In ▪ Heinrich von Kleists (1777-1811)
• Komödie
•
Der zerbrochne Krug ist •
Frau
Brigitte eine der vier •
Nebenfiguren. Sie hat für den Verlauf der •
analytischen •
Dramenhandlung wichtige
dramaturgische Funktion.
Was sie vor Gericht aussagt, ist der Anfang vom danach raschen Ende •
Adams als Richter in
Huisum. Sie gibt mit ihren Bebachtungen bei •
Marthe Rulls Garten in der
Vornacht, ihrem Finden einer Perücke im Weinspalier unter •
Eves Kammer und einer
Fußspur im Schnee von Marthens Garten zu
• Adams Haus am
Morgen der Handlung die entscheidenden Impulse, die zur
vollständigen Entlarvung
•
Adams und seiner Flucht
aus der Gerichtsstube führen.
(11.Auftritt,
V 1900)
Was •
Frau
Brigitte über die Ereignisse der Vornacht in •
Eves Garten zu berichten
weiß, geht faktisch über das hinaus, was •
Ruprecht, seinen Angaben
zu folge, in der Nacht dort bei •
Marthe Rulls Garten zu Gehör
gekommen ist (7. Auftritt,
V 899 -
V 957). Sie hat dort
noch einen kurzen Dialog mit •
Eve geführt. Die
verdächtigen Geräusche, die beide hören, sind allerdings fast die
gleichen. Marthe Rull hingegen
fügt mit ihrer Formulierung "kosend bald, bald zerrend,
/ Als wollt er sie zu etwas überreden" (9.
Auftritt, V 1346)
ihre eigene Interpretation hinzu.
|
Ruprechts Beobachtungen
(7. Auftritt,
V 939 -
V 957) |
Marthe Rulls Wiedergabe der Beobachtungen Frau Brigittes
(9. Auftritt,
V 1333 -
V 1347) |
Frau
Brigittes Beobachtungen
(11.
Auftritt, V 1668
- V 1680) |
|
"Da ich
Glock eilf das Pärchen hier begegne, [,,,]Und
drücke
sacht mich durch die Gartenpforte, /Und berg in einen Strauch von Taxus
mich: /Und hör Euch ein Gefispre hier,
ein Scherzen,
Ein Zerren hin, Herr Richter, Zerren her,
/ [,,,] Ein Viertelstündchen
dauert's so, [,,,] /
Husch! sind sie beid ins Haus schon, " [,,,]
|
"[,,,] Denn die [Frau Brigitte, d. Verf.], die hat Glock halb auf eilf im Garten,
/ Merkt wohl, bevor der Krug zertrümmert worden,
/ Wortwechselnd mit der Ev ihn schon getroffen;
[,,,] Ihn [Ruprecht, d.
Verf.] mit der Ev, im Garten, Glock halb eilf, / Bevor er noch, wie er geschwätzt, um eilf
Das Zimmer überrumpelnd eingesprengt: /
Im Wortgewechsel, kosend bald, bald zerrend,
/
Als wollt er sie zu etwas überreden." |
"[,,,] hör ich die Jungfer
Gedämpft, im Garten hinten jemand schelten:/
Wut scheint und Furcht die Stimme ihr zu rauben./
Pfui, schäm Er sich, Er Niederträchtiger, /
Was macht Er? Fort. Ich werd die Mutter rufen;
Als ob die Spanier
im Lande wären./
Drauf: Eve! durch den Zaun hin: Eve! ruf ich./
Was hast du? Was auch gibt's? – Und still wird es:/
Nun? Wirst du antworten? – Was
wollt Ihr, Muhme? – /
Was hast du vor, frag ich? – Was werd ich haben. –
/ Ist es der Ruprecht? –
Ei
so ja, der Ruprecht. /
Geht Euren Weg doch nur. – So koch dir Tee
/
Das
liebt sich, denk ich, wie sich andre zanken."
|
Während
•
Ruprecht aber angesichts
der Tatsache, dass es in der Nacht "stockfinster"
(7. Auftritt,
V 923) gewesen sei,
seinen Verdacht gegenüber dem Flickschuster Lebrecht (7.
Auftritt, V 924,
V 973), den er nicht
wirklich gesehen hat, mit einer gewissen Zurückhaltung formuliert
("Ich kann das Abendmahl darauf nicht nehmen", (7.
Auftritt, V 922),
beruft sich •
Frau
Brigitte darauf, dass ihr •
Eve selbst, von hinten im
Garten, verborgen vor ihren Blicken, auf ihre Frage, was der Grund
für ihr aufgeregtes Schimpfen, "als ob die Spanier im Lände
wären" (11. Auftritt,
V 1673), sei und ob •
Ruprecht dort bei ihr sei,
geantwortet habe, dass es dieser sei. So wähnt sie sich als Zeugin
eines üblichen Liebesgezänkes.
