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Blankvers

Der Blankvers einzelner Figuren

Heinrich von Kleist (1777-1811)Der zerbrochne KrugSprachliche Form

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren ▪ Heinrich von Kleist (1777-1811) Überblick Biografie Erzählende Texte Dramatische Texte Überblick Der zerbrochne Krug Gesamttext (Rechercheversion) Didaktische und methodische Aspekte Überblick Historischer Hintergrund • Literaturgeschichtlicher Kontext Entstehungsgeschichte
Stoffgeschichte Komposition des DramasHandlungsverlauf Figurenkonstellation Einzelne Figuren  Sprachliche Form Überblick [ Blankvers Überblick Blankvers im 18. Jahrhundert und Kleists Innovation Blankvers und Figurencharakterisierung Blankvers einzelner Figuren ] Stilistische Besonderheiten Bausteine Fragen und Antworten (KI)   Weitere Aspekte der Analyse RezeptionsgeschichteInterpretationsansätze Bausteine Textauswahl Fragen und Antworten (KI) Links ins Internet  Sonstige Texte BausteineLinks ins Internet ...   Schreibformen Rhetorik Filmanalyse ● Operatoren im Fach Deutsch
 

 

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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"

Der • Blankvers in Heinrich von Kleists (1777-1811)Komödie • ›Der zerbrochne Krug‹ zeigt bei den • Figuren des Dramas Ähnlichkeiten und Unterschiede, die im Rahmen der • Charakterisierung der Figuren durchaus von Belang sind. Unter dem Blickwinkel der • Sprachfunktionen und der Polyfunktionalität der dramatischen Rede können ▪ Korrespondenzbezüge zwischen Sprache und Figur(en) an einzelnen Textstellen herausgearbeitet werden.

Individuelle ▪ Figurenperspektiven lassen sich mit der Versform allein und ihrer besonderen Gestaltung allerdings nur in bestimmten Fällen als ▪ implizit-figurale Technik zur • Figurencharakterisierung nutzen, wenn z. B. eine expressive • Sprachfunktion dominiert und zu Unregelmäßigkeiten beim Blankvers führt.

Adam

Über das ganze Stück hinweg gesehen ist es vor allem • Adam, der in seiner Rede immer wieder den Blankvers mit seiner regelhaften Abfolge von Hebungen und Senkungen bricht.

Dies passiert, wenn er bestimmte Hebungen auslässt oder auf andere Weise quasi über den Blankvers stolpert, wenn er sich mal wieder herausreden will oder er für einen Moment innerlich verwirrt scheint.

Seine "Fehler" beim Blankvers sind psychologisch bzw. situativ bedingt. Grundsätzlich ist er wie sein Schreiber • Licht und der Gerichtsrat • Walter nämlich durchaus in der Lage, den "hohen" Blankversstil zu sprechen, wie auch die • Verse 3-6 verdeutlichen.

Wenn er sich und die Situation unter Kontrolle zu haben wähnt, wie z. B. bei der Begrüßung des Gerichtsrates im • 4. Auftritt, bei der sich zwei amtliche "Würdenträger" (V 285-V 322) begegnen, beherrscht er auch mit einem einwandfreien Blankvers den dazu nötigen "Ton".

Walter

Der Gerichtsrat • Walter hält sich in seinen sprachlichen Äußerungen, wenn sie nicht im Hakenstil mit denen anderer Figuren verknüpft sind, stets an die • metrische Struktur des fünfhebigen Jambus im Blankvers.

Sein Sprechen steht dabei auch für die von ihm verkörperte staatliche Autorität, die ohne sich von Emotionen affizieren zu lassen, ihre rationalen Prinzipien von Gerechtigkeit verfolgt.

Marthe Rull

Das, was die in der Gerichtsverhandlung auftretenden Dorfbewohner sagen, ist, wie ja der gesamte Text, in Blankversform gehalten. Allerdings weist ihr Sprechen im Blankvers auch immer wieder auf ihre soziale Zugehörigkeit zur dörflichen Gesellschaft von Huisum hin, dem Dorf, wo sich Handlung abspielt.

Frau • Marthe Rull, die als Klageführerin vor dem Dorfrichter erscheint, ist, auch wenn ihre Emotionen immer wieder mit ihr durchgehen, darum bemüht, ihre Sprache in gewisser Weise förmlich zu gestalten.

Aus ihrem Munde klingt sie wie eine volkstümliche Klage- und Anklageform vor dem Dorfrichter. Der Rhythmus ihrer Verse dient mit seinen zahlreichen monoton wirkenden Wiederholungen meist dazu, das angeblich "krugzertrümmernde Gesindel" (6. Auftritt, V 414) anzuschwärzen oder den eigenen Schaden zu betonen. Damit soll die Angelegenheit um den zerbrochenen Krug zu einer großen Sache aufgebauscht werden. Ihre Sprache wirkt dabei besonders komisch, weil der "hohe" Blankvers im Kontrast zu dem "niedrigem" Inhalt, dem Krug als einfachem Haushaltsutensil, steht.

