffentlichen Schandstrafe, wegen begangener • "Unzucht" retten will. Für einen Moment sieht es so aus, als würde • Eve die Kontrolle verlieren, als sie ihn wütend beschimpft (• "O du Abscheulicher! Du Undankbarer!", 9. Auftritt, V 1187) und andeutet, es bedürfe nur eines Wortes von ihr, um ihre in Frage gestellte "Ehre" reinzuwaschen und ihn "in ewiges Verderben" (9. Auftritt, V 1190) zu stürzen. Dass • Ruprecht nicht verstehen kann, was sie damit meint, kann ihm nicht angelastet werden, denn er weiß ja nichts von den näheren Umständen der • sexuellen Erpressung seiner Verlobten durch den Dorfrichter • Adam und kennt dementsprechend auch nicht das • Dilemma, mit dem • Eve zurechtkommen muss. Dass er aber nicht hellhörig wird, sondern weiter stur an seiner Version der "Wahrheit" festhält, zeigt erneut, wie wenig er zu einer vernünftigen Reflexion fähig ist.

Statt dem angesprochenen • Ruprecht ist es • Walter, der die Andeutungen • Eves aufgreift und nun definitiv von ihr bestätigt haben will, dass ihr Verlobter nicht den Krug zerschlagen hat. (9. Auftritt, V 1191f.)

So bricht Eve endlich ihr Schweigen und entlastet Ruprecht, sehr zum Ärger ihrer Mutter, • Marthe Rull, die ihre ganze, oben schon erwähnte Prozessstrategie damit dahinschwinden sieht. Es dauert nicht lange, dann ist auch der von • Ruprecht und • Adam verdächtigte Lebrecht aus dem Schneider. Dass • Adam nämlich wider besseren Wissens alles auf den Flickschuster als Täter setzt, um heil aus der Sache herauszukommen, bringt Eve in Rage, die erklärt, dass er doch selbst den besagten Lebrecht tags zuvor mit einem Auftrag nach Utrecht geschickt habe. Jetzt erinnert sich auch Ruprecht, der die Gründe für Adams Sinneswandel, den Verdacht gegen Lebrecht aufzugreifen, nicht durchschaut, plötzlich wieder daran, dass auch er den Flickschuster am Tag zuvor auf seinem Weg nach Utrecht beobachtet hat. Lebrecht könne nämlich, wie er feststellt, daher gar nicht zur Tatzeit wieder in Huisum zurück gewesen sein. (9. Auftritt, V 1220ff.) Auch dies wieder ein untrügliches Zeichen dafür,  wie Kleist wohl die Figur verstanden haben will: Ein von seiner Voreingenommenheit, seiner geringen Bildung und Mangel an Reflexion so sehr geprägter Bauerntölpel, dass seine Eifersucht und sein verletzter männlicher Stolz nicht nur seine Wahrnehmungsperspektive wie mit Scheuklappen begrenzt, sondern auch seine kognitiven Fähigkeiten, die Dinge im Zusammenhang zu sehen, übersteigt. Seine figurale Selbstcharakterisierung, wonach er er sich nur an Fakten halte (• "Was ich mit Händen greife, glaub ich gern." 9. Auftritt, V 1176), erweist sich so als Selbsttäuschung.

Als seine Lebrecht-Hypothese vom Tisch ist, liegt auch für • Ruprecht auf der Hand, dass es eben eine dritte männliche Person gewesen sein muss, die er mit Eve im Garten beobachtet, in der Kammer mit ihr überrascht und in die Flucht geschlagen hat. So hört er wohl, etwas kleinlaut und grübelnd geworden, zu, wie Eve, die ja bisher zum Geschehen nicht weiter vernommen worden ist, Gerichtsrat Walter unter Verweis auf • "des Himmels wunderbare Fügung"  (9. Auftritt, V 1258) bittet, nicht weiter in sie zu dringen.

Marthe Rull sieht sich nach dem Wegfall der Lebrecht-Hypothese darin bestätigt, weiterhin Ruprecht als den Täter anzusehen. Auch wenn ihre wüsten Drohungen bis hin zur endgültigen Verstoßung • Eves, falls doch noch ein Dritter ausfindig gemacht werde, durchaus auch im Sinne Ruprechts sein dürften, muss er schnell feststellen, dass die Klägerin keineswegs klein beigibt. Mit ihrem bis dahin nicht geäußerten Verdacht, dass sich • Ruprecht durch Fahnenflucht dem Militärdienst habe entziehen und Eve in der Vornacht habe anstiften wollen, mit ihr zu fliehen (9. Auftritt, V 1304 - V 1317), rüttelt sie den Beschuldigten wieder auf, der die Verdächtigungen empört von sich weist. (• "Das Rabenaas! Was das für Reden sind!", (9. Auftritt, V 1318)

Anfangst scheint es so, als ob die "Fahnenfluchthypothese" nicht verfangen würde, denn • Walter will davon zunächst nichts weiter hören.(9. Auftritt, V 1320). Erst als Marthe Rull, die für ihre Behauptung keinerlei Beweise hat, Frau Brigitte, die Schwester • Veit Tümpels, als Zeugin ins Spiel bringt, scheint sich die Lage für • Ruprecht zu ändern.  Frau Brigitte, so erklärt sie, könne bezeugen, dass • Ruprecht schon um halb elf, also bevor er die Zimmertüre eingetreten habe, mit • Eve im Garten zu Gange gewesen sei (• "Im Wortgewechsel, kosend bald, bald zerrend", 9. Auftritt, V 1344). Auch wenn das, was die beiden miteinander besprochen haben, offenbar auch nicht von • Frau Brigitte erlauscht worden ist, stützt sie ihren zuvor geäußerten Verdacht mit der letztlich aus der Luft gegriffenen Behauptung, • Ruprecht habe ihre Tochter wohl zu etwas überreden wollen.

