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teachSam YouTube-Playlist: Heinrich von Kleist "Der
zerbrochne Krug"
Der •
Blankvers
in
Heinrich von Kleists (1777-1811) • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ zeigt bei den • Figuren des
Dramas Ähnlichkeiten und Unterschiede, die im Rahmen der •
Charakterisierung
der Figuren durchaus von Belang sind. Unter dem Blickwinkel
der •
Sprachfunktionen und der
•
Polyfunktionalität der dramatischen Rede
können ▪
Korrespondenzbezüge zwischen Sprache und Figur(en)
•
an einzelnen Textstellen herausgearbeitet werden.
Individuelle ▪
Figurenperspektiven
lassen sich mit der Versform allein und ihrer besonderen
Gestaltung allerdings nur in bestimmten Fällen als ▪
implizit-figurale Technik
zur •
Figurencharakterisierung
nutzen, wenn z. B. eine expressive •
Sprachfunktion dominiert und zu Unregelmäßigkeiten beim
Blankvers führt.
Über das ganze Stück hinweg gesehen ist es vor allem •
Adam, der in seiner Rede immer
wieder den Blankvers mit seiner regelhaften Abfolge von Hebungen
und Senkungen bricht.
Dies passiert, wenn er bestimmte Hebungen
auslässt oder auf andere Weise quasi über den Blankvers
stolpert, wenn er sich mal wieder herausreden will oder er für
einen Moment innerlich verwirrt scheint.
Seine "Fehler" beim Blankvers sind psychologisch bzw. situativ
bedingt. Grundsätzlich ist er wie sein Schreiber • Licht
und der Gerichtsrat •
Walter nämlich durchaus in der
Lage, den "hohen" Blankversstil zu sprechen, wie auch die
• Verse
3-6 verdeutlichen.
Wenn er sich
und die Situation unter Kontrolle zu haben wähnt, wie z. B. bei
der Begrüßung des Gerichtsrates im •
4. Auftritt, bei der
sich zwei amtliche "Würdenträger" (V
285-V
322) begegnen, beherrscht er auch mit einem einwandfreien
Blankvers den dazu nötigen "Ton".
Der Gerichtsrat •
Walter hält sich in seinen
sprachlichen Äußerungen, wenn sie nicht im
Hakenstil
mit denen anderer Figuren verknüpft sind, stets an die •
metrische Struktur des
fünfhebigen
Jambus im Blankvers.
Sein Sprechen steht dabei auch für die
von ihm verkörperte staatliche Autorität, die ohne sich von
Emotionen affizieren zu lassen, ihre rationalen Prinzipien von
Gerechtigkeit verfolgt.
Das, was die in der Gerichtsverhandlung auftretenden
Dorfbewohner sagen, ist, wie ja der gesamte Text, in
Blankversform gehalten. Allerdings weist ihr Sprechen im
Blankvers auch immer wieder auf ihre soziale Zugehörigkeit zur
dörflichen Gesellschaft von Huisum hin, dem Dorf, wo sich
Handlung abspielt.
Frau •
Marthe Rull, die als
Klageführerin vor dem Dorfrichter erscheint, ist, auch wenn ihre
Emotionen immer wieder mit ihr durchgehen, darum bemüht, ihre
Sprache in gewisser Weise förmlich zu gestalten.
Aus ihrem Munde
klingt sie wie eine volkstümliche Klage- und Anklageform vor dem
Dorfrichter. Der Rhythmus ihrer Verse dient mit seinen
zahlreichen monoton wirkenden Wiederholungen meist dazu, das
angeblich "krugzertrümmernde
Gesindel" (6.
Auftritt, V 414) anzuschwärzen oder den eigenen Schaden zu
betonen. Damit soll die Angelegenheit um den zerbrochenen Krug zu
einer großen Sache aufgebauscht werden. Ihre Sprache wirkt dabei
besonders komisch, weil der "hohe" Blankvers im Kontrast zu dem
"niedrigem" Inhalt, dem Krug als einfachem Haushaltsutensil,
steht.
Um sich selbst wichtig zu machen, nutzt sie ihn auch zu allerlei
pseudorationalem Geschwurbel, um den mit ihr vor dem Dorfrichter
erscheinenden Bauern •
Veit Tümpel das Wort im
Munde herumzudrehen (6.
Auftritt,
V 416-V
438)
Was sie sagt, wirkt, im Blankvers formuliert, besonders
geschwätzig, wichtigtuerisch und dient sowohl ihrer
Selbststilisierung als auch der Durchsetzung ihrer Interessen
vor Gericht, was sich auch in der von ihr sehr breit erzählten •
Geschichte des Krugs (7.
