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Frau Brigitte

Aspekte zur Analyse und Interpretation

Heinrich von KleistDramatische TexteDer zerbrochne Krug –  Einzelne Figuren

 
FAChbereich Deutsch
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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"

In ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811)KomödieDer zerbrochne Krug ist • Frau Brigitte eine der vier • Nebenfiguren. Sie hat für den Verlauf der • analytischenDramenhandlung wichtige dramaturgische Funktion.

Was sie vor Gericht aussagt, ist der Anfang vom danach raschen Ende • Adams als Richter in Huisum. Sie gibt mit ihren Bebachtungen bei • Marthe Rulls Garten in der Vornacht, ihrem Finden einer Perücke im Weinspalier unter • Eves Kammer und einer Fußspur im Schnee von Marthens Garten zu  Adams Haus am Morgen der Handlung die entscheidenden Impulse, die zur vollständigen Entlarvung Adams und seiner Flucht aus der Gerichtsstube führen. (11.Auftritt, V 1900)

Was • Frau Brigitte über die Ereignisse der Vornacht in • Eves Garten zu berichten weiß, geht faktisch über das hinaus, was • Ruprecht, seinen Angaben zu folge, in der Nacht dort bei • Marthe Rulls Garten zu Gehör gekommen ist (7. Auftritt, V 899 - V 957). Sie hat dort noch einen kurzen Dialog mit • Eve geführt. Die verdächtigen Geräusche, die beide hören, sind allerdings fast die gleichen. Marthe Rull hingegen fügt mit ihrer Formulierung "kosend bald, bald zerrend, / Als wollt er sie zu etwas überreden" (9. Auftritt, V 1346) ihre eigene Interpretation hinzu.

Ruprechts Beobachtungen
(7. Auftritt, V 939 - V 957)

Marthe Rulls Wiedergabe der Beobachtungen Frau Brigittes
(9. Auftritt, V 1333 - V 1347)

Frau Brigittes Beobachtungen
(11. Auftritt, V 1668 - V 1680)

"Da ich Glock eilf das Pärchen hier begegne, [,,,]Und drücke sacht mich durch die Gartenpforte, /Und berg in einen Strauch von Taxus mich: /Und hör Euch ein Gefispre hier, ein Scherzen,
Ein Zerren hin, Herr Richter, Zerren her, / [,,,] Ein Viertelstündchen dauert's so, [,,,] / Husch! sind sie beid ins Haus schon, " [,,,]

"[,,,] Denn die [Frau Brigitte, d. Verf.], die hat Glock halb auf eilf im Garten, / Merkt wohl, bevor der Krug zertrümmert worden, / Wortwechselnd mit der Ev ihn schon getroffen; [,,,]   Ihn [Ruprecht, d. Verf.] mit der Ev, im Garten, Glock halb eilf, / Bevor er noch, wie er geschwätzt, um eilf Das Zimmer überrumpelnd eingesprengt: / Im Wortgewechsel, kosend bald, bald zerrend, / Als wollt er sie zu etwas überreden."

"[,,,] hör ich die Jungfer
Gedämpft, im Garten hinten jemand schelten:/
Wut scheint und Furcht die Stimme ihr zu rauben./
Pfui, schäm Er sich, Er Niederträchtiger, /
Was macht Er? Fort. Ich werd die Mutter rufen;
Als ob die Spanier im Lande wären./ Drauf: Eve! durch den Zaun hin: Eve! ruf ich./
Was hast du? Was auch gibt's? – Und still wird es:/
Nun? Wirst du antworten? – Was wollt Ihr, Muhme? – /
Was hast du vor, frag ich? – Was werd ich haben. – / Ist es der Ruprecht? – Ei so ja, der Ruprecht.  /
Geht Euren Weg doch nur. – So koch dir Tee /
Das liebt sich, denk ich, wie sich andre zanken."

Während Ruprecht aber angesichts der Tatsache, dass es in der Nacht "stockfinster" (7. Auftritt, V 923) gewesen sei, seinen Verdacht gegenüber dem Flickschuster Lebrecht (7. Auftritt, V 924, V 973), den er nicht wirklich gesehen hat, mit einer gewissen Zurückhaltung formuliert ("Ich kann das Abendmahl darauf nicht nehmen", (7. Auftritt, V 922), beruft sich • Frau Brigitte darauf, dass ihr • Eve selbst, von hinten im Garten, verborgen vor ihren Blicken, auf ihre Frage, was der Grund für ihr aufgeregtes Schimpfen, "als ob die Spanier im Lände wären" (11. Auftritt, V 1673), sei und ob • Ruprecht dort bei ihr sei, geantwortet habe, dass es dieser sei. So wähnt sie sich als Zeugin eines üblichen Liebesgezänkes.