Die Folgen, die • Frau Brigittes Aussage für Ruprechts Lage im Prozess haben würde, sind gravierend. Wenn er tatsächlich schon bei • Eve im Garten gewesen ist, steht nicht mehr Aussage gegen Aussage (Marthe vs. Ruprecht), sondern er steht offenkundig als Lügner dar, was zwangsläufig seine ganze Version des Tathergangs in der Vornacht mit dem Flüchtenden aus dem Fenster (7. Auftritt, V 871 - V 1045) diskreditieren würde.

Während • Adam im monologischen Beiseitesprechen (a parte) diese glückliche Wendung der Dinge aus seiner Sicht kaum fassen kann ("Verflucht! Der Teufel ist mir gut.", 9. Auftritt, V 1346), treibt • Marthe Rull mit ihrem Verdacht einen Keil zwischen • Veit Tümpel und seinen Sohn. Dieser sieht sich von seinem Sohn hintergangen (9. Auftritt, V 1354), dem er, ehe er ihm erlaubt hat, in der Nacht noch einmal zu • Eve zu gehen, um mit seiner Braut noch ein wenig am Fenster zu plaudern, das Versprechen abgenommen hat, "draußen" zu bleiben. (7. Auftritt, V 871 - V 888).

Statt • Marthe Rull oder • Walter spinnt in der Folge • Veit Tümpel die Konskriptionsgeschichte weiter (9. Auftritt, V 1354 - V 1393). Er greift in sichtlicher Erregung • Marthe Rulls Verdacht auf, plausibilisiert sie • mit eigenen Beobachtungen und spricht von einem • "schändlichen Geheimnis" (9. Auftritt, V 1364) und möglicher • "Verräterei" (9. Auftritt, V 1389). Sollte sich das bewahrheiten, ist er bereit, wie • Marthe Rull aus allerdings anderen Gründen bei • Eve (9. Auftritt, V 1289 - V 1297),  die • härtesten Strafen für seinen verräterischen Sohn zu akzeptieren (• "der Teufel soll den Hals ihm brechen", 9. Auftritt, V 1393).

Ruprecht hat nun unerwartet auch seinen Vater gegen sich und muss sich, nachdem • Adams Versuche, den Prozess zu vertagen oder ggf. auch zu beenden (9. Auftritt, V 1401ff.), erneut am Widerstand • Walters scheitern, anhören, was seine nach einer kurzen Prozesspause in der Gerichtsstube erscheinende Tante, • Frau Brigitte, zu sagen hat.

Anders als von • Marthe Rull erwartet, wird • Ruprecht von seiner Tante entlastet. Als • Frau Brigitte mit der am Gartenspalier unter Eves Kammerfenster gefundenen Perücke (11. Auftritt, V 1625) im Gerichtssaal erscheint, kommt • Adam in Erklärungsnot und muss zugeben, dass es sich um seine Perücke handelt. Um der nun scheinbar erdrückenden Indizienlage, die auf ihn als nächtlichen Besucher in Eves Kammer hinweisen musste, überhaupt noch etwas entgegensetzen zu können, spinnt er an seinen Perückengeschichten weiter. So wird Ruprecht von ihm beschuldigt, die Perücke vor Wochenfrist nicht mit beim • "Meister Mehl" (11. Auftritt, V 1638) in Utrecht zum Auftoupieren abgegeben zu haben. Auch wenn • Ruprecht gegen diese Unterstellung protestiert, sie wäre ja mit einer zeitlichen Verzögerung durch die Aussage des Handwerkers zu widerlegen gewesen, geht • Adam Ruprecht noch einmal frontal an und behauptet, dass dieser sich mit der zurückgehaltenen Perücke habe tarnen und vermummen wollen (• "Verkappung", 11. Auftritt, V 1652) , um seine • "Meuterei"  (11. Auftritt, V 1653), sprich Fahnenflucht, zu verheimlichen. Natürlich ist sich • Adam der Tatsache bewusst, dass sich diese "Perückengeschichte" durch Überprüfung der Tatsachen leicht als falsch erweisen lässt, aber im Hier und Jetzt des dramatischen Geschehens und der Tatsache, dass der Gerichtsrat • Walter am selben Tag ja noch weiterreisen will (5. Auftritt, V 394), versucht er damit auch auf Zeit zu spielen.

Seiner Tante, • Frau Brigitte, hat es • Ruprecht zu verdanken, dass diese Rechnung des Dorfrichters erneut nicht aufgeht. Sie springt ihm mit ihrer ins Detail gehenden Aussage über ihre Beobachtungen in der vergangenen Nacht bei. Sie zeigt sich dabei fest davon überzeugt, dass es sich bei dem ominösen Besucher • Eves nicht um • Ruprecht gehandelt habe (11.Auftritt, V 1665f.), auch wenn sie, bedingt durch • Eves Äußerungen in der Vornacht, das anfangs selbst geglaubt hat.

Sie sei, so sagt sie aus, in der Nacht an • Marthe Rulls Garten vorbeigekommen. Dort habe sie gehört, wie • Eve ganz hinten im Garten sehr aufgeregt, jemanden gescholten, ihn zurückgewiesen und mit ihrer Mutter gedroht habe. Sie habe sich deshalb, • Eves Stimme hat sie offenbar erkannt, bei dieser  erkundigt, was denn da los sei. Ihre Frage, ob • Ruprecht bei ihr sei, habe • Eve bejaht, so dass sie angenommen habe, dass es sich um ein übliches Zanken eines Liebespaares gehandelt habe (11.Auftritt, V 1679). Auf ihrem Rückweg um Mitternacht herum sei an ihr aber im Lindengang am Garten von • Marthe Rull ein "Kerl [...] kahlköpfig, / Mit einem Pferdefuß" vorbeigehuscht, der nicht nur einen • "Dampf von Pech und Haar und Schwefel" (11.Auftritt, V 1687) hinter sich her gezogen habe, sondern dessen • "Glatz [...] / Wie faules Holz" (11.Auftritt, V 1690) den Lindengang erleuchtet habe.