Mit diesem Teil ihrer Zeugenaussage erhärtet •
Frau
Brigitte den von •
Marthe Rull hochgehaltenen
Verdacht gegen •
Ruprecht und erfüllt
damit, was sich die Mutter •
Eves von ihrer Aussage erwartet hat.
Was danach von •
Frau
Brigitte kommt, geht allerdings in eine ganz andere
Richtung. Was sie nämlich nach eigenen Worten erlebt, als sie auf dem Rückweg von einem
Besuch bei ihrer im Kindbett erkrankten Tante draußen auf dem
Vorwerk wieder an •
Marthe Rulls Garten
vorbeikommt, ist für sie eine gänzlich andere Geschichte.
Mit ihrem
Aberglauben, dass der Teufel an ihr vorbeigehuscht sei
und seine
verräterischen Spuren im Schnee hinterlassen hat, bekommen ihre
vorigen Aussagen zu ihren Beobachtungen eine ganz andere Bedeutung.
In ihren Augen sind beide Beobachtungen wahr: Beim ersten
Vorübergehen um halb elf war •
Ruprecht für sie
unzweifelhaft im Garten bei •
Eve, auf dem Rückweg ein
anderer, kahlköpfiger Kerl mit einem Pferdefuß, der hinter sich eine
Dampfwolke "von Pech und Haar und Schwefel" hergezogen habe. (11. Auftritt,
V 1685ff.). Dieser
jedenfalls und nicht •
Ruprecht, davon ist •
Frau
Brigitte überzeugt, müsse der
"Krugzertrümmrer" (11. Auftritt,
V 1711) sein. Dass
diese Version überhaupt nicht im Sinne •
Marthe Rulls ist, versteht
sich.
Was es für •
Eve bedeuten würde, wenn
damit letzten Endes auch unterstellt wird, dass der Teufel selbst •
Unzucht bzw. "Notzucht" mit •
Eve getrieben hätte, lässt
sich nur ahnen. Mit Sicherheit wären die Folgen für die junge Frau
und ihre Mutter weitaus schlimmer gewesen als die ihr sonst
drohenden Schandstrafen wegen •
vorehelichen Sexualverkehrs.
Es ist nicht anzunehmen, dass •
Frau
Brigitte sich dessen in irgendeiner Art und Weise bewusst
ist. Bei •
Adam ist dies allerdings
anders. Mit seinem Vorschlag, die Angelegenheit der geistlichen
Synode in Den Haag zur Beurteilung vorzulegen (11. Auftritt,
V 1750), will er
zwar einmal mehr den weiteren Prozess vertagen, nimmt aber auch ohne
jeden Skrupel in Kauf, welche Folgen ein solcher Schritt für •
Eve nach sich ziehen
würde.
Frau
Brigitte ist der Prototyp einer abergläubischen,
überaus neugierigen Frau, von der man den Eindruck gewinnt, dass sie
über alles, was in Huisum passiert, als erste informiert sein will.
Die •
explizit-figurale Selbstcharakterisierung, die sie vornimmt, als
sie ihre von einer Lüge kaschierte Neugierde,
angetrieben von ihrem Aberglauben, in der Vornacht eine Begegnung
mit dem Teufel gehabt zu haben, selbst beschreibet, spricht Bände
über diese Frau, über deren Lebenssituation, abgesehen von
ihrer Verwandtschaft mit • Veit Tümpel
und •
Ruprecht, man im Text
sonst nur wenig erfährt.
"Da ich nun mit Erstaunen heut vernehme,
Was bei Frau Marthe Rull geschehn, und ich
Den Krugzertrümmrer
auszuspionieren,
Der mir zu Nacht begegnet am Spalier
Den Platz, wo er gesprungen, untersuche,"
(11.
Auftritt, V 1709
- V 1713)
Auch •
Frau
Brigitte ist, nicht weniger wie •
Marthe Rull, um ihre eigene
Selbstdarstellung und Selbstinszenierung bemüht, und will sich
wichtig machen. Wenn sie davon spricht, dass sie schon am frühen
Morgen losgezogen ist, um den Teufel, der für sie der
"Krugzertrümmrer" ist, "auszuspionieren",
dann wirft sie damit nicht nur ein Licht auf ihre sensationshungrige
Neugierde, sondern auch darauf, wie wichtig sie genommen werden
will.
Dabei scheut sie sich nicht, im Dienst der eigenen
Selbstinszenierung, offensichtlich zu lügen. So
erklärt sie, dass sie erst am Morgen "mit Erstaunen" vernommen habe,
"was bei Frau Marthe Rull geschehn" (11.
