Die • Komödie • ›Der zerbrochne
Krug‹ von •
Heinrich von Kleist (1777-1811) erlebte über die
Jahrhunderte hinweg eine wechselvolle Rezeptionsgeschichte, wobei
man in diesem Zusammenhang zwischen der Aufführungsgeschichte des
Dramas und der Rezeptionsgeschichte unterscheiden sollte.
Im Falle
des Zerbrochnen Krugs geht es dabei nicht nur um die
unterschiedlichen Bedingungen der Rezeption bei Aufführung und
Lektüre, sondern auch darum, dass Kleist selbst zwei Fassungen
seines Stückes geschrieben und editiert hat: Die längere Version
(Langfassung) seiner Handschrift stammt aus der Zeit zwischen 1802
und 1807 und die kürzere, Erfahrungen der bis dahin stattfindenden
Aufführungsgeschichte verarbeitend, Buchfassung aus dem Jahr 1811.
Die Aufführungsgeschichte des Stückes begann mit einem Fiasko. Am
2.3.1808 brachte kein geringerer als »Johann
Wolfgang von Goethe (1749-1832) den Einakter wahrscheinlich in der so genannten
Langfassung Kleists mit dem später von diesem
"Variant" genannten 12. Auftritt • am
weithin bekannten Weimarer Hoftheater auf die Bühne.
Die
Uraufführung an einem derart renommierten Theater war für Kleist
eigentlich die große Chance, sich und sein Werk auch einem über die
Weimarer Hofgesellschaft hinaus bei einem größeren Publikum positiv
ins Gespräch zu bringen. Doch die Uraufführung endete in einer
herben Enttäuschung, weil das Stück in der Inszenierung Goethes in
Weimar beim Theaterpublikum aus verschiedenen Gründen sang und
klanglos durchfiel.
Der "Theaterflop" war sogar so groß, dass der
Zerbrochne Krug auf dieser Bühne kein zweites Mal aufgeführt
werden konnte, ein Schicksal, das sonst nicht einmal drittklassigen
Rührstücken
widerfuhr, die, wie heutzutage mediale Formate im Stile von »Seifenopern
(Daily Soaps) oder »Telenovelas,
fast täglich, oft auch in Wiederholungen vor dem gleichen Publikum,
konsumiert wurden. So schien das Schicksal des handlungsarmen
Stückes fast schon besiegelt. Zu Lebzeiten des Kleists, der 1811
aufgrund eigener Entscheidung in den Tod ging, kam es jedenfalls
nirgendwo mehr auf die Bühne.
In jedem Fall dauerte es einige Zeit, bis es wieder in einem Theater
inszeniert wurde. 1820 wurde es in Hamburg in einer •
Bearbeitung durch den dortigen
Theaterdirektor und Schauspieler Friedrich Schmidt (1772-1848).
der auch den Dorfrichter • Adam
spielte, mit großem Erfolg, auf die Bühne gebracht. Dabei hatte er
das Stück aber beträchtlich gekürzt und damit auf seine Weise
bühnengerecht gemacht.
Lange Zeit wurde
das Stück danach "sehr einsinnig als Lustspiel, oft sogar als
praller Bauernschwank
inszeniert" (Blamberger
2011 , S.255, Kindle Edition)
Wie
dies ausgesehen hat, könne man in der »UFA-Verfilmung
von 1937 des Stückes mit »Emil
Jannings (1864-1950) in der Hauptrolle sehen. Hier falle
Jannings als Adam "anfangs so eklig aus dem Bett fällt, dass jeder
sofort weiß, wo ihm die Seele sitzt: unterhalb des Gürtels, im
Geschlechts- und Verdauungstrakt." Der Adam, den Jannings
darstelle, sei "lüstern, brutal, verlogen, dumpf und bauernschlau."