Von den Umstehenden ist • Ruprecht zunächst der einzige, der die völlig aus der Luft gegriffene, von dieser mit ihren sinnlichen Beobachtungen verteidigte Andeutung seiner Tante aufgreift und den Teufel explizit ins Spiel bringt. Marthe Rull, • Walter und der Schreiber • Licht gehen hingegen sofort auf Distanz zu dieser als neue "Wahrheit" von der Zeugin präsentierten Teufelsgeschichte. Der Gerichtsrat will • "ungeduldig" davon gar nichts wissen (• "Blödsinnig Volk, das!", (11.Auftritt, V 1699), lässt aber dann doch • Frau Brigitte auf Intervention • Lichts von den Spuren eines normalen Menschen- und eines ungeheuer klotzigen Pferdefusses im Schnee berichten (11.Auftritt, V 1716ff.), die von • Marthe Rulls Haus weggeführt hätten. Ruprecht ist in seinem einfältigen Teufelsglaube, so darf man in dieser Situation annehmen, noch immer der einzige, dem diese aufgetischte Geschichte vom Teufel wohl einleuchtet. Sogar sein Vater • Veit Tümpel glaubt nicht daran (• "Es ist nicht möglich, Frau!", 11.Auftritt, V 1721) und bläst damit ins gleiche Horn wie der zunehmend • "ärgerlich" werdende Gerichtsrat • Walter (• "Geschwätz, wahnsinniges, verdammenswürd'ges –!", 11.Auftritt, V 1720).

Erst als • Adam den Versuch macht, seine zuletzt vertretene Vermutung • Ruprecht habe sich zur Täuschung unter Umständen auch als Teufel verkappt, weiter verfolgt, wacht dieser wieder auf (• "Was! Ich!", 11.Auftritt, V 1728ff.), wird aber, ehe er wohl weiter protestieren kann, scharf von • Licht zurechtgewiesen und zum Schweigen gebracht. (V 1729) Als durch • Frau Brigittes Bericht herauskommt, dass die Spur im Schnee zum Haus des Dorfrichters führt (11.Auftritt, V 1779f.), stellt • Ruprecht reichlich verdutzt, aber wie stets ohne Fähigkeit, die richtigen Schlüsse zu ziehen, die Frage: • "Wird doch der Teufel nicht / In dem Gerichtshof wohnen?" (11.Auftritt, V 1784f.)

Doch • Adam gibt nicht auf, sondern verstärkt im Kampf um die "Deutungshoheit über die Spur" (Pickerodt 2004, S.117) seine Version der Teufelsgeschichte. Als sich seine Lage aber weiter zuspitzt und er durch das • Vorzeigen seines missgestalteten Fußes, seines • "Klumpfußes" (1. Auftritt, V 25), einer Art • "Zwangshandlung" (vgl. ebd., S.109-122), gegen die er sich nicht wehren kann, noch einmal in die Offensive kommen will, kommentiert der sonst so vorlaute • "Nasweis" (9. Auftritt, V 1130) • Ruprecht das Geschehen nicht weiter und »hält wohl Maulaffen feil, bis • Licht dem Dorfrichter • Adam die von • Frau Brigitte am Spalier unter Eves Kammer gefundene Perücke aufsetzt (11.Auftritt, V 1859). 

In mimisch-gestisches Spiel übersetzt, bedeutet dies, dass • Ruprecht mehr oder weniger mit offenem Mund herumsteht und der Dinge harrt, die sich vor seinen Augen und Ohren weiter vollziehen. Wer will, kann die Tatsache, dass • Marthe Rull (9. Auftritt, V 1131) und • Adam (7.Auftritt , V 606) ihn als "Maulaffen" beschimpfen, als Folie für diese Sicht auf seine Mimik und Gestik und Körperhaltung lesen.

Dass sich • Ruprecht dann wieder mit dem fast dämlich erscheinenden Ausruf • "Ei, solch ein Donnerwetter – Kerl!" (11.Auftritt, V 1863) im Mehrpersonendialog mit einem Ausruf wieder zu Wort meldet, in dem eine gewisse (männliche!) Bewunderung mitschwingt, bestätigt jedenfalls einmal mehr seine Einfältigkeit und Naivität, die im Gegensatz zur eindeutig abwertenden Äußerung • Marthe Rulls an gleicher Stelle steht. (11.Auftritt, V 1864)

Da auch • Ruprecht jetzt endlich ein "Licht" aufzugehen scheint, kommt aber auch wieder seine ganze Impulsivität zum Ausdruck. Er mischt sich offen in die Prozessführung ein, will von Eve wissen, ob es tatsächlich der Dorfrichter gewesen ist, den er in der Nacht zuvor in die Flucht geschlagen hat (• "Eve, sprich, ist er's?", 11. Auftritt, V 1866).

Dass er sich damit anmaßt, die Sache endgültig selbst zu klären, bringt nicht nur den Gerichtsrat • Walter gegen ihn auf, der als • rationaler Sachwalter eines insgesamt korrupten Systems offensichtlich nur noch ein Prozessende erreichen will, das dem Ansehen des Gerichts und damit der Obrigkeit nicht weiter schadet.