Mit diesem Teil ihrer Zeugenaussage erhärtet • Frau Brigitte den von • Marthe Rull hochgehaltenen Verdacht gegen • Ruprecht und erfüllt damit, was sich die Mutter • Eves von ihrer Aussage erwartet hat.

Was danach von • Frau Brigitte kommt, geht allerdings in eine ganz andere Richtung. Was sie nämlich nach eigenen Worten erlebt, als sie auf dem Rückweg von einem Besuch bei ihrer im Kindbett erkrankten Tante draußen auf dem Vorwerk wieder an • Marthe Rulls Garten vorbeikommt, ist für sie eine gänzlich andere Geschichte.

Mit ihrem Aberglauben, dass der Teufel an ihr vorbeigehuscht sei und seine verräterischen Spuren im Schnee hinterlassen hat, bekommen ihre vorigen Aussagen zu ihren Beobachtungen eine ganz andere Bedeutung. In ihren Augen sind beide Beobachtungen wahr: Beim ersten Vorübergehen um halb elf war • Ruprecht für sie unzweifelhaft im Garten bei • Eve, auf dem Rückweg ein anderer, kahlköpfiger Kerl mit einem Pferdefuß, der hinter sich eine Dampfwolke "von Pech und Haar und Schwefel" hergezogen habe. (11. Auftritt, V 1685ff.). Dieser jedenfalls und nicht • Ruprecht, davon ist • Frau Brigitte überzeugt, müsse der "Krugzertrümmrer" (11. Auftritt, V 1711) sein. Dass diese Version überhaupt nicht im Sinne • Marthe Rulls ist, versteht sich.

Was es für • Eve bedeuten würde, wenn damit letzten Endes auch unterstellt wird, dass der Teufel selbst • Unzucht bzw. "Notzucht" mit • Eve getrieben hätte, lässt sich nur ahnen. Mit Sicherheit wären die Folgen für die junge Frau und ihre Mutter weitaus schlimmer gewesen als die ihr sonst drohenden Schandstrafen wegen • vorehelichen Sexualverkehrs.

Es ist nicht anzunehmen, dass • Frau Brigitte sich dessen in irgendeiner Art und Weise bewusst ist. Bei • Adam ist dies allerdings anders. Mit seinem Vorschlag, die Angelegenheit der geistlichen Synode in Den Haag zur Beurteilung vorzulegen (11. Auftritt, V 1750), will er zwar einmal mehr den weiteren Prozess vertagen, nimmt aber auch ohne jeden Skrupel in Kauf, welche Folgen ein solcher Schritt für • Eve nach sich ziehen würde.

Frau Brigitte ist der Prototyp einer abergläubischen, überaus neugierigen Frau, von der man den Eindruck gewinnt, dass sie über alles, was in Huisum passiert, als erste informiert sein will. Die • explizit-figurale Selbstcharakterisierung, die sie vornimmt, als sie ihre von einer Lüge kaschierte Neugierde, angetrieben von ihrem Aberglauben, in der Vornacht eine Begegnung mit dem Teufel gehabt zu haben, selbst beschreibet, spricht Bände über diese Frau, über deren  Lebenssituation, abgesehen von ihrer Verwandtschaft mit • Veit Tümpel und • Ruprecht, man im Text sonst nur wenig erfährt.

"Da ich nun mit Erstaunen heut vernehme,
Was bei Frau Marthe Rull geschehn, und ich
Den Krugzertrümmrer auszuspionieren,
Der mir zu Nacht begegnet am Spalier
Den Platz, wo er gesprungen, untersuche,"
(11. Auftritt, V 1709 - V 1713)

Auch • Frau Brigitte ist, nicht weniger wie • Marthe Rull, um ihre eigene Selbstdarstellung und Selbstinszenierung bemüht, und will sich wichtig machen. Wenn sie davon spricht, dass sie schon am frühen Morgen losgezogen ist, um den Teufel, der für sie der "Krugzertrümmrer" ist, "auszuspionieren", dann wirft sie damit nicht nur ein Licht auf ihre sensationshungrige Neugierde, sondern auch darauf, wie wichtig sie genommen werden will.