Auftritt, V 1709)
sei, und unterschlägt, wenn man der späteren Aussage •
Eves trauen kann, dass sie
in der Nacht zu der Gruppe der Dorfbewohner zählte, die sich als
Gaffer und Schaulustige am "Tatort" eingefunden haben, nachdem •
Ruprecht die Türe zu •
Eves Kammer aufgebrochen
hat.
Während •
Ruprecht ihre Anwesenheit
in seiner Schilderung der Ereignisse nicht erwähnt (7.
Auftritt, V 1036ff.),
nennt •
Eve sie ausdrücklich beim
Namen und zählt sie zu den von den Geräuschen herbeigezogenen
Personen aus der Nachbarschaft, die nach ihrem Eintreffen in •
Eves Kammer •
Ruprecht übel geschmäht
und beschimpft hätten und zugleich "großen Auges", d. h. wohl das
Schlimmste annehmend, auf sie selbst gesehen hätten. (12.
Auftritt Variant,
V 2263ff.)
Davon also, dass sie erst am Vormittag des Prozesses von den
Ereignissen in Marthes Haus gehört habe, kann also nicht die Rede
sein, zumal sie zudem •
Marthe Rull offenbar schon in
aller Ausführlichkeit berichtet hat, was sie nachts zuvor um halb
elf in deren Garten beobachtet hat. (9.
Auftritt, V 1333 -
V 1345)
Frau
Brigitte ist Teil der Dorfgemeinschaft und gehört, folgt man
dem Bericht •
Eves (12.
Auftritt Variant,
V 2263ff.)
zu den Schaulustigen, die sofort zur Stelle sind, als sie von dem
Tumult in •
Eves Kammer hören. Sie ist
aber auch diejenige, die bei ihrem Vorübergehen an Marthens Garten
in der Vornacht nicht nur stehen bleibt, als sie verdächtige
Geräusche vernimmt, sondern auch von •
Eve Antwort darüber
verlangt, was sie zu so später Stunde dort mit •
Ruprecht treibt. ("Was hast du vor, frag ich?",
11. Auftritt,
V 1677).
Mit den
Nachbarn Ralf und Hinz, sowie den Muhmen "Sus’ und Lies’",
die im Grunde als
backstage charakters der Dorfgemeinschaft fungieren, gehört
sie damit unter dem Blickwinkel soziokultureller Praktiken zum
Kollektiv der Dorfgemeinschaft, das die Sexualität in Huisum gemeinsam überwacht.
Eve Aufzählung dürfte
dabei, abgesehen von ihrer Erwähnung • Frau
Brigittes, wohl weniger eine namentliche Feststellung
bestimmter Personen bedeuten, sondern in ähnlichem
Sinne verwendet sein wie •
Ruprechts Bemerkung "Und Knecht
und Mägd und Hund und Katzen kamen," (7.
Auftritt, V 1038).
Beide Bemerkungen sollen die große Zahl der aufgeregten
Nachbarsleute ausdrücken, die gemeinsam den moralischen
Zeigefinger gegen das "in flagranti" ertappte Brautpaar erhoben
haben.
Das Kollektiv der zusammengelaufenen Dorfgemeinschaft zielt mit ihrem Eingreifen
auf die Einhaltung der »Geschlechterrollen und
die »soziokulturelle
»Geschlechterordnung
dort, wo sonst internalisierten Regeln, mit denen die •
Macht (»Michel
Foucault 1926-1984) •
als depersonalisierte zirkulierende
Kraft für die Einhaltung dieser Normen sorgt, nicht
reibunglos funktioniert Eine besondere Rolle spielen sie, vor
allem in der ländlichen Welt, bei der sozial kontrollierten
• Annäherung der Geschlechter.
Dass •
Frau
Brigitte am nächsten Morgen auf eigene Faust weitere
Ermittlungen vornimmt, ist der Tatsache geschuldet, dass Verstöße
gegen die herrschende Moral und die davon abgeleiteten
Verhaltensnormen als Sünde und damit als Verstoß gegen die göttliche
Ordnung angesehen wurden. Dies rechtfertigte die •
soziale Kontrolle durch die Dorfgemeinschaft als Ganzes, aber
auch durch einzelne ihrer Mitglieder. (vgl.
Wunder
2023, S.105f.) Sexualität war eben "in der Frühen Neuzeit keine
private Angelegenheit, sondern außerhalb der Ehe eine Sünde und
innerhalb dieser eine Pflicht" (ebd.),
deren sozialkonforme Ausübung durch kirchliche Normen, das weltliche
Strafrecht, aber auch durch soziale Gruppen wie die der im ersten
Augenblick nur als sensationshungrig erscheinenden "Gaffergruppe"
von Huisum kontrolliert wurden.