Auch • Veit Tümpel, der abgesehen von seinen Einlassungen wegen der "Fahnenfluchtgeschichte" (9. Auftritt, V 1353 - V 1392) dem Verlauf des Prozess wortlos, aber nicht unbedingt sprachlos folgt, wenn man • seine Möglichkeiten, mit Mimik und Gestik den Prozessverlauf zu kommentieren, berücksichtigt, sieht sich wegen des aufrührerischen Gestus seines Sohnes gezwungen, ihn mit einer barschen Ansprache zum Schweigen aufzufordern (• "Halt's Maul, sag ich!", 11. Auftritt, V 1869). Offenkundig tut er dies, weil auch • Adam an dieser Stelle mit Rückendeckung • Walters mit Worten (• "Wart, Bestie! Dich fass ich." 11. Auftritt, V 1869) und dem Ruf nach dem • Büttel schwerstes Geschütz auffährt.

So fällt • Adam auf die nochmalige Aufforderung seines Vorgesetzten kurzerhand sein Urteil. Ohne weitere Begründung erfährt • Ruprecht, wie er schuldig gesprochen wird und wegen seines ungebührlichen Verhaltens vor Gericht für zunächst unbestimmte Zeit ins Gefängnis gehen soll. (11. Auftritt, V 1872 - V 1884)

Adams Skandalurteil, mit dem • Ruprecht nach alldem, was sich gerade vor seinen Augen und Ohren vollzogen hat, nicht rechnen kann, macht ihn und ▪ Eve so fassungslos, dass sie kaum Worte finden, um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen. Auch die beschwichtigenden Worte • Walters (• "Spart eure Sorgen, Kinder.", 11. Auftritt, V 1882), die mit einer väterlichen Geste daherkommen, und sein Rat, beim übergeordneten Gericht in Utrecht die Sache neu verhandeln zu lassen, kann die beiden nicht beruhigen. Mit Recht: denn • Walter will im Hier und Jetzt nicht anderes mehr hören. Als ▪ Eve dennoch nicht zur Ruhe kommt und ihr bisheriges Schweigen bricht, indem sie • Adam als den Schuldigen benennt (11. Auftritt, V 1890), reagiert • Walter sehr ungehalten: • "Du hörst's, zum Teufel! Schweig! / Ihm bis dahin krümmt sich kein Haar –" (11. Auftritt, V 1891f.)

Entweder verstehen • Ruprecht und ▪ Eve Walters Botschaft nicht, die ihnen, ohne es zu sagen und trotz des gefällten Urteils recht gibt, oder sie setzen sich einfach darüber hinweg, da sie nach dem Urteil jeden Glauben an das von der Obrigkeit vertretene Recht verloren haben, die sich die "Wahrheit" so hinbiegt, wie sie es braucht.

Doch ▪ Eve lässt sich weder das Wort verbieten noch mit der Zusage • Walters, • Ruprecht bleibe bis zur Wiederaufnahme des Prozesses in Utrecht unbehelligt und in Freiheit, beruhigen, sondern treibt ihren Verlobten an, sich den Dorfrichter vorzuknöpfen, den sie noch einmal dezidiert beschuldigt, in der Vornacht bei ihr in der Kammer gewesen zu sein. (11. Auftritt, V 1892). Laut spornt sie • Ruprecht  an, in einem Akt der berechtigten Rebellion den skrupellosen Dorfrichter vom Tribunal herunterzuschmeißen. (11. Auftritt, V 1899)

Dieser tut, wie ihm gesagt, und versucht, den flüchtenden • Adam noch zu fassen, doch hat er am Ende nur noch seinen Mantel in der Hand, aus dem der Dorfrichter flugs noch herausgeschlüpft ist, als er sich, schon fast von • Ruprecht erwischt, aus dem Staub macht (11. Auftritt, V 1900ff.) Statt • Adam verprügeln zu können, drischt er daher mehrfach auf den Mantel ein.

Was sich in der Gerichtsstube in Huisum vor seinen Augen abspielt, ist für • Walter eine Insurrektion gegen die Obrigkeit. (• "Halt dort! Wer hier Unordnungen –", 11. Auftritt, V 1897). Er steht zwar entrüstet auf, ist aber wohl auch überrascht von der Entschlossenheit ▪ Eves und • Ruprechts Gewaltausbruch. Daher ruft er sicherheitshalber doch den • Büttel herbei. Auch wenn das Einprügeln • Ruprechts auf den von • Adam zurückgelassenen Mantel insgesamt eher lächerlich, denn rebellisch aussieht, will • Walter die Lage nicht weiter eskalieren lassen und droht damit, wenn • Ruprecht nicht sofort Ruhe gebe, ihn arrestieren zu lassen. (11. Auftritt, V 1905ff.) Auch die Ermahnung seines Vaters • Veit Tümpel (• "Sei ruhig, du vertrackter Schlingel!", 11. Auftritt, V 1908), dessen • naive Gutgläubigkeit in und Treue zur Obrigkeit trotz allem außer Frage steht, trägt dazu bei, dass sich die Wolken der Rebellion schnell verziehen und • Ruprecht sich wieder beruhigt.

So wendet sich • Ruprecht, der • Adam offenbar nicht zutraut, dass er • Eve irgendwie nahe gekommen ist – sonst stünde der • Vorwurf der "Unzucht" ja noch immer im Raum – seiner Verlobten mit Worten zu, die einem Verliebten vordergründig gut anstehen (• "Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut!" 12. Kapitel Variant, V 1912). Sein lächerlich wirkendes, zu Verständnis bzw. Verzeihung auforderndes viermaliges "Ei", das seine eher kindlich, denn verliebt wirkende Ansprache (• "Dein Pätschchen, hol’s der Henker, nimm’s und ball’s, / Und schlage tüchtig eins mir hinters Ohr", 12. Kapitel Variant, V 1916) • Eves einrahmt, findet jedenfalls zunächst bei der jungen Frau kein Gehör, auch wenn er sich selbst als • "verfluchte(n) Schlingel", • "Tölpel" und •"Schafsgesicht" (12. Kapitel Variant, V 1913ff.) bezeichnet.