Dabei scheut sie sich nicht, im Dienst der eigenen Selbstinszenierung, offensichtlich zu lügen. So erklärt sie, dass sie erst am Morgen "mit Erstaunen" vernommen habe, "was bei Frau Marthe Rull geschehn" (11. Auftritt, V 1709) sei, und unterschlägt, wenn man der späteren Aussage • Eves trauen kann, dass sie in der Nacht zu der Gruppe der Dorfbewohner zählte, die sich als Gaffer und Schaulustige am "Tatort" eingefunden haben, nachdem • Ruprecht die Türe zu • Eves Kammer aufgebrochen hat.

Während • Ruprecht ihre Anwesenheit in seiner Schilderung der Ereignisse nicht erwähnt (7. Auftritt, V 1036ff.), nennt • Eve sie ausdrücklich beim Namen und zählt sie zu den von den Geräuschen herbeigezogenen Personen aus der Nachbarschaft, die nach ihrem Eintreffen in • Eves Kammer • Ruprecht übel geschmäht und beschimpft hätten und zugleich "großen Auges", d. h. wohl das Schlimmste annehmend, auf sie selbst gesehen hätten. (12. Auftritt Variant, V 2263ff.) Davon also, dass sie erst am Vormittag des Prozesses von den Ereignissen in Marthes Haus gehört habe, kann also nicht die Rede sein, zumal sie zudem • Marthe Rull offenbar schon in aller Ausführlichkeit berichtet hat, was sie nachts zuvor um halb elf in deren Garten beobachtet hat. (9. Auftritt, V 1333  - V 1345)

Frau Brigitte ist Teil der Dorfgemeinschaft und gehört, folgt man dem Bericht • Eves (12. Auftritt Variant, V 2263ff.) zu den Schaulustigen, die sofort zur Stelle sind, als sie von dem Tumult in • Eves Kammer hören. Sie ist aber auch diejenige, die bei ihrem Vorübergehen an Marthens Garten in der Vornacht nicht nur stehen bleibt, als sie verdächtige Geräusche vernimmt, sondern auch von • Eve Antwort darüber verlangt, was sie zu so später Stunde dort mit • Ruprecht treibt. ("Was hast du vor, frag ich?", 11. Auftritt, V 1677).

Mit den Nachbarn Ralf und Hinz, sowie den Muhmen "Sus’ und Lies’", die im Grunde als backstage charakters der Dorfgemeinschaft fungieren, gehört sie damit unter dem Blickwinkel soziokultureller Praktiken zum Kollektiv der Dorfgemeinschaft, das die Sexualität in Huisum gemeinsam überwacht. Eve Aufzählung dürfte dabei, abgesehen von ihrer Erwähnung • Frau Brigittes, wohl weniger eine namentliche Feststellung bestimmter Personen bedeuten, sondern in ähnlichem Sinne verwendet sein wie • Ruprechts Bemerkung "Und Knecht und Mägd und Hund und Katzen kamen," (7. Auftritt, V 1038). Beide Bemerkungen sollen die große Zahl der aufgeregten Nachbarsleute ausdrücken, die gemeinsam den moralischen Zeigefinger gegen das "in flagranti" ertappte Brautpaar erhoben haben. 

Das Kollektiv der zusammengelaufenen Dorfgemeinschaft zielt mit ihrem Eingreifen auf die Einhaltung der »Geschlechterrollen und die »soziokulturelle  »Geschlechterordnung dort, wo sonst internalisierten Regeln, mit denen die • MachtMichel Foucault 1926-1984) als depersonalisierte zirkulierende Kraft für die Einhaltung dieser Normen sorgt, nicht reibunglos funktioniert  Eine besondere Rolle spielen sie, vor allem in der ländlichen Welt, bei der sozial kontrollierten • Annäherung der Geschlechter.

Dass • Frau Brigitte am nächsten Morgen auf eigene Faust weitere Ermittlungen vornimmt, ist der Tatsache geschuldet, dass Verstöße gegen die herrschende Moral und die davon abgeleiteten Verhaltensnormen als Sünde und damit als Verstoß gegen die göttliche Ordnung angesehen wurden. Dies rechtfertigte die • soziale Kontrolle durch die Dorfgemeinschaft als Ganzes, aber auch durch einzelne ihrer Mitglieder. (vgl. Wunder 2023, S.105f.) Sexualität war eben "in der Frühen Neuzeit keine private Angelegenheit, sondern außerhalb der Ehe eine Sünde und innerhalb dieser eine Pflicht" (ebd.), deren sozialkonforme Ausübung durch kirchliche Normen, das weltliche Strafrecht, aber auch durch soziale Gruppen wie die der im ersten Augenblick nur als sensationshungrig erscheinenden "Gaffergruppe" von Huisum kontrolliert wurden.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 02.06.2026

 
 

 
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