Um sich selbst wichtig zu machen, nutzt sie ihn auch zu allerlei pseudorationalem Geschwurbel, um den mit ihr vor dem Dorfrichter erscheinenden Bauern • Veit Tümpel das Wort im Munde herumzudrehen (6. Auftritt, V 416-V 438)

Was sie sagt, wirkt, im Blankvers formuliert, besonders geschwätzig, wichtigtuerisch und dient sowohl ihrer Selbststilisierung als auch der Durchsetzung ihrer Interessen vor Gericht, was sich auch in der von ihr sehr breit erzählten • Geschichte des Krugs (7. Auftritt, V 640-V 729) zeigt, mit der sie das Gericht quasi zur Bühne ihrer Erzählung macht.

Dass sie sich aber nicht immer vor Gericht im Griff hat, wird spätestens sichtbar, als sie nach dem Bekenntnis ihrer Tochter, sie habe ihr am Abend zuvor zu Unrecht gesagt, dass Ruprecht bei ihr in der Kammer gewesen sei, im jambischen Auf und Ab droht: "Hör, dir zerschlag ich alle Knochen." (9. Auftritt, V 1199)

Veit Tümpel

Ebenso deutlich wie bei • Marthe Rull stehen stilistische Besonderheiten bei der Blankversverwendung bei • Ruprecht und seinem Vater • Veit Tümpel im Dienst der Charakterisierung der (ungebildeten) Dorfbevölkerung.

Ihre Äußerungen sind überwiegend in Form des fünfhebigen Jambus gestaltet und gemessen an den vielfachen Brüchen des Versmaßes, die Adams dramatische Rede verzeichnet, selten so, dass sie aus der metrischen Struktur fallen. Ähnlich wie bei • Marthe Rull und bei • Adam steht vielmehr das, was sie, sobald sie emotional involviert sind, sagen, oft in deutlichem Kontrast zum hohen Form des Blankverses und erzielt damit eine komische Wirkung.

Veit Tümpel, der sich eingangs dem Redeschwall von Marthe Rull kaum erwehren kann, zeigt bei seinen Einlassungen gegenüber dem Gericht, dass er ihm und damit der Obrigkeit in stilistisch einwandfreien Blankversen die gebührende Achtung zu erweisen versteht. (9. Auftritt, V 1376-V 1393)

In seinen direkten Ansprachen an seinen Sohn ist er aber in der Wortwahl wenig zimperlich und zum Teil richtiggehend derb ("Hör, du verfluchter Schlingel, du, was machst du? / Dir brech ich alle Knochen noch.", 9. Auftritt, V 1352  - "Halt's Maul, sag ich." (11. Auftritt, V 1870)

Ruprecht

Als der von Marthe Rull Bezichtigte ist • Ruprecht von Anfang an in einer Position, die ihn zu unterschiedlichen Repliken auf die Anschuldigungen Marthes veranlassen.

 Nach den Vorfällen der vergangenen Nacht hat Ruprecht schon bei seinem ersten Auftritt vor Gericht die Entscheidung getroffen, mit der vermeintlich untreu gewordenen Tochter Marthes, • Eve, endgültig zu brechen. Den Streit seines Vaters, • Veit Tümpel mit • Marthe Rull beim Erscheinen vor Gericht (6. Auftritt, V 414-V 438) beendet er mit rhythmisch regelmäßigen Jamben, die hier eine abgeklärte Haltung zum Ausdruck bringen:

"Laß Er sie, Vater. Folg Er mir. Der Drache!
's ist der zerbrochne Krug nicht, der sie wurmt,

Die Hochzeit ist es, die ein Loch bekommen,
Und mit Gewalt hier denkt sie sie zu flicken.

Ich aber setze noch den Fuß eins drauf:
Verflucht bin ich, wenn ich die Metze nehme."

Es ist hier, wie so oft in Kleists Komödie, der Kontrast zwischen der hohen Form und dem Inhalt, der durch die Wortwahl betont wird (Drache, wurmt, ein Loch bekommen, die Hochzeit .. flicken, den Fuß eins drauf, verflucht bin ich, die Metze), die der Alltagssprache sehr nahe kommt, die von Vater und Sohn außerhalb des Gerichts gesprochen wird.

Diese und andere Verhaltensweisen passen kaum zu dem distanzierten Redegestus, den der Blankvers eigentlich den Sprecher aufnötigt. Dem hohen Ton des Blankverses steht z. B. seine Bereitschaft entgegen, nach der Entlarvung Adams, als dieser von • Licht die bei seinem nächtlichen Besuch bei • Eve verloren gegangene Perücke auf den Kopf gesetzt bekommt (11. Auftritt, V 1860), von • Eve angestachelt ("Auf, Ruprecht!", 11. Auftritt, V 1892), wütend handgreiflich gegen zu werden,

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 23.12.2025

    
   Arbeitsanregungen
  1. Welche Wirkung hat die Verwendung des Blankverses in Kleists Der zerbrochne Krug auf den Zuschauer bei der szenischen Aufführung?
  2. Warum baut Kleist rhythmische Unregelmäßigkeiten in die Blankverse ein, und wie beeinflusst das die Wirkung des Dialogs?
  3. Inwiefern dient der Blankvers trotz seiner Künstlichkeit auch der Figurencharakterisierung?
  4. Wie unterscheidet sich die Blankversgestaltung von Adam im Vergleich zu Walter?
  5. Warum wirkt Marthes Redeweise im Blankvers komisch, und welche Funktion übernimmt sie im Gerichtsprozess?
  6. Welche Unterschiede zeigen sich in der Redeweise der Dorfbevölkerung (z. B. Ruprecht und Veit Tümpel) im Vergleich zur Obrigkeit?
 
 
 

 
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