Gerichtsrat • Walter ist mit dem Verlauf, den der Prozess genommen hat, aber noch sichtlich unzufrieden. Er tadelt • Eve und wirft ihr vor, das sie mit ihrem langen (Ver-)Schweigen dazu beigetragen habe, dass dem Gericht Schande entstanden und ihre Ehre in Frage gestellt worden sei (12. Kapitel Variant, V 1924 - V 1927)

Dies bietet • Ruprecht die willkommene Gelegenheit, ein anderes Verhalten zu zeigen, als das von • Eve vormals im Prozess monierte, ▪ er habe ihr nicht vertraut. Als er sich gegen den Tadel • Walters schützend vor • Eve stellt (• "Sie schämte sich. Verzeiht ihr, gnäd’ger Herr!", 12. Kapitel Variant, V 1928) hat dies zweierlei Gründe. Zum einen will er • Eve, die ihn zuvor zweimal hat "abblitzen" lassen (12. Kapitel Variant, V 1913, V 1919 - V 1927), davon überzeugen, dass er doch noch zu dem von ihr während des Prozesses so schmerzlich vermissten unbedingten Vertrauen (9. Auftritt, V 1162 - V 1165) fähig ist und sie damit zurückgewinnen. Zum anderen will • Ruprecht gemeinsam mit • Eve möglichst schnell die Gerichtsstube verlassen (12. Kapitel Variant, V 1930), um ihr eine weitere beschämende Befragung durch den Gerichtsrat zu ersparen, die u. U. doch noch kompromittierende Details ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hätte. Diese hätten unter Umständen seine Annahme, • Eve sei schuldlos, von der er in dieser Situation ohne Kenntnis der Fakten ausgeht (12. Kapitel Variant, V 1942) in Frage stellen können. Eine Heirat mit einer Frau, die, • ob gewaltsam oder nicht, ihre • "Ehre" verloren hat, wäre für ihn sicher auch weiter nicht in Frage gekommen. Jetzt aber ist er zunächst einmal, um der Versöhnung mit • Eve willen, bereit, auf weitere Details über das, was zwischen ihr und • Adam in der Kammer passiert ist, zu verzichten (12. Kapitel Variant, V 1932 - V 1935).

Allerdings lässt • Walter nicht locker und • Ruprecht und • Eve auch nicht so einfach davonziehen. Er besteht darauf, dass • Eve vollumfänglich berichtet, was zwischen ihr und • Adam geschehen ist (12. Kapitel Variant, V 1939). Dass • Adam, wie er meint, einer "Sünd" (12. Kapitel Variant, V 1941) schuldig geworden sei, sei durch ein "keck hingeworfen(es) Wort" (12. Kapitel Variant, V 1940)Eves jedenfalls nicht erwiesen. Aus diesem Grunde ermuntert RuprechtEve, sich ein Herz zu fassen und zu sagen, was • Adam von ihr gewollt habe, auch wenn ihn dies gewiss wieder eifersüchtig werden lasse.

Dass • Ruprecht dabei von • Adam als "Pferdefuß" spricht und die Formulierung wählt: • "Sieh, hätt’ ein Pferd bei dir den Krug zertrümmert, / Ich wär’ so eifersüchtig just, als jetzt." (12. Kapitel Variant, V 1944f.) dürfte nicht darauf hinweisen, dass • Ruprecht wirklich glaubt, dass seine Braut in der Kammer mit • Adam ihre Unschuld (Virginität) verloren und • unzüchtige Handlungen begangen hat. Zugleich deutet die nur vordergründig komisch wirkende Verwendung des Begriffs Pferd, das als Wortspiel im Anschluss an die Bezeichnung Pferdefuß für • Adam fungiert, dennoch auch auf eine gewisse Ambivalenz und Unsicherheit hin, die • Ruprecht damit überspielen will.

In jedem Fall ist die Äußerung aber eine Wiederaufnahme der Andeutungen, die Kleist, für den der Krug als • sexuelles Symbol fungiert, dem Publikum und den Leser*innen als Rezeptionshinweise gibt, um die Leerstelle jener ominösen zwei Minuten zu füllen, über die sich • Eve in ihrem späteren Bericht über das • "Kammergeschehen" als • traumatisiertes Opfer sexualisierter Gewalt in verschleiernder Art und Weise äußert. (12. Kapitel Variant, V 2201 - V 2216)

Mit ihrer Erwiderung auf • Ruprechts Aufforderung gibt • Eve ihm zu verstehen, dass, ohne allerdings weitere Details zu nennen, die Frage, ob sie schuldig oder unschuldig ist, letzten Endes nichts an den düsteren Zukunftsaussichten ändere, auf die das Paar unweigerlich zusteuere. (12. Kapitel Variant, V 1946f.) Ruprecht kann sich das nur damit erklären, dass dies mit der Konskription zusammenhängt, die ja zu einer baldigen räumlichen Trennung des Paares für ein Jahr führen wird.