Auftritt,
V 640-V
729) zeigt, mit der sie das Gericht quasi zur Bühne ihrer
Erzählung macht.
Dass sie sich aber nicht immer vor Gericht im
Griff hat, wird spätestens sichtbar, als sie nach dem Bekenntnis
ihrer Tochter, sie habe ihr am Abend zuvor zu Unrecht gesagt,
dass Ruprecht bei ihr in der Kammer gewesen sei, im jambischen
Auf und Ab droht: "Hör,
dir zerschlag ich alle Knochen." (9.
Auftritt,
V 1199)
Ebenso deutlich wie bei •
Marthe Rull stehen
stilistische Besonderheiten bei der Blankversverwendung bei •
Ruprecht und seinem Vater •
Veit Tümpel im Dienst der
Charakterisierung der (ungebildeten) Dorfbevölkerung.
Ihre
Äußerungen sind überwiegend in Form des fünfhebigen Jambus
gestaltet und gemessen an den vielfachen Brüchen des Versmaßes,
die Adams dramatische Rede verzeichnet, selten so, dass sie aus
der metrischen Struktur fallen. Ähnlich wie bei •
Marthe Rull und bei •
Adam steht vielmehr das, was
sie, sobald sie emotional involviert sind, sagen, oft in
deutlichem Kontrast zum hohen Form des Blankverses und erzielt
damit eine komische Wirkung.
•
Veit Tümpel, der sich
eingangs dem Redeschwall von Marthe Rull kaum erwehren kann,
zeigt
bei seinen Einlassungen gegenüber dem Gericht, dass er ihm
und damit der Obrigkeit in stilistisch einwandfreien Blankversen
die gebührende Achtung zu erweisen versteht. (9.
Auftritt,
V 1376-V
1393)
In seinen direkten Ansprachen an seinen Sohn ist er
aber in der Wortwahl wenig zimperlich und zum Teil richtiggehend
derb ("Hör,
du verfluchter Schlingel, du, was machst du? / Dir brech ich
alle Knochen noch.", 9.
Auftritt,
V 1352 - "Halt's
Maul, sag ich." (11.
Auftritt,
V 1870)
Als der von Marthe Rull Bezichtigte ist •
Ruprecht von Anfang an in
einer Position, die ihn zu unterschiedlichen Repliken auf die
Anschuldigungen Marthes veranlassen.
Nach den Vorfällen der
vergangenen Nacht hat Ruprecht schon bei seinem ersten Auftritt
vor Gericht die Entscheidung getroffen, mit der vermeintlich
untreu gewordenen Tochter Marthes, •
Eve, endgültig zu brechen.
Den Streit seines Vaters, •
Veit Tümpel mit •
Marthe Rull beim Erscheinen
vor Gericht (6. Auftritt,
V 414-V
438) beendet er mit rhythmisch regelmäßigen Jamben, die hier
eine abgeklärte Haltung zum Ausdruck bringen:
"Laß Er sie, Vater. Folg Er mir.
Der Drache!
's ist der zerbrochne Krug nicht, der sie wurmt,
Die Hochzeit ist es, die ein Loch bekommen,
Und mit Gewalt hier denkt sie sie zu flicken.
Ich aber setze noch den Fuß eins drauf:
Verflucht bin ich, wenn ich die
Metze nehme."
Es ist hier, wie so oft in Kleists Komödie, der Kontrast
zwischen der hohen Form und dem Inhalt, der durch die Wortwahl
betont wird (Drache, wurmt, ein Loch bekommen, die Hochzeit ..
flicken, den Fuß eins drauf, verflucht bin ich, die Metze), die
der Alltagssprache sehr nahe kommt, die von Vater und Sohn
außerhalb des Gerichts gesprochen wird.
Diese und andere
Verhaltensweisen passen kaum zu dem distanzierten Redegestus,
den der Blankvers eigentlich den Sprecher aufnötigt. Dem hohen
Ton des Blankverses steht z. B. seine Bereitschaft entgegen, nach der Entlarvung
Adams, als dieser von • Licht
die bei seinem nächtlichen Besuch bei •
Eve verloren gegangene
Perücke auf den Kopf gesetzt bekommt (11.
Auftritt,
V 1860), von •
Eve angestachelt ("Auf,
Ruprecht!", 11.
Auftritt,
V 1892),
wütend handgreiflich gegen zu werden,
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
23.12.2025
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