Unter Verweis auf Jannings’ spätere Liaison mit den Nazis (er wurde
1940 Leiter der UFA) sieht Blamberger darin letztlich "eine
unfreiwillige Darstellung des miefigen, alltäglichen Faschismus" (ebd.,
S.255f. Kindle Edition). Und auch Falk »Schwarz
(2015) betont auf »filmportal.de,
dass Jannings mit seinem Spiel bewusst oder unbewusst "der
Lügenmoral der Nazis geradezu in die Hände" gespielt habe.
Kein Wunder also,
dass selbst »Adolf
Hitler (1889-1945) und sein Propagandaminister »Joseph
Goebbels (1897-1945) 1937 den Schauspieler bewunderten und
Jannings neben »Hans
Albers (1891-1960), »Zarah
Leander (1907-1981) und »Heinz
Rühmann (1902-1994) zu einem der bestbezahlten Schauspieler
unter der •
nationalsozialistischen Diktatur (1933-1945) wurde. (vgl.
Strecker 2025) Auch wenn Hitler selbst offenbar den
propagandistischen Wert des Filmes gesehen und angeordnet hatte, den
Film verstärkt in den Filmtheatern zu zeigen und 35 neue Kopien
dafür angefertigt wurden (Wendlandt
1988, S.92, zit. n. »Wikipedia),
wurde der als Literaturverfilmung ohne politische und/oder
antisemitische Film nach der Kapitulation Deutschlands im Zweiten
Weltkrieg von den Alliierten weder wie manch andere Jannings-Filme
verboten noch auf Liste der so genannten "Vorbehaltsfilme" gesetzt,
die nur eingeschränkt gezeigt werden durften. 1953 wurde er von der
FSK ab 12 Jahren freigegeben und konnte wieder öffentlich gezeigt
werden.
Nach dem 2.
Weltkrieg dominierte noch bis zu den 1970er Jahren eine •traditionelle,
textnah ausgerichtete Aufführungspraxis, in deren Mittelpunkt
die Figur des Dorfrichters •
Adam stand, der meist als
grotesk überzeichnete Teufelsfigur erschienen und mit seinen
körperlichen Gebrechen und sprachlichen Ausflüchte vor allem
komische Wirkung erzeugen sollte. Oft wurde es als "sehr einsinnig
als Lustspiel, oft sogar als
praller Bauernschwank" (Blamberger
2011, S.255, Kindle Edition) inszeniert. Sexualität, geschweige
denn sexualisierte Gewalt wurde nicht thematisiert. Zwar ließ man im
Interesse der komischen Wirkung sexuelle Anspielungen nicht aus und
ließ dem Publikum offenbar seine Freude an Zotigem und Zweideutigem
sein, ansonsten aber blieb das Thema Sexualität, zumindest
vordergründig betrachtet, meist irgendwie harmlos. Im Kern aber
wurde damit die in dem Stück dargestellte sexualisierte Gewalt in
der Regel verharmlost, wenn nicht sogar gänzlich ausgeblendet.
In den Jahrzehnten
seit Beginn der 1970er-Jahre hat sich die den traditionellen
Inszenierungen vor 1970 meist zugrunde liegende Lesart des Dramas
grundlegend verändert. Indem das Stück zunehmend •
unter feministischer Perspektive gelesen wurde, schafften es
auch feministisch orientierte Inszenierungen auf verschiedene Bühnen
freier Theater oder progressiven Stadttheatern, die politisch einen
emanzipatorischen Anspruch erhoben. Sie verschoben den Fokus
deutlich von der Komik hin zur Analyse von Machtverhältnissen und
sexualisierter Gewalt. Insgesamt zeigen feministische
Inszenierungen, die in der Regel mit dem Regiekonzept des so
genannten Regietheaters verbunden sind, dass ›Der zerbrochne
Krug‹ nicht allein als zeitlose Komödie, sondern auch als
vielschichtiger Text über sexuelle Gewalt, institutionelle Macht und
die prekäre Stellung weiblicher Figuren gelesen werden kann.