Als sich • Eve allerdings dann vor seinen Augen, noch ehe sie sich über das • "Kammergeschehen" zwischen ihr und • Adam äußert, • Walter zu Füßen (12. Kapitel Variant, V 1950) wirft und damit ihre Bitte mit dem Ausdruck der Verzweiflung noch weiter intensiviert ("Herr, wenn ihr jetzt nicht helft, sind wir verloren!", 12. Kapitel Variant, V 1950), zeigt sich auch • Ruprecht aufgeschreckt und besorgt (• "Ewiger Gott!", 12. Kapitel Variant, V 1951). Unklar bleibt, warum er so reagiert. Vielleicht ist es Ausdruck eines authentischen Erschreckens, vielleicht ein weiteres Beispiel seiner Einfalt, vielleicht aber auch ein ironischer Kommentar zu den in seinen Augen von seiner Braut überdramatisierend inszenierten Folgen des schließlich, seinem Wissen nach, nur einjährigen Militärdienstes in dem unweit gelegenen Utrecht.

Was • Eve dann über die Vorgeschichte des • "Kammergeschehens" zwischen ihr und • Adam berichtet (12. Kapitel Variant, V 1959  - V 2055), macht • Ruprecht zunächst sprachlos, bis er durch die von • Eve als Geheimnis geschilderte (angeblich) geplante Verschiffung der neu ausgehobenen Truppen nach Asien (12. Kapitel Variant, V 2058f.) aufhorcht (• "Ich, nach Asien?", (12. Kapitel Variant, V 2062). Bemerkenswert ist, dass ihn diese Nachricht aber offensichtlich nicht weiter aufwühlt. Erst in dem Moment, als • Eve davon berichtet, wie • Adam in der Vornacht an ihrem Gartentor aufgetaucht und gleich übergriffig geworden sei, kann er seine Gefühle nicht mehr zurückhalten, kommt aber auch nicht über zwei kurze Ausrufe hinaus (• "Gotts Donnerwetter!" , • "Seht, den Halunken!" (12. Kapitel Variant, V 2119, V 2122)

Als • Eve darauf zu sprechen kommt, was genau zwischen ihr und • Adamin ihrer Kammer passiert ist (12. Auftritt Variant, V 2201 - V 2218), wird • Ruprecht, ebenso wie • Eves Mutter • Marthe Rull, aber hellhörig, als es um die ominösen zwei Minuten geht, die der Dorfrichter die junge Frau • "starr" (12. Auftritt Variant, V 2217) angesehen habe, bis er gewaltsam die Tür zur Kammer aufgebrochen habe. Die von • Eve geschilderte Aggressivität, mit der er gegen sie vorgeht (Stoß vor die Brust, Fußtritte), macht ihn im Nachhinein wirklich betroffen.

Von besonderer Bedeutung wird aber, ob • Eve in dem ganzen Durcheinander der Vornacht, das dann entstanden sei, tatsächlich bestätigt habe, dass • Ruprecht und kein anderer bei ihr in der Kammer gewesen sei. Zuvor hatte sie ja • Marthe Rulls Aussage, dass sie das getan hat, nicht ausdrücklich widersprochen, wenngleich sie sich dagegen verwehrte, einen Eid darauf geschworen zu haben. (7. Auftritt, V 773 - V 789) So steht also noch im Raum, ob sie sich, auch wenn die Wahrheit durch ihre Aussage gegen • Adam schon ans Licht gekommen ist, als Lügnerin eine Schuld vorwerfen lassen muss. Sie selbst scheint ihre Schuld anzuerkennen ("ich log, ich weiß, / Doch log ich anders nicht, ich schwör’s, als schweigend.", 12. Auftritt Variant, V 2276f.), auch wenn sie im Gegensatz zu dem, was • Marthe Rull und • Ruprecht (7. Auftritt, V 1042) darüber ausgesagt haben, lediglich ihr angebliches Schweigen zu den Beschuldigungen ihrer Mutter und der anwesenden Dörfler*innen meint.

Wie auf ein Kommando hin ändern daraufhin auch • Ruprecht und • Marthe Rull ihre Aussage ab. Ruprecht erklärt unumwunden, das sie in der Vornacht • "kein Wort" (12. Auftritt Variant, V 2278) gesprochen habe und auch • Marthe Rull kann sich plötzlich nur noch an ein Kopfnicken als Antwort • Eves auf die Frage erinnern, • "ob's der Ruprecht war" (12. Auftritt Variant, V 2279f.). Das konzertante Spiel der gerade erst als Klägerin und Angeklagter im Krugprozess Agierenden wird im nachfolgenden Dialog zu einem komödiantischen, mit Antilaben verstärkten Hin und Her, bei dem die beiden • Eve immer wieder neue Argumente zuspielen. Doch diese weiß offenbar gar nicht, wie ihr geschieht, als • Ruprecht das vermeintliche Nicken zu einer eigenen Erzählung ausgestaltet, die in ihrer • Sprachkomik an seine "Ohrenerzählung" bei der Schilderung seines Eintreffens beim Gartentor in der Vornacht erinnert. Am Ende der kurzen Passage ist nicht nur Eve • "verwirrt" (12. Auftritt Variant, V 2289), sondern diese Lüge in einer Mischung aus • Sprach- , • Situations- und • Charakterkomik entschuldigt.

Für • Eve ist die Sache, derentwegen sie sich • Walterzu Füßen geworfen hat, allerdings längst nicht ausgestanden. Der Gerichtsrat, der, wie sie meint, selbst im Auftrag der Regierung in Utrecht eine • "geheime Instruktion, die Landmiliz betreffend" (12. Auftritt Variant, V 2067f.) an die Ämter geschrieben habe, hat ihr gegenüber geleugnet, davon zu wissen, dass die neu ausgehobenen Truppen nach Batavia versendet würden. Und das obgleich sie den betreffenden Brief mit eigenen Augen gesehen, • als Analphabetin selbst aber nicht habe lesen können. (12. Auftritt Variant, V 2072ff.) Als sie nun wieder darauf zu sprechen kommt, wirft sie • Walter nun dezidiert vor, dass dessen Behauptung, • Adam habe den Brief gefälscht und ihr beim vermeintlichen Vorlesen einfach aus dem Stegreif seine Lügen präsentiert, selbst unwahr sei (12. Auftritt Variant, V 2311- V 2316). Als • Walter dem widerspricht und auch der Schreiber Licht ihm beispringt, fühlt sich • Eve von ihm, um sein ihr gegebenes Versprechen (12. Auftritt Variant, V 1955ff.) betrogen und adressiert ihre Schlussfolgerung daraus an • Ruprecht: • "O Ruprecht! O mein Leben! Nun ist’s aus." (12. Auftritt Variant, V 2321)

Dieser ist über die Haltung seiner Verlobten auch einigermaßen überrascht und fragt nach, ob sie sich auch wirklich von der Wahrheit ihrer Behauptungen überzeugt habe. Eine Frage, die ebenso wie die nachgeschobene • "Stand's wirklich so -?" (12. Auftritt Variant, V 2324) zeigt, dass er erneut nicht in der Lage ist, aus dem bislang Gesagten vernünftige Schlüsse zu ziehen. Eigentlich sind diese Fragen ja nur dann sinnvoll, wenn • Eve wirklich hätte selbst überprüfen, d. h. lesen können, was in der vermeintlich geheimen Instruktion gestanden hat. Er unterstützt damit • Eves Position und begründet dies damit, dass Ähnliches schon sieben Jahre zuvor einmal passiert sei, muss sich aber von • Walter sagen lassen, dass Truppenverlegungen nach Asien von der Regierung nie verheimlicht worden seien. (12. Auftritt Variant, V 2327- V 2333) Dass • Ruprecht diese Entgegnung widerspruchslos hinnimmt, zeigt dass sein Einwand eher einem Bauchgefühl folgt, denn auf nachprüfbaren Tatsachen beruht.

Eve sieht sich aber auch mit diesem Argument • Walters offenbar nur weiter hinters Licht geführt, auch wenn sie den Gerichtsrat, den sie zuvor als ▪ "gnäd'ger Herr" (12. Auftritt Variant, V 2315) und sogar als ▪ "Freund" (12. Auftritt Variant, V 2324) bezeichnet hat,  offenbar nicht persönlich für ihr vermeintliches Schicksal verantwortlich machen will. Angesichts der von ihr als sicher angenommenen Tatsache, dass • Walter das ihr gegebene Versprechen (12. Auftritt Variant, V 1955ff.) nicht halten kann und will, will sie mit • Ruprecht die Gerichtsstube verlassen, um mit ihm wenigstens noch die letzten Stunden vor seiner Abreise ungestört verbringen zu können, ehe er seiner ungewissen Zukunft in Batavia entgegengeht.

In der nachfolgenden ▪ "Münzszene" (12. Auftritt Variant, V 2345 - V 2377), in der es • Walter doch noch gelingt, das Vertrauen • Eves in den Staat wiederherzustellen, teilt • Ruprecht zunächst die Zweifel seiner Verlobten. Als sie ihn gestisch in ihre Entscheidung einbezieht • ("Sie sieht Ruprecht an.", 12. Auftritt Variant, V 2365), ob sie das Angebot • Walters annehmen soll, fördert er mit seiner emphatisch-aufgeregten Ablehnung (• "Pfui! ’S ist nicht wahr! Es ist kein wahres Wort!", ebd.) für einen kurzen Moment • Eves Entscheidung, • Walter den Beutel mit den 20 Gulden zurückzugeben. (12. Auftritt Variant, V 2366ff.) Man gewinnt dabei den Eindruck, dass es • Ruprecht hier seiner Verlobten, die ihr Misstrauen ja gerade noch dezidiert geäußert hat, besonders recht machen will, ohne Gespür dafür, dass sie sich in einem echten Zwiespalt befindet. So verwundert es auch nicht, dass er sofort die Position wechselt, als dies auch • Eve tut. Und nicht nur das: Als • Walter seiner Verlobten für deren Einsicht einen väterlich gemeinten Kuss geben will und von • Ruprecht (!), ehe er ihn ausführt, die Erlaubnis erbittet, willigt er begeistert ein ▪ ("einen tüchtigen. So. Das ist brav.", (12. Auftritt Variant, V 2378).

Seine Zustimmung zum Kuss • Walters bereitet nicht nur den Weg zum Happy End für Eve und ihn, sondern zeigt – je nachdem, wie die Rolle des Gerichtsrats interpretiert wird – die Leichtgläubigkeit • Ruprechts.

In einer geradezu euphorisiert wirkenden Art und Weise, die auch von • Eve unterstützt wird, will • Ruprecht nun im Vertrauen auf die Aussagen • Walters seinen Dienst in Utrecht antreten. Und auch • Walter setzt zum rührseligen Ende des Stückes noch eines oben drauf und sagt • Ruprecht zu, ihn seinem Bruder in dessen Kompanie der Landmiliz zu empfehlen. Zugleich kündigt er den beiden an, als Gast an ihrer Hochzeit zu erscheinen. (12. Auftritt Variant, V 2386ff.).

Vollends zum • Happy End für die Verlobten wird das Ganze jedoch erst, als auch ihre Vormünder, • Marthe Rull und • Veit Tümpel, mit der Hochzeit der beiden weiter einverstanden sind. Alles andere, was sie • Ruprecht im Verlauf des Prozesses vorgeworfen haben, ist mit einmal passé ist oder wird, wie im Falle • Marthe Rulls in versöhnlicher Manier als dummer Jungenstreich abgetan. (12. Auftritt Variant, V 2398).

Ruprecht ist, das zeigt sein ganzes Verhalten, keine Erkenntnisfigur des gesellschaftlichen Umbruchs, wie man es • Eve nachgesagt hat. Als Verlobter in einer Korrespondenzbeziehung überwiegt der Figurenkontrast, der zwischen den beiden Brautleuten besteht. Während jene, im Anschluss an Grathoff (1983), während des dramatischen Geschehens einen ▪ Erkenntnisprozess über die wahre Natur des Staates durchläuft, tritt jener auf der Stelle. Trotz seiner gelegentlichen Einwürfe, die ein gewisses Skepsis gegenüber dem Staat ausdrücken, steht er ihm und seinen Repräsentanten wie sein Vater • Veit Tümpel loyal gegenüber, auch wenn er sich, von • Eve und seinen aufgewühlten Emotionen angetrieben, dazu verleiten lässt, am Ende gegen den entlarvten • Adam handgreiflich zu werden. Klingt • Eves Aufforderung dazu irgendwie nach Rebellion, ist der dem Aufruf folgende • Ruprecht alles andere als ein Rebell. Dazu fehlt dem einfachen und ungebildeten Bauernsohn schlichtweg der Horizont, den seine Verlobte mit ihrem ansatzweise begründeten ▪ Urteil über die politischen Verhältnisse in den Niederlanden und ihrer Kolonialpolitik zumindest kurz aufblitzen lässt. (12. Auftritt Variant, V 1971, V 2061ff.) Dass seine Verlobte ihn betrogen, "Unzucht" mit seinem vermeintlichen Nebenbuhler Lebrecht begangen hat, steht für ihn fest, obwohl er er keine Beweise dafür hat. Dass er seiner "Lebrecht-Hypothese" lange unbeirrt folgt, als sich diese erledigt, der "Teufelsgeschichte" Frau Brigittes sofort aufsitzt, zeigt, dass er sich trotz der selbstgewählten Attitüde, sich nur an Fakten zu halten, seine Wahrheit, auch wenn er im Ganzen gesehen geradlinig und aufrichtig ist, zusammenreimt. Dass er auch keine folgerichtigen Schlüsse aus den Blessuren ▪ Adams an Kopf, Wangen und Bein ziehen kann, zeigt einmal mehr, wie seine Voreingenommenheit seine Wahrnehmungsperspektive und seine Suche nach der Wahrheit im Sinne des figurentypischen • erkenntnistheoretischen Perspektivismus" in diesem Stück prägt. Seine Verletzlichkeit, Eifersucht und sein männlicher Stolz sind die • "grünen Gläser", durch die seine Wahrheit subjektiv eingetrübt wird. Dass seine Verlobte ▪ Opfer sexualisierter Gewalt geworden ist, treibt ihn nur unter dem Blickwinkel ihres möglichen Ehrverlusts um. Die Tatsache, dass der "alte" • Adam seine Verlobte • Eve in der Kammer zu unzüchtigen sexuellen Handlungen gezwungen haben könnte, steht auch am Ende für ihn noch außerhalb dessen, was er sich vorstellen kann: Empathie Fehlanzeige. Zu sehr ist er den traditionalen patriarchalischen Rollenbildern verhaftet, die zu transzendieren, dramaturgisch ihm als Nebenfigur, die zu der Gruppe der Gruppe der ungebildeten Bauerntölpel in der Dorfwelt von Huisum gehört, vom Autor auch nicht zugedacht ist. Was dieser mit • Ruprecht als komischer Figur zeigt, ist, wie seine "Scheuklappen" seine Wahrnehmung und damit die Suche nach der Wahrheit bestimmen. Mehr als ein Tölpel mit Scheuklappen soll er nicht sein.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 04.06.2026

    
   Arbeitsanregungen:
  1. Beschreiben Sie Ruprechts soziale Stellung und seine Lebensverhältnisse im Dorf Huisum. – Inwiefern erfüllt der Familienname "Tümpel" eine satirische Funktion für die Charakterisierung Ruprechts?
  2. Erläutern Sie, weshalb Ruprechts Beziehung zu Eve nicht als romantische Liebesbeziehung verstanden werden darf.
  3. Analysieren Sie Ruprechts Verhalten während des Gerichtsprozesses und seine Wirkung auf die anderen Figuren.
  4. Untersuchen Sie, welche Dispositionen und Momente Ruprechts seine Wahrnehmung der Ereignisse beeinflusst. – Inwiefern und warum leidet er trotz seiner selbstgewählten Attitüde, sich nur an "Fakten" zu orientieren, faktisch an einer Form von Selbsttäuschung?
  5. Diskutieren Sie, weshalb die Metapher der "Scheuklappen" für Ruprechts Wahrnehmungsperspektive während des gesamten Gerichtsprozesses so zentral ist.
  6. Arbeiten Sir heraus, welche Rolle patriarchale Ehrvorstellungen für Ruprechts Denken und Handeln spielen. Setzen Sie dabei Ruprechts Verständnis von "Ehre" und "Unzucht"“ in Bezug zu den moralischen Vorstellungen der Frühen Neuzeit, wie sie im Text skizziert werden.
  7. Vergleichen Sie Ruprechts Verhalten mit dem Verhalten Eves im Verlauf des Prozesses. – Welche sozialen Konsequenzen befürchtet Ruprecht, wenn er seine Anschuldigungen gegen Eve nicht aufrechterhält?
  8. Beurteilen Sie, inwiefern Ruprecht als komische Figur dargestellt wird.
  9. Beurteilen Sie, ob Ruprechts Handeln am Ende des Stücks – insbesondere sein Einprügeln auf den Mantel – als Ausdruck einer gescheiterten Rebellion gegen die Obrigkeit gewertet werden kann. – Welche Kritik könnte Kleist durch die Figur Ruprechts an Gesellschaft und Obrigkeit ausdrücken wollen?

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